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Hüter der Erinnerung – The Giver (2014)

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The Giver, USA 2014 • 97 Min • Regie: Phillip Noyce • Mit: Jeff Bridges, Meryl Streep, Brenton Thwaites, Alexander Skarsgârd, Kathi Holmes, Odeya Rush, Cameron Monaghan, Taylor Swift • FSK: tba • Kinostart: 02.10.2014

Handlung

Die Gesellschaft in der Jonas (Brenton Thwaites) und seine Freunde Fiona (Odeya Rush) und Asher (Cameron Monaghan) leben ist unserer nicht mehr ähnlich. Die vermeintliche Utopie ist frei von Gewalt, Krieg und Leid. Aber um dies zu gewährleisten gibt es weder Farben – die Welt ist schwarz und weiß – noch Emotionen.

b640x600Das Leben ist für jeden einheitlich und gleich. Dies wird durch strikte Regeln, die von dem Rat der Ältesten und ihrer Chefin (Meryl Streep) festgelegt wurden, überwacht. Nach dem Abschluss der Schule werden die Absolventen, unter ihnen Jonas, Fiona und Asher, bei einer Zeremonie in ihre jeweiligen Berufe eingeteilt. So gibt es zum Beispiel den Beruf der Geburtsmutter, die die Kinder zur Welt bringt. Die Babys werden in der Säuglingsstation genauestens untersucht und kommen, wenn sie bei bester Gesundheit sind, in eine neue Familie.

BKlavierei der Zeremonie wird Jonas eine besondere Rolle zugeteilt. Er soll Hüter der Erinnerung werden. Jonas beginnt sein Training  beim momentanen Hüter (Jeff Bridges) und erhält die Anweisung über sein Training Stillschweigen zu bewahren. Im Laufe des Filmes lernt Jonas die Farben, die Musik und die Liebe kennen, muss sich jedoch auch mit der Gewalt und dem Tod auseinander setzten. Allmählich beginnt Jonas sein Leben und die Werte der Gemeinschaft in Frage zu stellen.

Kritik

Ein Zukunftsfilm über eine Dystopie – als Vorlage diente das Buch von Lois Lowry, welches 1993 erschien. Das Thema der vergessenen Erinnerungen hat eine sehr philosophische Note. Ist eine friedliche, stabile Gesellschaft es wert, ein Leben frei von schmerzhaften Erinnerungen zu leben und dabei auf so vieles zu verzichten? Nicht umsonst wird das Buch gerne in den USA in der Schule gelesen, um genau über solche Themen zu sprechen. Der Anfang des Filmes wird in schwarz-weiß gezeigt. Dies verfehlt seine Wirkung keinesfalls, denn der Zuschauer genießt, wie Jonas, endlich (wieder) Farben zu sehen. Die Bilder die verwendet werden, um Erinnerungen darzustellen, sind atemberaubend. Ein Sonnenuntergang, ein Sprung von einer Klippe ins Meer. Die Besetzung des Filmes lässt sich zeigen. Meryl Streep und Jeff Bridges und einige Newcomer geben den Charakteren Leben und verleihen dem Film eine angenehme Atmosphäre. Die Animation der neuen Welt, die sich auf einer glatten Anhebung aus dem Nebel erhebt, verdient Applaus. Der Wechsel zwischen Jonas‘ Welt und den Erinnerung aus unserer Welt, ist äußerst gelungen und reißt den Zuschauer leicht mit.

w964Man hätte sich wünschen können, dass die Freundschaft der drei Freunde stärker betont wird und auch die Beziehung von Jonas und seinen Eltern (Alexander Skarsgârd, Kathi Holmes) detaillierter dargestellt wird, doch ist klar, dass man nicht alles in einen Film packen kann – es sei ihm verziehen; für die Neugierigen bietet das Buch bestimmt mehr Auskunft. Der Film führt uns zurück zu unseren Wurzeln. Er macht uns bewusst in welcher wundervollen Welt wir leben. Das Bewusstsein für unsere Umgebung, die Natur und die Tiere wird uns vor Augen geführt. Und ganz wichtig – das Schöne unserer Erde können wir nur erleben, wenn wir auch das Schlechte wahrnehmen, denn der Kontrast macht das Leben aus. Eine Mischung aus Gut und Schlecht – es lohnt sich, die Welt so zu nehmen, wie sie ist. Die Quintessenz des Films, die für jeden wahrscheinlich etwas anders ausfällt, ist schön in einer unterhaltenden Geschichte verpackt, die zusätzlich sogar ein bisschen Action beinhaltet.
Diesen Film zu sehen, tut der Seele gut!

 

Trailer

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 9

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 9

Nach vier Filmen am Vortag, gönnte ich mir am Tag 9 der Fantasy Filmfests 2014 in Köln etwas Ruhe und besuchte lediglich zwei Filme. Zum Glück hatten diese es in sich und machten den Trip nach Köln auf jeden Fall lohnenswert. Während Housebound vielleicht nicht so gut war, wie sein Ruf, war es dennoch eine ordentliche Horrorkomödie, die mit einem großen Publikum gesehen werden muss. Cold in July ist dafür ein harter Südstaaten-Thriller mit einem grandiosen Hauptdarsteller-Trio. Beide Filme sind zwar nicht unter meinen bisherigen Top 3, gehören aber auf jeden Fall zu den besseren Streifen, die ich seit Festivalbeginn gesehen habe. Mehr gibt es unten  zu lesen.

 

TAG 9

Cold in July

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 9 Cold in JulyWenn der sanftmütige Richard (Michael C. Hall) einen Einbrecher in seinem Haus erschießt (weniger aus Heldenmut und Entschlossenheit und mehr, weil sein Finger am Abzug zitterte), ahnt er noch nicht, dass sein Leben sich dadurch grundlegend verändern wird und viele seiner Überzeugungen in ihren Grundfesten erschüttert werden. Die Tat wird von der Polizei nur zu gerne als Notwehr zugunsten des braven Bürgers ausgelegt, doch einen kümmert das wenig – den frisch aus dem Knast entlassenen Russel (Sam Shepard), den Vater des Toten. Er sucht Richard bald auf und terrorisiert ihn und seine Familie. Doch schon bald ändert sich die Situation für alle Beteiligten und Richard findet sich in einem Spiral aus Lügen und Gewalt wieder. Mehr sollte man eigentlich zu dem knackigen Südstaaten-Thriller auch nicht verraten, denn seine große Wirkung bezieht er aus der wendungsreichen Geschichte. Ähnlich wie einst Martyrs (inhaltlich auf keiner Weise vergleichbar!), wechselt Cold in July mehrmals abrupt seine Fahrtrichtung und am Ende ist der Zuschauer weit ab von dem gelandet, wo er sich anfangs noch vermutete. Die Grundthemen bleiben aber gleich und die Entwicklung der Figuren sehr stringent. Richard muss seine Männlichkeit unter Beweis stellen, um sich neben Russel und dem gewitzten und abgebrühten Privatdetektiv Jim Bob Luke (ein herrlicher Don Johnson mit einem richtig geilen Charakternamen) zu behaupten, die mit jedem Atemzug Maskulinität ausstrahlen, welche Richard zu fehlen scheint. Nur so lässt sich erklären (wenn auch nicht zur Befriedigung aller Zuschauer), weshalb Richard immer weiter in die gefährliche Welt dieser Männer einsteigt, auch wenn er zahlreiche Möglichkeiten dazu hat, sie zu verlassen. Michael C. Hall, hier ganz anders als in der souveräne Dexter Morgan, verkörpert die Wandlung der Figur nachvollziehbar, was für die Glaubwürdigkeit des Films entscheidend ist.

Nichtsdestotrotz stehlen ihm Shepard und v. a. Johnson hier die Show. Johnsons coole Sprüche mögen manchmal in dem sonst sehr harten Thriller fehl am Platze wirken, lockern die Stimmung aber angenehm auf. Sehr gelungen ist auch das Setting des Films im Jahre 1989. Das Highlight daran ist die zweifellos von John Carpenter beeinflusste Synthesizer-Filmmusik, die auch lange nach der Sichtung des Films in Erinnerung bleibt. Auch die Kamera fängt die Südstaaten-Atmosphäre der Zeitperiode fantastisch ein. Man fühlt sofort, dass diese Geschichte nur in dieser speziellen Zeitperiode und nur in dieser Gegend ihren Platz hat.

Die zahlreichen Wendungen der Geschichte machen aus Jim Mickles Film (der hier erstmals außerhalb des Horrorgenres arbeitete) einen ganz besonderen Film, doch andererseits sorgen sie leider auch dafür, dass einige Handlungsstränge einfach unabgeschlossen bleiben und es am Ende ein paar lose Fäden mehr gibt, als es mir lieb wäre. Das gehört wahrscheinlich dazu, denn auch im echten Leben wird nicht alles bis ins letzte Detail aufgeklärt und abgeschlossen und doch hinterlässt das den Eindruck eines nicht ganz abgeschlossenen Films zurück. Ein kleiner Makel eines ansonsten durchweg spannenden und regietechnisch toll inszenierten Films. 4/5

 

Housebound

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 9 HouseboundErwartungen sind schon eine fiese Sache. Eigentlich ist Housebound ein guter Film und dennoch habe ich das Screening leicht enttäuscht verlassen und das, obwohl ich vor dem Fantasy Filmfest von dem Film noch nie gehört habe. Wie das zustandekam? Da Köln dieses Jahr das Schlusslicht unter den FFF-Städten darstellt, wusste ich bereits vor der Vorstellung, dass Housebound zuvor in jeder einzelnen Stadt den ersten Platz des Publikumswettbewerbs "Fresh Blood" für Erstlings- und Zweitlingswerke belegt hatte. Immerhin haben in vergangenen Jahren Filme wie Beasts of the Southern Wild, Brick, District 9 und Four Lions den Wettbewerb auch gewonnen. Leider kann Housebound mit diesen Filmen aber nicht mithalten, denn es ist "nur" eine grundsolide, schräge Horrorkomödie. Deren Hauptfigur ist Kylie Bucknell (Morgana O’Reilly), die nach einem missglückten Diebstahl, vom Gericht zu acht Monaten Hausarrest im Haus ihrer Mutter (Rima Te Wiata) verdonnert wird, mit der sie sich nicht sonderlich gut versteht. Und dass ihre Mutter glaubt, im Haus würde es spuken, ist ja oberpeinlich! Doch schon bald hört auch Kylie Stimmen und Geflüster…

Neuseeland und Horrorkomödien – das hat Tradition. Natürlich denkt man da automatisch an Peter Jacksons Frühwerke Bad Taste und Braindead, aber auch in den letzten Jahren gab es immer wieder humorvolle, blutgetränkte Beiträge aus dem Land der Mittelerde-Kulisse. Manche davon waren eher mäßig (wie der einstige FFF-Opener Black Sheep), andere überraschend unterhaltsam (wie Fresh Meat letztes Jahr). Housebound liegt auf jeden Fall in den höheren Sphären der Skala, doch an Jacksons Filme kommt der Streifen nie heran. Das größte Problem ist, dass der Film sehr langsam in die Gänge kommt. In der ersten Stunde passiert eigentlich wenig, was sonderlich lustig oder gruselig ist. Vielmehr wird der "Spukhaus-mit-düsterer-Vorgeschichte"-08/15-Plot serviert. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesselt in der Zeit eigentlich nur die Hauptdarstellerin mit ihrer herrlichen "Fuck Off"-Attitüde. Der Grund, weshalb der Film bei den Zuschauern aber letztlich doch so gut abschneidet, liegt darin, dass seine letzten Eindrücke sehr positiv sind und mit diesen entlässt er die Zuschauer aus dem Kino. In der letzten halben Stunde nimmt Housebound nämlich enorm an Fahrt auf, wirft eine interessante Wendung nach der anderen in den Raum und legt ein atemberaubendes Tempo vor, in dem sich die Ereignisse überschlagen und das Blut endlich fließen darf. Dass die Logik komplett über Bord geworfen wird, stört dann eigentlich auch wenig, angesichts des irrwitzigen Finales Hätte der gesamte Film die Energie seines dritten Akts, dann wäre es tatsächlich ein absolut würdiger "Fresh Blood"-Sieger gewesen. 3,5/5

 

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So langsam erreichen wir da letzte Viertel des Fantasy Filmfests 2014. In der nächsten Ausgabe dürft Ihr euch auf einen gruseligen Spiegel (Oculus), Horror-Flitterwochen (Honeymoon) und eine Maschine, die in die Zukunft blicken kann (Time Lapse), freuen. Zu diesen drei Filmen gibt es dann Kurzkritiken.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Jürgen Vogel im Interview: "Die äußerliche Nacktheit ist das geringste Problem"

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Jürgen Vogel Interview

Jürgen Vogel bei der Schoßgebete-Premiere in Berlin © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Seit über 20 Jahren ist Jürgen Vogel ein fester Bestandteil der deutschen Film- und Fernsehindustrie und gehört zu den vielseitigsten Schauspielern, die das deutsche Kino zu bieten hat. Im Laufe seiner Karriere spielte er die unterschiedlichsten Rollen und ließ sich eigentlich nie in eine Schublade stecken. Vogel kann sowohl auf zahlreiche Kinderfilme (Emil und die Detektive, Paulas Geheimnis, TKKG) und Qualitätsdramen wie Nackt oder Gnade als auch auf Komödien wie Wo ist Fred? und schwere Kost wie Der freie Wille zurückblicken. Erst vergangenen Mai bewies er sogar Actionstar-Qualitäten im düsteren Psychothriller Stereo. Damals hatte ich bereits die Gelegenheit, Vogel und seinen Co-Star Moritz Bleibtreu zu interviewen, woraus eins meiner bislang schönsten Interviews entstanden ist (hier nachzulesen).

Etwa vier Monate später ist Jürgen Vogel wieder in einer ganz anderen Rolle zu sehen, mit der er wieser seine schauspielerische Bandbreite bezeugt. In der Verfilmung von Charlotte Roches zweitem Erfolgsroman "Schoßgebete" spielt er ungewohnt zurückhaltend und sanftmütig, jedoch nicht weniger überzeugend als in seinen "intensiveren" Rollen. Bei Schoßgebete arbeitete er seit über 15 Jahren erstmals wieder unter Sönke Wortmanns Regie, dessen Film Kleine Haie beiden den großen Durchbruch im deutschen Kino verschaffte.

Ich hatte das Glück, Vogel zu seinem neuen Film zu interviewen. Dabei sprach er, gewohnt offen, über seine Einstellung zu Nacktszenen, zur Klatschpresse und erzählte von seinem Wunsch, einmal auch auf dem Regiestuhl zu sitzen.

Filmfutter: Kanntest Du die Romanvorlage, bevor Du zu der Rolle gekommen bist?

