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Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 6

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Fantasy Filmfest 2015 Tag 6

Die Halbzeit ist erreicht. Fünf Tage des Fantasy Filmfests liegen schon hinter mir und fünf weitere Tage noch vor mir. Unter den 17 von mir bislang gesehenen Filmen gab es bereits so einige Highlights, auch wenn noch keiner an das Meisterwerk It Follows aus dem letzten Jahr herankam. Doch noch ist ja genügend Zeit. Am sechsten Tag ließ ich es mit drei Filmen eher ruhig angehen. Der Tag stand im Zeichen der Frauen. Katharine Isabelle und Olga Kurylenko, die Hauptdarstellerinnen der ersten beiden Beiträge des Tages, sind wiederkehrende Gäste beim Festival. Frauen und das immerwährende Streben nach dem Idealgewicht standen auch im Mittelpunkt des dritten Films, Excess Flesh, der im Programmheft gleich mit drei "Nasty"-Icons versehen wurde und sich daher nur für Zuschauer mit einem starken Magen empfahl. Ob der Film dieses Versprechen einhält und ob Frauen Isabelle und Kurylenko mit ihren Filmen einen guten Eindruck hinterlassen konnten, erfahrt Ihr bei unseren Kurzkritiken unten.

TAG 6

88

Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 88Katharine Isabelle ist seit dem Coming-of-Age-Werwolfdrama Ginger Snaps ein immer gern gesehener Gast im FFF-Programm. Ob in 13 Eerie, American Mary oder Freddy vs. Jason, die charismatische Kanadierin wertet die Filme durch ihre Präsenz immer auf. Für keinen ihrer Filme galt das aber so sehr wie für 88. Zwischen einem gezwungen "coolen" Drehbuch, das so verzweifelt versucht, Tarantino nachzuahmen, und einem eher unglücklich geratenen (und manchmal beliebig wirkenden) Zusammenschnitt von Flashbacks und aktueller Handlung, obliegt es Isabelle, den Film auf ihren Schultern zu tragen und die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln. Zum Glück gelingt ihr das, denn mit ihrer Doppelrolle in 88 liefert sie eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab. Isabelle spielt Gwen, eine junge Frau, die völlig orientierungslos, wie aus einer Trance, in einem Diner erwacht, in ihrer Handtasche eine Pistole findet und prompt aus Versehen die Kellnerin anschießt. Auf ihrer Flucht vor der Polizei wird sie von einem coolen, aufgedrehten Fremden (Tim Doiron). Er kennt sie allerdings als Flamingo, eine extravertierte, fesche, sexy Killerin. Jetzt wird’s kompliziert…

Oder auch nicht, denn woher der Wind weht, erzählt  uns 88 bereits mit einer Infotafel (verdammt diese sind beim diesjährigen FFF sehr trendy) zu Filmbeginn. Darin wird kurz die dissoziative Fugue erklärt, ein Zustand, bei dem die Betroffenen plötzlich ihre gewohnte Umgebung verlassen und dabei häufig eine neue Identität annehmen. Wenn der Zustand dann vorüber ist, herrscht in der Regel eine teilweise oder komplette Amnesie über das Geschehene. Ausgelöst wird der Zustand meist durch ein traumatisches Ereignis. Um welches es sich dabei im Film handelt, wird eigentlich fast sofort verraten. Gwens Freund und die Liebe ihres Lebens, wurde vor ihren Augen getötet. Doch wer ist dafür verantwortlich? Vielleicht Gwens ehemaliger Arbeitgeber, der Gangsterboss Cyrus (Christopher Lloyd), der ihr auf den Fersen ist?

Bei der achronologischen Erzählweise und der Suche nach der Wahrheit, die durch Gedächtnisverlust verhindert wird, stand hier offensichtlich Memento Pate. Für die exzentrischen Charaktere und den Gewaltfaktor mussten Tarantinos Filme herhalten. Originell ist hier nicht viel und die Filmemacher trauen dem Publikum offenbar auch nicht zu, selbst ein wenig zu rätseln. Stattdessen wird sichergestellt, dass trotz der teils verworrenen Erzählung beim Zuschauer alles ankommt, bis zu dem Punkt, dass die meisten Twists von den Charakteren im Klartext ausgesprochen werden, damit auch der unaufmerksamste Zuschauer weiß, was Sache ist. Dadurch geht natürlich das Potenzial eines Knobelfilms verloren. Es ist einzig und alleine Katharine Isabelles vielseitiger Performance zu verdanken, dass das Interesse an ihrer Wahrheitssuche nie ganz schwindet. Ob als verschreckte, ängstliche Gwen, die versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen oder als obercoole Flamingo, die ungeniert mit einer Don’t-give-a-fuck-Attitüde in einem Supermarkt auf den Boden uriniert – Isabelle zeigt hier alle Facetten ihres Könnens. Nett ist auch wieder einmal, Christopher "Doc Brown" Lloyd in einer herrlich überdrehten Rolle zu sehen. Die beiden Darsteller hätte man sich bloß in einem besseren Film gewünscht. 2,5/5

 

Momentum

Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 MomentumNach Backtrack am Vortag gab es mit Momentum wieder einmal eine sehr schöne Überraschung. Es geht los mit einem Bankraub in Kapstadt, der sehr energisch inszeniert ist, wozu auch die direkt außerhalb der Bank mit steigender Intensität gespielten Drums beitragen. Es verläuft nicht nach Plan, denn am Ende ist einer der Bankräuber tot und die Anführerin, die schöne Alex (Olga Kurylenko), ist demaskiert, woraufhin ihr Gesicht kurze Zeit später auf allen Bildschirmen im Land flimmert. Es heißt also: schnellstens das Land verlassen. Die Probleme für Alex und ihre zwei Mitstreiter fangen aber erst noch an, denn in ihrer Beute befindet sich auch ein Datenträger mit sehr sensiblen Informationen, auf den es ein hohes Tier aus Washington (Morgan Freeman, der seine unverwechselbare Stimme wieder einmal im Voiceover einsetzen darf) abgesehen hat. Ein geschniegelter brutaler Killer (James Purefoy) und sein Team haben den Auftrag, den Chip wieder zu beschaffen, doch sie haben nicht mit dem Einfallsreichtum und den überraschenden Fähigkeiten von Alex gerechnet.

Die Geschichte von Momentum ist keine Offenbarung. Es ist wieder einmal eine undurchsichtige Verschwörung und ein übermächtiges Team, das einer Person hinterherjagt, die zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Logik hinter dem Ganzen hinkt gelegentlich und besonders das Ende, das scheinbar auf eine Fortsetzung ausgelegt ist (die aber, wie ich vermute, nie kommen wird) lässt ein wenig zu wünschen übrig. Doch wo der Film hingegen immens punktet, ist der Unterhaltungsfaktor. Von den ersten Minuten geht das Tempo auf 180 und lässt nie nach. Olga Kurylenko, die bereits letztes Jahr beim Festival im nicht unähnlichen The November Man zu sehen war, dort die Action aber Pierce Brosnan überlassen hat, darf als sexy Actionheldin diesmal selbst die Hintern versohlen. Wie Liam Neeson in 96 Hours hat auch sie ein ganz spezielles Set an Fähigkeiten, die sie zu einer ernstzunehmenden Gegnerin macht. Den Part und vor allem die zahlreichen Actionszenen meistert Kurylenko so gut, dass man sich wünscht, sie künftig häufiger in solchen Rollen zu sehen und nicht nur als schmuckes Beiwerk wie in Hitman oder Ein Quantum Trost. James Purefoy, den viele als den charismatischen Serienkiller aus "The Following" kennen, macht als sadistischer, stilbewusster Gegenspieler ebenfalls einen guten Eindruck. Letzten Endes ist Momentum einfach verdammt gute, unprätentiöse Actionunterhaltung, die einem wenig Zeit zum Durchatmen und Nachdenken über diverse Plotlöcher lässt. 4/5

Excess Flesh

Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 Excess FleshWer es schon sehr unappetitlich findet, wenn jemand mit offenem Mund kaut und schmatzt, sollte um Excess Flesh einen großen Bogen machen. Dieser Film verdient eine eigene Kategorie: Food-Splatter. Hier wird in Nahaufnahme und in Zeitlupe Essen zerkaut und gelegentlich auch wieder ausgekotzt. Der Sinn dahinter? Eine Abhandlung über die Obsession mit Schönheitsidealen und dem Idealgewicht. Excess Flesh spielt in der Stadt der Engel (wo sonst?), wo die Besessenheit mit perfektem Aussehen noch größer ist als anderswo. Dort lebt die sehr unsichere und von Selbstzweifeln geplagte Jill (Bethany Orr) gemeinsam mit ihrer angeblichen Freundin, dem oberflächlichen, ultraschlanken Model Jennifer (Mary Loveless). Jennifer tyrannisiert und schikaniert Jill, weil sie nicht dem XXS-Ideal entspricht, weil sie keinen Job hat und kein Glück bei den Männern – bis Jill eines Tages die Nase voll hat, Jennifer an die Wand ankettet und den Spieß umdreht.

Excess Flesh entzieht sich eigentlich jeder Genrezuordnung oder Beschreibung. Die Themen der Isolation und natürlich der leider immer noch sehr verbreiteten Essstörungen bindet der Film einem unsubtil auf die Nase und an den beiden engagierten Darstellerinnen kann man dabei eigentlich nicht viel aussetzen. Gerade Mary Loveless als Unsympathin Jennifer enthüllt im Verlauf des Films überraschende Dimensionen ihrer Figur. Doch leider werden die guten Ansätze und die Schauspielerinnen in der überstilisierten, inkohärenten Inszenierung vergraben. Wir springen von einer Ess- und/oder Kotzorgie zur nächsten, währenddessen gibt es surreale Sequenzen in Jills verstörter Gedankenwelt, in denen vielleicht, vielleicht aber auch nicht interessante Plotelemente offenbart werden. Ab der zweiten Hälfte verliert sich der Film in solchen Szenen und ist dann weder schockierend noch eklig oder spannend, sondern einfach nur anstrengend, und das nicht auf die gute Mindfuck-Art und Weise. 2/5

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Nach einem eher durchwachsenen Tag darf es bald hoffentlich wieder aufwärts gehen. In der nächsten Ausgabe unseres Fantasy Filmfest Tagebuchs 2015 werden wir Euch  u. a. von James Wan produzierte Horrorkost (Demonic) und einen französischen Thriller (Night Fare) über einen fiesen Pariser Taxifahrer vorstellen.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 5

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Fantasy Filmfest 2015 Tag 5

Es kann nicht immer nur aufwärts gehen und nachdem das Fantasy Filmfest 2015 in Köln am Vortag mit zwei der größten diesjährigen Highlights kulminierte, fiel Tag 5 ein wenig schwächer aus. Dabei fing er eigentlich super an. Die erste Kritik des Tages stammt zwar (aus Zeitgründen) von einem Gastautor des Tagebuchs, für mich fing jedoch der Tag mit zwei der bislang positivsten Festival-Überraschungen an. Sowohl der australische Mystery-Horrorthriller Backtrack als auch die kleine spanische Perle Shrew’s Nest konnten mich über weite Strecken begeistern, doch mit Infini und Scherzo Diabolico wartete auf mich ein eher durchwachsener Abschluss.

TAG 5

Kung Fu Killer

Fantasy Filmfest 2015 Tag 5 Kung Fu KillerZack zack, jetzt gibt’s was auf den Sack! Nicht von mir freilich, sondern von Martial-Arts-Profi Donnie Yen. Der sitzt zu Beginn seines neuen Streifens im Knast, während in der Stadt ein besonders fieser Serienkiller Kung-Fu-Profis mit ihren eigenen Techniken dezimiert. Yen weiß etwas über den Fall und kann die überforderte Polizei überzeugen, ihn zwecks Ermittlungsunterstützung wieder auf freien Fuß zu lassen. Nachdem er erstmal einen Haufen anderer Knastis brutal abgefrühstückt hat – in einem Martial-Arts-Actioner sollte man zu Beginn natürlich schön dick auftragen. Der körperlich beeinträchtigte Killer geht währenddessen weiter seinem blutigen Handwerk nach, bis ihm die Beamten endlich auf die Schliche kommen und Yen ihm zu Land, auf der Schnellstraße und sogar unter LKWs richtig den Hintern versohlen darf…

Ich bin kein Spezialist, was Martial-Arts-Filme angeht. Allerdings habe ich in der Vergangenheit an diversen Shaw-Brothers-Produktionen und auch der Street-Fighter-Trilogie mit Sonny Chiba stets großen Spaß gehabt. Auch für den brutalen Klopper The Raid 2 bin ich zu begeistern gewesen. In die Fußstapfen von letzterem kann Kung Fu Killer trotz illustrer Besetzung bis in die Nebenrollen ganz sicher nicht treten. Dazu mangelt es zu sehr an einer originellen Inszenierung und einem einigermaßen spannenden Drehbuch. Außerdem dauert es gehörig lange, bis der große Star der Produktion, Donnie Yen, endlich von der Kette darf und zeigt, was er kann. Vielleicht will der Film auch nur ein kleiner moderner Exploitationstreifen für zwischendurch sein. Das gelingt ihm dann wieder ganz gut, trotz einer eher zähen ersten Hälfte. Der Zuschauerapplaus nach einer langen Huldigung populärer Helden im Abspann zeigt mir, dass Kung Fu Killer nicht der große Hit für mich, aber möglicherweise für andere sein könnte: Von mir also eine moderate Wertung für moderate 100 Filmminuten. 3/5 (Bastian G.)

