Alita: Battle Angel (2019) Kritik

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Alita: Battle Angel, USA 2019 • 122 Min • Regie: Robert Rodriguez • Produktion: James Cameron, Jon Landau • Drehbuch: James Cameron, Leata Kalogridis • Mit: Rosa Salazar, Christoph Waltz, Jenniver Connelly, Mahershala Ali, Ed Skrein, Keean Johnson, Jackie Earle Haley • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 14.02.2019 • Website

Als James Cameron (Terminator, Titanic) auf den Manga „Battle Angel Alita“ von Yukito Kishiro aufmerksam gemacht wurde, verliebte er sich sofort in die Cyberpunk-Geschichte, erkannte das enorme Kino-Potenzial und besorgte sich prompt die Rechte für eine Real-Verfilmung. Das ist knapp 20 Jahre her. Da Ende der Neunziger zum einen die Technik für Camerons Vision noch nicht reif war und zum anderen sein zweites Herzensprojekt Avatar (2009) sowie dessen Fortsetzungen den ambitionierten Regisseur zeitlich für Jahre eingespannt hat und noch einspannen wird, wurde das Projekt solange aufgeschoben, bis es schließlich in die Regie-Hände von Robert Rodriguez (From Dusk Till Dawn, Sin City) gegeben wurde. Für mich eine etwas kuriose Entscheidung, sind doch seine besten und bekanntesten Filme völlig anderen Genres zuzuordnen. Doch dem technikbegeisterten Filmemacher, der oft Autor, Produzent, Komponist, Regisseur und Kameramann zugleich ist, ist einiges zuzutrauen. Und tatsächlich hat er mit dem geschätzten Budget von satten 200 Mio. Dollar einen energischen und absolut unterhaltsamen Blockbuster geschaffen. Was lange währt, wird endlich gut – nicht sehr gut, aber: Alita: Battle Angel ist Hollywoods erste nicht in irgendeiner Weise verhunzte Manga- und Anime-Adaption!

In ferner Zukunft schlägt das Herz der menschlichen Zivilisation nach einem verheerenden Krieg in der Stadt Iron City. Ein verarmter Schmelztiegel von Kulturen, in welchem gewöhnliche Menschen mit kybernetisch verbesserten Körpern leben, stets im Schatten der letzten Himmelstadt Zalem, die nur Privilegierten zugänglich ist. Auf einem Schrottplatz findet der Cyber-Mediziner Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) die Überreste eines jungen weiblichen Cyborgs (Rosa Salazar): ein intakter Torso und Kopf mit noch lebendigem menschlichen Gehirn. Ido baut dem mysteriösen Mädchen einen neuen Körper und tauft sie auf den Namen Alita. Von da an erleben wir die Geschichte durch Alitas Augen, die sich mit der Hilfe des gewieften Hugo (Keenan Johnson) in ihrem neuen Leben zurechtzufinden lernt. Erinnerungen an ihr bisheriges Leben hat sie keine. Das ändert sich, als ihr bewusst wird, welche übernatürlichen Kampffähigkeiten in ihr schlummern. Indes versuchen korrupte Kräfte, sich Alitas zunutze zu machen. Mit der Zeit begreift die, dass ihre Kräfte der Schlüssel zu Rettung ihrer Freunde und von Iron City sein könnten.

