Peter Bogdanovich tot

Peter Bogdanovich am Set von Nickelodeon (1976) © Columbia Pictures

Quelle: The Hollywood Reporter

Sidney Poitier war nicht die einzige Größe des Kinos, die uns am 6. Januar verlassen hat. Peter Bogdanovich, der Regisseur der Siebziger-Kinohits Die letzte Vorstellung (OT: Last Picture Show), Paper Moon und Is' was, Doc? (OT: What’s Up Doc?), ist vergangenen Donnerstag an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung im Alter von 82 gestorben. Das teilte seine Familie mit.

Obwohl Bogdanovich als einer der bekanntesten Vertreter der "New Hollywood"-Bewegung galt, die zwischen den späten Sechzigern und den späten Siebzigern das Hollywood-Kino und angestaubte Filmgenres modernisiert hat, blickte er gerne zurück und viele seiner Werke waren eine Verneigung vor dem "klassischen Hollywood" und dem Kino selbst. Kein Wunder, denn Bogdanovich war ein Cineast durch und durch. Seit er 12 war, sog er gierig Filmwissen in sich auf. Später studierte er Schauspielerei an der renommierten Stella Adler Conservatory. Obwohl Bogdanovich seine größten Erfolge hinter der Kamera feierte, war er bis zu seinem Tod auch regelmäßig als Schauspieler aktiv.

In den Sechzigern fand er eine Anstellung als Filmprogrammleiter am New Yorker Museum of Modern Arts, wo er Retrospektiven von Filmemachern wie Orson Welles, Howard Hawks und John Ford veranstaltete. Wie seine Vorbilder aus der französischen Nouvelle Vague, insbesondere François Truffaut, war Bogdanovich auch als Filmkritiker tätig, bevor er selbst Filme drehte. Er schrieb u. a. für die Zeitschriften Esquire und die französische Cahiers du Cinéma. Seine erste Chance auf Filmarbeit bekam er, wie auch Francis Ford Coppola und Martin Scorsese, vom B-Movie-König Roger Corman, der ihm den Posten des Regieassistenten bei Die wilden Engel (OT: The Wild Angels) gab. Nachdem er 1967 die Fernsehdoku The Great Professional: Howard Hawks über den Regisseur Howard Hawks inszeniert hatte, feierte Cormans Lehrling 1968 mit Bewegliche Ziele (OT: Target) sein Spielfilmdebüt mit Horrorlegende Boris Karloff in einer seiner letzten Rollen. Bewegliche Ziele war Bogdanovichs erste, aber bei weitem nicht letzte Liebeserklärung an das Kino.

Nur drei Jahre später wartete dann der große Durchbruch. Bogdanovichs Schwarzweiß-Drama Die letzte Vorstellung (1971) brachte ihm Oscarnominierungen für das Drhebuch und die Regie ein. Der Film selbst wurde auch nominiert und seine Nebendarsteller Cloris Leachman und Ben Johnson wurden jeweils mit einem Oscar ausgezeichnet. Bei den BAFTAs, den britischen Oscars, wurde Bogdanovich gemeinsam mit seinem Co-Autor Larry McMurtry für das Drehbuch prämiert.

Ein Jahr später belebte Bogdanovich mit der Screwball-Komödie Is' was, Doc? das langsam in Vergessenheit geratene Subgenre wieder. Der Film wurde zum größten Kassenhit von Bogdanovichs Karriere und seiner ersten Zusammenarbeit mit Ryan O’Neal. Ihr zweiter gemeinsamer Film Paper Moon erschien 1973. Die schwarzweiße Tragikomödie war ebenfalls ein großer Publikums- und Kritikerhit. Bogdanovich erhielt eine weitere Golden-Globe-Nominierung als Regisseur und Ryan O’Neals Tochter Tatum gewann als Zehnjährige den Oscars als "Beste Nebendarstellerin". Bis heute ist sie die jüngste Gewinnerin eines Schauspiel-Oscars. Mit den beiden O’Neals drehte Bogdanovich 1976 auch die Komödie Nickelodeon, die jedoch erheblich weniger erfolgreich als Paper Moon war. Anlässlich von Bogdanovichs Tod zollte Tatum O’Neal dem Regisseur ihren Tribut.

Bogdanovich erklomm nie wieder die Erfolgshöhen seiner Phase von 1971-1973. Nach einer Reihe von Filmflops erlitt er eine persönliche Tragödie als das Playmate Dorothy Stratten, die Darstellerin seiner Komödie Sie haben alle gelacht (OT: They All Laughed), mit der er beim Dreh eine Affäre begonnen hat, von ihrem entfremdeten Mann brutal ermordet wurde. Sie haben alle gelacht, eine romantische Komödie mit Audrey Hepburn in ihrer letzten Kino-Hauptrolle, wurde nach Strattens Tod zunächst nur in wenigen Kinos aufgeführt. Bogdanovich war frustriert, dass die finale Rolle seiner Freundin nicht gesehen werden würde, also kaufte er die Rechte an dem Film zurück und investierte sein gesamtes Privatvermögen in den selbstständigen Vertrieb. Das Geld nahm er nicht wieder ein und war gezwungen, Insolvenz zu erklären. Erst Jahre später wurde Sie haben alle gelacht als einer von Bogdanovichs besten Filmen neu bewertet. Bogdanovich selbst heiratete einige Jahre später Dorothys Schwester Louise Stratten.

Zu Bogdanovichs späteren Filmen zählen u. a. das bewegende Drama Die Maske (OT: Mask) mit Cher, Texasville, eine Fortsetzung zu Die letzte Vorstellung, die jedoch an den Kinokassen und in der Kritik scheiterte und die Komödie Noises Off! mit Michael Caine. Seine letzte Regiearbeit wurde Broadway Therapy (OT: She’s Funny That Way) mit Owen Wilson und Jennifer Aniston aus dem Jahr 2014, mit der er den Charme des Screwball-Erfolgs von Is was, Doc? wieder einzufangen versuchte – leider vergeblich. 2018 erschien zudem Bogdanovichs Dokumentarfilm über die Stummfilm-Ikone Buster Keaton mit dem Titel The Great Buster: A Celebration.

Zu Bogdanovichs bekanntesten Auftritten vor der Kamera gehört zweifelsohne seine Rolle als Dr. Melfis Therapeut Dr. Elliot Kupferberg aus der Mafiaserie "Die Sopranos". Er selbst führte bei einer der Episoden Regie. Bogdanovich absolvierte außerdem Gastauftritte als er selbst in Es: Kapitel 2 (auch seine Ex-Frau Louise Stratten hatte einen Cameo-Auftritt in dem Film) und Serien wie "The Good Wife" und "How I Met Your Mother". Er spielte auch eine der Nebenrollen im in den Siebzigern gedrehten, aber erst 2018 fertiggestellten und bei Netflix veröffentlichten Orson-Welles-Film The Other Side of the Wind. Eine seiner finalen Rollen absolvierte Bogdanovich in der Serienadaption "Get Shorty".

Als Filmhistoriker schrieb Bogdanovich Bücher über Filmemacher wie Fritz Lang, Howard Hawks, Alfred Hitchcock und Orson Welles. Er selbst inspirierte wiederum selbst eine ganze Generation von Regisseuren, darunter Quentin Tarantino, Edgar Wright, Sofia Coppola, David O. Russell, Wes Anderson und Noah Baumbach.