Oscarnominierungen 2019: Die größten Gewinner, Verlierer und Überraschungen

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN

Verlierer

A Star Is Born – Es erscheint auf den ersten Block etwas seltsam, einen Film, der gleich acht Nominierungen erhalten hat, als Verlierer zu bezeichnen. Doch es sind genau die zwei wichtigen Kategorien, in denen er eine Nominierung verpasste, obwohl diese für sehr wahrscheinlich gehandelt wurden, die ihn zu einem solchen machen. A Star Is Born erhielt das absolute Minimum an erwarteten Nominierungen, doch sowohl Bradley Coopers Regie als auch der Filmschnitt wurden nicht nominiert, obwohl beide im Vorfeld von den jeweiligen Industrieverbänden nominiert worden sind. Ohne die Regie und Schnitt-Nominierungen hat der Film so gut wie keine Chance mehr aus den "Bester Film"-Oscar, der vor einigen Wochen noch zum Greifen nah zu sein schien. Gerade die mangelnde Anerkennung für Coopers Regie, die dieses dritte Remake der bekannten Geschichte mit Leben füllte, ist sehr überraschend.

Aufbruch zum Mond – Nach den großen Erfolgen mit Whiplash und La La Land (zusammengerechnet neun gewonnen Oscars und 19 Nominierungen) sah es ganz danach aus, als könnte Regie-Wunderkind Damien Chazelle auch mit seinem Film über die Mondlandung bei der Academy punkten. Doch bereits schwache Einspielergebnisse an den Kinokassen im Herbst zeigten, dass sich das Interesse an dem Film in Grenzen hält. Nachdem sowohl das American Film Institute als auch die Produzentengewerkschaft den Film von ihren Listen weggelassen haben, war die Hoffnung auf eine "Bester Film"-Nominierung tot. Doch Aufbruch zum Mond hat letztlich noch schlechter abgeschnitten als erwartet. Nicht einmal eine Nebendarstellerin-Nominierung für Claire Foy gab es. Am schockierendsten war jedoch die Auslassung des Filmkomponisten Justin Hurwitz, der für seine grandiose Musik bereits den Golden Globe und den Critics' Choice Award gewonnen hat. Ausgerechnet an seinem Geburtstag gestern wurde ihm die Oscarnominierung verwehrt. Immerhin hat er für La La Land zwei Oscars eingeheimst.

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Emily Blunt – Sechs Golden-Globe-Nominierungen, drei BAFTA-Nominierungen, drei Nominierungen der Schauspielergewerkschaft SAG und weiterhin keine einzige Oscarnominierung – Das ist leider die bisherige Bilanz der Engländerin, die dieses Jahr ihre bislang besten Chancen auf eine Oscarnominierung hatte. Mit gleich zwei tollen Performancen, in Mary Poppins' Rückkehr und A Quiet Place, war sie im Rennen. Beide wurden von der Screen Actors Guild nominiert, doch bei den Oscars stahlen sich beide vermutlich gegenseitig die Stimmen, sodass Blunt weiterhin nominierungslos bleibt.

Won’t You Be My Neighbor? – Die Doku überamerikanische Fernsehlegende Fred Rogers war auf bestem Wege, den Dokumentar-Oscar abzuräumen – bis der Film erst gar nicht nominiert wurde. Dabei gewann er im Vorfeld zahlreiche Preise in der Kategorie, zuletzt von der Produzentengewerkschaft, wurde durchweg sehr positiv rezensiert, und war auch der erfolgreichste Dokumentarfilm an den Kinokassen seit Jahren. Doch trotz der enormen Popularität des Films und der Person, von der er handelt, verwehrte die Academy ihm die Nominierung zu Gunsten der deutlich kleineren, aber gesellschaftlich relevanteren Dokus wie Hale County This Morning, This Evening und Kinder des Kalifats. Ebenso wurde auch die erfolgreiche Doku Three Identical Strangers ausgelassen.

Mission: Impossible – Fallout – Neben Black Panther war Fallout der bestrezensierte Blockbuster des letzten Jahres und rundherum eine technische Meisterleistung. Der Lohn dafür: keine einzige Oscarnominierung. Nicht einmal für den Ton, den Schnitt oder die Kamera, geschweige denn für seine herausragende Regie. Dass der sechste Eintrag in einem Franchise noch so beeindruckend sein kann, hätte mehr Anerkennung verdient.

Altstars – Keine Oscarnominierungen für die möglichen Abschiedsvorstellungen von Clint Eastwood (The Mule) und Robert Redford (Ein Gauner & Gentleman).

Überraschungen

Neben den bereits erwähnten Gewinnern und Verlierern gab es noch eine Handvoll komplett unerwarteter Nominierungen bzw. Auslassungen:

Willem Dafoe (At Eternity’s Gate) für "Bester Hauptdarsteller" – Als Vincent Van Gogh erhielt Dafoe seine zweite Oscarnominierung in Folge (nach The Florida Project letztes Jahr) und die insgesamt vierte in seiner Karriere. Auch die Golden Globes haben Dafoe für die Rolle nominiert, dennoch war sein winziger Film ansonsten kaum Teil des Oscar-Rennens und die meisten Experten sahen Ethan Hawke (First Reformed) oder John David Washington (BlacKkKlansman) noch vor ihm.

Border für "Bestes Makeup und Hairstyling" – Die Academy liebt skandinavische Filme in dieser Kategorie (es wurden zuvor auch Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand und Ein Mann namens Ove darin nominiert), dennoch haben nur die wenigsten dem modernen schwedischen Märchen bessere Chancen in der Kategorie zugerechnet als Black Panther oder Stan & Ollie.