Jürgen Vogel: Nicht wirklich. Meine Freundin hat „Schoßgebete“ gelesen, als der Roman herauskam und hat mir auch tagelang davon begeistert erzählt. Als das Drehbuch dann ankam, habe ich es gelesen. Wenn es eine Romanvorlage gibt, lese ich sowieso meistens erst das Drehbuch, weil ich manchmal auch nicht mehr wissen möchte als das, was im Drehbuch steht. Sonst läuft man Gefahr, Dinge da hineinzuinterpretieren, die im Drehbuch nicht drin sind. Wenn das Drehbuch nicht ausreicht, nützt der Roman einem auch nicht viel. Das Drehbuch muss schon alles bringen, was der Film auch bringen muss. Das Drehbuch fand ich toll, es hat mich sehr berührt, und ich fand es auch ausreichend, sodass ich den Roman dann nicht mehr zusätzlich gelesen habe.

FF: Was für ein Mann ist Georg?

JV: Er ist ein Mann, der noch viel kindliche Fantasie hat und Neugier, was Sexualität angeht. Letztendlich ist er auch wahnsinnig gutmütig, hält viel aus und trägt mit. Diesen Deal, den die beiden haben, was die Beziehung angeht, dass sie zusammenhalten, sich gegenseitig helfen, für einander da sind und jeder für den anderen auch bestimmte Dinge tut, das fand ich total charmant.

FF: Sind es diese Qualitäten, die Elizabeth an Georg anziehend findet? Man hat das Gefühl, dass er ihr Anker im Leben ist.

JV: Das glaube ich auch. Es ist eigentlich beides. Ich glaube, dass sie für ihn genau so wichtig ist. Sie scheint ja erstmal eine relativ neurotische und schwierige Frau zu sein. Aber sie ist auch sehr liebenswert, und sie braucht jemanden, der so geerdet ist, aber auch so etwas Kindliches hat, wie Georg.

FF: Elizabeth ist sicherlich keine einfache Frau zum Zusammenleben.

JV: Ich glaube, dass Georg und sie sich wahnsinnig gut ergänzen. Sie ist ja trotzdem auch eine ganz tolle Frau, grandios gespielt von Lavinia. Sie ist sehr intelligent, clever, mitfühlend, und sie ist sicherlich nicht langweilig.

Jürgen Vogel Interview Schoßgebete 1

FF: Ein wichtiges Thema im Film ist auch Elizabeths Hass gegen die Zeitungen, die ihre Tragödie ausgebeutet haben. Als einer von Deutschlands berühmtesten Schauspielern, kommst Du natürlich auch ständig mit Medien in Berührung. Wie ist Dein Umgang mit Medien und der Klatschpresse?

JV: Ich habe einfach keinen Umgang mit ihnen. Es gibt, wie in allen Branchen, tolle Journalisten und totale Vollidioten. Ich rede mit ihnen eben nicht. Ich mache keine Interviews mit den Zeitungen, die ich nicht gut finde. Das suche ich mir genau aus, und es gibt eine bestimmte Art der Boulevardpresse, die mich nicht interessiert. Das funktioniert jetzt seit über 30 Jahren super. Keiner zwingt einen dazu, mit den Leuten zu reden. Sie dürfen ja natürlich über einen schreiben, aber das interessiert ja nicht viele, über jemanden zu schreiben, der mit einem nicht selbst redet. Da ist ja auch eine große Eitelkeit. Diese Publikationen finden sich ja selbst sehr toll. Sollen sie auch ruhig tun, für bestimmte Leute sind sie ja auch wichtig, aber für mich eben nicht. Die Leute, die von der Presse ausgeschlachtet werden, haben meistens vorher schon selbst eine Beziehung mit dieser Presse angefangen und beendet. In dem Fall von unserer Figur war es anders. Da hat die Presse ihr Unglück wirklich brutal ausgeschlachtet. Ich finde es sehr humorvoll, wie ihre Fantasie mit ihr spielt, was ihre Rachegedanken angeht.

FF: Liest Du eigentlich Kritiken zu Deinen eigenen Filmen?

JV: Wenn man mir dann eine Kritik vor die Nase legt, lese ich sie durch, aber ich bin nicht jemand, der dann nach einem Film alle Kritiken durchforstet. Das ist irgendwie schwierig, finde ich. Die Leute, die versuchen, kreativ zu arbeiten, sollten davon eigentlich frei bleiben. Man sollte sich nicht so sehr mit der Sicht von der Außenwelt beschäftigen – weder als Schauspieler noch als Mensch generell noch als Film. Es ist etwas ganz Persönliches, was wir tun. Man muss sich das so vorstellen. Du hast ein Kind, und dann musst du dir jeden Tag anhören, wie andere Leute dein Kind finden. Aber du liebst dein Kind und du bist glücklich mit deinem Kind. Jeden Tag musst du dir dann anhören, wie andere dein Kind finden, und irgendwann verzichtest du darauf. Mit Filmen ist es ein bisschen ähnlich. Man hat einen Film gemacht, man wollte es, man war überzeugt davon, und man präsentiert es dann irgendwann der Welt. Man will aber nicht immer, dass andere es beurteilen.

FF: Til Schweiger hat das ja ähnlich beschrieben als Grund, weshalb er der breiten Presse seine Filme nicht vor dem Kinostart zeigt.

JV: Ja, so weit würde ich nicht gehen. Die Presse soll es sehen, sie muss darüber schreiben. Ein Film ist ein Produkt, über welches die Presse berichten muss. Sie haben ja auch ihre Leser, die informiert werden wollen. Die Frage ist, wie wichtig einem selbst die Meinung anderer ist. Was der eine ganz doof findet, findet der andere ganz toll. Was ist so eine Meinung für deine Arbeit eigentlich wert? Man muss selber den Weg finden, wie man Dinge beurteilt.

FF: Schaust Du Dir Deine eigenen Filme nochmal an, oder gehörst Du zu den Schauspielern, die das lieber nicht tun?

JV: Ja, doch. Gerade bevor man mit der Presse spricht, sollte man den Film vielleicht noch mal sehen, um zu wissen, wie der Film geschnitten ist, wie die Musik wirkt usw. Aber danach eigentlich nicht mehr. Jahre später dann vielleicht. Manchmal bleibe ich durch Zufall bei der Wiederholung eines alten Films hängen und bin total überrascht, weil ich manche Dinge vergessen habe (lacht).

FF: Denkst Du dann manchmal „Oje, das hätte ich heutzutage anders gemacht“?

JV: Klar, aber man macht es immer anders. Mit jedem Tag, an dem man älter wird, interpretiert man Sachen auch anders. Das ist ganz normal. Das garantiert ja auch, dass wir uns verändern und Sachen anders spielen.

FF: Sönke Wortmann hat zu der Dreier-Szene im Film gesagt, dass Du da beim Dreh völlig schmerzfrei bist und keine Probleme im Umgang mit Deinem Körper hast. Das sieht man ja auch in einigen anderen Filmen. Ist das etwas, das für Dich natürlich kam, oder musstest Du Dir das erst aneignen?

JV: Ich glaube, dass in unserem Job diese äußerliche Art von Nacktheit noch das geringste Problem ist. Uns beschäftigen als Schauspieler ja Zustände, Emotionen, Gefühlswelten. An diese seelische Entblößung ist es schwieriger dranzukommen. Nackt zu sein, ist keine Arbeit, keine Hürde. Einen Gefühlszustand zu finden oder zu erzeugen, das ist die Herausforderung. Komischerweise wird mehr über Nacktheit bei diesem Film geredet als über das, was innerlich gefühlt wird. Das ist natürlich viel intimer. Mein Körper ist in dem Sinne nicht intim. Wenn ich im Urlaub mit der Badehose ausgehe, oder wenn ich auf Ibiza am FKK-Strand bin, dann ist es ja auch egal. Dann ist man auch nackt. Aber ich heule nicht vor jedem, und ich zeige nicht allen meine Gefühle. Beim Film tust du das aber schon.

FF: Also ist das für Dich die größte Herausforderung?

JV: Ja, finde ich schon. Das sind ja echte Gefühle. Wenn man weint, traurig ist, sauer ist… alle Emotionen, die man hat, sind ja sehr privat und persönlich. Das ist etwas, das man nicht so gerne mit Millionen von Leuten teilt, aber das verlangt eben unser Job.

FF: In SCHOSSGEBETE sind Sex und Gefühle untrennbar miteinander verbunden. Würdest Du sagen, dass Sex in der Geschichte eine paartherapeutische Wirkung hat?

JV: Sex ist eine Art Verabredung für die beiden, ein Deal. Es ist eine Begegnungsstätte für sie, eine Ebene, die sie verbindet und sie zusammenhält. Bei jedem Menschen ist Sexualität sehr wichtig. Die beiden schenken sich darüber Dinge. Er gibt ihr die Sicherheit und das Vertrauen, dass er immer für sie da ist, auch wenn sie schwierig und kompliziert ist, und sie ermöglicht ihm dafür die Erfüllung seiner Fantasien. Sie geht mit ihm auf diese Reise. Die Sexualität wird als Spielplatz betrachtet, und jedes Karussell will auch gerutscht werden. Sie macht es mit ihm mit, und das finde ich toll.

Jürgen Vogel Interview Schoßgebete 2

FF: Du hast mit Sönke vor über 20 Jahren bei Kleine Haie zusammengearbeitet. Das war der große Durchbruch für Euch beide, und mit der Ausnahme eines Gastauftritts in Charleys Tante, ist SCHOSSGEBETE Eure erste Zusammenarbeit seitdem. Wie haben sich Eure Zusammenarbeit und seine Arbeit als Regisseur verändert?

JV: Das ist lustig. Wir waren ja damals wahnsinnig jung. Ich war Anfang 20, und ich war auch ein Chaot. Ich kann mich nicht an alle Sachen erinnern, aber ich weiß, dass ich nicht unanstrengend war. Ich fand es witzig, ihn wiederzutreffen. Sönke ist ein sehr angenehmer Regisseur, der auch eine große Ruhe und Gelassenheit verbreitet. Er hat aber auch einen großen Hang zu Humor und nimmt nicht alles so wahnsinnig ernst. SCHOSSGEBETE ist natürlich auch ein Film, der trotzdem ein ernstes Thema behandelt. Ich finde, Sönke hat einen sehr guten Weg gefunden, die Geschichte zu erzählen, ohne dass es die ganze Zeit nur eine große Tragödie ist. Wir sind beide sehr gereift seit Kleine Haie. Aber es war auch richtig toll, mit Lavinia zusammenzuarbeiten.

FF: Du hast ja mit vielen namhaften deutschen Regisseuren zusammengearbeitet – Sönke Wortmann, Matthias Glasner, Doris Dörrie und anderen. Gibt es jemanden unter den Regisseuren, mit dem Du sehr gerne zusammenarbeiten würdest?

JV: Ich würde sehr gerne wieder mit Dominik Graf drehen. Ich habe ihn vor 1-2 Jahren getroffen und habe ihm das dann auch gesagt. Wir haben ja schon zusammengearbeitet, haben zusammen zwei Folgen von „Der Fahnder“ gedreht. Ich war 17 bei meinem ersten „Fahnder“ mit ihm, und allein schon deswegen, aus der Historie heraus, würde ich sehr gerne wieder mit ihm zusammenarbeiten. Ich mag Dominik sehr. Ich mag, wie er Filme macht und wie er mit den Schauspielern arbeitet. Sonst bin ich sehr offen. Ich mag Leute, die sehr viel gemacht haben, aber auch ganz neue Regisseure, die wenig gemacht haben.

FF: Deine Rollen decken eine sehr große Bandbreite an unterschiedlichsten Charakteren ab. Alleine dieses Jahr mit Stereo, Hin und weg und SCHOSSGEBETE hast Du drei sehr unterschiedliche Figuren gespielt. Welche Figur kommt am ehesten dem echten Jürgen Vogel nahe?

JV: (lacht) Werde ich nicht verraten. Es ist in jeder Rolle ein wenig von mir drin.

FF: Sogar in Der freie Wille?

JV: Sogar da. Ich muss mich von meinen Figuren nie distanzieren, es ist immer ein Teil von mir drin.

FF: Welche Herausforderungen siehst Du für Dich noch in der Zukunft als Schauspieler?

JV: Je älter ich werde, und je mehr Filme ich gemacht habe, desto weniger denke ich über die einzelnen Rollen nach und mehr über den gesamten Film. Am Anfang waren die verschiedenen Rollen wichtig, weil man sich darüber definiert hat, was man noch nicht gespielt hat und was man gerne spielen würde. Aber heutzutage will ich einfach gute Filme machen. Ich finde es auch okay, nur vier oder fünf Drehtage bei einem Film zu haben, wenn ich den Film interessant finde.

FF: Hast Du Dir je überlegt, es als Regisseur zu versuchen, oder reizt Dich das nicht?

JV: Doch, es reizt mich sehr. Man Problem sind die Drehbücher. Ich kann einfach nicht schreiben. Ich bin abhängig von Autoren. Ich habe schon drei Jahre an einem Drehbuch gearbeitet, aber letztendlich kam ich nie weiter. Ich bin immer irgendwo steckengeblieben. Ich kann es einfach nicht. Man darf nicht denken, dass es jeder kann. Es ist ein richtiges Talent. Nicht jeder kann ja auch Kamera machen oder ein guter Pianist sein. Das Talent kann man sich nicht erzwingen. Du brauchst jemanden, der diese Welten erfinden kann. Es weiß aber vermutlich auch keiner, dass ich gerne Regie führen würde, ich bekomme also nicht ein Drehbuch nach dem anderen als Regisseur auf den Tisch.

FF: Wäre eine Rolle als „Tatort“-Kommissar etwas, das Du Dir in der Zukunft vorstellen könntest?

JV: Ich mag „Tatort“, ich gucke es gerne. Aber ich mache gerade mit Matthias Glasner eine Serie für das ZDF, „Die Lebenden und die Toten“, und da sind wir einfach viel freier. „Tatort“ ist schon etwas festgelegt in dem, was man machen darf. Mit unserer Serie sind wir wesentlich freier. Ich spiele da übrigens auch einen Polizisten.

FF: Ist das Dein nächstes Projekt?

JV: Wir drehen die Serie gerade noch, bis zum 17.09., und dann haben wir vier Folgen abgedreht. Den Pilotfilm haben wir letztes Jahr schon gedreht, er lief aber noch nicht. Die Serie wird wahrscheinlich nächstes Jahr ins Fernsehen kommen. Das wird extrem toll. Da gehen wir so weit, wie das ZDF noch nie gegangen ist. Ich glaube, dass die größte Möglichkeit der Entwicklung, was Figuren und Dramaturgie angeht, momentan im Fernsehen liegt.

FF: Vielen Dank für das Interview, Jürgen.

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Schoßgebete läuft ab dem 18.09. in den deutschen Kinos.

