Kinos Coronavirus

Tja, es ist eine seltsame, seltsame Zeit.

Nächsten Monat feiert diese Seite ihr 8. Jubiläum. Meine eigene Geschichte als begeisterter Kinogänger ist deutlich länger. Zu keinem Zeitpunkt hätte ich mir im Entferntesten vorstellen können, dass es dazu kommen würde, dass es nicht mehr möglich sein würde, in die Kinos zu gehen. Und doch sind wir jetzt dort angekommen, und so gerne ich ein Licht am Ende des Tunnels bieten würde, so sieht die Situation aktuell leider sehr grimmig aus.

Nicht länger China, sondern Europa ist das Epizentrum der aktuellen Coronavirus-Epidemie. Länder wie Italien, Spanien und Frankreich sind schwerer betroffen als Deutschland, doch auch hierzulande grassiert die Seuche und die Anzahl der Infizierten steigt täglich um einen zweistelligen Prozentsatz. Um die Ausbreitung einzudämmen, sind drastische Einschränkungen öffentlichen Lebens unvermeidlich. Große Zusammenkünfte von Menschen sollen um jeden Preis verhindert werden. Neben Museen, Bars, Theatern und Konzerten sind natürlich auch die Kinos betroffen.

Deutsche Kinos haben zunächst versucht, den Betrieb mit gewissen Restriktionen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Viele Kinos begrenzten die Kapazitäten der Säle auf 50%, um ausreichende Sitzplatzabstände zwischen den Besuchern zu gewährleisten. Das größte Kölner Kino, der Cinedom, hat beispielsweise sichergestellt, dass sich zu keiner Zeitschiene mehr als 1000 Besucher im Kino befunden haben. Andere Kinos begrenzten die Anzahl der verkauften Tickets pro Vorstellung auf maximal 99. Bei kleineren Sälen war die Anzahl entsprechend niedriger.

Doch auch bei allen unternommenen Vorsichtsmaßnahmen war den Kinobetreibern, mit denen ich in der Zeit gesprochen habe, klar, dass sie gegen eine tickende Uhr arbeiteten und der Tag kommen würde, an dem sie ihre Türen vorerst ganz schließen müssten. Im Folgenden versuchen wir, Euch einen groben Überblick über die aktuelle Lage zu verschaffen. Da die Situation etwas chaotisch ist und sich Dinge jede Stunde ändern (jedoch nur in eine Richtung), erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Im Gegensatz zu Ländern wie Italien, Dänemark, Polen oder Griechenland, die bereits vor einigen Tagen die Kinos im gesamten Land dichtgemacht haben, wurden diese Entscheidungen hierzulande zunächst von einzelnen Städten, dann von Bundesländern getroffen. Aus diesem Grund gibt es noch keine einheitliche Schließungsregelung in Deutschland. Vorreiter war Kassel. Die hessische Stadt hat letzten Donnerstag als erste die Schließung aller Kinos sowie weiterer Kultur- und Freizeitstätten vorerst bis einschließlich des 30. April angeordnet. Am selben Tag noch folgte Bielefeld mit der Schließung. Auch meine Heimatstadt Bonn gehörte zu den ersten mit den drastischen Maßnahmen. Hier wurde letzten Freitag die Schließung der Kinos auf unbestimmte Zeit angeordnet und trat am Samstag in Kraft. Stuttgart ordnete die Schließungen der Kinos und anderer Stätten ebenfalls am Freitag an.

Die Dinge eskalierten seitdem sehr schnell. Am Samstag ordneten Köln und Berlin die komplette Schließung der Kinos und weiteren Freizeitangebote bis einschließlich des 10. April an. Damit waren die beiden Städte noch recht optimistisch verglichen zu den anderen Städten. Schleswig-Holstein wurde zum zweiten Bundesland neben Berlin mit einer kompletten Schließung der Kinos.

Sonntagabend erfolgte ein Erlass der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, mit dem u. a. die Schließung der Kinos bis einschließlich dem 19. April angeordnet wurde. Das bedeutet wohl auch, dass Kölns optimistische 10.-April-Deadline dadurch nicht mehr gilt. Hamburg ordnete die Schließung der Kinos bis einschließlich des 30. April an.

Ab morgen machen auch Bayern und Baden-Württemberg die Kinos dicht. Baden-Württemberg ist das Bundesland mit den bislang drastischsten Maßnahmen und beschloss die Schließung von Kinos, Theatern, Bars und anderen Freizeiteinrichtungen bis zum 15. Juni, also gute drei Monate. Sollte sich die Lage vorher jedoch erheblich bessern, kann dieser Termin verändert werden.

Rheinland-Pfalz schließt ab Dienstag alle Kinos und andere Freizeiteinrichtungen. Soeben wurde zudem bekannt, dass Thüringen alle Bars, Clubs und Kinos ab Mittwoch zunächst bis zum 19. April schließen wird.

Saarland, Niedersachsen, Sachsen, Bremen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind damit die verbleibenden Bundesländer, in denen der Kinobetrieb noch nicht vollständig eingestellt ist. Aber auch dort gibt es einzelne Städte, die die Maßnahme bereits ergriffen haben, beispielsweise die niedersächsische Stadt Goslar und die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden.