 

Backtrack

Fantasy Filmfest 2015 Tag 5 BacktrackJedes Jahr gibt es beim Fantasy Filmfest Beiträge, die im Vorfeld bereits mit ordentlich Hype versehen wurden und diesem entweder gerecht werden oder auf ganzer Linie enttäuschen, es gibt die üblichen Trashfilme und die speziellen Nischenfilme. Und dann gibt es auch Filme, von denen man eigentlich zuvor nichts gehört hat und von denen man sich daher auch kein Bild macht. Es sind meist Mysterythriller, kleine Grusler, leise Dramen oder Actionfilme. Es ist die klassische Katze im Sack, doch gerade unter solchen Filmen verbergen sich manchmal die Überraschungen, mit denen man nicht rechnet. Dieses Jahr ist es der australische Streifen Backtrack mit Oscarpreisträger Adrien Brody,  dem stets gerne gesehenen Sam Neill sowie der seit The Loved Ones den Festival-Besuchern bekannte Robin McLeavy. Backtrack profitiert ungemein von seiner unscheinbaren Position in der diesjährigen Filmauswahl, denn je weniger man im Vorfeld über den Film weiß, desto eindrucksvoller entfaltet er seine Wirkung. Bei Backtrack merkt man auch wieder einmal das Thema, das sich beim FFF durch viele Filme hindurchzieht – der Verlust eines Kindes. Brody spielt Peter, einen Psychotherapeuten, dessen kleine Tochter durch einen Augenblick seiner Unaufmerksamkeit ums Leben gekommen ist. Peters Ehe droht daran zu zerbrechen und auch auf der Arbeit lassen ihn Flashbacks zum Unfalltag nicht los. Außerdem wird er von schwierigen Patienten verfolgt und seltsamen Visionen geplagt, zu denen vor allein ein seltsames, verschrecktes Mädchen und ein unheimlicher vorbeiratternder Zug gehören. Sieht Peter Geister oder verliert er den Verstand? Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, reist er in seine Heimatstadt und damit in seine eigene Vergangenheit zurück.

Backtrack ist in vielerlei Hinsicht ein sehr klassischer Film, der mit Versatzstücken aus anderen Mysterythrillern und Horrorstreifen arbeitet. Allerdings werden diese Versatzstücke so gekonnt zusammengesetzt und von Regisseur Michael Petroni so spannend inszeniert, dass die mangelnde Originalität hier wirklich nicht schwer ins Gewicht fällt. Nach zahlreichen fragwürdigen Rollen in den letzten Jahren darf Adrien Brody hier wieder zeigen, was er schauspielerisch draufhat. Der eigentliche Star ist hier jedoch die Geschichte, die sich spannungs- und wendungsreich entfaltet und  mit einigen gut platzierten (wenn auch manchmal zu CGI-lastigen) Schreckmomenten für wohlige Gänsehaut sorgt. Wenn alles vorbei ist, darf man sich zu Recht die Frage stellen, ob der Plot nicht etwas zu konstruiert ist und zu bequem zu Ende gebracht wurde. Doch die große Leistung eines solchen Films besteht auch darin, dass man sich dank der gelungenen und durchgehend sehr fesselnden Inszenierung diese Frage nicht während des Films schon stellt, sondern sich sehr bereitwillig auf den spannungsgeladenen Trip einlässt, der Horror- und Thrillerelemente toll kombiniert. Backtrack ist einfach tolle Unterhaltung! 4/5

Shrew’s Nest

Fantasy Filmfest 2015 Tag 5 Shrew's NestSpanien der fünfziger Jahre: die strengkatholische Montse (Macarena Gómez) leidet an Agoraphobie und hat seit Jahren ihre Wohnung nicht verlassen. Geld verdient sie als talentierte Schneiderin und ihre einzige Gesellschaft ist ihre junge Schwester (Nadia de Santiago), die unter Montses strenger Erziehung leidet. Als Montse eines Tages aus dem Fenster eine Annäherung zwischen ihrer Schwester und einem jungen Mann beobachtet, wird dies später direkt mit Rute und einem Gebet bestraft. Montse meint es ja eigentlich nur gut und will sie von den nur das Eine wollenden Männern beschützen. Ihr sehr durchgeregelter und abwechslungsarmer Alltag wird aber durchbrochen, als Carlos (Hugo Silva), der Nachbar on oben, nach einem Treppensturz mit gebrochenem Bein vor der Tür liegt und um Hilfe bittet. Als gute Samariterin bringt Montse es nicht über sich, ihn dort liegen zu lassen. Sie schleppt Carlos in die Wohnung, versorgt ihn und bevor sie sich versieht, erwachen in ihr zuvor ungekannte Gefühle gegenüber dem Fremden. Als diese jedoch nicht erwidert werden, sieht Montse rot.

Ein Mann der mit übel zugerichtetem Bein ans Bett gefesselt ist und der Willkür einer offensichtlich durchgeknallten, geradezu besessenen Frau ausgeliefert ist. Das kennen wir bereits gut aus der Stephen-King-Verfilmung Misery und was dort gut funktionierte, lässt sich auch super in das katholische spanische Setting verpflanzen. Spaniens enfant terrible Álex de la Iglesia  (Witching and Bitching) hat das Erstlingswerk der Regisseure Juanfer Andrés und Esteban Roel produziert und tatsächlich sieht man seinen Einfluss an einigen grotesk-splattrigen Einlagen in der blutigen zweiten Filmhälfte sowie an der Besetzung, in der natürlich auch de la Iglesias Muse, die umwerfende Carolina Bang, in einer kurzen Nebenrolle nicht fehlen darf. Doch es sind nicht diese Elemente, die Shrew’s Nest zu seinem sehr sehenswerten Genrebeitrag machen. Im Kern ist Shrew’s Nest eine sehr tragische, düstere Geschichte und Macarena Gómez' Montse eine komplexe, traurige Figur, die Annie Wilkes aus Misery in nichts nachsteht. Ihre Visionen von ihrem brutalen Vater (grandios: Luis Tosar, der nach Sleep Tight auf Creep-Rollen abonniert zu sein scheint) und gelegentlich eingeworfene Flashbacks offenbaren nach und nach die schockierende Vorgeschichte, die Montse zu dem gemacht hat, was sie nun ist. Gómez liefert mit der Rolle eine absolute Meisterleistung ab und schwankt zwischen Verletzlichkeit und Verzweiflung in einer Szene und blutrünstigem Wahn und Aggression in der nächsten. Neben einer solchen Naturgewalt, geraten Nadia de Santiago und Hugo Silva in den Hintergrund und die langsam aufkeimende Romanze zwischen den beiden fühlt sich arg aufgezwungen an. Außerdem ist das Voiceover von de Santiago, in dem die Parallelen der älteren Schwester zur (titelgebenden) Spitzmaus erklärt werden, eigentlich überflüssig und trägt wenig zu dem Film bei, das die gezeigten Bilder nicht so schon gut rüberbringen.

Doch diese Probleme sind eigentlich nebensächlich, denn im Großen und Ganzen funktioniert Shrew’s Nest von Anfang bis zum Ende sehr gut. Das Setup ist Misery sehr ähnlich, doch es werden gänzlich andere Schwerpunkte gesetzt. Die schockierenden finalen Momente des Films lassen das Gesamtwerk in einem neuen Licht erstrahlen und offenbaren eine weitere tragische Dimension des Films und seiner Charaktere. 4/5

 

Infini

Fantasy Filmfest 2015 Tag 5 InfiniDer einzige reinrassige Science-Fiction-Film im diesjährigen Aufgebot spielt in einer Zukunft, die uns aus anderen Sci-Fi-Filmen gut bekannt ist: im 23. Jahrhundert Erdbevölkerung ist verarmt (95% leben auf oder unterhalb der Armutsgrenze, wie uns eine Infotafel zu Filmbeginn aufklärt), dafür wurde das Weltall erobert und nachdem die Rohstoffressourcen der Erde scheinbar zur Neige gegangen sind, wird der Bergbau nun in fernen Galaxien betrieben. Gereist wird dorthin aber nicht mit Raumschiffen, sondern per Slipstream, was eigentlich kaum anders ist als das aus Star Trek gut bekannte Beamen. Der menschliche Körper wird in Daten zerlegt und in Sekundenschnelle Lichtjahre entfernt wieder zusammengebaut. Eine solche Reise führt ein schwerbewaffnetes Söldnertrupp nach Infini, eine Bergbaustation und den entlegensten Außenposten der Erde im Weltall. Dort müssen sie den einzigen Überlebenden einer mysteriösen Seuche bergen und eine ominöse, gefährliche Ladung sichern. Wer Filme wie Pandorum oder Event Horizon kennt, kann sich ausmalen, wie der weitere Verlauf ist. Infini hat nämlich nicht einen Tropfen Originalität in seiner Handlung. Regisseur und Co-Autor Shane Abbess bedient sich hier ungehemmt bei den oben genannten Filmen, lässt sich aber auch durch Blade Runner (siehe die Kulisse der Megastadt) und Aliens inspirieren, und sogar Erinnerungen an Sphere – Die Macht aus dem All und die Rage-Virus-Infizierten aus 28 Days Later werden hier schnell geweckt.

Doch es ist nicht nur der Originalitätsmangel, der den Film letztlich zu einem Fiasko werden lässt. Mit 110 Minuten Laufzeit hat er einfach nicht genug Geschichte zu erzählen und so darf der Zuschauer lange Passagen ertragen, in denen die Charaktere sich gegenseitig anbrüllen, halluzinieren oder einen langen sinnlosen Kampf gegeneinander austragen, ohne dass der Plot dabei wirklich voranschreitet. Im Gegensatz zum sehr zähen Mittelteil ist der Beginn des Films sehr hektisch und dank zahlreicher Zwischenschnitte zwischen mehreren Locations und Charakteren auch schwer verständlich. Außerdem macht der Film zu Beginn ein Versprechen, die er nie einhält. So erklärt die besagte Infotafel auch, dass der Slipstream-Prozess sehr umstritten und für Datenverfälschung anfällig sei. Dieser Punkt wird jedoch später gar nicht mehr aufgegriffen. Überhaupt spielt der Slipstream, dessen Regeln und Funktionsweise zu Filmbeginn ausführlich erklärt werden, später kaum noch eine Rolle im Handlungsverlauf. Dabei wäre dieser Ansatzpunkt eigentlich deutlich interessanter als der besagte Virus, der die Söldner in den Wahnsinn treibt.

Was also auf der Plusseite übrig bleibt, sind nette Kulissen, die es schaffen, klaustrophobische Stimmung aufkommen zu lassen, wenn auch sie so wirken, als hätte man sie direkt vom Event-Horizon-Set mitgenommen und mit Daniel MacPherson ein toller Hauptdarsteller, der den Drehbuchschwächen bravourös trotzt und alles in der Rolle des verzweifelten Soldaten gibt, der nur zurück zu seiner schwangeren Ehefrau möchte. Wenn der Film den Ursprüngen des Virus auf den Grund geht, offenbart er auch einige interessante (wenn auch wieder einmal nicht originelle) Aspekte. Leider ist das bei weitem nicht genug, um Infini sehenswert zu machen und der finale Twist, den sich der Macher vermutlich als besonders clever vorgestellt hat, sorgte bei mir lediglich für Kopfschütteln. 2/5

Scherzo Diabolico

Fantasy Filmfest 2015 Tag 5 Scherzo DiabolicoZu Beginn des mexikanischen Films Scherzo Diabolico meint man vielleicht, in unserem Protagonisten Aram (Francisco Barreiro) den klassischen Sympathieträger zu sehen. In der Anwaltskanzlei, in der er arbeitet, schuftet Aram wie kein anderer, häuft Überstunden an, erhält jedoch keine sichtliche Anerkennug dafür. Zu Hause wird er von seiner herrischen Ehefrau untergebuttert und mit Sexentzug für seine stagnierende Karriere bestraft und nebenbei muss er sich noch um seinen dementen Vater kümmern, der in ihm ebenfalls einen Versager sieht. Nur klassische Musik verschafft Aram scheinbar eine Freude. Doch die anfängliche Sympathie und Identifikation mit dem schüchternen Durchschnittskerl fallen schnell in sich zusammen, als dem Zuschauer klar wird, dass er einen perfiden, minutiös durchdachten Plan ausheckt, um eine junge Schülerin (Daniela Soto Vell) zu entführen und sich dafür noch Fesseltipps von einer Prostituierten holt, deren Dienste er regelmäßig in Anspruch nimmt. Wenn Aram dann seinen Plan erfolgreich in die Tat umsetzt, setzt er ein Unheil in Gang, das weder er noch die Zuschauer vorausahnen können.