Weitere Interviews zu Schoßgebete:

Sönke Wortmann

Szenenbilder © 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow

Sönke Wortmann im Interview: "Ich würde gerne ein Musical inszenieren"

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Sönke Wortmann Interview Schoßgebete

Sönke Wortmann bei der Premiere von Schoßgebete in Berlin © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Als Charlotte Roche 2008 ihren ersten Roman, "Feuchtgebiete", veröffentlichte, konnte niemand ahnen, dass ihre Geschichte über Tabubrüche und die Selbstfindung einer jungen Frau in einer Welt dominiert von gesellschaftlichen Konventionen, die Nation im Sturm erobern würde. Über 2,5 Millionen Mal verkaufte sich der Roman in Deutschland und belegte mehr als ein halbes Jahr lang die Spitze der Literatur-Charts. Drei Jahre später legte sie mit "Schoßgebete" einen sehr erfolgreichen Nachfolger vor, dessen Geschichte aber deutlich persönlicher ausfiel und mit dem sie ihr eigenes Trauma verarbeitete. Dass auch fünf Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Romans das Interesse an Charlotte Roche nicht verfolgen ist, zeigte letztes Jahr die erfolgreiche Verfilmung Feuchtgebiete, die alleine in Deutschland fast 1 Million Zuschauer in die Kinos lockte.

Auch die Adaption von "Schoßgebete" ließ nicht lange auf sich warten. Seit gestern läuft der Film in den deutschen Kinos. Schoßgebete wurde von einem der ganz Großen des deutschen Kinos inszeniert – Sönke Wortmann. Seit seinem Durchbruch mit Kleine Haie, hat er mit Das Superweib, Der bewegte Mann, Die Päpstin und Deutschland – Ein Sommermärchen zahlreiche deutsche Megahits in die Kinos gebracht. In Schoßgebete ist er wiedervereint mit Jürgen Vogel, der mit Kleine Haie ebenfalls seinen Durchbruch feierte. In die weibliche Hauptrolle schlüpfte die tolle Lavinia Wilson.

Anlässlich der Filmpremiere von Schoßgebete am 5. September in Köln, hatte ich die großartige Gelegenheit, Wortmann und seine beiden Hauptdarsteller zum Film zu interviewen. In dem Interview erklärte Wortmann, was ihn an dem provokativen Roman faszinierte, weshalb Schoßgebete anders ist, als manche vermuten und was für ihn der wahre Gradmesser des Erfolgs ist.

Filmfutter: Ich muss ehrlich sagen, dass ich Sönke Wortmann im Vorfeld nicht gerade mit einer Charlotte-Roche-Verfilmung in Zusammenhang gebracht hätte. Wie kamst Du zu dem Film?

Sönke Wortmann: Es gab auch schon andere Filme, zum Beispiel Die Päpstin, bei denen die Leute dachten, dass es zu mir eigentlich gar nicht passen würde. Das macht mich natürlich immer neugierig und ich will ja auch nicht immer gleiche Dinge in meinem Beruf machen, sonst würde ich jetzt Der bewegte Mann 14 drehen. Ich probiere gerne andere Genres aus. Wenn es nach mir ginge, würde ich als nächstes gerne ein Musical inszenieren. Auch da wird man dann sicherlich sagen: „Musical und Wortmann – geht das zusammen?“. Insofern finde ich das eigentlich gar nicht schlimm, dass es da anfangs Irritationen gibt. Ich habe den ersten Roman, „Feuchtgebiete“, nicht gelesen und als der zweite herauskam, „Schoßgebete“, wollte ich dann doch wissen, warum sich der erste so gut verkauft hat. Innerlich hat es mich nicht so sehr interessiert und ich wollte wissen, warum diese Autorin so beliebt ist. Ich habe es auf einer relativ langen Zugfahrt gelesen und es hat mich voll erwischt. Ich war sehr berührt und was mir gefallen hat, war die Gratwanderung zwischen der Tragik und der Komik. Es ist eine aufregende Mischung, die ich auch in den Film übertragen wollte.

FF: Hast Du dann aus Neugier auch „Feuchtgebiete“ gelesen?

SW: Ja, habe ich gelesen, aber erst viel später, nachdem ich den Film abgedreht habe. Ich muss sagen, dass es mir viel besser gefallen hat, als ich erwartet hätte. Den Ekel-Faktor, über den immer gesprochen wird, fand ich gar nicht so eklig, sondern eher lustig. Inzwischen kenne ich Charlotte (Roche) auch und kann das auch ein gut einschätzen. Ich glaube sie macht sich einfach einen großen Spaß daraus, die Leute mit Ekel zu provozieren.

FF: Hast Du auch die Verfilmung gesehen?

SW: Ja und da kann ich auch nur lobende Worte sprechen. Mir war nicht ganz klar, was die Macher daraus machen würden, aber als ich den Film gesehen habe, fand ich ihn absolut gelungen.

FF: Denkst Du dann rückblickend, dass Du den Roman auch gerne selbst inszeniert hättest?

SW: Auf keinen Fall. (lacht)

FF: Also das ist kein „Sönke-Wortmann-Film“?

SW: Nein, absolut nicht. Insofern schließt sich der Kreis der Frage. Das ist weit von dem weg, was mich als Filmemacher interessiert und es ist auch eine völlig andere Zielgruppe, als die, die wir jetzt ansprechen. Bei uns geht es um eine Frau Mitte Dreißig, die seit langem in einer Beziehung ist, ein Kind hat und versucht, diese Beziehung frisch zu halten. Das muss sie unter schwierigen Voraussetzungen bewerkstelligen, da sie traumatisiert ist. Ich glaube, das passt sehr gut zu mir. Diese Lebensphase kenne ich natürlich auch. Ich habe auch schon eine langjährige Beziehung, Kinder und es ist nicht immer einfach. Die Alltagsroutine ist enorm. Die Frage ist dann natürlich, wie man die Liebe im Alltag retten kann. Dieses Thema entspricht wirklich dem, was mich beschäftigt.

FF: Wenn man „Charlotte-Roche-Verfilmung“ hört, haben Menschen ganz bestimmte Vorstellungen. Diese richten sich aber vermutlich mehr nach „Feuchtgebiete“. Man erwartet Sex und Tabubrüche. In Deinem Film ist Sex zwar ein wichtiges Thema, doch es gibt auch nicht alle zehn Minuten eine Sexszene. Was erwartet realistischerweise den Zuschauer, der sich den Film anschaut?

SW: Es ist schwer, den eigenen Film anzupreisen… Ich glaube, dass er eine sehr bewegende Geschichte erzählt, und zwar fernab von dem ganzen Sex- und Ekel-Faktor. Sex gehört natürlich zum Leben dazu; es gibt auch besondere Formen von Sex, wie vielleicht in Charlottes Romanen öfter mal, wie beispielsweise die Dreier-Konstellation. Es ist aber überhaupt nicht pornographisch, falls man das erwartet. Man zahlt ja nicht 12 Euro für ein Filmticket, nur um das zu sehen, was zwei Klicks entfernt im Internet zu finden ist.

FF: Ist trotzdem eine gewisse Offenheit bei den Zuschauer Voraussetzung für den Film?

SW: Es ist sicher richtig, was du gesagt hast. Wegen „Feuchtgebiete“ erwarten einige Menschen bestimmte Dinge, die im zweiten Roman aber gar nicht vorkommen. Man verwechselt gerne die Romane, weil sie einen ähnlichen viersilbigen Titel haben und von der gleichen Autorin sind. Man denkt dann natürlich auch, dass es ähnliches Sujet ist, was aber nicht zutrifft.

Sönke Wortmann Interview 2
Sönke Wortmann mit Lavinia Wilson, Charlotte Roche, Jürgen Vogel und Pauletta Pollmann bei der Filmpremiere in Berlin

FF: Mit welchem Gefühl sollten die Zuschauer idealerweise den Kinosaal bei SCHOSSGEBETE verlassen?

SW: Ich habe ja auch ein Gefühl, wenn ich den Film noch mal sehe. Mein Gefühl ist Betroffenheit von dem Schicksal dieser Frau, aber gleichzeitig bin ich auch optimistisch gestimmt, weil ich weiß, dass sie dieses Schicksal meistern wird. Das erzählt der Film zwar nicht direkt, aber das ist das Gefühl, mit dem ich rausgehe. Das letzte Bild des Films ist ein Freeze-Frame der lächelnden Hauptfigur und ich habe das Gefühl, dass sie ihr Leben auf die Reihe kriegen wird. Ich hoffe auch, dass das Publikum das auch so empfinden wird.

FF: Was war dir größte Herausforderung bei der Adaption des Romans?

SW: Ich glaube, es war die Verbindung der Tragik mit der Komik. Die Figur Elizabeth erlebt das Schlimmste, das man eigentlich erleben kann. Wie sie damit umgeht und wie humorvoll sie das verarbeitet, hat mir im Roman gefallen. Ich weiß natürlich auch, dass es auch teilweise autobiographisch ist und wie Charlotte damit umgeht, finde ich sehr bewundernswert und mutig.

FF: Fühlt man eine gewisse Verantwortung, wenn man eine so persönliche Geschichte umsetzt?

SW: Auf jeden Fall. Ich habe immer das Bedürfnis, die Autoren ernst zu nehmen, sie auch Dinge zu fragen und bis zu einem gewissen Grand einzubeziehen. Das war hier natürlich besonders so, weil es eben so eine persönliche Geschichte ist. Mein erstes Ziel war, dass Charlotte den Film mag, sich auch damit identifizieren kann und sich nicht verraten oder ausgenutzt fühlt. Zum Glück hat sie den Film gesehen und mochte ihn sehr. Natürlich war sie auch sehr aufgewühlt, aber auch sehr zufrieden.

FF: Inwiefern wurde Charlotte in die Arbeit an dem Film mit einbezogen?

SW: Wir haben ihr angeboten, sie einzubeziehen, aber das wollte sie gar nicht wirklich, weil sie zu Recht auch erkannt hat, dass Literatur und Film völlig verschiedene Medien sind. Man muss als Autor dann auch abgeben können. Natürlich muss man den Filmemachern erst auf den Zahn fühlen, ob man ihnen mit dem eigenen Buch vertraut. Aber in dem Moment, in dem man sein Okay gibt, muss man auch loslassen und den Dingen ihren Lauf lassen. Wenn ich Autor wäre, würde ich das auch so machen und Charlotte hat das ebenfalls so gemacht. Von unserer Seite war es so, dass wir sie trotzdem immer darüber informiert haben, was wir vorhatten. Sie hat immer die aktuellen Drehbuchfassungen bekommen, hat sie gelesen und für gut befunden. Deswegen war es zwar eine geringe Zusammenarbeit, aber auch eine sehr wichtige, weil sie ihren Segen gegeben hat.

FF: Auf welche Abweichungen von dem Roman müssen sich die Fans einstellen?

SW: Die Fans des Romans können sich auf jeden Fall darauf einstellen, dass der Geist der Vorlage sich im Film wiederfindet. Natürlich gibt es diese 15-seitige Blow-Job-Szene vom Anfang nicht, aus verschiedenen Gründen. Erstens ist sie gar nicht so wichtig und zweitens würde sie unter den Pornografie-Paragraphen fallen. Ansonsten ist das meiste drin, was den Roman ausmacht. Was ich bereits mehrmals gehört habe, ist, dass die Leute, die den Film gesehen haben und den Roman nicht kennen, positiv überrascht waren, weil es eben nicht „Feuchtgebiete“ ist. Sie sind überrascht, dass Schoßgebete ganz anders ist, eine ganz andere Ernsthaftigkeit besitzt und andere Dimensionen abdeckt. Der zweite Roman ist wesentlich intensiver. Natürlich ist der Film, Feuchtgebiete, sehr erfolgreich gewesen und vielleicht wollen sich die 950,000 Zuschauer, die den Film gesehen haben, auch Schoßgebete anschauen und sind dann auch noch positiv überrascht, weil es noch inhaltlicher ist.

Sönke Wortmann Interview 1
Sönke Wortmann (r.) mit Produzent Tim Spiess bei der Filmpremiere in Köln

FF: Du hast natürlich in Deiner langen Karriere bereits viele große Hits gehabt. Ist Dir der kommerzielle Erfolg Deiner Filme wichtig?

SW: Ja. Ich gebe mir natürlich immer viel Mühe und es steckt immer viel Arbeit darin – nicht nur meine, sondern von vielen Leuten, die sich mit dem Projekt identifizieren. Es ist für sie auch eine Enttäuschung, wenn der Film nach zwei Wochen nicht mehr im Kino ist. Ich bin dann natürlich auch enttäuscht. Für mich ist das eigentlich der wichtigste Gradmesser. Kritiker sind es nicht, ich lese eigentlich lange keine Kritiken mehr zu meinen Filmen. Ich definiere mich stattdessen über die Zuschauerzahlen. Ich denke, dass wenn ich einen guten Film gemacht habe, sich das auch herumsprechen wird. Der Film wird sich weiterempfehlen. Wenn mir der Film aber nicht so gut gelungen ist, sagen die Leute dann weiter, dass man sich den sparen kann.

FF: Es gibt ja auch leider richtig gute Filme, die im Kino nicht so gut laufen und vielleicht erst später entdeckt werden.

SW: Ja, ich weiß, aber ich will mir das dann auch nicht schönreden. Ich habe ja auch schon Misserfolge gehabt und da will ich nicht sagen: „Na ja, vielleicht irgendwann mal.“ Unter dem Strich glaube ich schon, dass die guten Filme sich meistens durchsetzen. Ich denke, dass ein Film, der sieben Millionen Zuschauer in die Kinos lockt, gewisse Qualitäten haben muss, sonst wäre er nicht so erfolgreich. Umgekehrt ist es nicht immer so. Es gibt sehr gute Filme, die nur 20,000 Zuschauer haben. Vielleicht scheitern sie am Thema oder die Leute wollen das Thema zu dem Zeitpunkt nicht sehen. Wenn ein Film nicht gut läuft, hat das nicht unbedingt mit mangelnder Qualität zu tun. Ein gut laufender Film hat aber auf jeden Fall Qualität.

FF: Ein britischer Regisseur hat mir einst gesagt, dass es für ihn besonders wichtig ist, dass sein Film irgendeine Reaktion erzeugt. Ihm ist es lieber, dass die Zuschauer seinen Film hassen, als wenn er ihnen gleichgültig ist. Würdest Du das für Dich auch so unterschreiben?

SW: Das würde ich auch so sehen. Es gibt ja nichts Schlimmeres als Gleichgültigkeit. Bestimmt habe ich auch Filme gemacht, die Leute gleichgültig zurückließen, aber in dem Fall von Schoßgebete, glaube ich nicht, dass es der Fall sein wird. Wir haben ja auch Testvorführungen gemacht. Gleichgültig war kaum jemand, Entweder man mochte das sehr gerne und war betroffen, oder man mochte es gar nicht. Das finde ich in Ordnung so.

FF: Gab es einen langen Casting-Prozess zu dem Film oder gab es bereits zu Beginn Wunschkandidaten?

