Quelle: NEON

Mit ihrer ersten großen US-Rolle in Martin Scorseses The Wolf of Wall Street brachte die Australierin Margot Robbie die Zuschauer nicht nur mit nackten Tatsachen zum Staunen, sondern behauptete sich auch schauspielerisch erstaunlich gut neben Schwergewicht Leonardo DiCaprio. Sie brachte Feuer und Verletzlichkeit zu einer Rolle, die in vielen schwächeren Filmen nicht mehr als dekoratives Beiwerk gewesen wären.

Seitdem startet Robbie zu Recht in Hollywood durch und obwohl ihr Name sicherlich weniger bekannt war als Will Smith oder Jared Leto, stand sie als Harley Quinn im Zentrum des Marketings zu Suicide Squad und war für viele einer der Hauptgründe, den Film zu sehen sowie für mich eins seiner wenigen positiven Aspekte des Streifens.

In der bissigen Filmbiografie I, Tonya bekommt sie nun die Gelegenheit, alleine im Rampenlicht zu stehen. Die Rezensionen von der Premiere des Films beim Toronto International Film Festival sprechen von einer möglichen Oscarnominierung für die Schauspielerin. Als kontroverse Eiskunstläuferin Tonya Harding, die 1994 beschuldigt wurde, sich gemeinsam mit ihrem Ex-Mann und ihrem Bodyguard verschworen zu haben, ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan von einem Schläger das Bein brechen zu lassen, spielt Robbie die vermutlich komplexeste Rolle ihrer Karriere. Die Herausforderung war, die Darstellung der als "Eishexe" in den Medien bezeichneten Frau nicht zu beschönigen, ihre Handlungen für die Zuschauer zugleich nachvollziehbar zu machen.

Vor wenigen Tagen wurde der erste Teaser-Trailer zu I, Tonya veröffentlicht. Dieser zeigt Robbie als Harding auf Eis und verspricht keine trockene Aufarbeitung der bizarren Ereignisse von 1994, sondern eine satirische, schwarzhumorige Auseinandersetzung mit dem Leistungsdruck und der Subjektivität der Wahrheit.

Nach der Vorschau freue ich mich umso mehr auf Robbies Performance. Doch sie soll nicht das einzige schauspielerische Highlight des Films sein. "Mom"-Star Allison Janney soll als Tonyas grausame Mutter LaVona Harding ebenfalls eine phänomenale Darstellung abliefern. Janney hat im Laufe ihrer TV-Karriere sieben Emmys gewonnen und wurde für sechs weitere nominiert. Vielleicht ist die Zeit für ihre erste Oscarnominierung gekommen.

Was den Oscarchancen des Films im Weg stehen könnte, ist sein winziger, relativ junger US-Verleih NEON. In der Regel sind Filme von besonders kleinen Independent-Verleihen im Oscar-Rennen im Nachteil. Die haben häufig nicht genug Marketing-Budget oder Erfahrung, um ihre Filme in der Oscar-Saison richtig zu positionieren.

Inszeniert wurde I, Tonya von Craig Gillespie, der vor zehn Jahren mit der schrägen, einfühlsamen Tragikomödie Lars und die Frauen beeindruckte, seitdem aber eher unauffällig geblieben ist. Er drehte das überraschend gute, aber finanziell erfolglose Fright-Night-Remake sowie die beiden Disney-Wohlfühlfilme Million Dollar Arm und The Finest Hours.

In den USA startet I, Tonya am 8. Dezember. Ein deutscher Starttermin steht leider noch nicht fest.