Kinos Deutschland

Foto: Kinosaal des Filmclub 813, Köln

Quelle: Deadline

Es gibt einen ganz bestimmten Grund, weshalb ich das obige Artikelbild gewählt habe. Denn genau dort werde ich den kommenden Sonntagabend verbringen, bei meiner aller Voraussicht nach letzten Kinovorstellung bis Dezember. Die Politik handelt und knöpft sich wieder einmal Kultureinrichtungen wie Kinos, Theater und Museen vor, auch wenn jegliche Nachweise für nennenswerte Übertragungen der Corona-Infektion an diesen Orten fehlen.

Am Montag den 2. November werden alle genannten Einrichtungen zusammen mit Restaurants, Kneipen, Bars, Massagesalons und Tattoo-Studios (nicht aber Friseursalons!) schließen müssen und vorerst bis zum 30. November geschlossen bleiben. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) übte bereits völlig berechtigte Kritik an der Entscheidung, mit dem Argument, dass weltweit bis heute kein einziger Infektionsfall auf eine Kinovorstellung zurückgeführt werden konnte. Natürlich könnte man dem auch entgegnen, dass man die Mehrheit der Fälle nicht mehr rückverfolgen kann. Das alleine ist leider schon ein Armutszeugnis. Doch man kann sich auch Länder wie Japan oder Südkorea anschauen, in denen die Nachverfolgung sehr gut funktioniert, wo Millionen von Zuschauern zuletzt in die Kinos strömten, und dennoch nicht zu massiven Ausbrüchen führten.

Versteht micht nicht falsch. Die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens gibt allemal Grund zur Sorge, und wir müssen handeln, bevor wir dort landen, wo Großbritannien, Frankreich oder Spanien jetzt sind. Doch ich habe gehofft, dass wir nach Monaten mit Corona mehr über die Verbreitung des Virus wissen, um statt solcher Gießkannen-Maßnahmen präziser und zielführender durchzugreifen. So habe ich den stattdessen den Eindruck, als habe man seit dem Frühjahr so gut wie nichts gelernt.

Die Lage vieler Kinos in Deutschland war schon vor Corona nicht rosig. Wer ein Kino betreibt, tut es in aller Regel aus Leidenschaft, und nicht, weil dort das große Geld zu holen ist. Die mehrmonatige Schließung in der ersten Jahreshälfte fraß bei vielen Kinos alle Rücklagen auf. Seit der Wiedereröffnung gibt es strenge Restriktionen und nahezu keine großen Publikumsmagnete, um die Ausfälle auch nur annähernd zu kompensieren. Gut besuchte Filme wie Tenet oder After Truth waren nur wenige Tropfen auf dem heißen Stein. Die erneute Schließung in einer traditionell besucherstarken Zeit könnte für viele fatal werden, insbesondere da die Verleihe jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Hitkandidaten wie Monster Hunter, Wonder Woman 1984, Free Guy und Tod auf dem Nil vom Dezember-Startplan nehmen werden. Man kann es ihnen nicht verübeln, denn wie kann man in eine Marketing-Kampagne investieren, wenn man nicht weiß, ob die Kinos in großen Märkten übernächsten Monat überhaupt offen sein werden? Wenn die Kinos also hoffentlich im Dezember wieder öffnen dürfen, stehen sie wieder am Anfang, wo sie bereits im Juni waren.

Immerhin hat Angela Merkel für die von den Zwangsschließungen betroffenen Betriebe große finanzielle Hilfen versprochen. Hoffentlich sehen diese besser aus als nach den ersten Schließungen. Im Zweifel könnten wir ja für die Kinos auch eine Runde klatschen…

Nicht nur in Deutschland geht es den Lichtspielhäusern an den Kragen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat für sein Land einen zweiten Lockdown angekündigt, der am 30. Oktober in Kraft treten und mindestens bis zum 1. Dezember dauern wird. Die Einwohner werden ihre Häuser und Wohnungen nur verlassen dürfen, um das Notwendigste einzukaufen, zum Arzt zu gehen oder eine Stunde am Tag Sport zu treiben. Dabei haben sich die Kinos in Frankreich besser als in allen anderen europäischen Ländern von der Krise erholt, angefeuert durch mehrere heimische Produktionen. Allein letzte Woche gingen in Frankreich 3,2 Millionen Menschen in die Kinos, trotz Ausgangssperre ab 21 Uhr in vielen Großstädten.

Länder wie Italien, Tschechien, Irland und Slowenien haben ihre Kinos bereits zugemacht. Ich denke, auch Spanien und Großbritannien werden bald nachziehen.

Zwischen der ersten und der zweiten Schließung werde ich mehr als 170-mal im Kino gewesen sein, und ich bin froh, jede Gelegenheit genutzt zu haben, Kinos zu unterstützen und meine Leidenschaft als Kinogänger zu pflegen. Und wie schon beim letzten Mal, werde ich am ersten Tag der Wiedereröffnung wieder im Kinosaal sitzen – wann und wo auch immer das sein wird. Ach, und falls Ihr Tenet immer noch nicht gesehen habt, dann nutzt kommendes Wochenende die Chance und seht den Film, wie er es verdient – auf einer großen Kinoleinwand.