SW: Es sollte ein langes Casting werden, aber es wurde ein sehr kurzes. Wir hatten anfangs eigentlich einige Schauspielerinnen im Kopf, haben 2-3 bekannte Namen angefragt und sie wollten das nicht spielen. Die Rolle war ihnen zu risikoreich – aus verschiedenen Gründen. Vielleicht waren sie nicht mutig genug oder vielleicht hatten sie Angst, ihren aufgebauten Status als Schauspielerin mit der Rolle zu gefährden. Es ist natürlich eine sehr herausfordernde und provokative Rolle. Dann dachte ich: „Okay, wir machen wohl ein Casting, wenn die Ängste so groß sind.“ Unter den ersten sechs oder sieben, die vorgesprochen haben, war Lavinia auch dabei und sie war sofort drin. Es war mir sofort klar, dass sie die Richtige war. Oliver Berben (Drehbuchautor und Produzent von Schoßgebete) hat sich das Video angeschaut und mir auch sofort zugestimmt. Der passende Partner war dann mit Jürgen Vogel relativ schnell gefunden. Es war dann ein Casting mit Lavinia zusammen. Er musste nicht beweisen, dass er so was spielen kann, sondern es ging um die Frage, ob die beiden gut zusammen passen.

FF: Hast Du schon ein nächstes Projekt in Aussicht? Ein Musical vielleicht?

SW: Es ist so, dass ich dieses Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin so schön finde. Das kann ich aber leider nicht machen, weil es eine unklare Rechtesituation gibt. Es gibt einen Film, der nächstes Jahr kommt, der aber schon abgedreht ist. Der Film heißt Frau Müller muss weg, eine Komödie über einen Elternabend, basierend auf einem sehr erfolgreichen Theaterstück.

FF: Würde es Dich interessieren, wieder einen Film auf Englisch zu drehen?

SW: Nein, nicht mehr. Ich habe es ja zweimal gemacht. Einmal war es ein Hollywood-Film, The Hollywood Sign mit Rod Steiger, Burt Reynolds und Tom Berenger. Ich habe mich da aber ehrlich gesagt nicht so wohl gefühlt. Es war zu anders. Es sind zu viele andere Dinge, wie die Größe von Wohnwagen, wichtig. Die Päpstin habe ich dann natürlich auch in englischer Sprache gedreht und auch da habe ich gemerkt, dass ich es in Deutsch lieber mache. Ich spreche zwar ganz gut Englisch, aber es ist manchmal frustrierend, dass ich nicht in die Tiefen der Sprache so vordringen kann, wie ich es gerne möchte. Deswegen bin ich superglücklich in Deutschland zu drehen. Mittlerweile bin ja auch über 50 und erwarte nicht, dass Hollywood bei mir bald wieder anklopft.

FF: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem Film.

von Arthur Awanesjan

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Schoßgebete läuft ab dem 18.09. in den deutschen Kinos.

Weitere Interviews zu Schoßgebete:

Jürgen Vogel

Premierenbilder © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 8

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 8

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

am 8. Tag des Fantasy Filmfests 2014 in Köln habe ich vier neue Filme gesehen, darunter auch einen der besten von diesem Jahrgang, das schonungslose und emotionsgeladene Knastdrama Starred Up. Eigentlich ein untypischer FFF-Film, aber Qualität bleibt eben Qualität. Auch zwei weitere Filme hatten zumindest größtenteils sehr interessante Ansätze, Ideen und Umsetzung und könnten bei erneuter Betrachtung in ihrer Wertung sogar steigen: der Festival-Mindfuck Coherence (okay, hier würden Under the Skin und The Strange Color of Your Body’s Tears wahrscheinlich Einspruch einlegen) und Gregg Arakis White Bird in a Blizzard. Lediglich der irische Streifen The Canal war ein 08/15-Grusler, den man eigentlich nicht zu sehen braucht.

 

TAG 8

Starred Up (Mauern der Gewalt)

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 8 Starred UpGefängnisse sind kein Zuckerschlecken. In den USA sowieso nicht, wie uns zahlreiche Knastfilme und natürlich auch die HBO-Serie "Oz" verraten haben – aber auch in Großbritannien wird im Bau gemordet, verprügelt, in die Kloschüssel mit dem Kopf getunkt, mit Drogen gedealt und es bestehen klare Hierarchie-Strukturen, denen sich sogar einige Wärter unterordnen. Von dieser harten Welt erzählt uns der beinahe schmerzhaft realistische britische Gefängnisfilm Starred Up. Der Titel ist ein britischer Slang-Begriff, mit dem junge Kriminelle beschrieben werden, die sehr früh von einer Jugendstrafanstalt in eine Justizvollzugsanstalt für Erwachsene verlegt werden. Einer dieser Jugendlichen ist der 19-jährige Eric Love (Jack O’Connell), der im gleichen Gefängnis landet, in dem bereits sein entfremdeter Vater Neville (Ben Mendelsohn) einsitzt. Bereits am ersten Tag sorgt Eric für Unruhe. Er ist unbeherrscht, volatil, eckt überall an und hat vor nichts und niemandem Respekt. Eine letzte Chance bekommt er, wenn er an der Aggressionsbewältigungsgruppe des freiwilligen Psychotherapeuten Oliver ("Homeland"-Star Rupert Friend) teilnimmt. Das liegt auch dem Ober-Knasti Dennis (Peter Ferdinando) am Herzen, der alle Wärter in der Tasche hat und für den Erics Vater arbeitet. Eric soll sich beherrschen oder er wird beseitigt, weil seine Ausbrüche dem Drogengeschäft schaden. Zunächst sehr widerwillig, findet Eric in der Gruppe erstmals so etwas wie menschliche Nähe und Güte. Doch der Zustand der Ruhe ist zerbrechlich, denn er hat sich bereits Feinde gemacht, die es auf ihn abgesehen haben und ob sein Vater sein Freund oder Feind ist, kann er auch nicht einschätzen.

Mit Bronson lief auf dem Fantasy Filmfest vor einigen Jahren bereits ein toller Knastfilm aus Großbritannien, der Tom Hardys großartiges Talent der Welt vorstellte. Während der Fokus in Bronson aber aussschließlich auf einem faszinierenden Individuum lag, handelt Starred Up von Beziehungen zwischen den Charakteren. Neben einer schonungslos ehrlichen Darstellung des Gefängnis-Alltags (sowohl aus der Sicht der Insassen, aber auch aus der Sicht eines Idealisten, der an das Gute in den Menschen glaubt), funktioniert der Film auch als ein überraschend aufwühlendes Vater-Sohn-Drama. Dies ist nicht zuletzt den fantastischen Performances von Jack O’Connell und Ben Mendelsohn zu verdanken. Ihre Beziehung ist geprägt von aufgestauter Wut und Entfremdung, aber auch einem großen Verlangen nach Nähe und schlichter Unfähigkeit, Gedanken und Gefühle angemessen auszudrücken. Manche Momente zwischen diesen zwei brutalen Kerlen gehen wirklich ans Herz. Das gelingt dem Film völlig ohne falsche Sentimentalität, emotionale Zusammenbrüche oder abrupte "Erleuchtungen" der Figuren. Der Streifen lässt nie einen vergessen, dass es aggressive Männer sind, die sich aus gutem Grund in der Situation befinden, in der sie sind. Jedes bisschen an Sympathie und Mitgefühl, das die Charaktere bei den Zuschauern erwecken, ist dank den Schauspielern und dank Jonathan Assers nuanciertem Debüt-Drehbuch hart verdient. Auch die Figur von Rupert Friend, die in einem weniger komplexen Film als eine Schablone an Perfektion und Einfühlungsvermögen hätte rüberkommen können, bleibt vielschichtig.

Ein viel zu reißerisches Finale, zu dem sich die Macher des ansonsten sehr authentischen Films haben verführen lassen, verhindert, dass Starred Up ein glattes Meisterwerk wird. Hier wird der Realismusanspruch zugunsten von "schafft-er-oder-schafft-er’s-nicht"-Spannung und unglaubwürdiger Charakterzeichnung der Wärter verworfen. Nichtsdestotrotz ist dem Schotten David Mackenzie ein Film gelungen, der in der langen und häufig klischeebeladenen Geschichte von Knastfilmen einen Platz in den oberen Rängen einnehmen wird. Mackenzie war auf dem Fantasy Filmfest bereits mit zwei wirklich ungewöhnlichen und gelungenen Filmen vertreten, Perfect Sense und Hallam Foe, doch es ist Starred Up, sein vielleicht "konventionellster" Film (im weitesten Sinne des Wortes), der auch sein bislang bester ist. 4/5

 

The Canal

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 8 The CanalFilmarchivar David (Rupert Evans) zieht mit seiner wunderschönen, schwangeren Frau Alice (Hannah Hoekstra) in ein neu gekauftes Haus in Dublin. Das Familienglück ist perfekt. Fünf Jahre später sieht es schon anders aus. Der Alltag schlich sich in die Beziehung ein, Alice ist distanziert und David verdächtigt sie, eine Affäre mit einem ihrer Kunden angefangen zu haben. Bei der Auswertung von mehr als 100 Jahre alten polizeilichen Filmaufnahmen, findet David heraus, dass sein Haus Schauplatz eines grausamen Mordes war. Er ist von dem Fall besessen und spürt immer mehr eine unheimliche, übernatürliche Präsenz in dem Haus. Als Alice dann eines Tages von der Arbeit nicht zurückkehrt und die Polizei David verdächtigt, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben, gleitet der zurückhaltende (und nun alleinerziehende) Typ immer mehr in den Wahnsinn ab. Bald wähnt er auch sich und seinen kleinen Sohn in großer Gefahr. Sind dafür etwa böse Kräfte aus der Vergangenheit des Hauses am Kanal verantwortlich oder spielt Davids verstörter Verstand ihm Streiche?

Diese Frage stellt der irische Streifen The Canal, der irgendwo zwischen The Shining, Sinister und Session 9 angesiedelt ist. Sind hier wirklich böse Geister am Werke oder ist alles nur die Ausgeburt der Psyche der Hauptfigur? Eigentlich eine interessante Frage, besonders da die Antwort darauf, nicht schnell offensichtlich wird. Das Problem ist, dass dank einer behäbigen Regie und dem häufigen Griff in die übliche Trickkiste von Geistergruslern, die Antwort auf diese Frage den Zuschauer eigentlich nicht besonders interessiert. Der Phlegmatiker David ist keine besonders interessante oder sympathische Figur. Seinen Grusel baut der Film mit altbewährten (und dadurch ziemlich vorhersehbaren) Mitteln auf – "falsche" Jump Scares und lautes Sound-Design. Die meisten "Buh!"-Momente sieht man meilenweit kommen. Besser funktioniert es, wenn er durch Sets und Ausleuchtung eine unheimliche Atmosphäre aufbaut (Stichwort: öffentliche Toilette!). Gelungen sind auch Archivaufnahmen der Polizei, die David sich anschaut und seine Albträume (oder sind es Visionen?), die daraus resultieren. Pluspunkte gibt auch die sehr angenehme Präsenz von Antonia Campbell-Hughes als Davids liebenswerte Kollegin Claire.

The Canal ist kein schlechter Film, dafür macht er schon Vieles richtig. Doch nahezu alle Ideen des Films entstammen anderen, besseren Werken. Das wäre noch gut zu verkraften, wenn man einen interessanten Protagonisten in der Geschichte hätte, doch das gelingt hier leider auch nicht. 2,5/5

 

White Bird in a Blizzard

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 8 White Bird in a BlizzardGregg Arakis neuster Film beginnt 1988, an dem Tag, an dem Eve Connor (Eva Green), die Mutter der 17-jährigen Kat (Shailene Woodley), spurlos verschwindet. Doch eigentlich trifft das Kat (zunächst) nicht besonders hart, denn Eve war nicht gerade eine Vorzeigemutter. Von ihrer Ehe mit dem Fußabtreter Brock (Christopher Meloni) desillusioniert und nach einem aufregenden Leben lechzend, das sie nie haben würde, benahm sich Eve bereits seit langer Zeit seltsam, sodass Kats sofortige Annahme ist, dass sie endlich Reißaus nahm, um ein neues Leben zu beginnen. Doch innerlich bleibt Kat verletzt und stürzt sich, um über die Trauer hinwegzukommen, in eine Affäre mit dem ermittelnden Polizisten (Thomas Jane). Sie wird weiterhin von seltsamen Träumen über ihre Mutter geplagt. Gehör findet sie bei ihrer verständnisvollen Therapeutin (Angela Basssett) und ihren zwei besten Freunden, der übergewichtigen und sexuell frustrierten Beth (Precious-Star Gabourey Sidibe) und dem schwulen Mickey (Mark Indelicato). Jahre vergehen, Kat geht aufs College, doch ihre Mutter lässt sie nicht los…

Gregg Araki ist schon länger für seine eigenwilligen, mit Sex, One-Linern und Achtziger-Musik gefüllten Filme bekannt. Zuletzt war er auf dem Fantasy Filmfest mit Kaboom vertreten. White Bird in a Blizzard ist sein reifster, geradlinigster Film mit der größten Starpower, die er bislang versammeln konnte. Diverse Markenzeichen von Araki sind dennoch vorzufinden: wie die Eighties-Synthiepop-Musik, auf cool getrimmte Sprüche, eine beinahe surreale traumhafte Atmosphäre und zumindest ein überspitzt gezeichneter schwuler Charakter. Hier steht aber Vieles (aber nicht alles!) davon im Weg der eigentlich interessanten Geschichte, die vor allem vom den tollen Darbietungen von Eva Green als frustrierte Hausfrau, die ihre Verachtung kaum zügeln kann, und Shailene Woodley in ihrer erwachsensten Rolle. Wie auch schon Kristen Stewart mit Filmen wie Willkommen bei den Rileys und On the Road, zeigt Woodley mit der riskanten Rolle, dass sie viel mehr ist als ein Star von Teenie-Romanverfilmungen (Die Bestimmung – Divergent). Green setzt wiederum mit dem Film ihr tolles Jahr fort, in dem sie in durchschnittlichen bis soliden Filmen und Serien (300: Rise of an Empire, Sin City: A Dame to Kil For, "Penny Dreadful") eine wuchtige Performance nach der anderen abgeliefert hat.