Scherzo Diabolico, dessen Titel einem Klavierstück entliehen ist, welches (gemeinsam mit anderer Klaviermusik) eine wichtige Rolle im Film spielt, ist ein dreckiges, fieses Filmchen, das seine Exploitation-Wurzeln erst in der zweiten Hälfte offenbart. An dieser Stelle soll nicht mehr verraten werden, doch einige Wendungen der Ereignisse sorgen dafür, dass der Fokus der Zuschauer und der Verlauf der Handlung schlagartig um 180 Grad gedreht werden. Im Prinzip haben wir es dann plötzlich mit einem überraschend brutalen, bluttriefenden Rape ’n' Revenge-Film zu tun, ohne jedoch die Vergewaltigungskomponente. Einige für den Verlauf der Handlung nötige Enthüllungen wirken dabei sehr an den Haaren herbeigezogen und jegliche Logik bleibt dabei auf der Strecke. Die Kontrast zwischen der fast ausschließlich psychischen Gewalt in der ersten und den sehr körperlichen Gewaltausbrüche in der zweiten Filmhälfte verleiht dem Film einen sehr inkonsistenten Ton und lässt den Zuschauer sich auch mal die Frage stellen: "Was soll das Ganze eigentlich?" Mit dieser Frage hält der Film sich jedoch in seinem prestissimo-Finale nicht auf. Regisseur Adrián García Bogliano (Here Comes the Devil) ist hier auf jeden Fall ein kurioses Stück gelungen, dessen überwiegend klassische Klaviermusikuntermalung den ungewöhnlichen Rhythmus bestimmt. Scherzo Diabolico ist ein Film, der trotz all seiner Schwächen und Ungereimtheiten nachwirkt. Direkt nach dem Screening wäre meine Wertung vermutlich niedriger ausgefallen, doch im Gegensatz zu den gesehen-und-vergessen-Beiträgen, die jährlich auf dem FFF zu sehen sind, bleibt Scherzo Diabolico mit seiner kompromisslosen und in der finalen Einstellung auf den Punkt gebrachten Bosheit beim Zuschauer wie ein Parasit hängen und geht unter die Haut. Was das Ganze wirklich soll, weiß man dann aber immer noch nicht. 3/5

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Der sechste Tag des Fantasy Filmfests 2015 wird ganz im Zeichen der Damen stehen, allen voran Katharine Isabelle und Olga Kurylenko. In der nächsten Ausgabe erfahrt Ihr, ob ihre neuen Thriller 88 und Momentum ebenfalls einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, wie ihre Darstellerinnen. Dazu gibt es dann noch die Kurzkritik zur Fressorgien-Groteske Excess Flesh.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

"Hannibal" S03E12 "The Number of the Beast Is 666" Kritik

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Der Artikel enthält einige "Hannibal"-SPOILER zur besprochenen Folge!

Wir angeln uns weiter von Folge zu Folge bis zum baldigen Finale der dritten Staffel von "Hannibal" und somit leider auch zur finalen Folge der Serie selbst. Vorher gibt es aber noch eine Episode, und zwar "The Number of the Beast Is 666" zu sehen, eine Folge, die eindrucksvoll ist, sich aber dennoch das Beste noch für die Zukunft aufzuheben scheint. Dialogtechnisch wird diesmal dafür wieder viel aufgetischt und sowohl Hannibal (Mads Mikkelsen) als auch Francis Dolarhyde (Richard Armitage) beweisen sich weiterhin als starke Antagonisten.

Die Folge springt zu Beginn in den Dialog zwischen Will Graham (Hugh Dancy) und Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson). Obwohl die beiden sich nicht sonderlich sympathisch sind, sucht Will die Psychiaterin immer wieder auf um sich mit ihr über Hannibal und sich selbst zu unterhalten. Auch dieses Mal geht es nicht nur um die Arbeit, sondern um Wills persönliche Probleme. Er scheint seit Dolarhydes Überfall in der letzten Folge, "…And the Beast from the Sea", seine Frau Molly (Nina Arianda) mit anderen Augen zu sehen.

Do you see yourself killing her?
– Yes, over and over.

Die beiden reden auch über die besondere Beziehung zwischen ihm und Hannibal, und sicher alle Fanherzen schlugen schließlich höher als Will die entscheidende Frage stellte, die schon so oft im Raum stand:

Is Hannibal in love with me?

Hannibal The Number of the Beast Is 666 Kritik

Das Verhältnis der beiden zueinander hatte tatsächlich schon so einige Male einen gewissen homoerotischen Ton, der mitschwang, nun wird, was irgendwie offensichtlich zu sein schien auch in den Dialog der Figuren übertragen. Natürlich empfindet Hannibal Lecter nicht die Art von Liebe, in der sich beide das Ja-Wort geben und zusammen alt werden, sondern eine Art von Neugier, Interesse und Zuneigung, die sicherlich schwer zu beschreiben ist, weil wir diesem komplexen Menschen nicht einfach in den Kopf sehen können. Bedelia scheint Hannibals Gefühle mehr als Triebe zu verstehen:

Could he feel a stab of hunger for you and find nourishment at the very sight of you?

Im weiteren Verlauf der Geschichte folgen wir den Ermittlungsarbeiten. Will und Jack Crawford (Laurence Fishburne) versuchen zusammen mit Freddy Lounds (Lara Jean Chorostecki) und Frederick Chilton (Raúl Esparza) die Zahnfee aggressiv zu machen, was ihnen im Verlauf der Folge auch sehr gut gelingt. Durch einen Zeitungsartikel verärgern sie Dolarhyde so stark, dass dieser Frederick entführt und zu sich nach Hause bringt. Dort bekommt jener die wahre Gewalt des Drachen zu spüren.

Hannibal The Number of the Beast Is 666 Kritik

Do you see?

Auf verstörerische Art und Weise beißt Dolarhyde Chilton die Lippen und die Zunge ab und schiebt den armen Psychiater dann auch noch brennend auf einem Rollstuhl durch die Nacht. Und ich dachte, ich hatte einen schlechten Tag… Die Serie ging noch nie freundlich mit ihren Figuren um, doch Chilton ist sicherlich einer der am meisten verprügelten Seriencharaktere aller Zeiten. Nachdem ihm die Organe durcheinandergewühlt wurden und er angeschossen wurde, fiel er nun auch noch dem Drachen zum Opfer und ist eine einzige verkohlte Leiche. Mal abgesehen von dem Fakt, dass er tatsächlich noch am Leben ist!

Eine sehr fragwürdige Entscheidung, Chilton nicht sterben zu lassen, hätte das doch von deutlich mehr Konsequenz gezeugt. Natürlich soll gezeigt werden, dass Will Graham an allem Schuld ist, und durch sein Überleben kann Chilton ihm das noch besser vorwerfen, doch langsam ist es auch mal genug und die Serie tut sich nicht mehr gut daran Tode anzukündigen und dann wieder zurückzurudern. Was bei Abigail Hobbs (Kacey Rohl) noch wunderbar funktioniert hat, wird langsam leider fast schon lächerlich.

Der Teil der Folge, der einen am meisten zum Lachen bringt, ist allerdings der, in dem Hannibal sich die beiden abgebissenen Lippen von Dr. Chilton ansehen soll. Alana (Caroline Dhavernas) bringt ihm die Beweisstücke, nicht daran denkend, dass der Kannibale schon seit langer Zeit ohne Menschenfleisch hatte auskommen müssen. Gewitzt und mit einem finster fiesen Blick verschlingt er schnell eine der Lippen, um nachher zu grinsen und zu erwähnen, dass eine einzige für die Ermittlungsarbeit voll und ganz ausreichen würde.

Hannibal The Number of the Beast Is 666 Kritik

Jack Crawford hat ein paar harte Worte für den Serienkiller, den er für das wahre Übel der Geschichte rund um den Roten Drachen hält:

He’s not the dragon. You are the devil himself.

Insgesamt also eine Folge, die etwas zu inkonsequent bleibt und sich weitere wichtige Ereignisse lieber für die Zukunft aufspart. Hoffen wir mal, dass diese Zukunft mit der nächsten Folge gebührend beendet wird, denn nach dem Staffelfinale wird es mit inzwischen großer Sicherheit leider nicht weiter gehen. Auf zum Finale!

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 4

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Fantasy Filmfest 2015 Tag 4

Vier Tage hat es gedauert, aber da waren sie endlich, die ersten großen Highlights des diesjährigen Fantasy Filmfests. Sie haben ein wenig auf sich warten lassen, doch die Wartezeit hat sich gelohnt. Das stilsichere französische Gangsterdrama The Connection und der aus allen Rohren feuernde Partygranate Turbo Kid haben mir den Sonntag versüßt und stellten gleich die bislang besten Beiträge des diesjährigen Jahrgangs dar, auf die ich auch Jahre später mit Sicherheit gerne zurückblicken und sie mir auch fürs Heimkino zulegen werde. Dazu gab es mit Ava’s Possessions eine unerwartete kleine nette, wenn auch sicherlich nicht perfekte Überraschung. Da ließ sich auch der Reinfall des Tages, Stung, leicht verschmerzen. Wie es im Einzelnen um die vier Filme aussah, erfahrt Ihr in den Kurzkritiken unten.

TAG 4

The Connection

Fantasy Filmfest 2015 Tag 4 The ConnectionWie schon der Vortag, begann auch mein vierter Tag beim Fantasy Filmfest 2015 mit einem tollen Film über Gangster und Polizisten, jedoch mit dem Unterschied, dass der Hauptcharakter von The Connection im Gegensatz zum Protagonisten von Hyena durch und durch rechtschaffen ist. Gelegentlich muss er das Gesetz ein wenig verbiegen, doch das dient nur dazu, um die wirklich bösen Buben hinter Gittern zu bringen. Oscarpreisträger Jean Dujardin (The Artist), den FFF-Besucher mit den Agenten-Komödien OSS 117 kennengelernt haben, spielt den engagierten Untersuchungsrichter Pierre Michel, der in Marseille der Siebziger in die Abteilung für organisierte Kriminalität versetzt worden ist und sich zum Ziel gesetzt hat, den florierenden Drogenschmuggel der Stadt, die sogennannte French Connection, zu zerschlagen. An deren Spitze steht Gaëtan "Tany" Zampa (Gilles Lellouche), der unantastbare Pate von Marseille. Michel, der Unbestechliche (so wie der deutsche Titel des Films auch lautet, der bei uns nächsten Monat auf DVD und BluRay veröffentlicht werden wird), begibt sich auf einen sechs Jahre währenden, unerbitterlichen Kreuzzug gegen Tany und seine weitläufige Organisation. Auf jeden kleinen Erfolg folgt ein Rückschlag. Korrupte Polizisten und Politiker legen Michel Steine in den Weg und sowohl für ihn als auch für seine Familie ist seine Arbeit, die geradezu an Besessenheit grenzt, mit hohen Kosten verbunden. Er muss sich die Frage stellen, wie weit er bereit ist zu gehen, um zu triumphieren.

Es gibt einen Grund, weshalb die deutschen Beiträge beim Fantasy Filmfest in der Regel sehr rar gesät sind (dieses Jahr ist eine Ausnahme), während die Franzosen sich schon lange als fester Bestandteil des Festivals etabliert haben. Unsere gallischen Nachbarn haben es einfach drauf und wissen, wie man gutes, hochwertiges Kino produziert in den Genres, die bei uns die Studios gar nicht erst anfassen wollen. Nicht nur im Horrorkino haben sich die Franzosen im letzten Jahrzehnt immer wieder aufs Neue bewiesen, auch französische Action- und Gangsterfilme vom Feinsten bekommen wir  regelmäßig vorgeführt. The Connection von Cédric Jimenez ist ein solches Gangsterepos, das in seiner sehr stilsicheren Machart mit jedem Hollywood-Werk mithalten kann, jedoch ein Stück rauer daherkommt. Jedem Cineasten sollte The French Connection mit Gene Hackman, hierzulande ursprünglich als Brennpunkt Brooklyn bekannt, ein Begriff sein. The Connection beleuchtet die französische Seite dieser Geschichte. Sicherlich ist der Film eine Spur konventioneller als der britische Hyena vom Vortag, jedoch keineswegs schlechter. Der Film fängt die Siebziger-Ära von Marseille samt Wildlederjacken, Koteletten, Glamour-Discos, Kettenrauchern und gelegentlichen Gewaltausbrüchen auf offener Straße wundervoll ein. Es ist tolles, schön abgefilmtes, altmodisches Kino, das die große Leinwand verdient hat. Doch das Juwel des Films sind seine beiden Hauptdarsteller. Als Kontrahenten gehen Dujardin und Lellouche in ihren Rollen voll auf, wobei Lellouche den komplexeren Part hat. Beide sind Familienväter und obwohl der Film nie Zweifel daran lässt, dass Tany ein skrupelloser Krimineller ist, wird er trotzdem nicht als eindimensionale Schablone gezeigt, sondern als ein Mensch, der seine Frau und Kinder liebt, der den Verlust seiner Freunde betrauert und der nicht einfach zu sinnloser Gewalt greift. Obwohl man um seine Missetaten Bescheid weiß, kommt man nicht umhin, mit ihm ebenso mitzufühlen wie mit Michel und gerät in ein Dilemma der Sympathien.