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Um es vorweg zu nehmen: Eine Offenbarung ist der Film nicht. Zwar ist auch das Originalmaterial längst nicht so tiefsinnig, wie gerne behauptet wird. Doch hätte es der Verfilmung gutgetan, wenn sie nicht vor den großen philosophischen Fragen zurückschrecken würde, die sich vielleicht dem einen oder anderen Zuschauer beim Anblick der exotischen Cyborgs aufdrängen. Es gibt keinen Diskurs darüber, was Leben ist oder inwiefern man sich selbst noch als lebendig bezeichnen kann, wenn man fast vollständig mechanisch konstruiert ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen ihre echten und auch reproduzierenden Körperteile mit künstlichen austauschen, wirft doch zumindest die Frage auf, wie lange es wohl noch dauern mag, bis die Menschheit ausgestorben ist. „Kann ein Mensch einen Cyborg lieben?“, fragt Alita Dr. Ido irgendwann. Zu Alitas Freude bejaht er dies. Die nachdenkliche Mine ihrer Vaterfigur ist das einzige winzige Geständnis des Films, dass diese Frage und alles, was sie impliziert, eigentlich eine ausführlichere Antwort verdient hätte. Doch dass es diese nicht gibt, ist nur ein kleines Manko. Alita: Battle Angel ist ein Film über Humanität und zeigt, wie das Cyborg-Mädchen ihre eigene und damit sich selbst entdeckt. Das ist der emotionale Kern des Films und Regisseur Rodriguez achtet genau darauf, dass das in jeder Szene spürbar ist. Halbgare Denkübungen haben sich die Drehbuchautoren James Cameron und Laeta Kalogridis (Shutter Island) gespart. Insofern macht sich dieser Blockbuster nichts vor und ist genau das, was er sein will – ganz im Gegensatz zur US-Adaption von Ghost in the Shell aus 2017, die sich zwar so anspruchsvoll wie ihre wirklich geniale Vorlage gibt, aber im Grunde (leider) wenig davon verstanden hat. Der Vergleich drängt sich auf, nicht nur weil beide Filme demselben Genre entspringen. Hollywood hat jüngst zwar erkannt hat, dass es einen Markt für eigene Anime- und Manga-Adaptionen gibt, ist bisher jedoch, gelinde gesagt, unglücklich mit dem Originalstoff umgegangen. Alita: Battle Angel könnte eine Wende zum Besseren sein.

Es war zu erwarten, dass man sich nicht nur am ersten Band der Vorlage bedienen würde, die nicht genug Inhalt für einen abendfüllenden Film hat, aber dennoch bin ich begeistert, wie viel Handlung in die Realverfilmung gepasst hat. Zu keinem Zeitpunkt wird es langweilig oder allzu vorhersehbar. Zu verdanken ist das der Hauptfigur. Rosa Salazar spielt die wiedergeborene Alita mit unendlich viel jugendlicher Sympathie und schafft es auch in den etwas kitschigeren Szenen potenzielle Augenroller zu vermeiden. Apropos, an ihre Manga-typischen super süßen großen Augen – ein stilistischer Bruch, eine Verbeugung vor dem Originalmedium – gewöhnt man sich recht schnell. Die Motion Capture-Technologie vollbringt an sich einmal mehr Verblüffendes. Alita ist jedenfalls mehr als eine Jugendliche in einer Coming of Age-Story. Sie ist eine Kriegerin, die sich nicht nur für ihre Vergangenheit als Berserker interessiert, sondern wer sie im Hier und Jetzt sein will und wie sie dieses mit ihren außergewöhnlichen Kräften verändern kann. Am beeindrucktesten ist, wie die furchtlose Protagonistin, die bei jeder noch so großen Gefahr direkt in den Angriffsmodus schaltet, doch so verletzlich gezeichnet wurde. Mehr und mehr entpuppt sich Alita als zutiefst selbstlose Persönlichkeit, die sprichwörtlich ihr Herz für andere hergeben würde. Um das alles nachvollziehen zu können, lässt sich Rodriguez dankbar viel Zeit, ohne die an sich plotgetriebenen Geschichte zur Ruhe kommen zu lassen.

