Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch – Tag 3

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Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 3

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

so langsam kommt das Fantasy Filmfest 2014 in Köln in Fahrt und dabei liegt noch so viel vor mir. Während früher Tag 3 bereits die Nähe zur Mitte des Festivals bedeutet hätte, befinden wir uns jetzt noch im ersten Viertel der Veranstaltung. Ich habe meine Müdigkeit und meinen eklatanten Schlafmangel überwunden und schleppte mich am Freitag direkt in die erste Vorstellung um 12:30. Zum Glück hat sich das gelohnt! Wie es so häufig ist, entpuppte sich ausgerechnet ein Film, an den ich im Vorfeld eigentlich gar keine Erwartungen hatte, als der vorläufige Höhepunkt des Filmfests. Dabei würde man Supremacy, einen Thriller um das leider immer noch hochaktuelle Thema "Rassenhass" gar nicht als einen typischen FFF-Film einstufen. Überhaupt ging es am dritten Tag deutlich bodenständiger zu. Keiner der drei Filme hatte eine übernatürliche Komponente und zwei sollen sogar auf wahren Tatsachen beruhen. Eben diese beiden gehören auch zu den bisher interessantesten Filmen des FFF 2014 und zeigen, dass es sich durchaus lohnt, wenn die Programmmacher auch über den "fantastischen" Tellerrand hinaus schauen. Eine ziemliche Enttäuschung war hingegen der dritte Film. Mehr gibt es, wie üblich, in unseren Kurzkritiken unten zu lesen.

 

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TAG 3

Supremacy

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 3 SupremacyMan muss nur in den letzten Monaten die Nachrichten aus den USA verfolgt haben, damit einem wieder schmerzlich vor die Augen geführt wird, dass die Themen ethnische Ungleichheit und Rassenkonflikte auch 51 Jahre nach Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede hochaktuell sind und es wahrscheinlich in 50 Jahren immer noch sein werden. Es ist auch ein Thema, das in Hollywood nahezu jedes Jahr aus unterschiedlichsten Perspektiven aufgegriffen wird, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Es gibt eigentlich nichts, was diesbezüglich nicht bereits filmisch abgedeckt wurde und dennoch ist es wichtig, mit Filmen wie beispielsweise Ryan Cooglers Nächster Halt: Fruitvale Station die Menschen auf teils erschreckende Zustände zu erinnern. Auch Deon Taylors Supremacy betritt keineswegs Neuland, doch das, was er macht, macht er ausgezeichnet. Anstelle eines reinen Dramas präsentiert sich Supremacy als ein Home-Invasion-Thriller (was nah an den früheren horrorlastigen Filmen des Regisseurs liegt) mit starker Rassismus-Thematik.

Tully (Joe Anderson) ist ein Vollblut-Neonazi und ein hochrangiges Mitglied der Aryan Brotherhood. Nach 14 Jahren im Bau, wird er am Tag seiner Entlassung von der "Neonazi-Groupie" Doreen (Dawn Olivieri) abgeholt, die ihn zunächst zu seinem Bewährungshelfer und später zu seinen arischen Brüdern bringen soll. Doch nur Stunden nach seiner Freilassung sitzt Tully wieder in einem Schlamassel. Bei einer Verkehrskontrolle brennen ihm die Sicherungen durch und er erschießt einen schwarzen Polizisten. Auf der Flucht vor der Polizei, quartieren sich die beiden in einem Familienhaus ein, dessen Besitzer Afroamerikaner sind. Ohne Ausweg und mit immer schwindender Hoffnung auf Rettung durch seine Neonazi-Kumpanen, steigen die Spannungen und es entbrennt ein geistiger Machtkampf zwischen dem stoischen alten Patriarchen (Danny Glover) und dem von Hass, Zweifeln und Angst zerrissenen Tully.

Supremacy ist kein Film, an den man sich aufgrund seiner wendungsreichen Geschichte erinnern wird. Die Ereignisse entsprechen dem etablierten Muster von ähnlichen Filmen. Seine Stärke zieht er vor allem aus den Performances seiner Darsteller. Joe Anderson ist als unberechenbarer Fanatiker sehr überzeugend, doch der wahre Star hier ist Danny Glover. So gut hat man ihn lange nicht gesehen, vielleicht gar noch nie. Zwar hat er in Lethal Weapon schon lange behauptet, er sei "zu alt für diesen Scheiß", doch in Supremacy spielt er wirklich alt. Alt, gebrechlich, schwerfällig – seine Figur Walter ist physisch in keiner guten Verfassung. Doch innerlich lodern in ihm ein Feuer und eine eiserne Entschlossenheit, seine Familie aus der Situation heil herauszubringen. In jeder Szene zwischen ihm und Anderson brodelt es gewaltig unter der Oberfläche und man hat das Gefühl, dass der Timer jederzeit auf Null springt und die Bombe explodiert. Dadurch verliert der Film trotz der vorhersehbaren Entwicklungen niemals an Spannung und Tempo und die Wortgefechte zwischen den Figuren sowie die emotionale Achterbahn, die der Zuschauer gemeinsam mit den Charakteren miterlebt, sind spannender als die meisten Horror- oder Actionfilme. Es ist zwar einerseits schade, dass der starke Fokus auf Glover und Anderson dafür sorgt, dass Darsteller wie Derek Luke (als Walters entfremdeter Sohn, der als Polizist nach dem Pärchen sucht) und Julie Benz als dessen Ehefrau völlig verschwendet sind, doch andererseits möchte man auch keine Szene von Glover missen. 4/5