Neben diesen beiden Leinwandgrößen gerät der dritte große Star im Bunde, Benoît Magimel, als Tanys einstiger Verbündeter und späterer Konkurrent, leider zu sehr in den Hintergrund und man hat auf jeden Fall das Gefühl, dass hier zugunsten der Laufzeit auf eine weiterer Entwicklung der Figur verzichtet wurde. Darin liegt eigentlich die größte, vielleicht sogar einzige Schwäche des Films. Obwohl er mit 135 Minuten Laufzeit der längste Beitrag des Fantasy Filmfests 2015 ist, fühlt er sich insbesondere im finalen Akt etwas zu hektisch an. Schließlich deckt The Connection einen Zeitraum von sechs Jahren ab und man wird das Gefühl nicht los, dass hier einiges vereinfacht oder schlicht übersprungen wurde. Am Ende, wenn der Film der Zielgeraden atemlos entgegenhetzt, bleiben leider einige Fragen offen. Man wünscht sich, dass die Macher sich getraut hätten, in die Vollen zu gehen und ein dreistündiges Epos abzuliefern. Dieses wäre vielleicht zu einem Meisterwerk des Krimigenres geworden, so haben wir aber "nur" einen verdammt guten Gangsterfilm mit fantastischen Darstellern, und das ist schon mehr, als man von vergleichbaren deutschen Filmen der letzten Jahre behaupten kann. 4/5

 

Stung

Fantasy Filmfest 2015 Tag 4 StungWenn man vom Teufel spricht: im Anschluss an The Connection gab es mit Stung dann auch einen deutschen Genrebeitrag zu sehen, allerdings aus vermarktungstechnischen Gründen in englischer Sprache mit US-Schauspielern produziert. Wie man vom Produzenten nach der Aufführung erfahren hat, ging die Rechnung auf und Stung wurde noch vor der Fertigstellung in über 20 Länder verkauft. In dem Creature Feature lässt Erstlingsregisseur Benni Diez mutierte Riesenwespen auf die Gäste einer beschaulichen Gartenparty los, zu denen auch Clifton Collins Jr. (Der blutige Pfad Gottes 2) und Genregröße Lance Henriksen (Pumpkinhead) gehören. Im Mittelpunkt stehen die Catering-Beauftragte Julia (Jessica Cook) und ihr in sie verknallte Mitarbeiter Paul (Matt O’Leary). Mehr gibt es zu der Handlung dieses sehr simplen, back-to-the-roots Creature Features auch nicht zu sagen. Der Film verschwendet nicht viel Zeit mit dem Aufbau des Settings oder der Figuren und schon nach zwanzig Minuten wird fröhlich gestochen, geschleimt und gesplattert. Doch gerade wenn man sich händereibend auf fröhlich-trashigen Spaß im Geiste der B-Movies der Achtziger einstellt, kommt der Film zu einem fast schon unerträglichen Stillstand, wenn die Überlebenden des ersten Angriffs sich im Anwesen verschanzen. Es folgt eine sich ewig hinziehende Sequenz, in denen mittels langweiliger Dialoge (vergeblich) versucht wird, den Figuren ein wenig Tiefe zu geben oder den einen oder anderen Lacher zu landen. In all dieser Zeit sehnt man sich nach der Rückkehr der Wespen. Nach einer gefühlten Stunde ohne die Viecher kommt der Film langsam wieder in Fahrt, erreicht aber nicht mehr das Tempo oder den Spaß, den er anfangs versprochen hat. Eins der Probleme dabei ist, dass die beiden Hauptcharaktere keineswegs interessant, lustig, cool oder sonderlich sympathisch sind. Das müssen sie ja eigentlich in einem Film wie diesem nicht unbedingt sein, doch wir verbringen viel zu viel Zeit mit ihnen und viel zu wenig Zeit mit den eigentlichen Stars des Films, um darüber hinwegzusehen, dass die Protagonisten etwa genau so viel Tiefe haben wie die Wespen.

Dass Stung trotz guter Vorsätze und wirklich großartiger, handgemachter Kreatureneffekte scheitert, liegt keineswegs daran, dass es ein deutscher Film ist. Im Gegenteil sieht und fühlt sich der Streifen eigentlich in keinem Moment so an, als sei er nicht in Hollywood entstanden. Optisch und tricktechnisch wird hier hohes B-Movie-Niveau geboten. Umso mehr finde ich es dann schade, dass trotz dieser guten Elemente Stung nie zu dem Partykracher wird, der er vermutlich gerne wäre. Für eine Horrorkomödie ist er nicht lustig genug, für einen ernsthaften Horrorfilm ist er zu albern. Was bleibt, sind einige nette Einfälle, tolle, schleimige Splattereffekte und ein stets souveräner, wenn auch sehr in die Jahre gekommener Lance Henriksen. 2/5

Turbo Kid

Fantasy Filmfest 2015 Tag 4 Turbo KidWir schreiben das Jahr 1997. Eine (vermutlich nukleare) Apokalypse und saurer Regen haben dafür gesorgt, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr existiert. Es gibt keine Autos, kaum moderne Technik und die wertvollste Ressource in dieser verwüsteten Welt ist Wasser (Tank Girl lässt grüßen). Dieses wird vor allem von Zeus (teuflisch böse: Michael Ironside) kontrolliert, einem einäugigen sadistischen Tyrannen, der mit seinem maskierten Handlanger Skeletron über das Ödland regiert und zu seiner Belustigung brutale Gladiatorenspiele veranstaltet. In dieser gottverlassenen Welt lebt auch der junge Kid (Munro Chambers), der im Abfall nach verwertbaren Gegenständen sucht und dessen einzige Freude im Leben seine Comics über den Superhelden Turbo Rider sind. Als er dabei eines Tages die quirlige, überschäumend begeisterte und stets optimistische Apple (bezaubernd: Laurence Labeouf) trifft, die ihm prompt einen blinkenden Armband umschnallt, wird sein Leben auf den Kopf gestellt und bevor er sich versieht, findet er sich gemeinsam mit Apple in der Schusslinie von Zeus wieder. Zum Glück fällt ihm auch ein Superhelden-Outfit samt einer mächtigen (wenn auch gelegentlich unzuverlässigen) Waffe in die Hände. Das ist zwar noch nicht genug, um ihn zu Turbo Rider zu machen, doch vielleicht kann er ja Turbo Kid sein, wie Apple vorschlägt. Es beginnt ein Kampf um Leben, Tod und Wasser, bei dem der einzige Verbündete von Kid und Apple Frederic der Armdrücker (Aaron Jeffery) ist, ein cooler, sich selbst aber manchmal überschätzender Draufgänger.

Das Achtziger-Kino zu imitieren ist schon lange "in", doch wenigen Filmen gelingt das so gut und so erfrischend (obwohl jede Einstellung einem auch irgendwie vertraut erscheint) wie Turbo Kid. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man den Filmemachern anmerkt, wie viel Leidenschaft und Begeisterung sie in den Film gesteckt haben. Turbo Kid ist der beste Endzeit-Trashfilm der Achtziger, der nicht in der Dekade entstanden ist! Synthie-Score, Charakternamen wie Zeus, Skeletron oder Frederic the Armwrestler und sehr viele herrlich übertriebene Splattereinlagen machen den Retro-Spaß nahezu perfekt. Turbo Kid ist womöglich auch der blutigste Jugendfilm aller Zeiten, denn trotz der aufgekurbelten Gedärme (!), der abgehackten Gliedmaßen und den explodierenden Körpern ist der Film in seinem Kern eine fast schon unschuldige Abenteuergeschichte von einem Jungen, der unversehens zum Helden wird. In einem anderen, ernsthafteren Film wäre Frederic, der stark an den jungen Clint Eastwood aus Leone-Zeiten oder an Indiana Jones angelehnt ist, der Held der Geschichte, doch nicht hier. Dies ist die Story von Kid und Apple und es ist das Zusammenspiel zwischen den beiden, ihre Freundschaft und die zarte Romanze, die das Herzstück des Films bildet. Dabei ist Apple das prototypische Manic Pixie Dream Girl, allerdings mit einem cleveren Twist. Ihre übertrieben positive Art wird vermutlich den einen oder anderen Zuschauer in den Wahnsinn treiben, doch mir zauberte jeder ihrer Auftritte ein Lächeln ins Gesicht, was an Labeoufs hingebungsvollem Spiel liegt und ihrer tollen Chemie mit dem zurückhaltenden Protagonisten.

Doch wer hier nicht wegen der Indie-mäßigen Freundschafts-/Liebesgeschichte vorbeischaut, sondern es ordentlich knallen und splattern sehen will, kommt voll und ganze auf seine Kosten. Es mangelt dem Film nicht an innovativen Einfällen (BMX-Räder als Fortbewegungsmittel der Post-Apokalypse!) und obwohl das ganze Werk natürlich eine direkte Hommage an ein bestimmtes Genre aus einer bestimmten Filmära ist, hält er sich zum Glück bei spezifischen Referenzen weitestgehend zurück (auch wenn der Plot durchaus an Tank Girl erinnert!) und erschafft seine eigene Welt, mit eigenen Regeln. Turbo Kid ist der ultimative Crowd Pleaser für alle Kinder der Achtziger und Neunziger; es ist ein Film, der dazu bestimmt ist, ein Kultklassiker zu werden. Es gibt Humor, Romantik, Action, Splatter und einen Gartenzwerg als Waffe – was will man mehr? 4,5/5

Ava’s Possessions

Fantasy Filmfest 2015 Tag 4 Ava's PossessionsFilme, in denen Menschen (meist junge Frauen) von einem Dämon oder dem Leibhaftigen höchstpersönlich besessen werden und einem Exorzismus unterzogen werden müssen, gibt es wie Sand am Meer. Exorzismus-Filme machen seit über 40 Jahren eins der erfolgreichsten Subgenres des Horrorkinos aus. Meist enden diese Filme damit, dass der Dämon erfolgreich ausgetrieben ist. Doch wie geht es für die Betroffenen danach weiter? Wie gehen sie mit der Tatsache um, dass ein Dämon in ihnen lebte und ihre Handlungen steuerte? Was tut man, um eine erneute Besessenheit vorzubeugen? Diese Fragen stellt sich Ava’s Possessions. In der Welt dieses Films sind Besessenheit durch einen Dämon eine den Menschen und dem Staat nicht unbekannte Angelegenheit und deshalb existieren sogar Selbsthilfegruppen für ehemalige Besessene. Einer solchen muss Ava (Louisa Krause) auch beiwohnen, nachdem ihr Dämon ausgetrieben wurde. Ihre Freundinnen und ihre eigene Familie verhalten sich ihr distanziert gegenüber und sie quält die Frage, was sie in der Zeit ihrer Besessenheit angestellt hat und wieso ausgerechnet sie betroffen war.