Die Schauwerte des Films sind erstklassig. Die chaotische wie schöne Welt von Iron City ist mit viel Liebe zum Detail entworfen, sieht realistisch aus und entspricht auch der Vorlage. Produktionsdesign und Actionszenen sind zum Teil sogar eins zu eins aus dem Manga übernommen worden, was den Wow-Effekt noch verstärkt. Denn allein die entsprechenden Panels im Original haben es in sich. Die Cyborgs sehen so gut aus, dass man gar nicht genug Nahaufnahmen von ihnen bekommen kann, um jedes Kabel, jeden Draht, jedes was-auch-immer genauer zu bestaunen. Was bei der FSK 12-Altersfreigabe in mindestens zwei Szenen überrascht, sind die kurzen doch recht heftigen Momente, in denen Körperteile abgetrennt oder seziert werden. Im Prinzip hat man durch die Künstlichkeit der Körper und deren blauen (Blut)Flüssigkeiten als Zuschauer genügend Abstand zu echtem Ekel. Es könnte einem aber durchaus mulmig werden, wenn sich gewisse Umstände in aller Bildlichkeit präsentieren. Übrigens: Ich persönlich bin kein Fan von 3D-Aufnahmen, aber dieser Film ist einer der seltenen Fälle, in denen sich das teurere Kinoticket lohnt.

Trotz aller positiven Aspekte hat Alita: Battle Angel seine Schwächen: Die futuristische Stadt gerät schnell zur bloßen Kulisse. So klar der thematische Fokus des Films ist, die Handlung ist es mitunter nicht. Während diverse Hintergründe und Personen erforscht werden, ist über weite Strecken nicht ersichtlich, wer denn nun der eigentliche Bösewicht ist, oder worauf das Geschehen überhaupt abzielt. In diesem Zusammenhang beschleicht einen das Gefühl, die Filmemacher hätten sich selbst verloren. Zum Glück ist das nicht der Fall. Dennoch: Glaubt man einmal den roten Faden gefunden zu haben, wird er auch schon wieder entrissen. Grundsätzlich ist das nicht schlimm. Nur ist man dabei hier nicht immer in guten Händen. Deswegen verfehlt der Film am Ende seinen emotionalen Punch. Vielleicht steht die Vorbereitung auf eine Fortsetzung im Weg. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass jüngere Zuschauer der Geschichte auch so genug abgewinnen können. So dreist wie zuletzt beispielsweise in Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen war man mit dem „Sequel Building“ jedenfalls nicht.

Manchmal, ausgerechnet dann, wenn Alita von ihren Mitmenschen lernt, entstehen merkwürdige Momente, in denen auffälliger Weise Christoph Waltz nach getaner Arbeit oder erteilter Lektion dasteht, als wäre ihm gerade der Maulkorb angelegt worden. Uuund Schnitt! Nein, doch nicht? Hm… Wenn es laut Drehbuch nicht mehr als das Nötigste (und unter Umständen Oberflächige) zu erzählen gibt, dann könnte man durchaus eher in die nächste Sequenz schneiden.

Fazit

Der rasante und unterhaltsame Blockbuster ist die erste artgerechte Hollywood-Adaption eines Mangas und Animes und überzeugt längst nicht nur mit atemberaubenden Effekten und halsbrecherischer Action. Allen voran die von Rosa Salazar verkörperte sympathische Hauptfigur entschädigt für die Schwächen des Films, die man durchaus stärker hätte gewichten können, als ich es tue. Tatsächlich bewahrt Robert Rodriguez den kindlichen aber letztendlich bluternsten Charme der Vorlage. Wer diese kennt, dürfte außerdem erfreut sein, dass nicht zuletzt die Dialoge im Film deutlich besser sind – kaum zu glauben, aber wahr. Mir hat Alita: Battle Angel besser als die Vorlage gefallen. Man darf hoffen, dass wir Alita in ein paar Jahren auf die große Leinwand zurückkehren sehen werden.

Kleiner Exkurs zum Schluss: Es ist erfreulich, wenn Inspirationsquellen im Abspann direkt genannt werden, aber die vermeintlich anspruchsvollere Bezeichnung „Graphic Novel“ ist mir doch sauer aufgestoßen. Es ist ein Manga! Das kann man schon so sagen.


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