Machen wir uns nichts vor. Auch bei diesen Ländern handelt es sich um Tage bzw. vermutlich sogar eher um Stunden, bis die entsprechenden Erlässe kommen. Die Bundesregierung hat heute eine Liste an Empfehlungen an die Länder herausgeschickt, darunter auch die Schließung aller nicht für den Alltag und die Versorgung notwendiger Betriebe und Freizeitangebote. Dazu zählen auch die Lichtspielhäuser. Die Entscheidung über die Umsetzung obliegt aktuell den Landesregierungen, doch ich bezweifle, dass irgendeine sich dagegen stemmen wird.

Deutsche Filmverleihe haben alle ihre geplanten Veröffentlichungen in den nächsten Wochen vom Startplan genommen, ohne neue Starttermine anzusetzen. Blockbuster-Kandidaten wie Keine Zeit zu sterben, Mulan und Fast & Furious 9 wurden zuvor schon weltweit um mehrere Monate nach hinten verschoben oder haben noch keinen neuen Releasetermin.

Das ist der Stand der Dinge in Deutschland. Viele Länder sind schon einen Schritt weiter. Spanien und Frankreich haben nach partiellen Schließungen nun im ganzen Land die Kinos bis auf Weiteres dichtgemacht. Sonntagmorgen stand der Kinobetrieb in insgesamt 32 Ländern der Welt komplett still. In 15 weiteren wurden die Kinos zum Teil geschlossen. Das Kassengeschäft stürzt auf neue Tiefen. Laut frühen Analysen aus den USA, könnte die Coronavirus-Krise der Film- und Kinoindustrie dieses Jahr einen Verlust von bis zu 17 Milliarden US-Dollar bescheren.

Auch in den USA werden harte Konsequenzen gezogen. Nach freiwilligen Schließungen vereinzelter Kinos, wurden in New York und Los Angeles, den zwei größten inländischen Märkten für das Kinogeschäft, komplette Schließungen angeordnet – erstmals in der Geschichte der beiden Städte ohne extreme Wetterzustände als Auslöser. Viele glauben, dass es erst der Anfang ist – nicht zu Unrecht.

Seit ich 13 bin gab es keine mehrere Wochen am Stück, in denen ich nicht im Kino war. Das wird sich jetzt ändern. Die Maßnahmen sind notwendig, um die Ausbreitung zu verlangsamen und eine Überforderung der Krankenhäuser zu verhindern. Doch die Zeit danach, die irgendwann auch kommen wird, könnte sehr düster aussehen. Markus Grab, der Betreiber der deutschen Box-Office-Seite Insidekino, brachte es in seinem Tweet sehr gut auf den Punkt:

Wenn man nicht gerade eine große Multiplexkette mit Rücklagen ist, kommen viele kleinere Kinos in Deutschland, insbesondere spezialisierte Arthouse- bzw. Programmkinos, im besten Fall gerade mal auf schwarze Zahlen. Mehrwöchiger oder -monatiger Betriebsstopp wird für viele katastrophal sein, wenn die Regierung ihnen nicht hinterher unter die Arme greift. Die aktuelle Krise ist ein enormer Einschnitt, von dem sich die Kulturlandschaft nicht so schnell erholen wird. Denn es gibt noch etwas, bei dem wir uns nichts vormachen sollen: Dass die meisten Kinos und andere Einrichtungen ab Mitte April ihren Betrieb wieder aufnehmen können ist extrem optimistisch, wenn nicht illusorisch. In China, wo die Eindämmung gut funktioniert hat, wurden die Kinos im Januar bereits geschlossen und sind es bis heute noch ohne eine konkrete Aussicht auf Wiedereröffnung.

Das Artikelbild oben habe ich selbst aufgenommen, nachdem ich in Köln die möglicherweise letzte Kinovorführung für eine sehr lange Zeit Samstagabend gesehen habe (Stanley Kubricks Wege zum Ruhm). In dem Wissen, dass es vermutlich der letzte Kinofilm für mich in Deutschland für eine ganze Weile werden könnte, konnte ich die Magie des Kinos noch mehr schätern als sonst. Ich hoffe, dass auch andere Cineasten, die es ähnlich sehen, die Kinos in ihrer Umgebung unterstützen werden, sobald diese den Betrieb wieder aufnehmen dürfen. Bis dahin, haben sicherlich viele von Euch lange Listen bei Netflix oder Prime nachzuholen oder ungesehene und noch verpackte DVDs oder Blu-rays daheim.

Es ist eine schwere Zeit für uns alle und es wird noch schwerer, bevor es besser wird. Wir hoffen auf eine baldige Besserung der Situation und halten Euch auf dem Laufenden.

UPDATE

Bundesregierung und Bundesländer haben einheitlich beschlossen, Kinos und weitere Kultureinrichtungen bundesweit zu schließen. Umsetzung erfolgt nicht in jedem Bundesland zeitgleich, sondern im Laufe der Woche. So schließen die Kinos in Sachsen und Sachsen-Anhalt beispielsweise erst ab Donnerstag.