Die Idee einer Selbsthilfegruppe für Ex-Besessene klingt nach dem Stoff einer Filmparodie, doch obwohl der Film einige lustige Momente zu bieten hat, nimmt er sich deutlich ernster, als man vielleicht nach dem Lesen der Inhaltsangabe vermuten würde. Ava’s Possessions ist zu gleichen Teilen eine Horrorkomödie wie auch ein Mysterythriller und zu meiner großen Überraschung funktioniert die Mischung über weite Strecken auch echt gut. Ich würde nicht so weit gehen, um Ava’s Possessions als eine verborgene Perle zu bezeichnen, doch er gehört definitiv zu den kleinen Überraschungen dieses Jahrgangs. Ich folgte Ava gerne auf ihre Suche nach Antworten und auch wenn die Twists am Ende etwas plötzlich und beinahe willkürlich erschienen und einige Fragen einfach unbeantwortet blieben, war der Weg dorthin ziemlich spannend. Zu bemängeln ist dafür leider der ziemlich billige Look des Films, was dem niedrigen Budget zu verdanken ist. Außerdem haben die Filmemacher sich vielleicht mehr vorgenommen, als sie innerhalb der 90-minütigen Laufzeit abhandeln konnten, doch es gebührt Lob dafür, dass die originelle Idee hier nicht lediglich für einseitige Gags über Exorzismen und Besessenheit benutzt wurde, sondern dass die Balance zwischen Komödie und Thriller erreicht wurde.  3,5/5

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Mal schauen, ob der Aufwärtstrend sich auch am fünften Tag fortsetzen wird. Dann erwarten Euch Kurzrezensionen zum Weltraum-Schocker Infini und der spanischen Misery-Version Shrew’s Nest.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Shrew’s Nest (2014)

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Shrews Nest (2015) Filmkritik

Musarañas, ES/FR 2014 • 95 Min • Regie: Juanfer Andrés, Esteban Roel • Drehbuch: Juanfer Andrés, Sofía Cuenca • Mit: Macarena Gómez, Nadia de Santiago, Hugo Silva, Luis Tosar, Carolina Bang • Kamera: Ángel Amorós • Musik: Joan Valent • FSK: ab 16 Jahren • Verleih: OFDb Filmworks • Heimkinostart: 8.1.2016

Shrews Nest (2015) Filmbild 1Im Mittelpunkt des intensiven Horrordramas „Shrew’s Nest“ steht die Beziehung zweier Schwestern, die sich in Madrid nach dem Ende des spanischen Bürgerkrieges eine Wohnung teilen. Die Jüngere (Nadia de Santiago) ist schön und bei den Männern begehrt, während die ältere, psychisch labile Montse (Macarena Gómez) aufgrund von Agoraphobie ihr Domizil nicht verlassen kann und ohne ihren stringenten christlichen Glauben und die Liebe zu ihrer Schwester wohl schon längst an der drückenden Isolation zerbrochen wäre. Das Spielfilmdebüt von Juanfer Andrés und Esteban Roel birgt ein tragisches Geheimnis. In seinen besten Momenten ruft es gar Arbeiten der Spannungsgroßmeister Alfred Hitchcock und Roman Polanski ins Gedächtnis, besonders was den äußerst effektiven Umgang mit dem bewusst reduzierten Setting angeht.

Shrews Nest (2015) Filmbild 2Der Film beginnt mit der Stimme der namenlos belassenen jüngeren Schwester: In ihrer Kindheit habe ihr Montse stets vor dem Einschlafen Märchen vorgelesen, die das Mädchen schwer beunruhigt haben – wie die Kamera kurz darauf enthüllt, handelt es sich bei dem vermeintlichen Kinderbuch jedoch in Wahrheit um die Bibel. Die Mutter sei nach Angabe Montses nach ihrer Geburt verstorben, der Vater einfach abgehauen. Trotz strenger schwesterlicher Erziehung überträgt sich die freudenlose Enthaltsamkeit nicht auf das Mädchen. Jahre später ist sie volljährig und der erste Mann bandelt auf der Straße mit ihr an, was Montse zur Weißglut bringt: Die wollen eh alle nur dasselbe. Als irgendwann jedoch Carlos (Hugo Silva), der attraktive Nachbar von der Wohnung darüber, nach einem Sturz vor der Tür liegt und Montse ihn zur Pflege aufnimmt, soll sich das Leben beider Schwestern für immer verändern …

Shrews Nest (2015) Filmbild 3Obwohl es in „Shrew’s Nest“ vor allem um Gefangenschaft geht, sollte einen der Plot des Mannes, den Montse im Verlauf für sich beanspruchen möchte und ihn deshalb mit aller Gewalt ans Bett fesselt, nicht vorschnell an einen simplen „Misery“-Ableger denken lassen. Carlos ist eine Figur, die der Handlung einen weiteren Anstoß verpasst, aber letztlich bleibt er im Vergleich zu den anderen Protagonistinnen eher blass gezeichnet. Anders als in Rob Reiners erfolgreicher Stephen-King-Adaption steht nicht die weibliche Besessenheit von einem Mann (und dessen Romanfigur) im Vordergrund, sondern das Innenleben Montses und die Umstände, die sie zu der geformt haben, die sie ist. „Shrew’s Nest“ führt die Zuschauer langsam tiefer in die Vergangenheit der Minifamilie und lädt dazu ein, die zur Wahrheit führenden Fragen bereits selbst zu stellen. Um ehrlich zu sein, hat mich das Ende dann auch nicht wirklich eiskalt überrumpelt, aber da die Regisseure einen so wunderbar schlüssig und mit der richtigen Gefühlsbetonung an dieses heranführen, stört mich das Ausbleiben der großen Überraschung keineswegs.

Shrews Nest (2015) Filmbild 4Überhaupt gibt es trotz weniger Charaktere und limitierter Schauwerte viel in und unter dem psychologischen Kammerspiel, das Vergleiche mit den Klassikern „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ von Robert Aldrich und Polanskis Frühwerk „Ekel“ geradezu aufzwängt, zu entdecken. Auch wenn die spanisch-französische Produktion in der blutigen zweiten Hälfte einen Hauch Grand Guignol versprüht (das spanische enfant terrible Álex de la Iglesia und der „Inside“-Geldgeber Franck Ribière haben das Projekt mitgestemmt), fesseln einen hier nachdrücklich eher die schwermütige Atmosphäre und das herausragende Spiel der Darstellerinnen. Macarena Gómez, die mir in früheren Rollen nie besonders aufgefallen ist, verkörpert die zerrissene Montse gar so eindringlich, dass ich unweigerlich an die französische Oscarpreisträgerin Marion Cotillard denken musste. Diese Frau sollte man in Zukunft im Auge behalten.

Juanfer Andrés und Esteban Roel beenden „Shrew’s Nest“ mit einem Akt der Befreiung. Und auch ich fühlte mich nach der Sichtung einer solch runden und intelligenten Genreproduktion befreit. Der verstörende und trotzdem seltsam poetische Film wird einem noch länger im Gedächtnis haften bleiben.


Trailer


Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 3

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Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Tag 3

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

Voller Elan und in Hoffnung auf die ersten Höhepunkte des Festivals, ging es für mich weiter am dritten Tag des FFF 2015. Die äußerst bequemen Sessel des Residenz-Kinos weiß ich gerade angesichts des dauerhaften Filmkonsums momentan sehr zu schätzen, allerdings stellen sie auch eine besondere Herausforderung an die gezeigten Filme, denn wenn es über längere Zeit langsam und ruhig wird, liegt das Sandmännchen schon auf der Lauer, insbesondere da ein regulärer Schlafrhythmus während des Filmfests sowieso eher nachrangig ist.

Zum Glück kam am dritten Tag nie Langeweile auf. Auch wenn ich weiterhin auf die großen Knaller wie It Follows, District 9 oder So finster die Nacht aus vergangenen Jahren warte, ging es an Tag 3 stetig bergauf und Totalausfälle wie The Pack vom Vortag blieben mir glücklicherweise erspart. Stattdessen gab es einen fesselnden, wenn auch nicht makellosen Gangsterstreifen von der britischen Insel, einen gerne in die Irre führenden Paranoia-Thriller, ein bildgewaltiges, düsteres Märchen und einen Beziehungsfilm, wie man ihn so garantiert noch nie gesehen hat. Los geht’s mit dem Kurzkritiken zu Hyena, The Invitation, Nina Forever und Das Märchen der Märchen:

TAG 3

Hyena

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch HyenaWenn Drive-Regisseur Nicolas Winding Refn in einem Film die Zukunft des Gangsterkinos sieht, dann macht das neugierig. Wird Hyena solchem Lob wirklich gerecht? Vielleicht nicht, doch es ist ein verdammt sehenswertes, kompromissloses Stück des berüchtigten britischen Krimigenres, das zuweilen aufgrund seiner brutalen Realität hart anzusehen ist. Der Schauplatz ist London, jedoch ist das weit fernab der touristischen Stadt, die viele aus Filmen oder von Postkarten kennen. Anstelle des Big Ben und des Piccadilly Circus, landen wir in dreckigen Straßen und Hinterhöfen der britischen Hauptstadt, in schmuddeligen Discos und Stripclubs. Das ist der Lebensraum von Michael (Peter Ferdinando). Michael ist ein Polizist, er und seine Einheit räumen den Dreck der Stadt auf und sind dabei außerordentlich effizient, was Verhaftungsquoten angeht. Doch sie haben längst die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch vergessen. Oder vielleicht kannten sie diese Grenze auch nie. Das erfahren wir nicht, denn der Film setzt sich nicht ausführlich mit der Vergangenheit auseinander, sondern mit dem Hier und Jetzt. Korruption, Koksexzesse (nicht unähnlich dem Eröffnungsfilm Kill Your Friends) und rücksichtslose Gewalt stehen für Michael und seine Kumpel an der Tagesordnung, doch weil sie die Uniformen tragen und Ergebnisse liefern, werden auch die Methoden nicht hinterfragt. Bis die Abteilung für innere Angelegenheiten auf den Plan tritt und Michael und seine Leute für alles zur Rechenschaft ziehen will – koste es, was es wolle. Als ob er damit noch nicht genug Probleme am Hals hat, übernimmt eine albanische Gang, angeführt von zwei Brüdern, von denen einer aussieht wie ein dickerer Colin Farrell, die Herrschaft über die Unterwelt seines Viertels und dabei lassen sie nicht Worte, sondern Macheten sprechen. Das fragile Gleichgewicht gerät außer Kontrolle und angesichts der Brutalität der Albaner gegenüber einer jungen, versklavten Frau, erwacht auch bei Michael das Beschützerinstinkt. Kann er sie, und vor allem seine Seele retten oder ist es für beide zu spät?

Als ich eingangs den Film als "kompromisslos" bezeichnet habe, war das nicht bloß dahingesagt. Hyena ist nicht für Zartbesaitete und sicherlich auch nicht für den Massengeschmack. Wir sehen hier hässliche Menschen in hässlichen Situationen, die hässliche Dinge tun, und gerade wenn man einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen glaubt, wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Wer den typischen schwarzen Humor der Brit-Crime-Filme erwartet, wird enttäuscht. Hier ist alles todernst, bis auf einige fast schon surreale Momente der zugedröhnten Ausgelassenheit von Michaels Kollegen. Ansonsten bleibt der Ton sehr schwermütig, böse und bis an die Schmerzensgrenze deprimierend. Identifikationsfiguren bietet der Film keine und es ist auch nach Michaels Gewissensfindung nicht einfach, mit ihm zu sympathisieren. Doch Peter Ferdinandos vielschichtiges Spiel eines Mannes, der versucht Gutes zu tun, aber vielleicht gar nicht mehr weiß, wie es geht, macht "Bad Lieutenant" Michael zu einer faszinierenden Figur, während Elisa Lasowski Ariana, das gepeinigte Opfer der Albaner, mit großer Verletzlichkeit und tief sitzender Trauer spielt. Es ist jedoch Gerard Johnsons Regie, die eine besondere Erwähnung verdient. Von der ersten neonbeleuchteten, nahezu wortlosen Szene im Film wird klar, dass Johnson eine besondere Vision für seinen Film hatte und es ist nicht schwer zu erkennen, wieso ausgerechnet Refn großen Gefallen daran fand. Es ist schwer, sich nicht in den blutigen Strudel des Films ziehen zu lassen, wenn man sich erst einmal darauf einlässt, doch gerade beim Filmende werden sich die Geister sehr scheiden. Manch einer wird es mutig nennen, doch viel häufiger wird man eher Adjektive wie "frustrierend" und "unbefriedigend" damit in Zusammenhang bringen. Tatsächlich hinterlässt das Finale einen bitteren Nachgeschmack bei dem ansonsten sehr fesselnden Film, doch irgendwie passt es auch zum Vorangegangenen. Hyena will sich in keine Nische und keine Schublade zwängen lassen, auch wenn es bedeutet, bei vielen Zuschauern anzuecken. 4/5

 

The Inivitation

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch The InvitationKaryn Kusama, Regisseurin der sträflich unterschätzten Horrorkomödie Jennifer’s Body, ist zurück mit einem neuen Film. Kusamas drei bisherige Regiearbeiten (Girlfight, Aeon Flux, Jennifer’s Body) könnten kaum unterschiedlicher sein und auch The Invitation ist in keinster Weise mit einem der drei zu vergleichen. Diesmal fehlt sogar Kusamas bisheriges Markenzeichen, eine starke, emanzipierte Frauenfigur im Mittelpunkt der Geschichte. Stattdessen präsentiert uns The Invitation seines Sohns in die Brüche ging. Will und seine neue Freundin Kira (Emayatzy Corinealdi) werden von Wills Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard) und ihrem neuen Ehemann David (Michiel Huisman) zu einer Dinnerparty mit alten Freunden eingeladen. Schon die Anreise zum schicken Anwesen auf den Hollywood Hills verläuft nicht ganz unproblematisch. Will fährt einen Kojoten an und muss das schwerverletzte Tier töten. Auch die Reunion mit Eden, die zuvor zwei Jahre lang gänzlich vom Radar verschwunden war, ist ein wenig merkwürdig. Was ist diese seltsame Bewegung "The Invitation", der Eden und David sich angeschlossen haben? Wer sind die beiden anwesenden Fremden Sadie (Lindsay Burdge) und Pruitt (John Carroll Lynch)? Was hat es damit auf sich, dass alle Türen verschlossen sind?