The Ballad of Buster Scruggs für "Bestes Filmlied" – Wer hat diesen Song überhaupt auf dem Schirm gehabt?!

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen – Man kann Vieles an dem Film beklagen, doch er sah toll aus. Dass es dafür keine einzige technische Nominierung gab, ist recht überraschend.

Nussknacker und die vier Reiche – Das Nussknacker-Filmmärchen war kein großer Wurf von Disney, doch die prächtigen Filmkostüme hätten eine Erwähnung verdient.

Fun Facts

Glenn Close hat für Die Frau des Nobelpreisträgers ihre siebte Oscarnominierung erhalten. Sollte sie wieder verlieren, wird sie die alleinige Halterin des Rekords einer Frau mit den meisten Oscarnominierungen ohne einen Sieg werden.

Amy Adams ist ihr allerdings dicht auf den Fersen. Für Vice – Der zweite Mann erhielt sie ihre sechste Oscarnominierung in nur dreizehn Jahren. Gewonnen hat sie bislang auch noch nicht. Wie schon mit ihrer ersten Nominierung 2006 konkurriert Adams wieder gegen Rachel Weisz. Damals gewann Weisz für Der ewige Gärtner.

– Dafür ist Sam Elliotts Nominierung für A Star Is Born die allererste in der knapp 50-jährigen Karriere des Schauspielveteranen.

Spike Lee ist erst der sechste afroamerikanische Regisseur, der für einen Oscar nominiert wurde. Es ist tatsächlich die erste Regie-Nominierung für den Kultregisseur. Außerdem sind Lee und Barry Jenkins dank BlacKkKlansman und Beale Street die ersten schwarzen Drehbuchautoren, die jeweils eine zweite Oscarnominierung für ihre Drehbücher erhalten haben. Lee wurde zuvor für das Drehbuch von Do the Right Thing nominiert, Jenkins gewann für Moonlight.

Alfonso Cuarón ist der erste Filmschaffende, der sowohl als Regisseur als auch als Kameramann für einen Film nominiert wurde. Außerdem ist er erst der vierte Filmemacher nach Warren Beatty und den Coen-Brüdern, der bei einer Verleihung in vier Kategorien nominiert wurde (Film, Regie, Drehbuch, Kamera).

– Es ist das erste Mal seit 1966, dass mehr als ein schwarzweißer Film für seine Kamera nominiert wurde. Roma und Cold War sind die Kandidaten. Außerdem ist es das erste Mal überhaupt, dass drei nicht-englischsprachige Filme (Roma, Cold War und Werk ohne Autor) für ihre Kamera nominiert wurden.

Jordan Peele ist der erste schwarze Filmproduzent, der bereits zwei "Bester Film"-Nominierungen für sich verbuchen konnte (für Get Out letztes Jahr und für BlacKkKlansman dieses).

– Seit der Erweiterung der "Bester Film"-Kategorie auf mehr als fünf Slots vor neun Jahren kam es dieses Jahr erst zum zweiten Mal vor, dass ein Regisseur (Pawel Pawlikowski für Cold War) nominiert, aber sein Film ausgelassen wurde. Zuvor gelang das Bennett Miller mit Foxcatcher.

Crazy Rich ist der erste Film überhaupt, der von den Golden Globes und der Produzentengewerkschaft als "Bester Film" sowie von der Schauspielergewerkschaft für sein Ensemble nominiert wurde, und daraufhin keine einzige Oscarnominierung erhielt.

Caleb Deschanel, der überraschend nominierte Kameramann von Werk ohne Autor, ist der Vater der Schauspielerinnen Emily und Zooey Deschanel. Es ist bereits seine sechste Oscarnominierung als Kameramann. Gewonnen hat er bislang noch nicht.

  • Martin Betzwieser

    Das ist nicht ganz richtig. SCHINDLERS LISTE, der bis auf wenige rote Farbtupfer komplett in schwarz-weiß gedreht wurde, bekam 1995 einen Oscar für die beste Bildgestaltung.

    • Arthur A.

      Das ist mir bewusst. Der Text widerspricht dem auch nirgendwo. Da musst du was falsch gelesen haben.

      • Martin Betzwieser

        Auf Seite 2 steht doch:

        Es ist das erste Mal seit 1966, dass mehr als ein schwarzweißer Film für seine Kamera nominiert wurde.

  • Martin Betzwieser

    Weiterhin finde ich sehr überraschend, dass Adam Driver in BLACKKKLANSMEN nur als bester Nebendarsteller norminiert ist. Das ist ganz klar die zweite Hauptrolle.

    Ebenfalls überraschend ist die Nominierung von WERK OHNE AUTOR. Der Film ist phasenweise wirklich schlecht und auch nicht besonders gut photografiert.

    • Arthur A.

      Diese Haupt- und Nebenrollenunterscheidung war bei den Oscars aber noch nie sehr deutlich. Jamie Foxx hatte die klare Hauptrolle in "Collateral", Jennifer Connelly in "A Beautiful Mind" und sowohl Rachel Weisz als auch Emma Stone spielen in "The Favourite" eher Haupt- als Neberollen. Dennoch wurden alle in Nebenrollen nominiert.

      • Martin Betzwieser

        Oder Samuel L. Jacksen: Seine Rolle in PULP FICTION war ganz klar eine Hauptrolle in der Koffer-Episode und er wurde als Nebendarsteller nominiert.