National Board of Review 2019

Links: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in Once Upon a Time in Hollywood © 2019 Sony Pictures
Rechts: Robert De Niro in The Irishman © 2019 Netflix

Quelle: National Board of Review

Noch bevor die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden-Globe-Nominierungen bekanntgegeben hat, hat die National Board of Review (NBR) Anfang des Monats die Oscar-Saison inoffiziell eingeläutet. Wie bei den Globes, handelt es sich auch mit den Auszeichnungen der NBR nicht um Industrie-, sondern um Kritikerpreise. Überschneidungen zwischen den NBR-Wählern und den späteren Oscar-Wählern gibt es nicht. Das ist ein Umstand, den man im Hinblick auf die Vorhersagekraft der Kritikerpreise während der Oscar-Saison immer im Hinterkopf haben sollte.

Dennoch tragen die Preise der NBR historisch großes Gewicht beim Oscar-Rennen. Bei der National Board of Review handelt es sich um einen vor 110 Jahren gegründeten Zusammenschluss von New Yorker Filmemachern, Filmwissenschaftler und Kritikern, der seit 1929 die besten Filme des zurückliegenden Jahres auszeichnet. Damit sind die Preise der NBR genauso alt wie die Oscars. Jährlich stimmen etwa 100 Mitglieder über ihre Favoriten in zahlreichen Kategorien ab und obwohl die Übereinstimmung mit den späteren Oscarsiegern eher niedrig ist, sagen die NBR-Preise die Oscarnominierungen gut vorher. Seit 1970 kam es lediglich dreimal vor, dass der spätere Gewinner des Oscars als "Bester Film" zuvor nicht in der Jahres-Top-10 der NBR landete. Zuletzt traf das auf Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers zu. Dass ein Film den Hauptpreis der NBR gewinnt und keine Nominierung als "Bester Film" bei den Oscars erhält, kam in den letzten 20 Jahren nur zweimal vor, zuletzt 2014 bei A Most Violent Year. Letztes Jahr gewann Green Book den Hauptpreis der NBR und später auch den Oscar in der Königsklasse.

Die zwei großen Gewinner der diesjährigen NBR Awards gehören schon länger zu den wichtigsten Oscarkandidaten. Der Hauptpreis sowie die Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch ging an Martin Scorseses The Irishman. Nach Hugo Cabret ist es der zweite Scorsese-Film, der als "Bester Film" von der NBR ausgezeichnet wurde. Once Upon a Time in Hollywood gewann hingegen den Regie-Preis für Quentin Tarantino und den Nebendarsteller-Preis für Brad Pitt. Der Film platzierte sich zudem unter den besten zehn des Jahres.

Überrascht hat zudem Uncut Gems, der sowohl für sein Originaldrehbuch als auch für Adam Sandlers dramatische Performance ausgezeichnet wurde. Die komplette Liste der diesjährigen Sieger sowie weitere Ausführungen zu den Preisträgern findet Ihr unten.

Bester Film

The Irishman

Top 10 Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

1917
Dolemite Is My Name
Jojo Rabbit
Knives Out
Le Mans 66 – Gegen jede Chance
Marriage Story
Once Upon a Time in Hollywood
Richard Jewell
Uncut Gems
Waves

Beste Regie

Quentin Tarantino (Once Upon a Time in Hollywood)

Bester Hauptdarsteller

Adam Sandler (Uncut Gems)

Beste Hauptdarstellerin

Renée Zellweger (Judy)

Bester Nebendarsteller

Brad Pitt (Once Upon a Time in Hollywood)

Beste Nebendarstellerin

Kathy Bates (Richard Jewell)

Bestes Ensemble

Knives Out

Bestes Originaldrehbuch

Steve Zaillian (The Irishman)

Bestes adaptiertes Drehbuch

Ronald Bronstein, Josh und Benny Safdie (Uncut Gems)

Beste Kamera

Roger Deakins (1917)

Bester Animationsfilm

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

Bester Dokumentarfilm

Maiden

Bester fremdsprachiger Film

Parasite

Top 5 Dokumentarfilme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

American Factory
Apollo 11
The Black Godfather
Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese
Wrestle

Top 5 fremdsprachige Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Atlantique
Leid und Herrlichkeit
Das Porträt einer jungen Frau in Flammen
Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao
Transit

NBR Freedom of Expression Award

For Sama
Just Mercy

Beste Durchbruchs-Performance

Paul Walter Hauser (Richard Jewell)

Bestes Regiedebüt

Melina Matsoukas (Queen & Slim)

Top 10 Independent-Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

The Farewell
Ein verborgenes Leben
Give Me Liberty
Judy
The Last Black Man in San Francisco
Midsommar
The Nightingale
The Peanut Butter Falcon
The Souvenir
Wild Rose
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Gerade in den Schauspielerkategorien haben sich die Preise der NBR als ausgezeichnete Prädiktoren für die Oscarnomonieringen erwiesen. 15 der letzten 20 von der NBR ausgezeichneten Hauptdarsteller wurden später für einen Oscar nominiert, Bei den Hauptdarstellerinnen sind es sogar 16 der letzten 20. Noch besser sieht es in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" aus, in der 17 der letzten 20 Preisträger auch eine Oscarnominierung erhalten haben. Will Forte (Nebraska) war 2013 der letzte Fall, bei dem es mit der Oscarnominierung nicht geklappt hat. Bei den Nebendarstellerinnen wurden 11 der letzten 20 NBR-Siegerinnen für den Oscar nominiert.

Die Quote ist deutlich schlechter bei den Regisseuren. Nur acht der letzten 20 Regie-Gewinner der National Board of Review erhielten die entsprechende Nominierung bei den Oscars. Quentin Tarantino dürfte allerdings recht sicher sein. Bei der NBR ist es seine zweite Regie-Auszeichnung nach Pulp Fiction. Eine Wiederholungsgewinnerin ist auch Kathy Bates. Sie gewann 2002 den Nebendarstellerin-Preis bereits für About Schmidt.

Ein Blick auf die Top-10-Filme (plus The Irishman als Sieger) offenbart wenige Überraschungen. Es ist etwas seltsam, das Parasite es nicht geschafft hat, nachdem Roma bereits letztes Jahr als fremdsprachiger Film in der Top 10 war. Die anderen fünf großen Favoriten The Irishman, Marriage Story, Once Upon a Time in Hollywood, 1917 und Jojo Rabbit sind allesamt dabei. Überraschend fehlen Greta Gerwigs Little Women und Todd Phillips' Joker. Allerdings muss das noch nichts heißen. Letztes Jahr wurden nur vier der von der NBR genannten Filme später für den "Bester Film"-Oscar nominiert. Bohemian Rhapsody, The Favourite, Vice – Der zweite Mann und BlacKkKlansman haben es ohne die NBR-Nennung zu den Oscars geschafft. Auch 2014 wurden nur vier der späteren acht Oscar-Nominees zuvor von der NBR genannt. Whiplash, Die Entdeckung der Unendlichkeit, Selma und Grand Budapest Hotel schafften es auch ohne NBR. Ich würde daher Filme wie Joker, Die zwei Päpste und Parasite definitiv noch nicht ausschließen.

Welche der hier ausgezeichneten Filme und Performances habt Ihr bereits gesehen?