The Invitation ist sicherlich einer der Filme, die davon profitieren, wenn man nicht viel über sie im Vorfeld weiß. Doch auch wenn man anfangs glaubt, genau zu wissen, wohin die Reise führt, führt Kusama uns gekonnt in die Irre. Will ahnt nichts Gutes hinter der hippiehaften Fassade seiner Ex und deren Mann, doch ist es lediglich die Paranoia eines traumatisierten Mannes, der sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht? Mehrmals glaubt man die Antwort zu kennen, doch wie auch beim Protagonisten, kommen auch beim Zuschauer Zweifel auf. Gehören das Paar und deren seltsame Gäste einer Sekte an? "Das ist Los Angeles, hier ist das nichts Außergewöhnliches," meint eine gemeinsame Freundin und lässt so auch ein wenig satirische Kritik an der Stadt der Engel einfließen, wo es zwischen Kabbala und Scientology wirklich nicht an fragwürdigen Glaubensrichtungen mangelt. Auf der Suche nach Erlösung und Erleuchtung öffnen sich die Reichen und die Schönen, zu denen Eden und David zweifelsohne gehören, auch den ungewöhnlichsten Religionen und Bewegungen. Augenscheinlich geht es ihnen damit auch viel besser als dem immer noch stark leidenden Will. Oder ist auch das nur eine Illusion?

Doppelbödig, gelegentlich schwarzhumorig (bis einem das Lachen im Halse stecken bleibt) und besonders von Marshall-Green überzeugend gespielt, The Invitation ist ein kleines, feines Stück Paranoia-Kino, das den Zuschauer auf dem Trab hält, auch wenn eigentlich sehr wenig passiert und der Film über seine gesamte Laufzeit ein dialoglastiges Kammerspiel ist. Ein wenig geht dem Streifen zwischendurch die Puste aus, besonders wenn er mal wieder in gewohnten Bahnen verläuft. Gerade wenn die Auflösung des Ganzen gegen Ende offenbart wird, verliert The Invitation seinen Reiz und kann dann wieder erst mit der unheimlichen finalen Kameraeinstellung punkten. Der Weg ist hier das Ziel und es lohnt sich, diesen zu gehen. 3,5/5

Nina Forever

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Nina ForeverWenn man an bescheuerte deutsche Titel denkt, mit denen so manch ein Film in vergangenen Jahren abgestraft wurde (5 Zimmer Küche Sarg?!), kann ich mir vorstellen, dass Nina Forever hierzulande Meine Freundin, die Leiche meiner Ex und ich heißen wird. Das bringt den Inhalt des vielleicht bizarrsten Films des diesjährigen Fantasy Filmfests auf den Punkt. Nina Forever, von den Erstlingsfilmemachern Ben und Chris Blaine, handelt von Holly (gespielt vom britischen Mila-Kunis-Lookalike Abigail Hardingham), einer jungen Frau, die zwischen ihrer Ausbildung zur Sanitäterin und ihrem Mindestlohn-Job im Supermarkt leicht verloren durchs Leben driftet und die von ihrem Ex-Freund mit der Begründung abserviert wird, sie sei zu nett und durchschnittlich. Eine neue Chance auf Liebesglück erhofft sie sich mit Rob (Cian Barry), ihrem stets deprimierten Arbeitskollegen. Für seine Gemütslage gibt es auch einen guten Grund – Robs Freundin Nina (Fiona O’Shaughnessy), die er mit einem "Nina Forever"-Tattoo auf seinem Rücken verewigt hat, starb vor einiger Zeit bei einem Motorradunfall. Holly lässt sich jedoch nicht entmutigen, dringt zum traurigen jungen Mann tatsächlich vor und für sehr kurze Zeit scheint das gemeinsame neue Glück perfekt – bis beim ersten Versuch eines Geschlechtsakts plötzlich die blutüberströmte, tote, aber dennoch um keinen bissigen Spruch verlegene Nina im gemeinsamen Bett auftaucht. An diesem Punkt muss man sich vom Gedanken verabschieden, irgendetwas vom Gesehenen einem Realitätscheck zu unterziehen, denn anstelle der Panik, die man normalerweise erwarten würde, wenn eine Untote neben einem im Bett auftauchen würde, wird Ninas Rückkehr ziemlich schnell als eine durchaus überwindbare Unannehmlichkeit akzeptiert. Anstatt schreiend davonzurennen und die nächsten fünf Jahre beim Psychiater zu verbringen, ist Holly fest entschlossen, die Beziehung mit Rob nicht aufzugeben. Wenn sie es schafft, dass er über Nina hinwegkommt, wird diese irgendwann aufhören, bei jedem Sex der beiden aufzutauchen, oder?

Nina Forever lässt sich keinem Genre zuordnen und hat gleichzeitig Elemente aus vielen – ein wenig Horror hier, ein bisschen Verlustdrama da, einige sehr britische Humorspitzen, ohne dass es je wirklich eine Komödie ist, und sogar eine Prise Erotik fehlt beim schrägsten Ménage-à-trois der letzten Jahre nicht. Letztlich ist Nina Forever natürlich auf einer metaphorischen Ebene zu sehen und setzt sich mit der Verarbeitung von Verlust auseinander (wie auch viele andere Filme in diesem FFF-Jahrgang), aber auch damit, wie unsere Verflossenen spätere Beziehungen noch belasten oder gar zugrunde richten können, wenn man nie einen Abschluss finden konnte. Die Umsetzung dieser altbekannten Grundgedanken ist erfrischend anders und insbesondere die über große Strecken des Films nackt agierenden Hardingham und "Utopia"-Darstellerin O’Shaughnessy spielen ihre Rollen bravourös. Doch das Konzept alleine reicht viel eher für einen Kurzfilm aus denn für eine fast 100-minütige Laufzeit und so schleichen sich spätestens bei der dritten Sexszene, in der Nina aus einer Blutlache wieder einmal auftaucht, Redundanzen ein, die der Film bis zum Schluss nicht loswerden kann. Nina Forever ist ein lobenswerter Versuch, alte Themen mit einer neuen Herangehensweise aufzugreifen und ein Film, der sich die Bezeichnung "mal was Anderes" redlich verdient hat, doch vielleicht bietet die Idee einfach nicht genug Potenzial und Geschichte für einen Langfilm.  2,5/5

Das Märchen der Märchen

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Das Märchen der MärchenMit den neuen Disney-Märchenblockbustern à la Cinderella, Maleficent oder Alice im Wunderland hat Matteo Garrones Das Märchen der Märchen wenig gemeinsam und doch ist es ein Märchen in seiner reinsten Essenz. Denn genau genommen waren Märchen aus alten Tagen alles andere als jugendfrei und harmlos. In Charles Perraults "Rotkäppchen" gab es keinen Jäger und kein fröhliches Ende für das Mädchen, in der Original-Erzählung von "Dornröschen" wird sie schlafend vom Prinzen vergewaltigt und auch die kleine Meerjungfrau geht leidend zugrunde, ohne jemals das Herz des Prinzen für sich gewonnen zu haben. Genug mit dem Hollywood-Zuckerguss, muss sich Matteo Garrone gedacht haben, dessen Das Märchen der Märchen dieses Jahr auch ins Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen wurde. Auf die alten Märchen, die zwar auch eine Moral-Botschaft hatten, aber in ihrer Art der Vermittlung deutlich skrupelloser waren, wollte sich Gomorrha-Regisseur Garrone rückbesinnen. Hier gibt es keine gutmütigen Könige, heldenhafte Prinzen oder eine gute Fee. Stattdessen haben wir eine besitzergreifende Königin (Salma Hayek), die um jeden Preis ein Kind will, auch wenn ihr Gatte dabei sein Leben lässt, einen lüsternen König (Vincent Cassel), der sich in die Stimme einer Greisin verliebt, ohne ihr Aussehen zu kennen, und einen weiteren Nichtsnutz-König (Toby Jones), der einen Riesenfloh mehr liebt als seine eigene Tochter, die er nach einem leichtfertigen Spiel einem brutalen Oger in die Ehe übergeben muss. Ja, die Märchen-Monarchie kommt hier nicht sehr gut weg.

Erzählt werden die drei Märchen in nur sehr lose miteinander verknüpften Geschichten und gerade der Zusammenschnitt der Erzählung macht es dem Zuschauer zuweilen nicht gerade einfach, der Geschichte zu folgen. Man vermag (möglicherweise aufgrund der Erzählweise) auch nicht wirklich in das Schicksal seiner Protagonisten zu investieren und mit ihnen mitzufiebern. Stattdessen übt der Film mit seiner bildgewaltigen, größtenteils handgemachten Optik, die den CGI-Kulissen der US-amerikanischen Märchenfilm-Pendants allemal vorzuziehen ist, seinen engagierten Darstellern und mit Alexandre Desplats magischer Musik eine unwiderstehliche Faszination auf den Zuschauer aus. Wie es für die Charaktere dabei ausgeht, bleibt fast schon zweitrangig. Die Umsetzung ist hier der Schlüssel und mit dieser hat Garrone mit seinem ersten englischsprachigen Film einen wichtigen Beitrag zum europäischen Kino geleistet, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hat. 4/5

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In der vierten Ausgabe des Fantasy Filmfest Tagebuchs 2015 erwarten Euch vier Kritiken, darunter zum im Vorfeld sehr gefeierten französischen Gangsterfilm The Connection mit einer absoluten Starbesetzung und zum "Fresh Blood"-Favorit Turbo Kid, der auf jeden Fall ein Anwärter auf den größten Crowd Pleaser des Festivals sein sollte. Schaut vorbei.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

"Hannibal" S03E11 "…And the Beast from the Sea" Kritik

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Der Artikel enthält einige "Hannibal"-SPOILER zur besprochenen Folge!

Bryan Fuller und das Team rund um den Serienschöpfer halten sich bis auf wenige Details in der zweiten Hälfte der dritten Staffel von "Hannibal" bisher sehr eng an Thomas Harris Roman, um die Geschichte rund um den Roten Drachen zu erzählen. Dabei liefert die Vorlage vor allem hinsichtlich auf eben jeden Hauptantagonisten Francis Dolarhyde (Richard Armitage) a.k.a. "The Great Red Dragon" auch einiges an Material. Zwar befindet sich Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) seit geraumer Zeit hinter Gittern, doch trotzdem schafft es die Serie, ihn als den überlegenen Puppenspieler ins rechte Licht zu rücken.

Währenddessen baut der Zuschauer immer stärkere Sympathien zum eigentlichen Bösewicht auf, der sich mehr und mehr des Monsters, das er beherbergt, bewusst wird. Vielleicht ist Sympathie auch zu hoch gegriffen, doch eine faszinierende Ausstrahlung besitzt sein Charakter allemal. So zeichnete sich Dolarhydes Zerrissenheit in dieser Folge sehr gut dadurch aus, dass er sich von Reba McLane (Rutina Wesley) trennt, weil er sie unbedingt vor dem Roten Drachen beschützen will. Er will vor seiner Persöhnlichkeit fliehen und ein besserer Mensch werden. So ganz funktionieren will das aber noch nicht.

Hannibal ...And the Beast from the Sea Kritik

I’m afraid I’ll hurt you.

Am Anfang von "…And the Beast from the Sea" bekommen wir das Beratungsgespräch zwischen Jack Crawford (Laurence Fishburne), Will Graham (Hugh Dancy) und Alana Bloom (Caroline Dhavernas) zu sehen. Die drei unterhalten sich über die zukünftige Vorgehensweise auf der Suche nach dem Serienkiller. Hannibal hat inzwischen längst Kontakt mit Dolarhyde aufgenommen und diesem einen äußerst düsteren Befehl erteilt: Will Grahams Familie töten.

He has a family. Save yourself. Kill them all.

Hannibal ...And the Beast from the Sea Kritik

Dolarhyde sieht dies als einen möglichen Ausweg, seinen Peiniger, den Roten Drachen, gewissermaßen weiterzugeben und schließlich loswerden zu können und macht sich kurzerhand auf den Weg zu Wills Haus, um an sein Werk zu gehen. Die folgenden Szenen sind stark auf Action getrimmt, enttäuschen aber durch einen relativ schwachen Spannungsaufbau und eine viel zu einfach gelingende Flucht von Molly (Nina Arianda) und Walter (Gabriel Browning Rodriguez). Allerdings wird Erstere noch vom Killer angeschossen, als sie im Auto vor ihm flieht. Etwas zu sehr aus dem Kontext gerissen wirkt die ganze Szene, und auch die gewagte Inszenierung über mehrere Ebenen des Hauses will nicht recht zünden. Regisseur Michael Rymer gibt sich Mühe, das merkt man, jedoch wirkt hier zu vieles schlecht konstruiert.

