Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 6

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Fantasy Filmfest 2015 Tag 6

Die Halbzeit ist erreicht. Fünf Tage des Fantasy Filmfests liegen schon hinter mir und fünf weitere Tage noch vor mir. Unter den 17 von mir bislang gesehenen Filmen gab es bereits so einige Highlights, auch wenn noch keiner an das Meisterwerk It Follows aus dem letzten Jahr herankam. Doch noch ist ja genügend Zeit. Am sechsten Tag ließ ich es mit drei Filmen eher ruhig angehen. Der Tag stand im Zeichen der Frauen. Katharine Isabelle und Olga Kurylenko, die Hauptdarstellerinnen der ersten beiden Beiträge des Tages, sind wiederkehrende Gäste beim Festival. Frauen und das immerwährende Streben nach dem Idealgewicht standen auch im Mittelpunkt des dritten Films, Excess Flesh, der im Programmheft gleich mit drei "Nasty"-Icons versehen wurde und sich daher nur für Zuschauer mit einem starken Magen empfahl. Ob der Film dieses Versprechen einhält und ob Frauen Isabelle und Kurylenko mit ihren Filmen einen guten Eindruck hinterlassen konnten, erfahrt Ihr bei unseren Kurzkritiken unten.

TAG 6

88

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Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 88Katharine Isabelle ist seit dem Coming-of-Age-Werwolfdrama Ginger Snaps ein immer gern gesehener Gast im FFF-Programm. Ob in 13 Eerie, American Mary oder Freddy vs. Jason, die charismatische Kanadierin wertet die Filme durch ihre Präsenz immer auf. Für keinen ihrer Filme galt das aber so sehr wie für 88. Zwischen einem gezwungen "coolen" Drehbuch, das so verzweifelt versucht, Tarantino nachzuahmen, und einem eher unglücklich geratenen (und manchmal beliebig wirkenden) Zusammenschnitt von Flashbacks und aktueller Handlung, obliegt es Isabelle, den Film auf ihren Schultern zu tragen und die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln. Zum Glück gelingt ihr das, denn mit ihrer Doppelrolle in 88 liefert sie eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab. Isabelle spielt Gwen, eine junge Frau, die völlig orientierungslos, wie aus einer Trance, in einem Diner erwacht, in ihrer Handtasche eine Pistole findet und prompt aus Versehen die Kellnerin anschießt. Auf ihrer Flucht vor der Polizei wird sie von einem coolen, aufgedrehten Fremden (Tim Doiron). Er kennt sie allerdings als Flamingo, eine extravertierte, fesche, sexy Killerin. Jetzt wird’s kompliziert…

Oder auch nicht, denn woher der Wind weht, erzählt  uns 88 bereits mit einer Infotafel (verdammt diese sind beim diesjährigen FFF sehr trendy) zu Filmbeginn. Darin wird kurz die dissoziative Fugue erklärt, ein Zustand, bei dem die Betroffenen plötzlich ihre gewohnte Umgebung verlassen und dabei häufig eine neue Identität annehmen. Wenn der Zustand dann vorüber ist, herrscht in der Regel eine teilweise oder komplette Amnesie über das Geschehene. Ausgelöst wird der Zustand meist durch ein traumatisches Ereignis. Um welches es sich dabei im Film handelt, wird eigentlich fast sofort verraten. Gwens Freund und die Liebe ihres Lebens, wurde vor ihren Augen getötet. Doch wer ist dafür verantwortlich? Vielleicht Gwens ehemaliger Arbeitgeber, der Gangsterboss Cyrus (Christopher Lloyd), der ihr auf den Fersen ist?

Bei der achronologischen Erzählweise und der Suche nach der Wahrheit, die durch Gedächtnisverlust verhindert wird, stand hier offensichtlich Memento Pate. Für die exzentrischen Charaktere und den Gewaltfaktor mussten Tarantinos Filme herhalten. Originell ist hier nicht viel und die Filmemacher trauen dem Publikum offenbar auch nicht zu, selbst ein wenig zu rätseln. Stattdessen wird sichergestellt, dass trotz der teils verworrenen Erzählung beim Zuschauer alles ankommt, bis zu dem Punkt, dass die meisten Twists von den Charakteren im Klartext ausgesprochen werden, damit auch der unaufmerksamste Zuschauer weiß, was Sache ist. Dadurch geht natürlich das Potenzial eines Knobelfilms verloren. Es ist einzig und alleine Katharine Isabelles vielseitiger Performance zu verdanken, dass das Interesse an ihrer Wahrheitssuche nie ganz schwindet. Ob als verschreckte, ängstliche Gwen, die versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen oder als obercoole Flamingo, die ungeniert mit einer Don’t-give-a-fuck-Attitüde in einem Supermarkt auf den Boden uriniert – Isabelle zeigt hier alle Facetten ihres Könnens. Nett ist auch wieder einmal, Christopher "Doc Brown" Lloyd in einer herrlich überdrehten Rolle zu sehen. Die beiden Darsteller hätte man sich bloß in einem besseren Film gewünscht. 2,5/5

 

