Foxcatcher (2014)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Foxcatcher, USA 2014 • 134 Min • Regie: Bennett Miller • Drehbuch: E. Max Frye, Dan Futterman • Mit: Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller • Kamera: Greig Fraser • Musik: Rob Simonsen FSK: ab 12 Jahren • Verleih: StudioCanal/Koch Media Kinostart: 5.02.2015 • Deutsche Website

 

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Foxcatcherkritik4Würde „Foxcatcher“, der neue Film von Oscarnominee Bennett Miller, nicht auf einer tragischen wahren Begebenheit beruhen, wäre der Stoff in der Tat eine passende Grundlage für eine skurrile Komödie gewesen. Im Kern geht es hier um ein reiches Muttersöhnchen, das auf dem riesigen Privatgelände (Foxcatcher-Farm genannt) ein professionelles Trainingslager für Ringkämpfer errichtet hat und sich vor seiner zusammengestellten Mannschaft als Coach ausgibt. Ohne grundlegende Erfahrung allerdings. Mit Komiker Steve Carell in der Hauptrolle wäre sogar für die richtige Besetzung gesorgt gewesen. Doch diese düstere Geschichte entwickelt sich eben nicht zu einer Lachnummer und der Ausgang entpuppt sich als echter Schock. Der Coach, in der Realität wie auch im Film, hieß John E. du Pont und erschoss am 26. Januar 1996 den Ringer und Weltmeister Dave Schultz vor dessen Haus.

Foxcatcherkritik1Miller interessiert sich nach den gefeierten Vorgängerwerken „Capote“ (2005) und „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ (2011) erneut für die Realität – ohne sein Drama jedoch allzu dokumentarisch in Szene zu setzen. Auch wenn sich „Foxcatcher“ verhältnismäßig distanziert gibt, ist es dennoch das Geschick des Regisseurs dass wir hier nicht bloß eine Aneinanderreihung an Ereignissen verfolgen, sondern durch die extrem pointierte Verknüpfung eine Kausalität erkennen und emotional in das Geschehen involviert werden. Warum genau es zu dem ernsten Clinch zwischen den Personen gekommen und was letztlich der exakte Auslöser für die blutige Eskalation gewesen ist, lässt sich nur vermuten und auch Miller setzt eher auf subtile Akzente (zum Beispiel eine Ohrfeige oder eine unbedachte Bemerkung) als seinem Publikum die einfache Lösung plump und mit lautem Tamtam auf dem Silbertablett servieren zu wollen. Zu einem nicht gerade geringen Anteil kommt das Werk gar ohne Worte aus und die Zuschauer sind aufgefordert anhand von Blicken und Gesten das Bild zu deuten. Ohne Frage sind es neben der sorgfältigen Inszenierung (die eher an die Goldenen Siebziger als an das zeitgenössische Kino erinnert) die herausragenden Leistungen der drei Hauptdarsteller, die einen nachhaltig in den Bann ziehen.

Foxcatcherkritik6Da wäre zunächst am offensichtlichsten die drastische Wandlung von Comedian Steve Carell zu nennen, dessen John du Pont sich hinter einer prominenten Latexmaske versteckt, von der man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so recht weiss, was man von ihr halten soll. Aber Carell nutzt diese halbkünstliche Fassade geschickt um seinem Charakter eine gefühlskalte Hülle zu verleihen. Du Pont wird uns als innerlich gequälte Person mit schweren Komplexen vorgestellt, die nach außen hin stets wie in Watte gepackt wirkt. Ein Grund, weshalb er den goldsiegenden aber von der Öffentlichkeit ignorierten Mark Schultz, den Bruder von Dave, zu Beginn des Films in sein Team aufgenommen hat, wird während einer Konversation deutlich: Die einzige Freundschaft du Ponts wurde in seiner Kindheit von seiner herrischen und hartherzigen Mutter (dargestellt von Urgestein Vanessa Redgrave) gegen Geld gekauft. Von Mark erhofft er sich echte Loyaltät und vergisst dabei ganz, dass das Scheckbuch auch hier keine unerhebliche Rolle gespielt hat. Carell interpretiert du Pont als zwischen echten Idealen und brutalem Erwartungsdruck zerbrechenden Einzelgänger, dessen psychotischer Größenwahn oft unter enormen Zweifeln zu erzittern scheint. Ein fragiles Monster.

Foxcatcherkritik3Im Subtext lässt sich „Foxcatcher“, dessen erste Einstellung Archivaufnahmen einer eleganten Fuchsjagd zeigt und rasch im Kontrast auf das harsche Treiben im Ringkampf wechselt, auch als Gegenüberstellung der amerikanischen Elite zur Arbeiterklasse deuten. Während die vermögenden und einflussreichen du Ponts ersteres verkörpern, hat Mark Schultz in seinem Leben nie etwas geschenkt bekommen und trotz harter Aufopferung nie die Anerkennung erhalten, die sein Bruder Dave genießt. Aus diesem Grund ist möglicherweise „Magic Mike“-Star Channing Tatum die perfekte Wahl für diese Rolle gewesen, denn wie Mark kämpft auch Tatum noch immer um die gebührende Zustimmung aus Kritikerkreisen. Auch wenn er hier wohl keine ähnlich starke Performance wie beispielsweise Mickey Rourke in „The Wrestler“ (2008) vorlegt, kann man dennoch dessen Herzblut in der intensiven Darstellung spüren: Da steckt echter Antrieb, Schmerz und Wut unter seiner Figur.

Foxcatcherkritik2Den emotionalen Motor der Geschichte bildet jedoch der von Mark Ruffalo gespielte Dave Schultz, der nach einem ersten Fiasko zwischen du Pont und seinem Bruder das Ruder übernimmt und trotz seiner vorherigen Ablehnung letztlich doch dem Foxcatcher-Team beitritt. Dave ist die Identifikationsfigur, die bereits alles erreicht hat und ein idyllisches Familienleben über weitere Erfolge stellt. Die Liebe zu seinem Bruder, der sich beunruhigend von seinem sozialen und professionellen Umfeld zu entfernen droht, treibt ihn zu seiner finalen Entscheidung und schließlich in sein eigenes Unheil. In Dave sammeln sich alle Frustrationen der Charaktere und spiegeln sich: Du Pont sieht seine Rolle als überlebensgroßer Coach in ihm gefährdet während Mark sich wieder in den Schatten seines Bruders einfinden muss und seine einmalige Chance, über sich zu wachsen, vertan zu haben scheint.

„Foxcatcher“ präsentiert sich als bedachtes aber weitgehend unspektakuläres Drama – Zuschauer, die nicht gewillt sind, sich an die markant gezeichneten Figuren zu kleben oder der irgendwie mulmig-gespenstischen und unterkühlten Geschichte bis zum bitteren Schluß zu folgen, werden hier ihre Schwierigkeiten haben. Mich zumindest hat der abgründige sowie inszenatorisch wie darstellerisch brillante Film von seiner ersten Szene bis zum Ende auf hypnotische Weise in den Bann gezogen und hat sich bei mir als eines der besten Werke des Kinojahres ins Gedächtnis gebrannt. Auch ohne großes Feuerwerk.


Trailer