Jack und Alana sind Hannibal daraufhin längst auf die Schliche gekommen und versuchen seinen Kontakt mit Dolarhyde zu manipulieren. Der Eingesperrte zeigt sich kooperativ, anmerkend, dass er nie über das gelogen habe, was er tat, verrät seinem Gesprächspartner jedoch am Ende, dass er beschattet wird. Darauf reagiert die in der dritten Staffel übermäßig selbstbewusste Dr. Bloom mit der rabiaten Methode, die sie ihm bereits zuvor angekündigt hat. Sie räumt dem Kannibalen alles aus seinem Zimmer, das ihm lieb ist, auch die Toilette darf nicht stehen bleiben. Sehr schön ist es hier anzusehen, wie Mads Mikkelsen zum ersten Mal in der Serie die berühmte Hannibal-Maske aufsetzen darf.

You’re not the only one who keeps their promises, Hannibal.

Endlich kommt es auch in dieser Episode wieder zum Dialog zwischen Hannibal und Will, gewissermaßen einem der stärksten Elemente der Serie, und ein wutentbrannter Will Graham trifft auf einen gewohnt coolen Hannibal, der wieder über den Dingen zu schweben scheint. Seine Schachzüge laufen alle darauf hinaus, dass sich seine beiden "Schützlinge" bald wieder gegenüberstehen. Doch Will scheint die Schnauze gehörig voll zu haben.

Hannibal ...And the Beast from the Sea Kritik

I’m just about worn out with you crazy sons of bitches.
– The essence of the worst in the human spirit is not found in the crazy sons of bitches. Ugliness is found in the faces of the crowd.

Die Handlung von "Hannibal" spitzt sich fortschreitend zu, doch nach der wahnsinnig guten letzten Folge "…And the Woman Clothed in Sun" hat die Serie es nicht ganz geschafft, das Geschehen weiterhin auf demselben Spannungslevel zu halten. Langsam sehnt man sich doch schon etwas Richtung Finale doch als Buchleser, wie ich, freut man sich noch auf so einige wichtige Ereignisse, die wir bisher noch nicht sehen durften.

Macbeth (2015)

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Macbeth, GB/FR/USA 2015 • 113 Min • Regie: Justin Kurzel • Drehbuch: Jacob Koskoff, Michael Lesslie, Todd Louiso • Mit: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Sean Harris, David Thewlis, Paddy Considine, Elizabeth Debicki • Kamera: Adam Arkapaw • Musik: Jed Kurzel • FSK: ab 12 Jahren • Verleih: StudioCanal • Kinostart: 29.10.2015 • Deutsche Website

Macbeth (2015) Filmbild 1Justin Kurzels „Macbeth“ ist eine perfekte Symbiose aus Theater und Kino, ein elektrisierendes Aufeinanderprallen von großer Schauspielkunst und einer gewaltigen Bilderflut. Wie leicht hätte aus William Shakespeares berühmter Tragödie ein trockener Kostümschinken für den Schulunterricht werden können. Doch der australische Newcomerregisseur („Die Morde von Snowtown“) geht in seiner Adaption einiges anders an, auch wenn am Originaltext freilich nicht gerüttelt wird. Während Orson Welles den Stoff in seiner Verfilmung sehr klassisch behandelt und Roman Polanski sich intensiv dem inneren Konflikt der Titelfigur gewidmet hat, fügt Kurzel kleine, aber sehr interessante Aspekte hinzu.

Macbeth (2015) Filmbild 2Sein Film führt zu Beginn eindringlich die Trauer Macbeths (Michael Fassbender) und seiner Gattin (Marion Cotillard) über den Tod ihres einzigen Kindes vor Augen. Erst im Anschluss folgt dann die Einführung der Hexen und ihrer unheilvollen Prophezeiung und uns wird auf dem Schlachtfeld ein erschöpfter Held präsentiert. Hier geschieht etwas, das sich im modernen Kino bereits bei Figuren wie Batman oder James Bond abgezeichnet hat: Der Archetyp der bekannten Erzählung wird ein Stück weit psychologisch aufgebrochen und auf einem soliden Boden verankert. Nicht umsonst ist es für Justin Kurzel der Blick auf Macbeth als Krieger gewesen, der ihn an das Projekt gefesselt hat – „Wie hat Macbeth auf den Krieg reagiert? Ist er nicht überhaupt erst ein Produkt dieses Krieges? In welchem Maße hat er seinen Ehrgeiz, König zu werden, überhaupt erst befeuert?“

Macbeth (2015) Filmbild 3„Macbeth“ beantwortet diese Fragen selbstverständlich nie wirklich, sondern trägt sie vielmehr an sein Publikum weiter. Wir werden eingeladen, einen Blick hinter das zu werfen, was wir mit diesem Stoff sonst verbinden. Die Gier, die Manipulation des loyalen Helden durch finstere Mächte und die eigene Ehefrau sowie die resultierende Bluttat am König Schottlands mit der erdrückenden Schuld bilden natürlich auch hier das Zentrum der Geschichte. Nur werden uns nun noch andere mögliche Mechanismen und Auswirkungen vorgestellt. So ist die Hinrichtung der Familie von Macbeths Widersacher Macduff (Sean Harris) von so extremer Grausamkeit gezeichnet, wie wir sie aus der Vorlage nur erahnen konnten. Die schockierte Abwendung Lady Macbeths von diesem Horrorszenario entpuppt sich als natürliche Reaktion. Überhaupt wird der Text nicht wie bei einem Stück vor einer starren Kulisse von ein paar talentierten Darstellern vorgetragen, sondern die Worte spiegeln mal laut tosend, mal bedrohlich zischend oder als verzweifeltes Wimmern passend die palpable Finsternis wider. Die Kamera von Adam Arkapaw (u. a. „True Detective“) rückt ganz nah an die Schauspieler, deren Leistungen durch die Bank von einer hypnotischen Intensität geprägt sind. Die Textvorlage verschmilzt mit der Bildsprache.

Macbeth (2015) Filmbild 4Warum Kurzel dann die beste (aber auf den ersten Blick mit Sicherheit nicht offensichtlichste) Wahl für den Regieposten gewesen ist, zeigt schon sein Erstling. Denn so quälend und rau, so voller falscher Hoffnung und böser Versuchungen unter dem schwingenden Damoklesschwert ist bereits der auf einer wahren Begebenheit beruhende „Die Morde von Snowtown“ gewesen. Dort wie hier hat der Regisseur den größten Raum seinem Cast freigemacht. Und wer nun Michael Fassbender („Shame“) und Oscarpreisträgerin Marion Cotillard („La vie en rose“) als gepeinigten Macbeth und dessen intrigante Frau erlebt, wird die Leinwand in Flammen stehen sehen noch bevor der finale Kampf vor einem lodernden Inferno stattfindet.

Macbeth (2015) Filmbild 5Ich habe trotz einiger gelungener Produktionen bisher immer das Gefühl gehabt, dass „Macbeth“ noch der letzte Kick, der Nachdruck, gefehlt hat. Kurzels Version ist nun eine Shakespeare-Adaption auf der Höhe des Zeitgeistes. Ganz ohne Popkultureinbettung à la Baz Luhrmann, denn die hat dieser niemals an Relevanz verlierende Stoff auch nicht nötig. Vielleicht ist das Grundgerüst von „Macbeth“ gar nie aktueller gewesen als heute. Allein die letzte Szene ist ein kleines Meisterwerk für sich: Der junge Fleance, dem ebenfalls die Verheißung als zukünftiger König zuteil wurde, rennt mit einem Schwert, das ihm noch zu schwer ist, einem blutroten Horizont entgegen. Und die Gewaltspirale wird sich weiter drehen …


Trailer


Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 2

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Fantasy Filmest 2015 Kritiken Tagebuch

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

so langsam kommt Euer treuer Berichterstatter vom Fantasy Filmfest in Köln wieder in den Rhythmus des Festivals hinein. Hilfreich ist dabei auf jeden Fall mein Rucksack, vollgepackt mit Wasser, Kaffee und Energy Drinks. Noch ist die Aufmerksamkeitsspanne eigentlich groß; die Müdigkeit wird sich erst ab der zweiten Festivalhälfte einschleichen und dadurch unweigerlich größere Anforderungen an die gezeigten Filme stellen. Doch auch eines wachen Kopfes konnte ich am zweiten Tag des diesjährigen Fantasy Filmfests noch kein richtiges Highlight feststellen. Es gab einmal netten Trash mit tollen Maskenbildnern, einen dummen Home-Invasion-Horrorfilm mit wilden Hunden anstelle von maskierten Killern, und ein ruhiges Zombiedrama, das nur knapp an dem Status eines FFF-Highlights vorbeischlitterte. Immerhin. Sorgen würde ich mir noch keine machen, es liegen ja schließlich noch neun Tage und mindestens 30 weitere Filme vor mir. Doch zunächst einmal geht es hier um The Pack (nicht zu verwechseln mit dem international genau so betiteltem Opening-Night-Film des FFF 2010), Maggie und Bite. Kurze Filme mir kurzen Titeln, die vermutlich nicht besonders lange im Gedächtnis verbleiben werden.

TAG 2

The Pack

Fantasy Filmfest 2015 Kritiken The PackDass Hunde nicht immer die besten Freunde des Menschen sind, wissen wir spätestens seit der Stephen-King-Adaption Cujo. In The Pack ist es ein ganzes (titelgebendes) Rudel an wilden Hunden, das unseren Protagonisten (und auch allen anderen Menschen) ans Leder will. Wie uns eine Infotafel zu Filmbeginn erklärt, haben sich weltweit zahlreiche Rudel von wilden Hunden gebildet, die nach Lust und Laune andere Tiere töten. Hat der Film eine Agenda gegen wilde Hunde? Dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, versteht sich von selbst, doch dass sie nicht aus Hunger, sondern aus Spaß an der Freude fröhlich Mensch und Tier zerfleischen, lässt mich schon die Augen rollen. Noch haarsträubender ist aber, dass die Filmemacher offensichtlich so wenig Ahnung von echten Hunden haben, dass sie dem Glauben verfallen sind, man könne sich vor Hunden einfach hinter einer Tür verstecken oder das Licht ausschalten und sich im Dunkeln verbergen. Es ist ja nicht so, als hätten Hunde einen extrem ausgeprägten Geruchssinn. Oh ja, da war ja was…

Aber okay, auch Steven Spielberg hat sich beim Verhalten des weißen Hai seine künstlerischen Freiheiten gelassen. Wenn der Rest funktioniert, kann man darüber hinwegsehen. Aus irgendeinem Grund – vielleicht aus meiner frühen Liebe zu Der weiße Hai und Jurassic Park – habe ich eine Schwäche für Tierhorror. Nur zu blöd, dass es in diesem Subgenre nur so selten gute Vertreter gibt. The Pack ist leider ebenfalls keiner davon. Es beginnt schon bei der schablonenhaften Zeichnung der Charaktere. Da ist der gutherzige Vater, naturverbunden und ein Farmer mit Herz und Seele, der seine Farm den gierigen Landhaien nicht überlassen will, obwohl er bis zum Hals in Schulden steckt. Die Frau, die als Tierärztin arbeitet, ist selbstverständlich verständnisvoll und unterstützend. Die missgelaunte Teenie-Tochter hasst es natürlich, auf dem Land zu leben, und der junge, pfiffige Sohn fühlt sich, wie auch sein Vater, in der Natur zu Hause. Eine solche Konstellation hat man schon Dutzende Male gesehen und The Pack mag daran auch kein bisschen rütteln. Doch auch das könnte man ihm noch verzeihen, wenn er in Aspekten wie Spannung oder Atmosphäre punkten könnte. Fehlanzeige! Die meisten Schreckmomente signalisiert der Film einem meilenweit voraus, die tatsächliche Gefahr für die Familie ist an keinem Punkt wirklich spürbar und die wilden Köter wirken nur selten bedrohlich, egal wie viele Close-Ups es von ihren fletschenden Zähnen gibt. Das ist eigentlich schade, denn der Ausgangspunkt eines Home-Invasion-Szenarios, in dem die externe Bedrohung von Mutter Natur kommt, wäre eine interessante Variation des Genres gewesen. Doch stattdessen wird hier unterdurchschnittliches Filmfutter serviert, dem das "Friede, Freude. Eierkuchen"-Ende die traurige Krone aufsetzt. 1/5

 

Maggie

Fantasy Filmfest 2015 Kritiken MaggieOhne Zombiefilme kann es kein Fantasy Filmfest geben, doch nicht jeder Zombiefilm muss Splatterorgien beinhalten oder aber die wandelnden Toten als Gagvorlage nutzen. Bereits The Returned schlug letztes Jahr bei den Fantasy Filmfest Nights leise Töne an und war mehr ein Drama als ein Horrorfilm. Maggie geht noch einen Schritt weiter, und verzichtet nahezu völlig auf Horror- oder Spannungsmomente. Die Zombieplage als solche wird auch nur am Rande angerissen und die Handlung setzt ein, wenn die Eindämmung des dafür verantwortlichen Virus mittlerweile gut vorangeschritten ist und die Menschen wieder versuchen, zur Normalität zurückzufinden. Wades (Arnold Schwarzenegger) Leben gerät jedoch aus den Fugen, als seine geliebte Tochter Maggie (Abigail Breslin) gebissen und infiziert wird. Von da an sind es nur wenige Wochen bis zur vollständigen Verwandlung und dann muss Maggie in die "Quarantäne", wobei jene nichts anderes als Vernichtungslager für Infizierte darstellt.

