Snyder Cut Bots

Ray Fisher, Ezra Miller, Ben Affleck, Henry Cavill, Gal Gadot und Jason Momoa in Zack Snyder’s Justice League © 2021 HBO Max/Warner Bros. Pictures

Quelle: Rolling Stone

Es war wohl der größte Triumph in der Geschichte von Online-Kampagnen und -Petitionen von Filmfans. Im März 2021, dreieinhalb Jahre nachdem die Veröffentlichung von Justice League in den Kinos mit einem kommerziellen Fiasko für Warner Bros. endete, wurde über HBO Max der sagenumwobene und fundamental andersartige Snyder Cut veröffentlicht, die vierstündige ursprüngliche Vision des Regisseurs Zack Snyder, dem sein Film in der Post-Production entrissen und von Joss Whedon mit mehr Humor nachgedreht wurde. Kritiker und Fans waren sich einig, dass Zack Snyder’s Justice League trotz einiger Längen und überschwänglichen Pathos die deutlich bessere Version des Films ist. Vor allem wurde die kostspielige Fertigstellung des Films, für die Snyder sogar einige neue Szenen mit Originaldarstellern drehen durfte, als präzedenzloser Triumph der Fans gegenüber dem Studio gefeiert, die ihren Wunsch mit unermüdlichem Einsatz über soziale Medien bekommen haben.

Doch ein exklusiver Bericht von Rolling Stone wirft jetzt ein neues und nicht sonderlich schmeichelhaftes Licht auf die Bewegung der Snyder-Jünger, die mit der Zeit immer toxischere Ausmaße annahm und auch Menschen ins Visier nahm, die wenig bis gar nichts mit Snyders Film zu tun hatten. Vor allem der Eindruck einer völlig organischen Fanbewegung und des bescheidenen, dankbaren Regisseurs wird ins andere Licht gerückt.

Laut zwei separaten von WarnerMedia durchgeführten Untersuchungen machten Bots und Fake Accounts mindestens 13% der #ReleasetheSnyderCut-Kampagne aus. Dass Bots und Fakes bei aufsehenerregenden Themen in sozialen Medien zum Einsatz kommen, ist nicht unüblich, doch der ermittelte Prozentsatz liegt weit über dem Durchschnitt von 3-5% in solchen Fällen. Natürlich waren gehörten die meisten Stimmen der Snyder-Fans echten Menschen aus Fleisch und Blut, doch massive Bot-Beteiligung hat die Kampagne stark befeuet. Weitere von Rolling Stone angeheuerte Cyber-Sicherheitsfirmen konnten die Vermutung der deutlichen Bot-Beteiligung bestätigen.

Snyder selbst soll die Flammen aus dem Hintergrund mehr befeuert haben, als er gerne zugibt. Rolling Stone führte Gespräche mit mehr als 20 Personen, die an der Kinofassung von Justice League und am Snyder Cut garbeitet haben, und die meisten von ihnen sollen gegenüber dem Magazin ausgesagt haben, dass Snyder ihrer Meinung nach die Fan-Kampagne zu seinen Gunsten manipuliert habe. Snyder selbst entgegnete darauf, dass wenn hier jemand die Fäden gezogen haben soll, dann Warner in dem Versuch, mit seiner Fangemeinde die Abonnentenzahlen des eigenen Streaming-Dienstes zu pushen.

Wäre es nur bei den Forderungnen nach dem Snyder Cut geblieben, wäre das vermutlich immer noch keine große Sache, doch die Angriffe der Fans auf alle, in denen sie eine Bedrohung für ihr Idol oder seinen Film sahen, wurden immer heftiger. So wurde beispielswese Anfang 2021 ein gephotoshopptes Foto, das abgehackte Köpfe des Justice-League-Produzent Geoff Johns, Warner Bros. Pictures-Vorsitzenden Toby Emmerich und DC-Films-Chefs Walter Hamada zeigte. Außerdem war die damalige Warner-CEO Ann Sarnoff massiven Troll-Angriffen der Snyder-Anhänger ausgesetzt, die ihre Entlassung forderten. Das Cyber-Mobbing wurde so schlimm, dass Warner externe Cyber-Sicherheitsfirmen eingeschaltet hat, um die Vorfälle zu untersuchen.