Die Wahrheit über den Verbleib von Eva Greens Charakter wird irgendwann recht vorhersehbar und eigentlich auch irgendwie nebensächlich. Araki führt den Zuschauer jedoch gekonnt hinters Licht und bietet doch noch eine kleine Überraschung mit einem Last-Minute-Twist. 3,5/5

 

Coherence

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 8 CoherenceAcht alte Freunde treffen sich zu einem Abendessen. Alles verläuft zunächst ganz normal, abgesehen davon, dass  das Display von Emilys (Emily Foxler) Smartphone plötzlich grundlos platzt. Naja, und dann ist dann noch die esoterisch veranlagte Beth (Elizabeth Gracen aus dem "Highlander"-Ableger "Raven – Die Unsterbliche"), die ihren Freunden zur Entpannung eine eigens hergestellte Mischung aus bewusstseinserweiternden Substanzen anbietet. Die Freunde quatschen über Gott und die Welt, im Speziellen aber auch über einen Kometen, der momentan nah an der Erde vorbeifliegt. Seltsam wird es, als plötzlich der Strom ausfällt, aber ein Haus am Ende der Straße weiterhin hell erleuchtet bleibt. Langsam beschleicht einige der Freunde eine ungute Vorahnung, hat doch der Bruder von einem der der Gäste, ein Physiker, ihn zuvor gewarnt, dass er ihn bei allen seltsamen Vorkommnissen kontaktieren sollte. Da jedoch mit dem Strom auch die Telefone futsch sind, wollen Hugh (Hugo Armstrong) und Amir (Alex Manugian), in dem Haus mit Strom nachfragen, ob sie von dort anrufen können. Das was sie dort entdecken versetzt die Freunde in eine Mischung aus Verwirrung und Angst…

Die obige Inhaltsbeschreibung von Coherence ist bewusst vage gehalten, denn wie bei den meisten Mindfuck-Filmen gilt auch bei diesem: je weniger vorbereitet man sich auf den Film einlässt, desto mehr wird man belohnt. So war es bei mir. Die Bezeichnung "Mindfuck" hat Coherence sich redlich verdient. Während man in Filme wie Under the Skin oder The Strange Color of Your Body’s Tears zwar viel hineininterpretieren kann, sie aber eher Kunstwerke zum Betrachten und weniger zum Verstehen sind, ist Coherence die Art Film, in dem man die Bedeutung der Geschehnisse größtenteils mühsam ausklamüsern kann. Mir hat der Film im wahrsten Sinne des Wortes Kopfschmerzen bereitet – einerseits, weil ich bereits früh versucht habe, durch immer neue Theorien, das (bizarre) Gesehene zu erklären, aber andererseits auch durch die sehr gewöhnungsbedürftige Regie (Achtung: Euphemismus!). Hier wird die Kamera häufig gewackelt, was das Zeug hält, der Film arbeitet mit Close-Ups, Unschärfen und anderem stilistischen Schnickschnack, der das Ganze wahrscheinlich realistischer aussehen lassen sollte, de facto aber von der interessanten Handlung ablenkt. Diese bleibt recht wendungsreich, bis im letzten Drittel ein weiterer Riesen-Twist alle bisherigen Theorien über Bord wirft.

Coherence ist sicherlich ein Film, der auf Anhieb eine loyale Fangemeinde finden wird, die über den Film stunden- und tagelang nachdenken werden und eine Interpretation der Ereignisse nach der anderen aufstellen werden. Von allen Filmen, die ich dieses Jahr beim Fantasy Filmfest gesehen habem, lädt Coherence am meisten zum wiederholten Anschauen an, bei dem sich meine Wertung u. U. verbessern (oder vielleicht auch verschlechtern?) könnte. Für ein Genre-Highlight reicht es für mich aber leider nicht. Neben übereifriger Regie- und Kameraarbeit, stört auch das teilweise irrationale bzw. übereilte Verhalten der Figuren sowie einige unwahrscheinliche Zufälle, wie die Tatsache, dass sich im Auto von einem der Gäste ein Buch über Quantenphysik befindet. Bei einem ansonsten recht ausgeklügelten Plot ist es schade, dass sich solche Patzer einschleichen. 3,5/5

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Nach 26 Filmen in acht Tagen, wird der neunte Tag auf dem Fantasy Filmfest 2014 zum Durchatmen genutzt. Das bedeutet, dass Euch bei der nächsten Ausgabe des FFF2014-Tagebuchs Kurzkritiken zu "nur" zwei weiteren Filmen erwarten. Diese sind aber dafür umso vielversprechender. Der starbesetzte Thriller Cold in July vom Vampire-Nation-Regisseur Jim Mickle und die neuseeländische Horrorkomödie Housebound, die in vier Städten bis jetzt den ersten Platz im "Fresh Blood"-Wettbewerb belegt hat, könnten ein großartiges Duo werden.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 7

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 7

Das Auf und Ab geht weiter. Nach einem wirklich tollen Tag beim Fantasy Filmfest 2014, ist Tag 7 doch recht durchschnittlich ausgefallen, mit Extraterrestrial als einem der (bislang zum Glück wenigen) Lowlights des Festivals sowie zwei knapp überdurchschnittlichen Filmen (Metalhead und Faults), die ihr Potenzial leider nicht ganz ausgeschöpft haben. Die Kurzkritiken zu allen drei könnt Ihr, wie immer, unten nachlesen. Der beste Film, den ich heute gesehen habe, war eigentlich die Wiederholung von It Follows. Es war das erste Mal, dass ich einen Film zweimal beim Fantasy Filmfest gesehen habe und der Horrorfilm verlor bei der zweiten Sichtung wenig von seiner Wirkung. Natürlich funktionierten nicht alle Schreckmomente so gut, wie beim ersten Mal, doch die zutiefst unheimliche Atmosphäre sorgte bei mir wieder für Gänsehaut über die gesamte Laufzeit und mir sind auch einige kleine, aber wichtige Details aufgefallen, die ich letztes Mal nicht bemerkt habe. Toller Streifen!

Vor allem merke ich mittlerweile deutliche Ermüdungserscheinungen meinerseits. Früher wäre das bereits der vorletzte Tag des FFF gewesen, sodass ich mich mit letzter Kraft und Elan in den finalen Tag hineinstürzen könnte. Diesmal liegen aber noch fünf weitere Tage vor mir. Mehr Energy-Drinks müssen her!

 

TAG 7

Faults

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 7 FaultsSekten können verdammt gruselig sein. Das hat uns der auf den Fantasy Filmfest Night gezeigte faux-dokumentarische The Sacrament schon deutlich gezeigt und auch das Psychodrama Martha Marcy May Marlene warf einen erschreckenden Blick auf eine Sekte, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. In so einer Sekte ist offensichtlich auch Claire gelandet (Mary Elizabeth Winstead), die vormals brave, liebenswerte Tochter, die nun nichts von ihren Eltern wissen will und behauptet, bei der mysteriösen Gruppe namens "Faults" Gott gefunden zu haben. Um Claire aus den Fängen des zwielichtigen Kults zu retten, wenden sich Claires Eltern an Ansel (Leland Orser), einen ehemaligen Experten für Sekten und "Deprogrammierung" (die Umkehrung von Gehirnwäsche sozusagen). Eigentlich will Ansel nichts damit zu tun haben, endete doch seine letzte Deprogrammierung mit dem Tod einer jungen Frau. Doch sein Leben ist ein Wrack: er kann nicht einmal für sein Frühstück bezahlen und schuldet seinem nicht ungefährlichen Manager offensichtlich eine Stange Geld. Aus diesen Nöten heraus, nimmt er den Auftrag an. Claire wird am helllichten Tage gekidnappt, in ein Hotelzimmer eingesperrt und die Prozedur kann beginnen. Doch sie ist eine härtere Nuss, als Ansel sich hätte vorstellen können. Es stellt sich die Frage – wer wäscht hier wessen Gehirn?

Sekten, Kulte und Gehirnwäsche haben etwas sehr Unheimliches an sich, da man ihre verheerenden Auswirkungen leider schon zu häufig beobachten konnte. Es ist aber vor allem diese Vorstellung, dass man nicht mehr Herr seiner eigenen Gedanken ist und blind einem Ideal folgt, die Sekten so erschreckend, aber zugleich so faszinierend machen. Denn die Versuchung, loszulassen und die Entscheidungen des Lebens einer größeren Leitfigur zu überlassen, hat auch etwas düster-verführerisches an sich. Zwar gab es schon einige Filme über Sekten, doch Regiedebütant  Riley Stearns wagt sich mit Faults an ein selten behandeltes Thema – die Deprogrammierung. Es sind gerade diese Momente zwischen der hervorragend zwischen Angst, Dominanz und Wut sich aufspielenden Winstead (die bereits kürzlich in Smashed gezeigt hat, dass sie mehr als ein hübsches Gesicht ist) und dem von Zweifeln zerfressenen Orser, die zu den stärksten des Films gehören. Die Wortgefechte zwischen den beiden ziehen den Zuschauer in ihren Bann und bald weiß man nicht, auf wessen Seite man eigentlich sein sollte. Leider nimmt dieser Willenskampf zwischen den beiden keinen großen Teil des Films ein und ziemlich schnell ist die Machtdynamik und somit die Filmrichtung recht klar. Der Subplot über Ansels Manager und seinen Geldeintreiber lenkt von der Hauptgeschichte während der recht kurzen 90-minütigen Laufzeit zu sehr ab und man wünscht sich noch mehr kammerspielartige Szenen zwischen den beiden Hauptdarstellern.

Gerade wenn man sich gegen Ende als Zuschauer leicht verloren fühlt, schlägt der Film noch einmal die Kurve und überrascht mit einer interessanten Wendung. Leider lässt der Film einige Fragen auch offen. Mir muss zwar nicht immer alles vorgekaut werden, doch hier hat man eher den Anschein, dass der interessante Grundgedanke einfach nicht ganz durchdacht wurde. Schade, denn mit einem gradlinigeren Plot hätte der Film mit den eingangs genannten The Sacrament und Martha Marcy May Marlene mithalten können. So bleibt hier vor allem das fantastische Spiel von Winstead und Orser, die den Film lohnenswert macht. 3/5

 

Extraterrestrial

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 7 ExtraterrestrialFünf partyfreudige junge Leute fahren in eine abgelegene Hütte im Wald. Ob das in einem Horrorfilm gut gehen kann? Natürlich nicht! Wer ist es, der es diesmal auf die feuchtfröhliche Clique stereotyper Charaktere abgesehen hat? Zombies? Dämonen? Ein tollwütiger Waschbär? Nein, es sind Aliens, die gerne in den Wäldern um das beschauliche Echo Lake Menschen für ihre grausamen Experimente entführen. Kaum sind die fünf Freunde in der Hütte angekommen, beobachten sie die Bruchlandung eines UFOs. Aus den Wrackteilen entkommt ein graues Männchen, das jedoch mit E.T. wenig gemeinsam hat. Die Freunde tun das einzig "Vernünftige" und schießen auf das Alien. Da dauert es aber nicht lange, bis dessen Freunde mit einer weiteren fliegenden Untertasse ankommen und die Freunde das Fürchten lehren. Auf Hilfe seitens der Polizei können sie nicht zählen, denn ihrer Geschichte glaubt man nicht.

The Vicious Brothers, die Filmemacher hinter dem grundsolider Grusler Grave Encounters, wenden sich nach bösen Geistern und der "Found Footage"-Kamera einem nicht minder beliebten Thema im Horrorgenre zu – bösen Aliens. Der "Found Footage"-Ansatz wird, bis auf eine unnötige Handkamera-Sequenz, durch traditionelle Herangehensweise ersetzt. Überhaupt wird "Tradition" hier groß geschrieben, denn die Macher bedienen sich freilich bei vielen Genrewerken, sodass die Grenzen zwischen Hommage und schamlosem Klau irgendwann  verschwimmen. Auch das Design der Aliens als graue Männchen mit großen Köpfen und riesigen schwarzen Augen sowie der UFOs als fliegende Untertassen, ist sehr konservativ. Spannung mag jedoch im Film leider nicht aufkommen. Das liegt einerseits daran, dass der Film eigentlich keine Atmosphäre aufbaut, sondern stattdessen auf zahlreiche Jump Scares setzt. Andererseits ist es auch ein großes Problem, dass die Hauptfiguren unsympathisch und uninteressant bleiben, sodass man eigentlich gar keinen Grund hat, mit ihnen mitzufiebern. Hier werden alle möglichen Figuren-Klischees ausgeschlachtet. Die Filmemacher hätten sich vielleicht davor The Cabin in the Woods anschauen sollen. Man kauft den fünf Charakteren auch zu keiner Sekunde ab, dass sie Freunde sind (etwas, was beispielsweise in It Follows dem Regisseur äußerst gut gelungen ist). Lediglich Michael Ironsides cooler Auftritt punktet.

Erst in den finalen 20 Minuten des Films wechselt der Schauplatz und es wird wirklich interessant. Auch das Set-Design und die Effekte wissen zu überzeugen. Das alles wird jedoch schon schnell durch ein regelrecht beklopptes Ende ruiniert. 1,5/5

 

Metalhead

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 7 MetalheadDie zwölfjährige Hera (Þorbjörg Helga Þorgilsdóttir) lebt glücklich und zufrieden mit ihrer Familie, bestehend aus den Eltern und ihrem Bruder Baldur auf dem isländischen Land. Doch als Baldur eines Tages urplötzlich bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt, gerät Heras Leben aus den Fugen. Schon bei der Beerdigung verliert sie ihren Glauben an Gott und die Kirche. Zuflucht findet sie in den Hinterlassenschaften ihres toten Bruders, der ein großer Metal-Fan war. Im Andenken an Baldur und aus Trotz gegenüber allen anderen mutiert Hera binnen kürzester Zeit zu einem eigensinnigen Wesen, das sich von der Außenwelt abkapselt und soziale Kontakte nur ungern pflegt. Jedoch setzt sie ihren Plan, den Familiensitz zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, nie um, da sie nie den entscheidenden Schritt in den Bus wagt. Auch als junge Erwachsene lebt sie zwar immer noch bei den Eltern, allerdings nicht wirklich mit ihnen. Sie eckt an, wo es nur geht und fühlt sich selbst nicht akzeptiert. Doch all das ändert sich so langsam, als ein neuer Geistlicher in die Gemeinde und Hera in seinen Bann zieht.

Metalhead ist für mich einer der Filme, die thematisch und genretechnisch nichts auf dem Fantasy Filmfest zu suchen haben. Es gibt keine mystischen Momente, keine Fantasy-Einschübe und auch keinen Gruselfaktor. Okay, ein wenig Blut sieht man kurzzeitig beim einleitenden Unfall des Bruders, doch das war es dann auch schon. Nein, Metalhead ist ein Drama mit einer Prise Selbstfindungsgeschichte. Nun ist es bei weitem nicht so, dass dieser Film schlecht ist. Heras Geschichte und Werdegang ist bewegend und für alle Zuschauer nachvollziehbar. Und nicht nur sie hat Probleme: So ziemlich jeder, der direkt oder indirekt vom Tod des Bruders betroffen war, versucht auf seine eigene Art und Weise mit dem tragischen Verlust umzugehen. Der Vater stagniert, die Mutter hat Angstzustände, die Nachbarn leiden unter Heras betrunkenen Machenschaften. Alles in allem ein schöner Film, der die Metal-Thematik nutzt, um Heras Deplatziertheit in der Gemeinde hervorzuheben. Jedoch ist Metalhead, wie eingangs erwähnt, einfach kein guter Film für das Fantasy Filmfest – auch wenn es mit Sicherheit viele Zuschauer geben wird, die Heras Musikgeschmack teilen. 3/5 (Gastbeitrag von Dirk R.)