Machen wir uns nichts vor, Arnold Schwarzenegger ist vermutlich der Hauptgrund, weshalb sich die meisten Leute diesen Film anschauen werde. Deshalb komme ich direkt auf den Punkt: ja, Arnie zeigt sich hier von einer anderen als seiner Äktsch-Seite, doch von einer oscarreifen Leistung ist er immer noch ein wenig entfernt. Die Rolle des stoischen Beschützers und liebevollen Vaters ist ihm wie auf den Leib geschrieben und statt Muckis lässt er hier Emotionen (und gelegentlich sogar die Tränensäcke) spielen. Doch letztlich verlangt der Part ihm auch nicht allzu viel ab und sobald er den Mund aufmacht, ist und bleibt es eben unmissverständlich Arnie. Obwohl sich die meisten Gespräche um den Film stets auf ihn konzentrieren, ist  Abigail Breslin der eigentliche Star des Films. Nicht nur hat sie deutlich mehr Screentime, es ist auch ihre rührende Performance, die einem am meisten in Erinnerung bleibt. Wir durchleben mit ihr die Verzweiflung, die Wut und die Resignation im Angesicht ihrer tödlichen Krankheit. Nichts anderes ist die Zombieplage hier nämlich. Es geht um die Akzeptanz des Unausweichlichen und darum, vom geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Man könnte den Zombievirus auch durch eine x-beliebige tödliche Epidemie ersetzen und das Ergebnis wäre kaum anders.  Das Problem des Films liegt eher darin, dass seine Grundidee vom schmerzvollen langsamen Verlust und der innigen Vater-Tochter-Beziehung eigentlich schnell ausgeschöpft ist und an und für sich einfach nicht genug Material für die 90-minütige Laufzeit hergibt, sodass einige Passagen sich leider sehr zäh anfühlen. Der Film blüht dann auf, wenn wir Maggie auch außerhalb von ihrem trauten Heim folgen, beispielsweise auf eine Party, auf der es zu einer zarten Annäherung zwischen ihr und ihrem ebenfalls infizierten Ex-Freund kommt.

Entsprechend seiner Thematik ist die Grundstimmung von Maggie durchweg deprimierend und düster und der ganze Film ist in ein lebloses Grau getaucht, was manchmal fast schon zu viel des Guten ist. Gelegentlich sieht man Maggie auch an, dass Erstlingsregisseur Henry Hobson hier mit geringen Mitteln arbeiten durfte, doch alles in allem wird eine durchaus überzeugende Welt erschaffen, die der Apokalypse knapp entgangen ist. Trotz seiner Makel ist Maggie ein sehenswerter Beitrag zum Zombiegenre, in dem der horrorerprobte Zuschauer daran erinnert wird, dass auch jeder Zombie mal ein Mensch war. 3,5/5

Bite

Fantasy Filmfest 2015 Kritiken BiteDie Fliege lässt grüßen und ihr Name lautet Casey. Chad Archibalds Ekel-Horrorfilm Bite erweist David Cronenbergs Klassiker unter Body-Horror-Filmen eine respektvolle Hommage, samt handgemachter Verwandlungseffekte und einer symbolträchtigen Erzählung. Eigentlich läuft für Casey (Elma Begovic) alles wie geschmiert. Mit ihren Mädels Kirsten (Denise Yuen) und Jill (Annette Wozniak) lässt sie es in Costa Rica ein letztes Mal als Junggesellin krachen, bevor es eine Woche später unter die Haube gehen soll. Es gibt dann natürlich diesen einen Ausrutscher mit einem Kerl in der Bar, doch was in Costa Rica passiert, bleibt in Costa Rica. Außer Insektenbisse – sie begleiten einen auch nach Hause zurück und wenn man besonders viel Pech hat, wie Casey, verwandeln sie einen in ein insektartiges Monster.

Cronenberg hat in Die Fliege die AIDS-Ängste der Achtziger verarbeitet. Ganz so ambitioniert ist Bite nicht, doch auch hier soll die (sehr) schleimige Verwandlung nicht der Selbstzweck sein. Anfangs manifestieren sich darin Caseys Zweifel an der Hochzeit und ihre Ängste; später wird ihr neues Ich zur Waffe der Emanzipation und Selbstbehauptung gegenüber allen anderen, die ihr übel mitgespielt haben. Diese metaphorische Schicht ist hier natürlich viel dünner als bei Cronenberg und die Figurenzeichnung ist schon arg simpel, wenn es um die hasserfüllte Schwiegermutter in spe und falsche Freunde geht. Die Wendung, durch die der Film einen zu überraschen glaubt, sieht der geübte Zuschauer schon meilenweit im Voraus. Letztlich schaut sich aber kaum jemand den Film wegen seiner Tiefgründigkeit oder eines komplexen Plots an. In puncto Ekelfaktor und tolles Makeup enttäuscht Bite nicht, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass hier vermutlich nur ein Bruchteil des Budgets von Die Fliege zur Verfügung stand. Diese Einschränkung merkt man dem Film an seinem begrenzten Setting (fast alles spielt sich in einem Apartment-Komplex ab) an, jedoch nicht an den Maskeneffekten, die mit viel Liebe zum Detail umgesetzt wurden. Ausfallende Fingernägel, säurehaltiger Speichel, Haarverlust und viel Schleim, Schleim, Schleim – hier wird überzeugend das volle Seth-Brundle-Programm abgespielt. Man ekelt sich, kann aber die Augen trotzdem nicht abwenden. 3/5

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Mein nächster Eintrag ins Fantasy Filmfest Tagebuch 2015 wird märchenhaft, mysteriös und schonungslos pessimistisch – Euch erwarten u. a. Kurzkritiken zum Cannes-Beitrag Das Märchen der Märchen, dem harten Gangsterdrama Hyena und dem perfiden Thriller The Invitation von Karyn Kusama. Bleibt dran!

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

The Hallow (2015) Kritik

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The Hallow (2015) Filmkritik

The Hallow, GB 2015 • 97 Min • Regie: Corin Hardy • Drehbuch: Corin Hardy, Felipe Marino • Mit: Joseph Mawle, Bojana Novakovic, Michael McElhatton, Michael Smiley • Kamera: Martijn van Broekhuizen • Musik: James Gosling • FSK: ab 16 Jahren • Verleih: MFA + Filmdistribution • Kinostart: 31.12.2015

The Hallow (2015) Filmbild 1Mit dem Monsterhorror „The Hallow“ legt der Musikvideoregisseur Corin Hardy (u.a. Clips für Biffy Clyro und The Prodigy) ein Spielfilmdebüt vor, das sich sehen lassen kann und ihm mit einiger Sicherheit das Tor zur Traumfabrik öffnen wird. Grund dafür ist dann weniger das aus Versatzstücken und Zitaten (vor allem John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ und Sam Raimis „Tanz der Teufel“-Original lassen grüßen) zurechtgebastelte Drehbuch, sondern die Fähigkeit des jungen Briten, die bekannten Elemente vor der Kamera souverän zu einem durchweg unterhaltsamen neuen Werk zusammenzufügen. Hier kommt ein Filmemacher, der sein Handwerk und vor allem das Genre bestens versteht – und dafür muss er letzteres zum Glück auch gar nicht krampfhaft verbiegen oder ironisch brechen. „The Hallow“ ist ein angenehm altmodischer Horrorvertreter mit einer schönen Einbettung in irische Volksmärchen, die den Film sogar ein wenig in den Fantasykreis eines Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“) rücken lässt.

The Hallow (2015) Filmbild 2„Das hier ist nicht London. Hier knarrt und kracht es in der Nacht.“ – Das muss sich das Paar Clare (Bojana Novakovic) und Adam Hitchens (Joseph Mawle), das mit seinem Baby Finn den berufsbedingten Schritt aus der belebten Großstadt ins ruhige irische Waldidyll gewagt hat, von der Ortspolizei anhören, nachdem irgendetwas eine Fensterscheibe eingeschlagen und das Kinderzimmer verwüstet hat. Es könnte ein Vogel gewesen sein, gibt der desinteressierte Beamte zu bedenken. Obwohl die Iren ja oftmals für ihre Dickköpfigkeit bekannt sind, leuchtet die Theorie eines ebensolchen Federviehs den besorgten Eltern nicht recht ein und Angst macht sich langsam im finsteren Haus breit. Vor allem nachdem der beharrliche Nachbar vehement Warnungen vor kinderstehlenden Walddämonen ausgesprochen, Papa Adam einen mysteriösen Pilz, dessen Zellen offenbar andere Lebensformen infiltrieren können, von einem Tierkadaver abgetragen hat und die Autotür von irgendwelchen Klauen zerfetzt worden ist. Das bald ausgesprochene „Wir müssen hier weg!“ wird im Gegensatz zu manch anderer Genreproduktion endlich brav befolgt, nur gestaltet sich die Flucht aus der rauen Natur als durchaus schwierig: Der Schrecken des Waldes bläst erbarmungslos zum Angriff …

The Hallow (2015) Filmbild 3Einen unterschwelligen Minikommentar zur Griechenlandkrise kann sich Corin Hardy zu Beginn des Films nicht verkneifen und auch der obligatorische Schock zum Ende des Abspanns darf leider nicht fehlen. Abgesehen von diesen verzeihbaren Mankos und dem bereits angeführten Mangel an echter Eigenständigkeit, meistert der Regisseur „The Hallow“ mit bemerkenswertem Geschick; sein außerordentliches Gespür für dichte Atmosphäre und passendes Timing beißen sich nicht mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Denn die Schaudermär nimmt rasch an Fahrt auf, nachdem die ersten Regeln gesetzt sind. Eisengitter beschützen, Licht tut weh – was bei anderen Wesen der Nacht funktioniert, das behindert auch diesen hartnäckigen Magic Mushroom und seine Geschöpfe. Und vor allem: So etwas kann man den Zuschauern ohne großen Zeitaufwand schnell eintrichtern, das kennen sie schon zur Genüge aus anderen Produktionen. So bleibt mehr Raum, um das zu präsentieren, was Genrefans an „The Hallow“ besonders ansprechen dürfte – die Liebe zu handgemachten, analogen Spezialeffekten zum Beispiel, die hier wirklich sehr gelungen sind und Erinnerungen an Klassiker aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hervorrufen. Das meiste spielt sich in der Dunkelheit ab und das ist auch richtig so. Allerdings ist dieser Umstand allein der Stimmung geschuldet und je mehr die Action zunimmt, desto mehr werden uns selbstverständlich auch die Kreaturen vor Augen geführt.

The Hallow (2015) Filmbild 4So bleibt „The Hallow“ für mich erstmal definitiv der beste Film, in dem jemals ein Pilz einen Automotor lahmgelegt hat und auch sonst kann man Horrorliebhabern eine warme Empfehlung für dieses ambitionierte Creature Feature aussprechen. Den Ausgang hätte ich mir vielleicht ein wenig anders gewünscht, vor allem da Corin Hardy gegen Ende ein nettes Entscheidungsspielchen mit den Protagonisten und damit auch den Zuschauern treibt. Wo in naiven Hollywoodblockbustern wie „Avatar“ immer wieder in Form von millionenteuren Computereffekten der Weg aus der technisierten Welt zurück zu Mutter Natur gepredigt wird, sind es bei Hardy erfrischenderweise die engagierten Hippies, die der unberechenbaren „Hölle Wald“ entfliehen müssen.

Wie dem auch sei: Nach Edgar Wright („Shaun of the Dead“), Neil Marshall („The Descent“) und Ben Wheatley („Sightseers“) wird mit Corin Hardy ein weiteres britisches Talent in Zukunft die Leinwände erobern. Mark my words.


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