Das Damengambit Netflix

Anya Taylor-Joy in "Das Damengambit" © 2020 Netflix

Quelle: Deadline

Im aktuellen Goldenen Zeitalter von hochwertigen Serien und neuen Streaming-Diensten gibt es einfach viel zu viele interessante Serienproduktionen und nicht genug Zeit, sie zu schauen. Das ist eins der ultimativen First World Problems unter Serienjunkies.

In den letzten Wochen wurde mir vermehrt in meinem Freundeskreis die Netflix-Miniserie "Das Damengambit" (OT: "The Queen’s Gambit") empfohlen. Ein Auge habe ich auf die Serie tatsächlich schon länger geworfen, denn schließlich kann man bei Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy (The Witch) wenig falsch machen. Zuletzt war die argentinisch-britische Schauspielerin im ansonsten mittelmäßigen The New Mutants das eindeutige Highlight des Films. Aber auch als Hobby-Schachspieler fand ich die Thematik interessant. Überrascht war ich aber dennoch, wie viele meiner Freunde auf die eigentlich nicht massiv vermarktete Serie aufmerksam geworden sind und von ihr begeistert waren.

Diese wahrgenommene Beliebtheit war wohl kein rein subjektiver Eindruck, denn Netflix hat jetzt Zuschauerzahlen zur Serie veröffentlicht und sie als meistgesehene Miniserie in der Geschichte des Streamers deklariert. Im ersten Monat nach Veröffentlichung sollen weltweit rund 62 Millionen Haushalte "Das Damengambit" gesehen haben. Zwar zählten letztes Jahr die erste "The Witcher"– und die dritte "Stranger Things"-Staffeln noch mehr Zuschauer, es handelte sich dabei aber um fortlaufende und nicht abgeschlossene Serien. Dieses Jahr ist "Das Damengambit" jedoch sogar die bislang meistgesehene Netflix-Serie des Jahres. Bisherige Spitzenreiter waren "Ratched" und die zweite "The Umbrella Academy"-Staffel, die jeweils 48 Millionen bzw. 43 Millionen Zuschauer im selben Zeitraum erreicht haben. Nur ein kleiner Reminder: Netflix zählt eine Serie oder einen Film als "gesehen", wenn mindestens zwei Minuten daraus geschaut wurden.

Netflix veröffentlichte weitere Daten zum Erfolg der Miniserie. In 92 Ländern schaffte es "Das Damengambit" in die wöchentliche Top 10 der beliebtesten Serien bei Netflix, in 63 dieser Länder war sie sogar auf Platz 1, darunter in Großbritannien, Südafrika und Israel.

Der Erfolg der Serie hatte auch deutlich spürbare Auswirkungen auf die Begeisterung für das Schachspiel. Die Google-Anfrage "How to play chess" erreichte ihren Höchststand seit neun Jahren, die Anzahl neuer Spieler auf der Internet-Schachplattform Chess.com hat sich seit der Veröffentlichung der Miniserie verfünffacht, und die Verkäufe von Schachspielen auf eBay legten um knapp 250% zu. Das ist doch mal eine wirklich positive Auswirkung einer Serie auf die reale Welt. Es ist aber auch ein Beweis, dass sich Qualität auch ohne viele Superstars oder großes Effekte- oder Actionspektakel durchsetzt. Manchmal reicht auch eine klassische, gut erzählte und fantastisch gespielte Geschichte.

In "Das Damengambit" spielt Taylor-Joy ein junges Schachgenie, das in einem Waisenhaus in Kentucky der fünfziger Jahre aufwächst und sich als weltbeste Schachspielerin in der traditionellen Männerdomäne etablieren möchte. Gehindert wird ihr Aufstieg aber durch ihre bereits im Kindesalter erworbene Medikamentenabhängigkeit und später auch Alkoholsucht.

Nächstes Jahr wird "Das Damengambit" bei den Golden Globes und den Emmys sicherlich zahlreiche Nominierungen erhalten, und vielleicht auch einige Preise davontragen. Ganz besonders drücke ich Taylor-Joy die Daumen, für die die Serie nach einigen Erfolgen in Genrefilmen der endgültige große Durchbruch sein könnte, bevor sie demnächst die junge Furiosa in George Millers Mad-Max-Spin-Off spielt. Auch Co-Schöpfer Scott Frank, der zuvor schon die zwölffach Emmy-nominierte Netflix-Miniserie "Godless" erschaffen hat, dürfte nach dem Erfolg von "Das Damengambit" sehr hoch im Kurs stehen. Ich werde die Miniserie auf meiner Netflix-Liste auf jeden Fall um einige Positionen vorrücken.