Backrooms, USA 2026 • 110 Min • Regie: Kane Parsons • Drehbuch: Will Soodik • Mit: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass, Finn Bennett, Lukita Maxwell, Avan Jogia • Kamera: Jeremy Cox • Musik: Edo Van Breemen, Kane Parsons • FSK: n.n.b. • Verleih: Constantin Film • Kinostart: 18.06.2026 • Deutsche Website
Um zunächst den Elefanten aus dem Raum zu schaffen: Ja, mit erst 19 Jahren hat der YouTuber Kane Parsons bei dem heiß erwarteten Horrorfilm „Backrooms“ Regie geführt. Filme entstehen stets in Teamarbeit und mit Sicherheit hat der Newcomer am Set auch auf die Expertise der als Produzenten fungierenden Genre-Spezialisten James Wan („Conjuring“) und Osgood Perkins („Keeper“) zurückgegriffen – alles andere wäre allerdings auch dumm und verbohrt gewesen. Am Ende zählt nur das Resultat, das unter der künstlerischen Leitung Parsons entstanden ist. Basierend auf seiner eigenen Creepypasta-Webserie arbeitet der Spielfilmdebütant hier mit einem Drehbuch von Will Soodik, das zugleich Nicht-Kenner des Stoffes mit einer eigenständigen Story abholt und Fans der Lore genügend Anknüpfungspunkte liefert.
Es ist das Jahr 1990 und der mit psychischen Problemen ringende Clark (Chiwetel Ejiofor) betreibt ein erfolgloses Möbelgeschäft. Mit Hilfe seiner Therapeutin Mary Kline (Renate Reinsve) versucht er seine Alkoholsucht und seine gescheiterte Ehe aufzuarbeiten, bis er eines Nachts eine beunruhigende Entdeckung macht: Im Keller seines Ladens stößt er auf einen unsichtbaren Durchgang, der ihn in ein Labyrinth aus scheinbar endlosen und seltsam angeordneten Räumen führt. Da Mary seinem Bericht skeptisch gegenübersteht, bittet Clark seine Angestellten Kat (Lukita Maxwell) und Bobby (Finn Bennett), zusammen mit ihm eine Expedition in das mysteriöse Reich zu wagen und einen Videobeweis anzufertigen. Doch das Unbekannte birgt unerwartete Gefahren …
Von erfolgreichen YouTubern inszenierte Schocker sind das neue Gold an den Kinokassen. Mit Ausnahme von Chris Stuckmanns unbeholfenem Spuk „Shelby Oaks“ haben sich die Leinwandwerke frischer Web-Talente zuletzt mehr als ausgezahlt: Die australischen Philippou-Brüder haben mit ihrem Erstling „Talk to Me“ einen riesigen Überraschungshit erzielt und mit dem düsteren Nachfolger „Bring Her Back“ ihren Ruf als große Genre-Hoffnung verfestigt. Der Gaming-Streamer Markiplier hat seine Adaption des Videospiels „Iron Lung“ gar komplett unabhängig finanziert und mit beachtlichem Gewinn in die Lichtspielhäuser gebracht, was etablierten Studios und Verleihern ganz sicher einen ordentlichen Schreck eingejagt hat. Zuletzt hat sich Curry Barkers Festival-Liebling „Obsession – Du sollst mich lieben“ als absolute Box-Office-Sensation herausgestellt, die schon jetzt zu den profitabelsten Produktionen des Jahres zählt. Parsons „Backrooms“ wird diesen Trend nach einem massiven Auftakt an den US-Kassen eindrucksvoll fortführen. Doch wird der Film seinem Hype auch aus qualitativer Sicht gerecht?
In einer Schlüsselszene versucht der aufgeregte Clark Mary zu vermitteln, wie er die unheimlichen Hinterzimmer empfunden hat. Es sei, als würde eine Person, die noch nie einen Hund gesehen hat, versuchen, einen solchen nur aufgrund einer Beschreibung zu zeichnen. Vieles würde zutreffen, aber mit den Details dürfte einiges nicht stimmen. Äquivalent zu dieser Schilderung erzeugt „Backrooms“ mit seiner vertraut-unvertrauten Welt reichlich Unbehagen beim Publikum. Es hilft, dass Parsons, der seine Vorlagen mit der kostenlosen 3D-Software Blender erstellt hat, die gigantischen Sets aus physischem Material erbauen ließ. Zusammen mit den Protagonisten wird man in einen farblich monotonen Fiebertraum aus Weite und Beengung, aus Staunen und Schrecken, hineingezogen. Wie schon die geheimnisvolle Eröffnungsszene sind einige Teile des Films mit einer Videokamera aufgezeichnet – ein Format, das dem wirren Horror zusätzlich ein Gefühl von Authentizität verleiht.
Stimmungsvoll von DP Jeremy Cox eingefangen, lässt dieses Uncanny Valley Vorbilder wie Stanley Kubricks „Shining“ und die Kinowelten eines David Lynch erkennen. Auch wenn Kane Parsons definitiv noch nicht in einer Liga mit den genannten Großmeistern spielt, beeindruckt das blutjunge Talent mit einer sorgfältig erschaffenen Atmosphäre, die Jump Scares und Kunstblut weitgehend meidet. Wenn das manifestierte Grauen letztlich aus den finsteren Ecken tritt und Jagd auf Mary macht, schaltet „Backrooms“ vom Ominösen in den Terrormodus. Neben Klaustrophobie wird in einer besonders schweißtreibenden Szene mit der Akrophobie des Publikums gespielt. Seinen Zenit erreicht der Horror, wenn er in einem Moment häuslicher Gewalt groteske Proportionen annimmt und dabei sowohl das Finale aus Tobe Hoopers Meilenstein „The Texas Chain Saw Massacre“ als auch Larry Cohens Satire „Stuff – Ein tödlicher Leckerbissen“ zitiert.
Dem Ursprung der „Backrooms“ näheren sich Parsons und Soodik hier mit einem Science-Fiction-Ansatz, der ganz ausdrücklich die menschliche Psychologie einschließt. Ängste und Emotionen, die starr geglaubte Erinnerungen anpassen und umbauen, verschmelzen mit dem liminalen Schrecken. Die Architektur im fragilen Inneren wirkt sich unmittelbar auf die wandlungsfähige Umgebung aus. Mit inspirierten Kernperformances von den Oscar-Nominees Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) und Renate Reinsve („Sentimental Value“) zieht „Backrooms“ die Zuschauer auch ohne jegliche Effekthascherei in den Bann. Es ist faszinierend, wie es der auf einem derart populären visuellen Konzept fußende Film schafft, die riesige Fangemeinde zu befriedigen, dabei aber zugleich eine intime und akribisch konstruierte Furcht zu erzeugen, die besonders Anhänger von hochwertigen Genrearbeiten wie Alex Garlands „Auslöschung“ ansprechen dürfte.
Kane Parsons hat mit „Backrooms“ einen beeindruckend involvierenden Albtraum erschaffen, der neben Ian Tuasons polarisierendem „Undertone“ schon jetzt zu den besten Schockern des Jahres gezählt werden darf. Sicher wird hier auch der Einfluss diverser Genreklassiker deutlich. Doch diese zur Beschreibung von „Backrooms“ einfach aufzulisten wäre, wie einer Person, die nie einen Hund gesehen hat, einen solchen zu skizzieren: Es sind die Details, die die Identität ausmachen.







