Links: Hidetoshi Nishijima in Drive My Car © 2021 Rapid Eye Movies 
Rechts: Lady Gaga in House of Gucci © 2021 MGM/Universal Pictures

Quelle: New York Film Critics Circle

Vielleicht ist Euch ja aufgefallen, dass meine üblicherweise sehr umfangreiche Berichterstattung über die vergangene Oscar-Saison sehr minimal ausgefallen ist. Das lag hauptsächlich daran, dass die Oscars für mich mit dem Kino synonym sind und ohne die Gelegenheit, die meisten Anwärter auf vor der Verleihung auf der großen Leinwand zu sehen (mangels offener Kinos), hielt sich mein seit Jahren großes Interesse an den Academy Awards sehr in Grenzen. Erst in den Monaten nach der sehr unaufregenden und späten Oscarverleihung habe ich die meisten nominierten Filme und Performances im Kino nachgeholt.

Natürlich sind wir noch lange nicht bei der Normalität angelangt und ein weiterer Lockdown steht vermutlich kurz bevor. Dennoch hat sich das Kinogeschäft zumindest etwas berappelt und ich hatte bereits die Gelegenheit, zahlreiche Oscar-Hoffnungsträger wie Licorice Pizza, The Power of the Dog, Don’t Look Up und Dune im Kino zu sehen, während einige weitere in den nächsten Tagen anstehen. Es geht doch wieder ein wenig aufwärts und das gilt auch für mein wiedererwecktes Interesse an den Oscars. Ich fühle mich wieder im Rennen "drin" und so werdet Ihr wieder hier und da Beiträge zum Stand der Dinge und den wichtigsten Auszeichnungen, die sich als Vorläufer der Oscars bewährt haben, bei uns lesen.

Dazu gehören auch die Preise einiger großer Filmkritikerverbände aus den USA. Wie jedes Jahr, muss natürlich betont werden, dass die Aussagekraft von Kritikerpreisen im Hinblick auf die Oscars begrenzt ist, insofern als dass die Oscars Preise der Filmindustrie sind (also von Filmschaffenden vor und hinter der Kamera) und nicht der Presse sind. Dennoch sind einige renommierte Kritikerpreise häufig aufschlussreich darüber, welche Filme und Schauspieler im Rennen hoch im Kurs stehen und diese Preise lenken wiederum die Aufmerksamkeit der späteren Oscar-Wähler auf bestimmte Werke. Deshalb sind diese Preise auch nicht ganz unbedeutend für den Gesamtverlauf des Oscar-Rennens.

Zu den ältesten und bekanntesten Filmkritikerverbänden der USA gehört der New York Film Critics Circle (NYFCC), dem rund 30 Kritiker aus dem Großraum New York City angehören. Neben den Kritikerpreisen von Los Angeles und Chicago gehören die New Yorker Kritikerauszeichnungen zu den prestigeträchtigsten ihrer Art.

Dieses Jahr wurde die japanische Auslands-Oscar-Einreichung Drive My Car nach einer Vorlage von Haruki Marukami mit dem Hauptpreis als "Bester Film" ausgezeichnet. Es ist erst das sechste Mal in der 87-jährigen Geschichte der NYFCC Awards, dass ein nicht-englischsprachiger Film prämiert wird. Zuletzt gelang dies Alfonso Cuaróns Roma. Mit der Ausnahme des Ausreißers First Cow letztes Jahr, der den Hauptpreis beim NYFCC holte, wurde seit 2003 jeder Hauptgewinner der New Yorker Filmkritikerpreise später auch bei den Oscars als "Bester Film" nominiert. Jedoch hat von den letzten zehn NYFCC-Siegern nur The Artist auch den Oscar in der Königsklasse geholt. Dennoch ist die Auszeichnung des NYFCC ein sehr gutes Zeichen für das dreistündige japanische Drama, das bereits als Favorit für den Oscar als "Bester internationaler Film" gilt und in Cannes schon den Drehbuch-Preis abgeräumt hat.

Die meisten Auszeichnungen vergaben die New Yorker dieses Jahr jedoch an Jane Campions The Power of the Dog, der für Campions Regie sowie für Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch und Nebendarsteller Kodi Smit-McPhee gewonnen hat. Alle drei gelten als absolut sichere Kandidaten für Oscarnominierungen. Bereits 1994 prämierte der NYFCC Jane Campions Das Piano dreimal, darunter zweimal Campion selbst (als Regisseurin und Drehbuchautorin).

Derweil gewann die New Yorkerin Lady Gaga den Hauptdarstellerin-Preis für ihre illustre Performance in House of Gucci. Paul Thomas Andersons Drehbuch für die Coming-Of-Age-Tragikomödie Licorice Pizza wurde ebenfalls ausgezeichnet. Um eine Doppel-Auszeichnung für Drive My Car zu vermeiden, wurde stattdessen in der Kategorie des "Besten fremdsprachigen Films" Joachim Triers The Worst Person in the World zum Sieger gekürt.

Die komplette Auflistung der diesjährigen Sieger findet Ihr unten:

Bester Film

Drive My Car

Beste Regie

Jane Campion (The Power of the Dog)

Bester Hauptdarsteller

Benedict Cumberbatch (The Power of the Dog)

Beste Hauptdarstellerin

Lady Gaga (House of Gucci)

Bester Nebendarsteller

Kodi Smit-McPhee (The Power of the Dog)

Beste Nebendarstellerin

Kathryn Hunter (The Tragedy of Macbeth)

Bestes Drehbuch

Paul Thomas Anderson (Licorice Pizza)

Beste Kamera

Janusz Kaminski (West Side Story)

Bester Animationsfilm

Die Mitchells gegen die Maschinen

Bester Dokumentarfilm

Flee

Bester ausländischer Film

The Worst Person in the World

Bester Debüt-Film

Frau im Dunkeln
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Hier findet Ihr die NYFCC-Sieger aus den Jahren 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013 und 2012.