"Hannibal" S03E08 "The Great Red Dragon" Kritik

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Der Artikel enthält einige "Hannibal"-SPOILER zur besprochenen Folge!

Die letzte Folge "Digestivo" von "Hannibal" war ein nahezu perfektes Midseason-Finale und zugleich der Abschluss einer ganzen Storyline rund um die Jagd nach Dr. Lecter (Mads Mikkelsen). Mit "The Great Red Dragon" wird im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz neues Buch aufgemacht, nämlich das rund um die Figur Francis Dolarhyde, gespielt von Richard Armitage. Drei Jahre liegen zwischen den beiden Folgen, und während Hannibal hinter Gittern seinem Spaß an der Zeichenkunst nachgeht, hat es Will (Hugh Dancy) endlich geschafft Fuß zu fassen und sogar eine innige Beziehung zu seiner Frau Molly (Nina Arianda) einzugehen. Doch der Beginn der Folge widmet sich stilgerecht nicht dieser ruhigen Welt, sondern der Einführung des Antagonisten.

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Die Eingangsmontage etabliert Richard Armitages gestörten Charakter ansehnlich und brilliert vor allem in den kleinen Details, die der Schauspieler der Figur verleiht. Im Grunde wortlos sehen wir, wie er sich entwickelt und das visuell wieder mehr als beeindruckend, doch leider auch etwas überhastet. Es ist sicherlich dem Serienformat geschuldet, doch trotzdem ist es etwas schade, dass man Dolarhydes Charakter sehr hastig versucht ins Geschehen zu klopfen. Zwar macht er ordentlich Eindruck, doch schleicht die ganze Zeit das Gefühl mit, es würden essenzielle Szenen fehlen, die für den Aufbau der Geschichte von Bedeutung wären.

Trotzdem bin auch ich sehr froh, dass man sich endlich mit dem "Roter Drache"-Buch von Thomas Harris auseinandersetzt, das für mich einen der interessantesten Antagonisten aller Zeiten in die Welt rief. Es wird schwer werden diesen Charakter in seinem vollen Umfang in der Serie darzustellen, doch bisher sieht es sehr gut gelungen aus. Mein persönlicher Lieblingsaspekt am Buch war, dass ich mich nach einer bestimmten Zeit mehr mit Dolarhyde als mit Will Graham identifizieren konnte. Ob auch die Serie darauf Wert legen wird, den Bösewicht nicht nur in ein schlechtes Licht zu rücken bleibt abzuwarten, doch da ihr das schon einige Male gut gelang bin ich zuversichtlich.

Etwas arg schnell eingeführt wird auch Wills neue Familie und damit sein neues Leben. Eben noch wurde Mr. Graham beinahe der Kopf aufgesägt und man wollte ihn seines Gesichtes entledigen, da hat der gute Mann auf einmal eine Frau mit Kind sowie ein geregeltes Leben. Es ist klar, dass die Serie einen Schnitt setzen musste, doch wirklich stimmig ist der Zeitsprung nicht über die Bühne gebracht worden, das muss sie sich eingestehen. Dem zum Trotz ist es befriedigend Will endlich mal wieder glücklich zu sehen, natürlich nur so lange, bis Jack Crawford (Laurence Fishburne) wieder sein Leben betritt. Er erzählt Will von den beiden Morden des spöttisch als "Die Zahnfee" bezeichneten Killers, die wir als Zuschauer noch gar nicht mitbekommen haben. Will sagt Jack zuerst ab, doch seine Frau Molly überredet ihn später dazu, in sein altes Leben zurückzukehren, um den Mörder zu schnappen. Vor Wills dunkler Seite hat sie keine Angst.

If I go, I won’t be the same when I come back.
– But I will.

Nur noch eine einzige Person versucht Will davor zu warnen, was ihm bevorsteht, wenn er wieder einen Fuß in die dunkle Welt seiner Visionen setzt. Ausgerechnet Hannibal Lecter ist es, der ihm davon abrät, wieder zurückzukehren. Inzwischen scheint der Kannibale nicht nur interessiert an seinem "Freund" Will Graham zu sein, sondern wirklich das Beste für ihn zu wollen, weshalb er sich auch in der letzten Folge der Polizei stellte. Sein Schreiben wird von Will zwar hingenommen, endet jedoch als Brennmaterial für den Ofen.

It’s dark on the other side, and madness is waiting.

Hannibal The Great Red Dragon Kritik

Hannibal selbst dümpelt unter Dr. Frederick Chiltons (Raul Esparza) Aufsicht in dessen Anstalt herum und verbringt viel Zeit in seinem Gedankenpalast ("Sherlock" lässt grüßen). Alana Bloom (Caroline Dhavernas) klärt uns darüber auf, dass er nur deshalb noch am Leben ist, weil niemand es geschafft hat, seinen psychologischen Zustand zu klassifizieren und er trotzdem als geisteskrank diagnostiziert wurde. Eine Bezeichnung, die Hannibal keineswegs zusagt, da er viel mehr ist, als einfach nur geisteskrank.

Congratulations Hannibal, you are officially insane.
– I am not insane.

Doch die große Show kommt erst noch: Will Graham besucht den Tatort, an dem Francis Dolarhyde zuletzt sein Unwesen trieb und auf perfide Art und Weise eine Familie ermordete. Er stapft langsam und sachte durch die blutige Szenerie und stellt sich vor die Leichname der Opfer. Darauf folgt eine Szene auf die die Fans schon lange gewartet haben, und die einschlägt wie ein Blitz:

Hannibal The Great Red Dragon Kritik

Endlich ist das Pendel zurück! Nach jahrelangem Ruheschlaf seiner einzigartigen Fähigkeit packt Will wieder aus und versetzt sich in den Kopf des Killers. Die Rekonstruktion des Tathergangs ist beeindruckend schön inszeniert und nah an der Buchvorlage gehalten – kurzum fantastisch! Kein blutiges Detail wird ausgelassen (na gut, die Vergewaltigung wird nicht gezeigt, doch das ist mehr als verständlich). Schließlich kriecht ein Satz aus seinem Mund, den man schon ziemlich lange missen musste:

This is my design.

Hannibal The Great Red Dragon Kritik

Eine großartige Sequenz, ohne Frage die Beste der Folge, durch die Will wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Nun wo Hannibal hinter Gittern ist, ist Will Graham wieder mehr, als nur ein Spielball in dessen perfider Theateraufführung, kann demnach auch endlich wieder mehr eigene Charakterzüge mit in die Serie bringen und deutlich an Stärke gewinnen. "Hannibal" tut gut daran, die Crime-Atmosphäre der ersten Staffel mit den Elementen aus der zweiten und dem Anfang der dritten Staffel, die auch den Antagonisten direkt von Anfang an offen legten, zu verbinden. Es wird weiterhin hoffentlich sehr spannend bleiben und beide Seiten gleichzeitig gut beleuchten, sodass wir zu einer tollen Adaption des Buches und gleichzeitig auch zu einer umwerfenden Serienerfahrung kommen.