The Artist (2011)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

The Artist, F/B 2011 • 100 Min • Regie & Drehbuch: Michel Hazanavicius • Mit: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller • Kamera: Guillaume Schiffman • Musik: Ludovic Bource • FSK: ab 6 Jahren • Verleih: DCM Film Distribution • Kinostart: 26.01.2012 • Website

 

ANEZIGE

Psst! An dieser Stelle wird mal nicht gesprochen. Der französische Regisseur Michel Hazanavicius, zuvor nur bekannt durch seine Agentenfilm-Parodien OSS 117, nimmt mit seiner neuen Arbeit „The Artist“ die Kino-Welt im stummen (und obendrein schwarz-weissen) Sturmangriff ein. Mit bisher unter anderem drei Golden Globes (u.a. „Best Motion Picture – Comedy or Musical“), vier Critics Choice-Awards (u.a. „Best Picture“) und sieben BAFTA Film-Awards (u.a. „Best Film“) ausgezeichnet und weiterhin nominiert für zehn Oscars (u.a. „Best Motion Picture of the Year“), stellt die französisch-belgische Independent-Produktion wohl das Phänomen der diesjährigen Preissaison dar – und das nicht zuletzt aufgrund seiner eigentlich reichlich unpopulären (oder besser: unzeitgemäßen) Umsetzung.

Wer schonmal an einer Kinokasse gesessen hat, wird wissen, dass schon allein die Bemerkung „Schwarz-weiss-Film“ viele engstirnige Zuschauer völlig abschreckt (da kann der Regisseur sogar Robert Rodriguez heissen); wenn man nun zusätzlich anführt, dass das Werk ohne Sprache präsentiert, nur von Musik begleitet, wird … wie viele werden sich dann wohl noch für die entsprechende Vorstellung begeistern können? Dabei macht „The Artist“ so viel richtig, was unzählige, effektbeladene Blockbuster heutzutage gänzlich falsch anstellen: Er unterhält, indem er uns in seine Geschichte zieht, unser Interesse an dem Geschehen weckt; nicht unsere Sinne mit ohrenbetäubendem Lärm, bunten Zerstörungsszenarien oder hölzernen Figuren betäubt. Wenn Kino für Zauber, und nicht für Spektakel, steht, dann ist „The Artist“ Kino in seiner reinsten und schönsten Form. Michel Hazanavicius' Arbeit ist inhaltlich eine Komödie, aber gleichzeitig auch ein Drama. Und vor allem eine klassische Love-Story.

Im Jahre 1927 ist der Stummfilmdarsteller George Valentin (Jean Dujardin) noch ein gefeierter Hollywood-Star, dem die Frauen und Studios zu Füßen liegen. Valentin ist ein Charmeur, ein Entertainer vor dem Herrn. Wenn seine Abenteuer über die Leinwände flimmern und er anschließend – zusammen mit seinem treuen Hund – zum Applaus schwerelos über die Bühne tanzt, bebt das Publikum in Verzückung. Seine größte Gabe ist seine Fähigkeit, den Menschen ein Stück Freude zu vermitteln. Sein stärkster Gegner ist sein eigener Stolz, seine Sturköpfigkeit. Nach einer Premiere läuft eine unbekannte Schönheit in den Prominenten. Ein tiefer Blick in die Augen genügt – da hat zwischen den Beiden etwas Funken geschlagen. Die Zeitungen berichten. Valentins Frau Doris (Penelope Ann Miller) schaut empört von der Titelseite auf. Seiner Verehrerin gelingt es schließlich, sich zu einem Casting durchzumogeln und als Peppy Miller (Bérénice Bejo) langsam immer weiter die Karriereleiter empor zu steigen. Ein Wandel kündigt sich an – nicht nur in Valentins Liebesleben, sondern auch in Bezug auf seine Tätigkeit: Die Talkies erhalten Einzug in Hollywoodland. Die bewegten Bilder werden nun auch sprechen können, ganz zum Leidwesen des mimisch und gestisch versierten Helden der Geschichte. Dieser stellt sich entschieden gegen den Trend, gegen seinen Produzenten Al Zimmer (John Goodman). Auf eigene Faust produziert er selbst weitere Stumm-Werke – ohne Erfolg an den Kassen. Während ein neuer Stern am Filmhimmel erstrahlt, droht ein ausgebrannter am Erdboden zu zerschellen…

Das, was Michel Hazanavicius mit seiner liebevollen wie detaillierten Hommage an die Stummfilm-Ära so überaus grandios gelingt, ist, mit einfachsten Mitteln auf der emotionalen Klaviatur der Zuschauer zu spielen. Das Heben und Senken einer Augenbraue, die Veränderung der Musik – hier findet ein ständiger, fließender Wechsel von Gefühlen und Stimmungen statt. Tragik und Komik sind ineinander verzahnt, teilen sich harmonisch ein und dieselbe Szene. „The Artist“ begeistert Nostalgiker, weil er den Charme der alten Klassiker nahezu perfekt reproduziert – und er gewinnt ein frisches Publikum für sich, weil er eben das auf solch leichtfüßige, unverkrampfte Weise tut. Hier wird nicht versucht, die Zuschauer durch ein künstlerisch-verkopftes Projekt über die Anfänge des Kinos zu belehren, sondern im Kern eine ganz einfache, greifbare Geschichte über die Kunst und die Liebe erzählt. Und die Liebe zur Kunst, natürlich. Das Format des Stummfilms entpuppt sich dabei nicht als schnödes Gimmick, sondern verleiht dem Werk tatsächlich eine direkte, unmittelbare Kraft. Schließlich wird hier der Inhalt nicht durch lange Dialoge gestreckt: Die einzigen verbalen Äußerungen werden in Form von Schrifttafeln kurz eingeblendet, der Rest bleibt dem intensiven, mimischen Geschick der Darsteller vorbehalten. Der international bislang eher unbekannte Jean Dujardin als charismatischer Superstar und Bérénice Bejo als sein treuer „Schutzengel“ und Retter in der Not haben sich mit ihren herausragenden Performances bereits einen festen Platz in sowohl Zuschauer – als auch Kritikerherzen erspielt.

Wenn das Werk während einer Traumszene kurz mal aus seinem selbstgewählten Korsett ausbricht, so kommt diesem Moment eine besondere Bedeutung zu. Der Künstler spürt, wie in der technischen Revolution seine eigene Ausdrucksfähigkeit untergeht – von allen Seiten ersticken Geräusche seine stillen Hilferufe. Selbst eine herabschwebende Feder landet mit einem unerträglichen Lärm auf der Erde. Der Gedanke an den bevorstehenden Wandel benetzt seine Stirn mit Angstschweiss. Wird er allein mit seinem offenbar unbezwingbaren Stolz gegen die Macht der populären Talkies ankämpfen können? Nein, denn wir kennen die Geschichte des Kinos und ahnen die Tragödie. Doch der Film hinterlässt uns am Ende nicht mit einem pessimistischen, niedergeschmetterten Eindruck – so viel sei bereits verraten. Das Kino erfährt eine radikale, erzählerische Umwälzung, und unser Held muss lernen, dass das Einzige, das seiner Zukunft tatsächlich im Weg steht, sein eigener Dickkopf ist.

Hazanavicius' „The Artist“ ist ein kleines Zauberwerk, das seinen Zuschauern ein Stück purer, sprachloser Euphorie schenkt. Was erhofft man sich von einem angenehmen Kinobesuch mehr?

 

Kritik im Original erschienen bei mannbeisstfilm.de


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