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Morgen könnt Ihr Euch auf vier neue Rezensionen freuen. Auf dem Programm stehen: das bereits im Vorfeld umjubelte britische Knastdrama Starred Up, der irische Geister-Grusler The Canal, der neue Gregg-Araki-Film White Bird in a Blizzard, mit dem weiblichen Power-Duo Shailene Woodley (Das Schicksal ist ein mieser Verräter) und Eva Green (300: Rise of an Empire), und der Sci-Fi-Mindfuck Coherence. Hoffen wir doch, dass sich darunter der eine oder andere neue Volltreffer finden wird.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Under the Skin (2013)

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Under the Skin (2013) Filmkritik

Under the Skin, GB/USA/CH 2013 • 108 Min • Regie: Jonathan Glazer • Mit: Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Adam Pearson • FSK: ab 16 Jahren • Heimkino-Start: 10.10.2014 • Verleih: Senator Film  Internationale Webseite

Achtung: Arthouse. Das hier ist sowohl eine Warnung als auch eine Empfehlung zugleich. Für die einen Zuschauer unzugänglich, für die anderen eine Offenbarung. In „Under the Skin“ findet jeder genau das, was er finden möchte. Wie bei einem philosophischen Gedankenexperiment, kann man für sich selbst eine ganze Menge herausziehen und mit anderen diskutieren. Dazu gehören im Vorfeld Bereitwilligkeit, Mut und Euphorie, um sich das passioniert ruhige Werk komplett einzuverleiben. Nach ausreichender Zeit des Bestaunens oder Beklagens im Nachhinein, bieten sich beinah unzählige Ansatzpunkte zur Interpretation. Dabei gilt stets: Kunst soll einfach sein. Die Macht der Lust, soziale Geschlechterrollen, Einsamkeit sowie Isolation, Sexismus, Rassismus, Schönheit oder doch ein anthropologischer Filmabriss über das Menschsein als solches – sucht Euch etwas aus und greift zu.

Der Inhalt ist auf das Wesentliche reduziert, um wahrscheinlich eine ambivalente Deutungsoffenheit zu transportieren. Die Protagonistin heißt Laura (Scarlett Johansson) und ist ein Alien. Als ansehnlicher Mensch verpackt, fährt die gutaussehende Alienmaid mit ihrem weißen Lieferwagen durch Schottland. Auf ihrem Weg spricht und flirtet sie junge männliche Passanten an, die sie verführt und dann an ominösen Orten verschwinden lässt. Dabei schaut ihr aus der Ferne immer wieder ein mysteriöser Motorradfahrer auf die Finger.

Under the Skin (2013) Filmbild 2Regisseur Jonathan Glazer kreiert intensive und rätselhafte Bilder. Als Auftakt hat der Zuschauer beispielsweise eine schwarze Leinwand vor sich, während Mica Levis Klanggewitter langsam heranrauscht. Ein winziger weißer Punkt ist zu erkennen, der immer größer wird und sich in ein Geflecht aus anderen Ringen einschmiegt. Dies liest sich jetzt hier zurecht eigenartig, denn lange Zeit weiß man gar nicht, was man dort sieht und man soll es vermutlich auch gar nicht. Wenn Laura die Straßen entlangfährt oder Männer anspricht, wirkt es alles echt und nicht irgendwie von Statisten geschauspielert. Es hat in diesen Momenten beinah den Anschein einer Doku über eine Fremde in Schottland. Deutlich wird dies nochmal durch die Sprache in der Originalfassung. Grober schottischer Akzent und Dialekt treffen auf „Normalo-Englisch“ von Scarlett Johansson. Der Eindruck, dass sich der weibliche Alien die menschliche Welt peu a peu als Tourist erschließe, verdeutlicht sich. Die ganze Natürlichkeit sieht man auch an Johanssons Figur. Ihre ikonenhaften „Avenger-Black-Widow“-Modelmaße sind hier nicht zu finden. Durch das Aussuchen eines aufreizenden Weltstars und wiederum diesen dann derart ungezwungen und mit anständigen, naturbelassenen Kurven weitab vom Fitnesswahn auflaufen zu lassen, macht aus der Rolle eine Ikone der Natürlichkeit, Schönheit und Anziehungskraft einer Frau – vorgegaukelt von einem Alien und viel bodenständiger als viele Menschen.

Under the Skin (2013) Filmbild 4Einmal angeflirtet, kommen die meisten Männer zu den unheimlich wirkenden Appartements ihrer Verführerin mit. Einmal durch den pechschwarzen Eingang durch, bleibt die Szenerie auch ganz in schwarz gehüllt. Man sieht dem vermeintlich tödlichen Balz-Akt zu, wobei Sex lediglich angedeutet oder in Aussicht gestellt wird. Im Takt zur Musik balanciert Laura rückwärts durch das schwarze Nichts und zieht sich dabei langsam aus. Manchmal huscht Laura ein kecker, verschmitzter Schlafzimmerblick über das Gesicht, doch sonst zieht sie ihr Vorhaben stoisch durch. Die Männer folgen ihr, ziehen sich ebenfalls aus, versinken jedoch mit jedem unbeirrten Schritt, den sie näher an Laura herantreten wollen, in einer schwarzen Masse, bis sie schließlich von dieser, wie von Treibsand, verschlungen werden. Hieraus lassen sich viele Möglichkeiten zur Interpretation ableiten: blinde Lust, machtvolle Verführung, Dominanz und Unterwürfigkeit, Manipulation.

Under the Skin (2013) Filmbild 3Im weiteren Verlauf des Films gibt es noch eine Schlüsselszene mit Lauras Spiegelbild. Lange betrachtet sie sich, als würde sie versuchen, zu verstehen oder versuchen, etwas zu erkennen. Auf der Suche nach dem Wesen der Menschlichkeit, begibt sie sich in verschiedene Situationen, um Grundbedürfnisse des Menschsein zu erleben, wie z. B. im Restaurant essen, oder der Hingabe zu echtem Sex. Vor allem letzteres gipfelt in Missempfindungen über ihre eigene Anziehungskraft. Letztendlich könnte man detektivisch weiter über jede einzelne Szene des Films berichten, denn zu finden, zu sehen, zu erleben, zu bestaunen, zu verstehen oder nicht zu verstehen gibt es genügend Material. Es freut, Stars wie Johansson in kleinen Arthouse-Produktionen zu finden, denn Film ist neben Unterhaltung auch ein Kunstmedium. Um keine Zeit zu verschwenden, machen Zuschauer, die reine Unterhaltung suchen, besser einen großen Bogen um „Under the Skin“. Wer sich in reinrassiges Arthouse stürzen will, dem sei dieser Film empfohlen. Die Wertung von 2,5 Sternen von 5 hat eigentlich keinerlei Aussagewert, weil das Gesehene in einem erst weiterarbeiten muss, um abschließend bewertet werden zu können. Ob eine Einordnung jemals gelingt, ist fraglich.

Trailer

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 6

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 6

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

es ist soweit – sechs Fantasy-Filmfest-Tage liegen jetzt hinter mir und damit ist die Hälfte des Festivals in Köln erreicht. Letztes Jahr hätte das noch bedeutet, dass nur noch zwei Tage vor mir liegen und ich so langsam das Fazit vorbereiten sollte, doch diesmal erwarten mich noch weitere sechs Tage und noch mindestens 18 weitere Filme. Hinter mir liegen schon 19 und zu den besten darunter gehörten auch zwei, die ich am 6. Tag gesehen habe – der (psychisch) ultraharte Thriller The Treatment aus Belgien und The Voices, der vielleicht ungewöhnlichste Serienkiller-Film, den Ihr je sehen werdet. Das unter dem Motto "Beat the Silence" aufgeführte filmmusikalische Experiment, bei dem Jean Epsteins Der Untergang des Hauses Usher mit moderner House- und Electro-Musik untermalt wurde, kann ich zwar nicht als vollkommen gelungen bezeichnen, ein überaus interessantes Erlebnis mit Mut zum Risiko war es aber allemal. Und nun in Detail:

 

TAG 6

The Brotherhood of Tears

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 6 The Brotherhood of TearsWas haben Filme wie Die purpurnen Flüsse, Miserere – Choral des Todes und Das Imperium der Wölfe gemeinsam? Es sind allesamt französische Thriller, basierend auf Romanvorlagen von Jean-Christophe Grangé. Doch es ist noch etwas, was sie verbindet. Alle drei bauen gekonnt ein spannendes Mysterium auf, erzeugen eine dichte Atmosphäre und fesseln den Zuschauer, der auf die Erklärung der seltsamen Vorgänge wartet – nur um am Ende eine wirklich hanebüchene Erklärung zu servieren, die den gesamten Film in ein deutlich schlechteres Licht rückt. Das trifft auf Die purpurnen Flüsse noch im etwas geringeren Ausmaße zu, als auf die anderen beiden. Die französisch-belgisch-luxemburgische Ko-Produktion The Brotherhood of Tears basiert zwar nicht auf einem Werk von Grangé, leidet aber unter genau dem selben Problem und ist stilistisch und thematisch eigentlich eine Imitation von Grangé-Verfilmungen. Jérémie Renier spielt einen ausgebrannten Ex-Cop. Früher ein Star der Pariser Polizei, kann der alleinerziehende und stets unter Geldnot leidende Vater mittlerweile nicht mal seinen Job als Fensterputzer behalten. Da bekommt er ein Job-Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Für Unsummen von Geld soll er in einem leeren Bürohaus tagein, tagaus sitzen und auf Anrufe warten. Diese kommen erst viele Tage später und verlangen von ihm, dass er einen mysteriösen Koffer an bestimmte Empfänger ausliefert. Diese befinden sich mal in China, mal in Belgien, mal in der Türkei. Zu beachten gilt: er darf sich niemals verspäten und er darf unter keinen Umständen den Koffer öffnen. Ihm wird versichert, dass darin nichts Illegales sei. Als Chevalier die Sache aber über den Kopf wächst und er aussteigen möchte, merkt er, dass man bei seinem Arbeitgeber nicht einfach kündigen kann…

Der Vergleich mit den Grangé-Verfilmungen anfangs war nicht beliebig. The Brotherhood of Tears reiht sich wirklich perfekt unter diese Filme ein und fällt qualitativ irgendwo zwischen Die purpurnen Flüsse und Choral des Todes. Auch hier steht ein hochtalentierter Cop bzw. Ex-Cop mit einer düsteren Seite im Mittelpunkt. Jérémie Renier liefert eine überzeugende Performance ab, als ein Mann, der sich vom Geld verführen lässt, sich aber nie wohl dabei fühlt. Die Frauenrolle von Audrey Fleurot als ambitionierte Polizei-Archivarin, die Chevalier hilft, bleibt aber sehr eindimensional und letztlich verschenkt. Die erste Stunde baut das Mysterium seiner Auftraggeber gekonnt auf und steigert konsequent die Folgen von Ungehorsam und Verfehlungen seitens von Chevalier. Doch wenn es dann gegen Ende daran geht, nach einer (an den Haaren herbeigezogenen) Schnitzeljagd, das Geheimnis zu lüften, versagt der Film. Die ziemlich verrückte Erklärung wird im großen Finale fast nur beiläufig in den Raum geworfen, die zuvor allmächtig scheinenden Drahtzieher erweisen sich als gar nicht so bedrohlich oder allmächtig, wenn man sie erst einmal trifft. Überhaupt fällt der Film gegen Ende deutlich ab. Das wirkt sich umso enttäuschender aus, angesichts der davor gekonnt aufgebauten Spannung. 3/5

 

The Treatment

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 6 The TreatmentKaum ein Verbrechen ist so schlimm, pervers und ruft bei allen so heftige Reaktionen hervor, wie sexueller Missbrauch von Kindern. Diesem heiklen Thema widmet sich The Treatment, die Adaption des Romans "Die Behandlung" von Mo Hayder. Obwohl Hayder eine erfolgreiche englische Krimiautorin ist, kommt die erste Verfilmung von einem ihrer Romane ausgerechnet aus Belgien. Angesichts des Falls "Marc Dutroux" (Kinderschänder und -mörder) und des Verdachts eines größeren Kinderpornografie-Rings in Belgien, erhält der Film natürlich eine besondere Note dank seinem Herkunftsland. In The Treatment wird aus dem Romanhelden Jack Cafferey, der flämische Polizist Nick Cafmeyer (Geert Van Rampelberg), der nach Jahrzehnten immer noch unter den Folgen der nie geklärten Entführung seines kleinen Bruders leidet. Der damals verdächtige, aber nie überführte Pädophile Ivan Plettinckx (Johan van Assche) quält Nick mit Briefen und ständigen Andeutungen, er wüsste die Wahrheit über seinen Bruder. Während ihn sein persönliches Trauma nicht loslässt, wird er im Rahmen seiner Arbeit mit einem grausamen Fall konfrontiert. Eine Familie wurde brutal angegriffen, tagelang in Gefangenschaft gehalten, während der kleine Sohn der Familie missbraucht und entführt wurde. Einige Tage später wird die Leiche des Jungen gefunden, doch es wird schnell klar, dass der kranke Mörder nicht aufhören wird. Hat der Fall womöglich eine Verbindung zum Verschwinden von Nicks Bruder? Schafft er es, den Mörder zu finden, bevor eine andere Familie das gleiche grausame Schicksal ereilt? Und was hat es mit dem "Troll" auf sich, von dem viele Kinder aus der Gegend reden? Auf der Suche nach der Wahrheit begibt sich Nick Cafmeyer in die Abgründe der Gesellschaft und seiner eigenen Seele. Doch die Wahrheit ist noch viel schrecklicher, als man sich das ausmalen kann.

The Treatment behandelt ein schwieriges, unangenehmes Thema und je mehr sich Stück für Stück dem Zuschauer (und dem Protagonisten) das ganze Bild offenbart, desto unangenehmer wird es. Ohne zu viel zu verraten: einer der Haupt-Twists bei Cafmeyers Ermittlungen ist ziemlich krank. Durch plötzliche Erkenntnis, dass das bereits als äußerst grausam empfundene Verbrechen noch einen Tick perverser und abgefuckter war, als man dachte, werden sich sogar bei den hartgesottenen Krimifans die Nackenhaare sträuben. Es ist eine düstere und gnadenlose Welt, in die Mo Hayder und Regisseur Hans Herbots uns hier entführen. Mehrere Charaktere müssen hier "Sophies Entscheidung" treffen, nicht zuletzt auch unser Protagonist, der sich zwischen dem moralisch richtigen Verhalten und dem sehnlichen Wunsch nach Abschluss entscheiden muss. Die richtige Wahl gibt es für niemanden, man verliert in jedem Fall. Auch wenn der Film gegen Ende einige lichte Momente ermöglicht, verweigert er dem Zuschauer das Happy End.