Ihr erinnert Euch vielleicht auch an das Eklat zwischen Cyborg-Darsteller Ray Fisher, Joss Whedon und anderen Warner-Verantwortlichen? Fishers Vorwürfe gegen Whedon wurden nach und nach von seinen Co-Stars bestätigt, doch er holte auch weiter gegen Johns, Hamada und Warner-Produzenten Jon Berg aus. Laut Rolling Stone koordinierte Fisher seiner Vorwürfe gemeinsam mit Snyder, der seinerzeit den völlig unbekannten Schauspieler in einer Schlüsselrolle seines Films besetzt hat, damit Snyder den Druck auf Warner erhöhen konnte. Snyder wollte, dass Jon Bergs und Geoff Johns Namen von seinem Cut von Justice League entfernt werden und als sie zögerten, soll er im Juni 2020 laut mehreren Quellen die folgende Drohung ausgesprochen haben: (aus dem Englischen)

Geoff und Jon trödeln damit, ihre Namen von meiner Fassung zu entfernen. Dafür werde ich sie jetzt in sozialen Medien vernichten.

Laut Rolling Stone hätte Fisher auf Nachfrage hin einen Kommentar zum Bericht verweigert. Fisher reagierte schnell und wies diese Behauptung zurück, mit der Begründung, er oder sein Team hätten einen Kommentar nie verweigert, woraufhin ein Rolling-Stone-Reporter einen Screenshot mehrerer E-Mails mit Bitten um Kommentar an Fishers Team veröffentlichte. Auch das ließ Fisher nicht auf sich sitzen und antwortete mit einem weiteren Screenshot, der beweisen soll, dass Rolling Stone die Deadline für seinen Kommentar kurzfristig vorgezogen haben soll. Na ja, da kann sich nun jeder ein eigenes Urteil darüber bilden:

Auch völlig unbeteiligte Dritte fielen dem Zorn der Snyder-Fans zum Opfer, darunter Adam Wingards Godzilla vs. Kong, der 13 Tage nach Zack Snyder’s Justice League bei HBO Max veröffentlicht wurde und drohte, ihm die Show zu stehlen. Snyder-Fans bombardierten den Film mit negativen Kritiken auf RottenTomatoes und IMDb, sodass Wingard sich privat an Snyder gewandt und ihn gebeten darum haben soll, er solle seine Fans doch bitten, das destruktive Verhalten einzustellen. Snyder habe sich geweigert. Einige Monate später wurde auch James Gunns The Suicide Squad, ein Film, der deutlich besser ist als alles, was Snyder fürs DCEU geleistet hat, ebenfalls von den Snyder-Jüngern mit negativen Fake-Kritiken angegriffen, auch wenn Gunn es eher gelassen nahm.

Für viele weitere Details darüber, wie Snyder die Fäden aus dem Verborgenen gezogen haben soll und wie er kurzerhand die Festplatten mit seiner Schnittfassung mitgenommen hat, obwohl sie Eigentum des Studios waren, könnt Ihr im oben verlinkten und höchst interessanten Artikel nachlesen.

Und die Moral von der Geschichte? Hier hat sich wohl niemand mit Ruhm bekleckert, weder Warner, noch Whedon aber auch nicht Snyder. Es gab keine gute oder böse Seite, bloß mehrere ausschließlich auf Eigennutz bedachte Parteien, die ihren Willen mit allen Mitteln durchsetzen wollten. Warner mag Snyders Wünsche gewährt haben und HBO Max hat von der Veröffentlichung der Fassung sicherlich auch profitiert, doch die Geschäftsbeziehung zwischen dem Regisseur und dem Studio bleibt endgültig tot. Vielleicht hätte David Ayer auch mehr Bots einsetzen sollen, um seinen Cut von Suicide Squad unter die Leute zu bringen. Noch interessanter als jegliche Version dieses Films wird eines Tages eine Doku, ein Spielfilm oder eine Miniserie über seine Produktion werden. Darauf freue ich mich schon.

Wer noch nicht in den Genuss des Snyder Cuts gekommen ist, kann ihn in Deutschland aktuell bei Netflix sehen.