Momentum

Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 MomentumNach Backtrack am Vortag gab es mit Momentum wieder einmal eine sehr schöne Überraschung. Es geht los mit einem Bankraub in Kapstadt, der sehr energisch inszeniert ist, wozu auch die direkt außerhalb der Bank mit steigender Intensität gespielten Drums beitragen. Es verläuft nicht nach Plan, denn am Ende ist einer der Bankräuber tot und die Anführerin, die schöne Alex (Olga Kurylenko), ist demaskiert, woraufhin ihr Gesicht kurze Zeit später auf allen Bildschirmen im Land flimmert. Es heißt also: schnellstens das Land verlassen. Die Probleme für Alex und ihre zwei Mitstreiter fangen aber erst noch an, denn in ihrer Beute befindet sich auch ein Datenträger mit sehr sensiblen Informationen, auf den es ein hohes Tier aus Washington (Morgan Freeman, der seine unverwechselbare Stimme wieder einmal im Voiceover einsetzen darf) abgesehen hat. Ein geschniegelter brutaler Killer (James Purefoy) und sein Team haben den Auftrag, den Chip wieder zu beschaffen, doch sie haben nicht mit dem Einfallsreichtum und den überraschenden Fähigkeiten von Alex gerechnet.

Die Geschichte von Momentum ist keine Offenbarung. Es ist wieder einmal eine undurchsichtige Verschwörung und ein übermächtiges Team, das einer Person hinterherjagt, die zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Logik hinter dem Ganzen hinkt gelegentlich und besonders das Ende, das scheinbar auf eine Fortsetzung ausgelegt ist (die aber, wie ich vermute, nie kommen wird) lässt ein wenig zu wünschen übrig. Doch wo der Film hingegen immens punktet, ist der Unterhaltungsfaktor. Von den ersten Minuten geht das Tempo auf 180 und lässt nie nach. Olga Kurylenko, die bereits letztes Jahr beim Festival im nicht unähnlichen The November Man zu sehen war, dort die Action aber Pierce Brosnan überlassen hat, darf als sexy Actionheldin diesmal selbst die Hintern versohlen. Wie Liam Neeson in 96 Hours hat auch sie ein ganz spezielles Set an Fähigkeiten, die sie zu einer ernstzunehmenden Gegnerin macht. Den Part und vor allem die zahlreichen Actionszenen meistert Kurylenko so gut, dass man sich wünscht, sie künftig häufiger in solchen Rollen zu sehen und nicht nur als schmuckes Beiwerk wie in Hitman oder Ein Quantum Trost. James Purefoy, den viele als den charismatischen Serienkiller aus "The Following" kennen, macht als sadistischer, stilbewusster Gegenspieler ebenfalls einen guten Eindruck. Letzten Endes ist Momentum einfach verdammt gute, unprätentiöse Actionunterhaltung, die einem wenig Zeit zum Durchatmen und Nachdenken über diverse Plotlöcher lässt. 4/5

Excess Flesh

Fantasy Filmfest 2015 Tag 6 Excess FleshWer es schon sehr unappetitlich findet, wenn jemand mit offenem Mund kaut und schmatzt, sollte um Excess Flesh einen großen Bogen machen. Dieser Film verdient eine eigene Kategorie: Food-Splatter. Hier wird in Nahaufnahme und in Zeitlupe Essen zerkaut und gelegentlich auch wieder ausgekotzt. Der Sinn dahinter? Eine Abhandlung über die Obsession mit Schönheitsidealen und dem Idealgewicht. Excess Flesh spielt in der Stadt der Engel (wo sonst?), wo die Besessenheit mit perfektem Aussehen noch größer ist als anderswo. Dort lebt die sehr unsichere und von Selbstzweifeln geplagte Jill (Bethany Orr) gemeinsam mit ihrer angeblichen Freundin, dem oberflächlichen, ultraschlanken Model Jennifer (Mary Loveless). Jennifer tyrannisiert und schikaniert Jill, weil sie nicht dem XXS-Ideal entspricht, weil sie keinen Job hat und kein Glück bei den Männern – bis Jill eines Tages die Nase voll hat, Jennifer an die Wand ankettet und den Spieß umdreht.

Excess Flesh entzieht sich eigentlich jeder Genrezuordnung oder Beschreibung. Die Themen der Isolation und natürlich der leider immer noch sehr verbreiteten Essstörungen bindet der Film einem unsubtil auf die Nase und an den beiden engagierten Darstellerinnen kann man dabei eigentlich nicht viel aussetzen. Gerade Mary Loveless als Unsympathin Jennifer enthüllt im Verlauf des Films überraschende Dimensionen ihrer Figur. Doch leider werden die guten Ansätze und die Schauspielerinnen in der überstilisierten, inkohärenten Inszenierung vergraben. Wir springen von einer Ess- und/oder Kotzorgie zur nächsten, währenddessen gibt es surreale Sequenzen in Jills verstörter Gedankenwelt, in denen vielleicht, vielleicht aber auch nicht interessante Plotelemente offenbart werden. Ab der zweiten Hälfte verliert sich der Film in solchen Szenen und ist dann weder schockierend noch eklig oder spannend, sondern einfach nur anstrengend, und das nicht auf die gute Mindfuck-Art und Weise. 2/5

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Nach einem eher durchwachsenen Tag darf es bald hoffentlich wieder aufwärts gehen. In der nächsten Ausgabe unseres Fantasy Filmfest Tagebuchs 2015 werden wir Euch  u. a. von James Wan produzierte Horrorkost (Demonic) und einen französischen Thriller (Night Fare) über einen fiesen Pariser Taxifahrer vorstellen.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5