Trotz einer Laufzeit von über zwei Stunden, kommt nie Langeweile auf und die Geschichte fesselt über die nahezu gesamte Laufzeit. Hier werden falsche Fährten gelegt, durchaus glaubwürdige und selten übertriebene Wendungen aufgeworfen und ein Bösewicht präsentiert, der widerwärtiger kaum sein könnte. Abzüge gibt es lediglich, wenn es ans Finale geht. Die Lösung des Falls beruht zu sehr auf plötzlich aufgetauchten Erinnerungen und schnellen Schlussfolgerungen und wenn es dann etwas actionreich wird, macht der Protagonist ungewöhnlich viele Fehler für einen erfahrenen Polizisten. Schade, denn ein wirklich dichtes Finale hätte The Treatment wahrscheinlich zu einem großen Meisterwerk abgerundet. Aber auch so bleibt dieser erschütternde, tiefgründige und hochkomplexe Thriller eins der größten Highlights der diesjährigen Fantasy-Filmfest-Ausgabe. 4/5

 

The Voices

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 6 The VoicesFilme über Serienkiller gibt es wie Sand am Meer. Aber keiner davon ist wie dieser. Nach dem etwas enttäuschenden Film Huhn mit Pflaumen, gelang der französischen Persepolis-Regiseurin Marjane Satrapi mit ihrem ersten englischsprachigen Werk ein schräger Trip in die lustige, traurige, düstere, bunte und vor allen Dingen vollkommen durchgeknallte Welt eines netten Kerls, der blöderweise an einer wahnhaften Schizophrenie leidet, die bereits seine Mutter in den Tod getrieben hat. Ryan Reynolds, der hier völlig neue und bislang ungekannte Facetten offenbart, spielt den liebenswürdigen, wenn auch seltsam verschrobenen Jerry, der in einer Fabrik arbeitet und dort für die hübsche, aber an ihm wenig interessierte Engländerin Fiona (Bond-Girl Gemma Arterton) schwärmt und gar nicht merkt, dass die schüchterne Lisa (Anna Kendrick) einen Narren an ihm gefressen hat. Zu Hause redet Jerry mit seinen zwei besten Freunden – dem Hund Bosco und der Katze Mr. Whiskers. Sie antworten ihm auch. Mr. Whiskers – mit einem überspitzten schottischen Akzent – ist dabei die dunkle Seite seiner Seele (natürlich muss eine Katze böse sein), die ihn immer zu manipulieren versucht. Boscos tiefe Stimme ist hingegen die Stimme der Vernunft und der Besonnenheit. Seiner fürsorglichen und verständnisvollen Therapeutin (Jacki Weaver) erzählt Jerry von dem Stimmen nichts, gibt aber kleinlaut zu, seine Medikamente nicht zu nehmen. Doch je mehr die Stimmen Einfluss auf sein Leben nehmen, desto mehr gerät sein Leben aus den Fugen und Jerry entdeckt, dass er möglicherweise eine ganz dunkle Seite in sich trägt.

Humorvolle Filme über Serienkiller gab es natürlich bereits. Das beste Beispiel ist dabei natürlich American Psycho. Doch während American Psycho als eine Gesellschaftssatire funktionierte, ermöglicht The Voices einen tollen und überraschenderweise akkuraten Einblick in den Verstand eines zutiefst gestörten Individuums, dem seine Probleme gelegentlich bewusst werden, er aber von den Impulsen einfach überwältigt wird. Sicher, Jerrys Ausprägung der Wahnstörung ist ein extremes Beispiel, doch es ist nicht an den Haaren herbeigezogen, was ich in Filmen wirklich zu schätzen weiß. Marjane Satrapi inszeniert den Film mit einer unglaublichen Leichtigkeit und farbenfrohen Kulissen und Kostümen, da wir die Welt meistens durch Jerrys rosarote Brille sehen. Verlassen wir aber mal ausnahmsweise seinen Blick auf die Dinge, sieht es schon anders aus. Letztendlich steht und fällt The Voices aber mit Ryan Reynolds' Performance und diese ist oscarrreif (ich hätte nie gedacht, dass ich das mal über ihn schreiben würde!). Am Anfang noch so liebenswert, dass es irgendwie unangenehm ist, blitzen sein innerer Konflikt und seine dunkle Seite im Verlauf des Films immer mehr auf. Genial ist auch seine Stimmarbeit, denn er lieh auch Bosco und Mr. Whiskers (coolste Filmkatze aller Zeiten!) seine Stimme sowie einigen anderen "Figuren", die an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Klar, das "Hund ist die gute Seite, Katze ist die böse Seite"-Muster ist sehr simpel gestrickt hier und nicht alle Momente des schrägen schwarzen Humors funktionieren so gut, wie der Film es wahrscheinlich gerne hätte, doch alles in allem ist The Voices ein wunderbar skurriler Streifen, der trotz seiner lustigen Momente nie den traurigen Unterton der Geschichte vergisst. Einen wunderbaren Eindruck hinterlässt auch eine völlig durchgeknallte Abspannssequenz (nur 22 Jump Street hatte dieses Jahr einen noch besseren Abspann). 4/5

 

The Fall of the House of Usher (Der Untergang des Hauses Usher)

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 6 The Fall of the House of UsherNun sind wir bei dem wahrscheinlich am schwierigsten zu bewertenden Film des diesjährigen Fantasy Filmfests angelangt. Als wäre es für einen jungen, mit modernen Filme aufgewachsenen Menschen wie mich nicht schon schwierig genug, einen Stummfilm-Meilenstein objektiv zu bewerten, erstrahlte The Fall of the House of Usher (Der Untergang des Hauses Usher) von Jean Epstein beim diesjährigen FFF im ganz neuen Glanz. Damit meine ich nicht (nur), dass dort eine brandneu von der Cinémathèque française restaurierte Fassung der Edgar-Allan-Poe-Verfilmung aus dem Jahre 1928 gezeigt wurde. Das Augenmerk lag stattdessen an der musikalischen Begleitung. Anstatt der für Stummfilme üblichen klassischen Musik, wurde unter dem "Beat the Silence"-Banner ein ganz besonderer Mix aus Deep House und Electro vom israelischen DJ Shahaf Thaler für den Film abgemischt. Die Idee war, dass The Fall of the House of Usher filmtechnisch seiner Zeit bereits deutlich voraus war und deshalb auch einen komplett modernen musikalischen Ansatz vertragen könnte.

Doch wie bewertet man das? In diesem Falle, habe ich eigentlich keine Wahl, als zwei Noten zu vergeben – eine für den Film selbst und eine weitere für das Gesamt-Experiment. Doch nun kurz zu dem 63-minütgen Streifen selbst. Von Jean Epstein und dem legendären Surrealisten Luis Buñuel für die Leinwand adaptiert, erzählt der Film die Geschichte von Allan (Charles Lamy), dem Erzähler und Helden des Films, der seinen sonderbaren Freund Roderick Usher (Jean Debucourt) auf dessen Anwesen besucht. Usher ist davon besessen, ein Portrait von seiner Frau Madeleine (Marguerite Gance) zu malen. Dieses scheint ihr jedoch die Lebenskraft zu rauben. Oscar Wildes "Dorian Gray" lässt also grüßen.

The Fall of the House of Usher ist nicht für Jedermanns Geschmack und damit meine ich sogar die Liebhaber von Stummfilmen. Es ist ein avantgardistisches, surreales (Buñuels Handschrift ist unverkennbar) und für seine Zeit wirklich experimentelles Werk, das mit schnellen Schnitten, Perspektivenwechsel, Fade-Outs und Prismen-Bildern anders aussieht, als das meiste aus dessen Ära. Auf kohärente, in sich stimmige Handlung wird zugunsten des Aufbaus einer unheimlich-düsteren, gotischen Atmosphäre verzichtet. Ausdrucksstarke Bilder und Debucourts zwischen Lethargie und Wahnsinn schwankende Performance hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Was die moderne Musik angeht – das Experiment ist nur zum Teil gelungen. Entgegen meinen Befürchtungen, waren die Stücke nicht vollkommen unpassend. Tatsächlich fand ich die Musik sogar recht stimmig, aber fast ausschließlich, wenn keine Lyrics zu hören waren. Diese wurden zwar offensichtlich auf manche Szenen abgestimmt, doch sie zogen sich auch über Szenen hinweg, sodass mehrere Szenen mit unterschiedlicher Grundstimmung vom selben Lied untermalt wurden. Von daher lag das Problem nicht an der Musik selbst, sondern v. a. an mangelnder Abstimmung zwischen der jeweiligen Musik und den Szenen. Gewöhnungsbedürftig ist es allemal, doch insbesondere in der zweiten Hälfte des Films verleihen die Beats dem Film eine zusätzliche Energie. Das Experiment mag nicht komplett erfolgreich gewesen sein, doch ich lobe mir den Mut, etwas Neues auszuprobieren und damit auch den unvermeidlichen Zorn einiger Cineasten zu riskieren. Film: 4/5 Als musikalisches Experiment: 3/5.

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Der achte Tag wird wieder etwas ruhiger und es werden "nur" drei Filme geschaut. Ihr könnt Euch auf Kurzkritiken zum Sekten-Thriller Faults, dem Alien-Horror Extraterrestrial von den Regisseuren von Grave Encounters und das ungewöhnliche isländische Heavy-Metal-Drama Metalhead freuen, das bereits in anderen Städten als Geheimtipp des Festivals gehandelt wurde.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Wenn ich bleibe (2014)

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If I Stay, USA 2014 • 107 Min • Regie: R.J. Cutler • Mit: Chloë Grace Moretz, Mireille Enos, Joshua Leonard • FSK: ab 6 Jahren • Kinostart: 18.09.2014

Mia ist anders als ihre Familie. Ganz im Gegensatz zu ihren Eltern, die ein abenteuerreiches Rockerleben hinter sich lassen, als sie und ihr kleiner Bruder geboren werden, ist sie zurückhaltend und hegt andere Interessen. Mit ihrer Leidenschaft für Klassik und vor allem das Cello trifft sie auf Adam, der mit seiner Indie-Rockband immer mehr aufsteigt, und sich in sie verliebt. Über der Beziehung scheinen die Sterne zu stehen, bis ihre Wege durch die Musik immer mehr auseinandergehen zu drohen, und sie sich letztendlich trennen. Zwischen allem Stress mit Adam und ihrer Aufnahmeprüfung an der Juilliard beschließt ihre Familie eines verschneiten Morgens, einen Ausflug zu der Farm ihrer Großeltern zu unternehmen. Doch ein tragischer Unfall fordert ihr Leben. Während Mia sich als eine Art Geist in einer Welt zwischen Leben und Tod befindet, muss sie sich entscheiden: Soll sie bleiben, und als Weise weiterleben? Oder soll sie aufgeben, ihre Welt und vor allem Adam für alle Zeit verlassen?

Mia und AdamGanz klar ist: Das Grundthema eines Teenager-Lebens von Beziehungen über berufliche Entscheidungen, Familie und Freunde ist sowohl in Kinos als auch Büchern kein Neuland. So geht es in „Wenn ich bleibe“ im Grundsätzlichen um das schon fast abgegriffene Thema der 17-jährigen Mia (Chloe Moretz), die sich zwischen Liebe und Beruf nicht entscheiden will und dadurch in ihrer Beziehung zum älteren Adam (Jamie Blackley) zu scheitern droht. Auch der Aspekt des harmonischen Familienlebens und der guten Beziehung zu ihrer Mutter ist nicht unbenutzt.

Doch neben all dem gibt R.J. Cutlers neustes Projekt etwas mehr her, als nur eine oberflächliche Heranwachsenden-Story. Hinter vielen Beziehungs-Klischees, mal etwas zu peinlichen Eltern und einem rührendem Familienleben verbirgt sich eine tiefgreifendere Story von Leben und Tod, die letztendlich nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, sondern auch einen Realitätsbezug besitzt.

„Wenn ich bleibe“ ist ohne Zweifel ein Film, der sich sowohl positiv als auch weniger positiv bewerten lässt. Er schwankt irgendwo zwischen Romantikdrama und gut recherchierter Real-Life-Parallele, was einen nicht ganz in eine Richtung denken lassen will. Dass die Autorin der gleichnamigen Romanvorlage, Gayle Forman, sich zu 90 Prozent der Kitsch-Kiste bedient hat, ist allein durch die Grundhandlung zu erwarten. Jedoch bleibt trotz vieler Vorhersehbarkeiten in der Adaption noch eine gewisse Spannung erhalten, die den Zuschauer nicht ganz loslässt. Das wird unter anderem auch durch Hauptdarstellerin Chloe Moretz bedeutend herangeführt, die bereits mit „Carry“ (2013) ihr Talent bewiesen hat. Mit vielen Emotionsebenen bewegt sie sich durch die Handlungen, und bringt Traurigkeit als auch das Glück mit Adam überzeugend herüber. Ebenso ist ihr die Verkörperung der leidenschaftlichen Cellistin absolut gelungen. Und obwohl sicherlich mit Bodydoubles gearbeitet wurde, nimmt ihr zumindest der Durchschnittsmensch auch die Musikbegabung voll ab.

 

Mia HospitalDoch neben schauspielerischen Leistungen erwähnenswert sind auch Filmeffekte, Kameraführung und Schnitt des Werkes von R.J. Cutler, die viele interessante Details aufweisen und den Film (abgesehen vom tragischen Autounfall) anspruchsvoller und damit sehenswerter machen. Anders, als man sich aus dem Trailer erwarten mag, besteht der gesamte Vorgang des Films aus nur zwei verschiedenen Handlungssträngen, die chronologisch, abwechselnd wiedergegeben werden; dem Komazustand und immer wiederkehrenden Szenen aus der Vergangenheit, durch schmuckvoll gestaltete Übergange miteinander verbunden.  Hingegen den Erwartungen von Verwirrung durch die Flashbacks ist der Ablauf jedoch nicht schwer verständlich, sondern erstaunlich angenehm zu verfolgen. Die Länge der Zeitabschnitte ist so gewählt, dass einem die vorigen Begebenheiten noch in Erinnerung bleiben und damit gedanklich fast nahtlos an das Geschehen anschließen können. Auch die Kamera weist zwischendrin perspektivisch eher ungewöhnliche Aufnahmen auf, die den gesamten Film ein wenig hochstufen.

Letztendlich gibt es in „Wenn ich bleibe“ zu viele Kitsch-Klischees, als dass er für den üblichen Action-Romance-Comedy-Kinogänger ein perfektes Bild abgeben würde. Das offensichtlich dramatische Thema durch die teilweise zu lockeren Eltern aufgelöst, die Idee vom „sexy Rocker“ und der schüchternen Klassikschülerin allbekannt, oder die Kussszenen einmal zu oft eingefangen… – So manch unvorteilhafter Vorgang lässt die Meinungen stark auseinandergehen.

