A Monster Calls, ES/USA/GB/CA 2016 • 108 Min • Regie: Juan Antonio Bayona • Drehbuch: Patrick Ness • Mit: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Liam Neeson, Sigourney Weaver, Geraldine Chaplin, Toby Kebbell • Kamera: Óscar Faura • Musik: Fernando Velázquez • FSK: ab 12 Jahren • Verleih: StudioCanal • Kinostart: 4.05.2017 • Deutsche Website

Emotionale Distanz ist J.A. Bayonas Sache nicht. Schon bei seiner Gruselperle „Das Waisenhaus“ (2007) und der von mir wenig geschätzten Tsunami-Tragödie „The Impossible“ (2012) hat der spanische Regisseur seine gefühlsbetonten Geschichten in dramatische Bilder verpackt und mit intensiven Streicherklängen auf die Spitze getrieben. Jetzt hat er sich mit „Sieben Minuten nach Mitternacht“ das gleichnamige Dark-Fantasy-Buch von Patrick Ness vorgeknöpft, bei dem er an seinem nicht sonderlich subtilen Konzept festhält. Herausgekommen ist ein starkes, teils wunderschönes und teils todtrauriges, Märchen für Groß und Klein, das unter seiner atmosphärischen Aufmachung – erneut gilt hier besondere Anerkennung für die Leistungen von Bayonas ständigen Begleitern, dem Kameramann Óscar Faura („The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“) und dem Komponisten Fernando Velázquez („Crimson Peak“) – angenehm viel Herz und Tiefgang besitzt. Wie in den beiden Vorgängern spielt eine Mutterfigur eine wichtige Rolle, doch im Zentrum steht der kleine Conor (Lewis MacDougall), der in der verletzlichsten Phase seines Lebens vor einem scheinbar unbezwingbaren Ereignis steht.

Sieben Minuten Nach MitternachtZu alt, um ein Kind zu sein und zu jung, um ein Mann zu sein, ist Conor an seiner Schule ein gepeinigter Außenseiter. Was ihn jedoch weit mehr bewegt und innerlich zerreißt, ist der Zustand seiner Mutter (Felicity Jones): Sie leidet an Krebs im Endstadium und die neu angesetzten Therapien zeigen keinen Erfolg. Conor muss stets denselben Albtraum durchleben, in dem seine Welt zerfällt und seine Mum einen Abgrund hinabzustürzen droht. Als sie nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird, soll er bei seiner strengen und ungeliebten Großmutter (Sigourney Weaver) wohnen. Völlig verzweifelt und mit der Situation überfordert, ruft der Junge unbewusst ein baumartiges Monster (Liam Neeson) herbei, das ihm drei Geschichten erzählen will. Die vierte danach soll Conors eigene werden …

Sieben Minuten nach Mitternacht„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Film, dessen Ausgang von Beginn an determiniert ist. Wichtig ist der Weg dorthin und die Charaktere, die das intime Drama formen. Nur auf den ersten Blick ist Conor der artige und tadellose Sohn: Je mehr wir über ihn erfahren, desto mehr erkennen wir, welche dunklen aber zutiefst menschlichen Schluchten sich in ihm auftun. „Werde ich nicht bestraft?“ – diese Frage stellt er im Verlauf des Films mehrfach. Da ist eine Schuld, die nur er verspürt, die aber wie ein Schatten über all den kleinen und großen Schandtaten schwebt, die er im Verlauf begehen soll. Die Komplexität von Individuen wird in den einzelnen, farbenfroh gestalteten Geschichten des Monsters illustriert. Jede endet anders als es der Junge angenommen hätte, weshalb er irgendwann frustriert aufgibt. Natürlich steckt hinter diesen Erzählungen ein Gleichnis, dessen wahrer Kern für Conor zunächst verschlossen bleibt. Wie bereits die Genre-Meisterwerke „Paperhouse“ (1988) von Bernard Rose und „Pans Labyrinth“ (2006) von Guillermo del Toro, behandelt auch Bayona in seiner Arbeit eine im Fantasy-Format präsentierte, klassische Coming-of-Age-Story. Es geht um einen universellen Schmerz, den jeder in ähnlicher Form wohl schon einmal in seiner Jugend verspürt hat – um das Gefühl, ohne jeden Ausweg hoffnungslos verloren zu sein.

Sieben Minuten nach MitternachtBesonders nachhaltig ergreift einen hier übrigens die Beziehung zwischen Conor und seiner Großmutter. Was erst als kalte Abneigung erscheint, bröckelt langsam auf, ohne je das Eis auf gezwungen kitschige Weise zu brechen. Das Ende von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist rührend, ohne jedoch den Druck auf die Tränendrüse zu arg zu strapazieren. Die Momente, in denen man kurz schlucken muss, sind vielleicht nicht die, auf die wir lange vorbereitet worden sind, sondern folgen erst im Anschluss an das Unvermeidliche. Liam Neeson, der dem Monster im Original seine Stimme leiht, ist übrigens spät noch einmal selbst zu erblicken – ein kleines, magisches Extra in einem bewegenden Film.

Ich mochte die stimmungsvolle Inszenierung, die durch die Bank großartig agierenden Schauspieler und die monströsen wie auch zurückhaltenden Elemente der Geschichte. Und selbst wenn der Regisseur gelegentlich etwas dick aufträgt: Bei einem derart berauschenden Leinwand-Zauber darf man auch das mal.


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