 

The Mule

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 3 The MuleAuf dem Fantasy Filmfest ist man mittlerweile gewohnt allerlei unangenehme, (meist im "guten" Sinne) widerliche Szenen zu sehen. Schließlich ist es eine Veranstaltung, die sich nicht vor Filmen scheut, die Tabus brechen und mit ihrem Gewaltfaktor die FSK später auf die Palme treiben. Meist haben diese Szenen, bei denen sogar manch ein hartgesottener Genrefan die Augen kurz abwendet, mit "kreativer" Verstümmelung des menschlichen Körpers zu tun. Abgeschnittene Zungen, herausgerissene Fingernägel, Häutung beim lebendigen Leibe…der kranken Fantasie der Filmemacher wurden hier keine Grenzen gesetzt. All das hat der australische Beitrag The Mule nicht. In der Tat bleibt der Film, bis auf die eine oder andere gelegentliche Gewalteinlage, relativ zahm. Nichtsdestotrotz gibt es in dem Film auch eine Szene, die mit jetzt schon konkurrenzlos als die ekligste von diesem Jahrgang genannt werden kann. Dabei hat es gar nichts mit Blut oder Gehirnmasse zu tun, verstümmelt wird niemand und eigentlich sieht man nicht einmal besonders viel. Doch das, was man nicht sieht, aber nur zu gut weiß, ist umso schlimmer. Das ist The Mule und im Grunde geht’s hier ums Kacken. Oder viel eher ums Nicht-Kacken.

Was nach sich nach niederem Trash anhört, ist eigentlich eine gut besetzte pechschwarze Krimikomödie, die von einer weniger hyperaktiven Guy Ritchie stammen könnte. Die Hauptfigur ist Ray Jenkins (Angus Sampson), der von seinem besten Kumpel Gavin (Sampsons Co-Star aus Insidious, Leigh Whannell) überredet wird, für einen Gangsterboss Koks aus Thailand in seinen Eingeweiden zu schmuggeln. Bei der Wiedereinreise ist Ray aber zu nervös, wird von der Polizei mit dringendem Verdacht festgenommen. Röntgen darf man ihn ohne seine Erlaubnis nicht. Die Drogenfahnder (allen voran repräsentiert durch Hugo Weaving als überbordernd sexistischer Klischee-Arschloch-Cop) dürfen ihn aber sieben Tage ohne Anklage in einem Hotelzimmer festhalten. Also heißt es für Ray, entweder seinen Kumpel verpfeifen, selbst in den Knast gehen oder die Backen wortwörtlich zusammenkneifen und sieben Tage einhalten. Sieben sehr lange Tage…

Es gab wahrscheinlich noch keinen Film in der Geschichte, der seine Spannung über die nahezu gesamte Laufzeit aus der Fragestellung bezogen hat, ob die Hauptfigur es schafft, tagelang den Stuhlgang zurückzuhalten. Lasst Euch eins sagen: es ist kein angenehmer Anblick und schnell wird es auch dem Zuschauer irgendwie unangenehm – noch bevor die ekligen Szenen kommen. Sampson macht als grundsympathischer loyaler Loser eine gute Figur und man leidet mit ihm (fast zwangsläufig) mit. Der ganze Film ist auf Sampsons Mist (sorry, aber der musste sein) gewachsen – er war außerdem Drehbuchautor und Co-Regisseur. Die Geschichte von Ray wird in Australiens Teilnahme am America’s Cup (einem Segelturnier) gespiegelt. In beiden Fällen ist es ein mühsames Rennen um den Sieg, in Rays Fall wird das Rennen zwischen ihm und seinem Verdauungstrakt ausgetragen. Das klingt zwar alles nach Komödie unter der Gürtellinie, doch der Film bedient sich eigentlich kaum des Fäkalhumors. Stattdessen gibt es einige schwarzhumorige Einlagen, u. a. von Weaving und "Fringe"-Veteran John Noble. Leider ist die Gangster- und Mafiageschichte, die sich parallel zum Hauptplot um Rays Klo-Abstinenz abspielt, nicht sonderlich interessant oder spannend, sodass der Film eigentlich am interessantesten ist, wenn er ins Hotelzimmer zurückkehrt. Zwar passiert ausgerechnet in diesen Szenen eigentlich am wenigsten, doch nur in diesen hat man wirklich eine Figur zum Mitfiebern (und Mitekeln). 3,5/5