Doch es lässt sich bereits am Trailer ausmachen, zu welcher Sparte die Story einzuordnen ist. Die dargestellten Momente geben den besten Eindruck, auf was sich der Besucher einstellen muss. Dadurch sollten die Anti-Romantiker sicherlich schon im Vorfeld abgeschreckt sein und im Kino gar nicht mehr enttäuscht werden können. Auch, wer den Inhalt des Buches kennt, sollte darauf vorbereitet sein, worauf er sich einlässt.

Aber zwischen allen Schmalz-Elementen besitzt R.J. Cutlers Adaption des Romans auch gute Seiten. Neben der Schauspielperformance und Optik sowie der Begebenheit des Unfalls, die einen deutlichen Teil zur Aufwertung des Films beitragen, ist die Aufmachung ein wesentlich positiver Aspekt in punkto Atmosphäre und Wirkung. Somit ist „Wenn ich bleibe“ ein berührender Film über die Liebe zur Musik und der Familie, Aufopferung und letztendlich einer wichtigen Lebensentscheidung, besetzt mit einem stimmigen Cast und verpackt in ein stilvolles Arrangement.

Romantikdramas sind und waren schon immer eine Sache des Geschmacks, jedoch lässt sich guten Gewissens abschließend sagen:

Der gefühlsbetonte Kinobesucher wird bei „Wenn ich bleibe“ nicht trocken bleiben können und auch nach dem Kinobesuch noch von der herzzerreißenden Geschichte gefesselt sein.

 

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 5

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 5

Am fünften Tag des Fantasy Filmfests 2014 gehörte jeder der drei von mir gesichteten Filme einer gesonderten Kategorie an – es gab den Actionthriller The November Man als Special Premiere Screening (was auch immer die Bezeichnung bedeuten mag), den blutigen Retro-Horrorfilm Among the Living im Director’s Spotlight (Co-Regisseur Julien Maury war auch vor Ort und gab uns ein Interview, das Ihr später hier lesen könnt) und als Centerpiece, wo in der Regel einige der größten Festival-Highlights gezeigt werden, lief What We Do in the Shadows. Doch obwohl alle drei Filme besonders hervorgehoben waren, war es wieder ein solider, aber kein überragender Tag beim Fantasy Filmfest. Eine richtige "Gurke" (wie die schlechtesten Filme beim Fantasy Filmfest gerne bezeichnet werden), ist mir weiterhin noch nicht begegnet (wobei Wer am Eröffnungstag da schon sehr nah dran war), doch auch keine neuen Highlights kamen hinzu. Das ist insbesondere im Falle des im Vorfeld stark gehypten Vampir-Mockumentary What We Do in the Shadows (in Deutschland mit dem blöden Titel 5 Zimmer Küche Sarg abgestraft) etwas enttäuschend gewesen. Nichtsdestotrotz hatte trotzdem jeder Film am fünften Tag auch seine Stärken und verdiente zumindest eine Sichtung.

 

TAG 5

The November Man

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 5 The November ManPierce Brosnan hat es noch drauf. In seinem ersten Actionfilm seit dem letzten James-Bond-Auftritt in Stirb an einem anderen Tag, zeigt der mittlerweile 61-Jährige, dass er zwar äußerlich sichtlich gealtert ist, dafür aber nichts von seiner Coolness, dem Charisma und der Souveränität, mit der er Actionszenen handhabt, eingebüßt hat. In The November Man spielt er den Titelhelden (die Bezeichnung wird gegen Ende des Films unspektakulär erklärt), mit bürgerlichem Namen als Peter Deveraux bekannt. Deveraux ist ein ehemaliger Spitzenagent des CIA, der nach einem tödlich verlaufenen Einsatz das Geschäft desillusioniert verlässt. Fünf Jahre später kontaktiert ihn ein alter Kollege wegen einer Mission, die für Deveraux eine persönliche Bedeutung hat, weshalb er sich nochmal die Pistole umschnallt und nach Russland reist, um eine Doppelagentin und ihre wertvollen Informationen zu beschützen. Doch etwas läuft gewaltig schief und plötzlich steht Deveraux allein, mitten zwischen den Fronten in einem Komplott, in das der russische Präsidentschaftskandidat und ehemaliger Kriegsverbrecher involviert ist. Sowohl die CIA als auch eine gnadenlos effiziente russische Profikillerin sind auf seinen Fersen. Sein größter Gegner ist aber sein ehemaliger Schüler Mason (Luke Bracey), dem Deveraux alles beigebracht hat, was er weiß. Mit der Sozialarbeiterin Alice (Olga Kurylenko) im Schlepptau, muss Deveraux herausfinden, wem er noch vertrauen kann und für welches Geheimnis die CIA willens ist, ihn zu töten.

The November Man ist ein Spionage-Actionthriller alter Schule und basiert auf einem Roman aus Bill Grangers "November Man"-Reihe, die in den Siebzigern ihren Anfang nahm. Die Handlung wurde natürlich auf den heutigen Stand gebracht und so gibt es neben üblicher Haudrauf-Action auch High-Tech-Überwachungsdrohnen. Dass sich bei Brosnan in der Hauptrolle automatisch James-Bond-Vergleiche aufdrängen, ist nur zu verständlich und nicht zu vermeiden. Peter Deveraux ist von Brosnans aalglattem Bond ziemlich weit entfernt. Er säuft wie ein Loch und zögert auch nicht, die eine oder andere moralische Grenze zu überschreiten und das Leben einer unschuldigen Person (ernsthaft) zu bedrohen, wenn es seinen Zielen dienlich ist. Letzteres sorgt für die mit Abstand beste und intensivste Szene  des Films, die zwischen Deveraux und seinem Schüler Mason ausgetragen wird und zeigt, wie weit The November Man von James Bond entfernt ist.

Wenn Deveraux dann auf einen Schlag ein Dutzend Gegner erledigt, liegt der Vergleich natürlich deutlich näher, doch durch eine höhere Altersfreigabe darf hier auch ordentlich Blut fließen und die Auswirkungen der Gewalt sind deutlich zu sehen. Einen sehr großen Fehler macht der Film allerdings durch den starken Fokus auf Luke Braceys Figur. Auch wenn der Streifen versucht, ihn als einen zwischen Moral, Pflicht und Loyalität hin- und hergerissenen Actionhelden darzustellen, fehlen ihm Charisma, Ausstrahlung oder jegliche Tiefe, um den Zuschauer auf die Seite seines Charakters zu ziehen. Viel lieber hätte man Brosnan in der alleinigen Hauptrolle gesehen. Durch den ständig wechselnden Fokus zwischen den beiden Figuren, schwankt auch stark das Tempo des Films und insbesondere das Finale gerät enttäuschend anti-klimatisch. Die politischen Implikationen, die der Film mit sich bringt, sind insbesondere für einen Regisseur wie Roger Donaldson (Dreizehn Tage) eigentlich zu simpel und platt. Jeglicher Realismus bleibt auch auf der Strecke (kann man in Belgrad auf der Straße wirklich jemanden mit einer Schaufel niederschlagen und dann einfach mir nichts, dir nichts weitergehen?!) Am besten funktioniert der Film, wenn Brosnan sein Ding durchziehen kann und allein deswegen hat er sich mit The November Man ein neues Franchise verdient (Teil 2 wurde bereits angekündigt), bei dem hoffentlich nur er als zentraler Charakter bleiben wird. Hier wurde ordentlich, doch definitiv unter dem Potenzial gewerkelt.  3/5

 

Among the Living

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 5 Among the LivingAlexandre Bustillo und Julien Maury, die Regisseure hinter dem französischen Extremhorror Inside und der Hammer-Hommage Livid, sind mit ihrem dritten Werk zurück und bleiben dem Genre treu, während sie sich trotzdem wieder auf ein neues Terrain wagen. Among the Living ist große Hommage an US-amerikanische Coming-Of-Age-Filme der Achtziger. Im Programmheft als "Stand By Me meets The Hills Have Eyes" beworben, könnte die Beschreibung eigentlich kaum zutreffender sein. Leider ist Among the Living schlechter als jeder der beiden Filme und während er in der ersten Hälfte den gewünschten Nostalgiefaktor auf jeden Fall erreicht, lässt der Horror im letzten Akt etwas zu wünschen übrig.

Die drei Freunde Victor, Dan und Tom wurden am letzten Schultag zum Nachsitzen verdonnert, doch stattdessen nehmen sie Reißaus und stiften allerlei Unfug an. Dabei landen sie irgendwann in einem verlassenen Gelände eines Filmstudios, wo sich vor ihren Augen eine schreckliche Szene abspielt, die sehr real ist. Im Kofferraum eines Autos entdecken sie eine gefesselte junge Frau, doch bevor sie ihr helfen können, taucht eine vermummte Gestalt mit Clownmaske auf und verschleppt die Frau in einen Kellerverlies. Der Versuch, der Frau zu helfen, scheitert, doch nun hat das Böse es auf die Kinder abgesehen.

Das größte Problem von Among the Living ist, dass der Aufbau in der ersten Stunde so toll ist, dass wenn der wahre Horror dann endlich beginnt, es bis auf eine wirklich fiese Tötungsszene (Fußfetisch-Alarm?) ziemlich unbeeindruckend bleibt und dann auch sehr schnell vorbei ist. Die verunstaltete maskierte Gestalt wird im Laufe des Films nur sehr langsam enthüllt. Das ist ein sehr effektiver Ansatz, der die Spannung steigen lässt, doch wenn man den Mörder dann endlich zu sehen bekommt, ist das Ergebnis freilich unspektakulär. Es ist, als ob die Macher vor allem damit beschäftigt waren, ihren Vorbildern unter Coming-of-Age-Filmen Respekt zu zollen und am Ende recht lustlos den Horroranteil des Films heruntergekurbelt haben. Schade, denn die erste Stunde macht wirklich Lust und man investiert auch einiges in die drei (ziemlich guten!) Kinderschauspieler, ohne dass ihre so gut etablierte Freundschaft später im Film zum Tragen kommen – und das ist eben der Unterschied zu Filmen wie Stand By Me, ES oder Die Goonies.

Netter Bonus zum Filmbeginn: Béatrice Dalle in einer Szene, die sofort Erinnerungen an Inside wach werden lässt.  3/5

 

What We Do in the Shadows (5 Zimmer Küche Sarg)

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 5Vladislav, Deacon, Viago und Petyr teilen sich eine WG in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington und tragen untereinander die typischen Probleme von WG-Mitbewohnern aus – Deacon spült kein Geschirr und macht hinter sich nie sauber, Petyr erscheint nicht zur offiziellen WG-Versammlung und Vladislav macht sowieso was er will, während der nette Viago sich redlich darum bemüht, alles friedlich zu lösen. Ach ja, alle vier sind auch Vampire, wobei der jüngste der Truppe, Deacon, mit 183 Jahren noch als seine "Bad Boy"-Phase durchlebt, während der 8,000 Jahre alte Petyr mittlerweile alle menschlichen Züge abgelegt hat, zugunsten eines Nosferatu-Looks à la Max Schreck. Begleitet wird die illustre Truppe über Monate von einem sanktionierten Kamerateam, das eine Doku über die geheime Welt des Übernatürlichen im heutigen Neuseeland dreht. Damit sie Blutsauger nicht über sie herfallen, sind die Kameraleute auch durch Kruzifixe geschützt. Petyr verbringt eigentlich den ganzen Tag in seine Gruft, doch Viago, Deacon und Vladislav versuchen ein möglichst "normales" Vampirleben zu führen – dazu gehören Discobesuche, das Aussagen von unglückseligen Opfern (bevorzugt Jungfrauen!) – aber nicht bevor sie durch Hypnose-Tricks ordentlich verarscht werden – und Stress mit der örtlichen Werwolf-Gang. Auch wenn man unsterblich ist, fliegen kann und seine Gestalt wechseln kann, kommt auch das Leben eines Vampirs nicht ohne die kleinen Ärgernisse des Alltags aus – wie soll man sich für das Ausgehen am Wochenende schick machen, wenn man kein Spiegelbild hat?!

Der Mockumentary-Ansatz bei Horrorfilmen ist nicht gerade neu. Mit Vampire – Verstecken war gestern lief bereits vor vier Jahren eine belgische Vampir-Mockumentary beim Fantasy Filmfest. Zum Glück ist die neuseeländische Produktion, die im Oktober hierzulande unter dem wirklich unglücklichen Titel 5 Zimmer Küche Sarg in die Kinos kommen wird, deutlich gelungener und lustiger geraten. Zu verdanken ist das dem tollen Cast, allen voran Taika Waititi als friedfertiger Viago, der leicht verlegen von seiner Vergangenheit als Nazi-Vampir unter Hitler berichtet und nach über 300 Jahren immer noch nicht gelernt hat, wie man ohne eine Saurei ein Opfer aussaugt. Waititi war mit Jemaine Clement (den er bereits in der schrägen Romcom Eagle vs. Shark in Szene gesetzt hat) auch für das Drehbuch und die Regie verantwortlich. Als absoluter Partykracher von der Festival-Leitung angekündigt, schafft What We Do in the Shadows es jedoch nicht, den Witz über die eigentlich kurze Laufzeit von 86 Minuten stets aufrecht zu erhalten. Nach einer wirklich herrlichen Einführung, schleichen sich hin und wieder längere Stellen mit Leerlauf ein und der Mockumentary-Ansatz nutzt sich leider auch relativ schnell ab, insbesondere da es überhaupt keine Interaktion zwischen den Kameraleuten und den Subjekten der "Dokumentation" gibt. Zum Glück gibt es doch in regelmäßigen Abstanden immer wieder gelungene Einfälle (teils clever, teils albern), sodass Langeweile niemals aufkommt. Zu den tollen Momenten gehören die Vorgeschichten der drei Haupt-Vampire und deren erste Begegnung mit moderner Technologie wie Skype, Handy, YouTube und Facebook. Viel von dem Humor funktioniert jedoch über Wortwitz ("We are werewolves, not swearwolves!"), sodass hier die Sichtung der Originalfassung ein absolutes Muss ist. Einen wirklichen Höhepunkt hat der Film leider nicht, endet aber mit einer schönen humorvoll-romantischen Note. Vampire sind ja auch nur Menschen! 3,5/5

 

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Morgen ist die erste Hälfte des Fantasy Filmfests 2014 in Köln rum und mich erwarten wieder vier Filme. Neben zwei belgischen (Ko-)Produktionen (The Brotherhood of Tears und The Treatment), stehen für mich mit Marjane Satrapis schräger Psycho-Komödie The Voices und der restaurierten und musikalisch innovativ begleiteten Fassung von Jean Epsteins Stummfilm-Klassiker The Fall of the House of Usher (Der Untergang des Hauses Usher) zwei potenzielle Highlights an. Es wird auf jeden Fall vorerst wieder weniger horrorlastig.

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