 

Open Windows

Fantasy Filmfest 2014 Tagebuch Tag 3Nick (Elijah Wood) ist ein Riesenfan der erfolgreichen Schauspielerin Jill Goddard (Sasha Grey) und der Betreiber einer Fansite, die ihr gewidmet ist. Bei einer Online-Verlosung gewinnt er ein Date mit Jill und freut sich natürlich wie ein Schneekönig. Er ist in die Stadt des Treffens angereist, das Hotelzimmer ist gebucht. Doch kurz vor dem geplanten Date, hackt sich ein mysteriöser Fremder namens Chord in seinen Rechner ein und informiert ihn, dass Jill das Treffen aus einer Laune heraus abgesagt hat. Nick ist am Boden zerstört, doch Chord zeigt ihm mittels virtuoser Hacking-Techniken, dass er auch so der Schauspielerin folgen kann. Er hackt sich in ihr Handy ein, in ihr Notebook, in die Überwachungskameras ihres Hotels – und verlangt von Nick dafür nur kleine Gefallen. Doch je mehr sich Nick auf das Spiel einlässt, desto drastischer werden die Forderungen. Die Flucht nach vorne bleibt sein einziger Ausweg. Sind sein Leben und das von Jill in Gefahr und wem kann man überhaupt trauen?

Das ist der Inhalt des komplett über Überwachungskameras und Webcams in Desktop-Optik und in Echtzeit erzählten Thrillers von Nacho Vigalondo. Eigentlich kann das Format als eine Abwandlung der "Found Footage"-Form angesehen werden. Doch nachdem das Gefühl der Innovation sich nach 15-20 Minuten gelegt hat, wirkt die Darstellung nur noch gimmickhaft und, wie bei vielen "Found Footage"-Filmen, ab einem bestimmten Punkt einfach nur noch unglaubwürdig, insbesondere wenn Kameras genutzt werden, um unwahrscheinliche 3D-Abbildungen zu erschaffen. Leider enden die Unglaubwürdigkeit und Realitätsferne nicht damit, sondern fangen da wohl eher an. Wirken die Ereignisse am Anfang lediglich unwahrscheinlich und etwas übertrieben, steigert sich der Film gegen Ende zum grotesk Lächerlichen, wenn plötzlich ein Twist nach dem anderen aus der Tashe gezogen wird und man sich fragen muss, ob M. Night Shyamalan hier beim Drehbuch beratend tätig war. Ich verstehe es schon, das Hacken selbst ist wahrscheinlich zu langweilig, um realistisch dargestellt zu werden, doch die Handlungen und Machenschaften in diesem Film haben mit dem echten Hacken vermutlich in etwa so viel zu tun wie Bubble Tea mit einem edlen Darjeeling. Nacho Vigalondos Timecrimes, der vor einigen Jahren bei den Fantasy Filmfest Nights lief, ist vielleicht der am besten durchdachte und in sich logisch geschlossene Zeitreisefilm aller Zeiten – eine Rarität im Subgenre. Umso schockierender ist es, wie sehr sich Open Windows von dessen klarer Struktur unterscheidet und eine bescheuerte Wendung mit der nächsten zu toppen versucht.

Nicht alles ist schlecht. Was dem Film an Logik und Dichte mangelt, wird zumindest teilweise durch atemlose Spannung wettgemacht. Auch die beiden Hauptdarsteller liefern  sympathische Performances ab und Sasha Grey scheut sich nicht davor, ihre Karriere als Pornosternchen mit einigen leichten Seitenhieben auf die Schippe zu nehmen. Doch wenn der finale Twist sich im Film offenbart, ist es einfach nicht mehr möglich, sich auf die positiven Aspekte zu besinnen. Es ärgert, dass die Macher sich offensichtlich für so clever halten, dass sie dabei nicht merken, wie dämlich das alles eigentlich ist. Jeder weiß, dass der beste Weg zwischen A und B eigentlich eine direkte Linie ist, doch bei Open Windows wählt man den Ansatz, dass der Weg von A nach B über D, E und L führt und am Ende einfach bei C landet. 2/5

 

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Nach dem kurzen Ausflug in die "reale Welt" (okay, bei Open Windows ist der Begriff nur bedingt anwendbar), wird es am vierten Tag wieder horrorlastiger. Let Us Prey und It Follows versprechen, die Zuschauer das Fürchten zu lehren und das Thriller-Remake 13 Sins (zu dem wir später auch ein Interview mit dem Regisseur Daniel Stamm für Euch führen werden) stellt  ähnliche moralische Fragen an die Zuschauer wie der letztjährige FFF-Erfolg Cheap Thrills.

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