Cobweb (2023) Kritik

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Cobweb, USA 2023 • 88 Min • Regie: Samuel Bodin • Drehbuch: Chris Thomas Devlin • Mit: Lizzy Caplan, Woody Norman, Antony Starr, Cleopatra Coleman, Luke Busey • Kamera: Philip Lozano • Musik: Drum & Lace • FSK: n.n.b. • Verleih: n.n.b. • Kinostart: n.n.b. • Website

Samuel Bodins „Cobweb“ präsentiert sich schon zu Beginn als sehr klassischer Kleinstadthorror in der Tradition eines Stephen King. Da ist der schüchterne Außenseiter Peter (Woody Norman), der von seinen Mitschülern übel drangsaliert wird und seine Pause lieber im Klassenzimmer mit der verständnisvollen Vertretungslehrerin Miss Devine (Cleopatra Coleman) als auf dem Schulhof verbringt. Da ist ein beunruhigender Vorfall in der Orts-Vergangenheit und ein finsteres Geheimnis, das der kleine Protagonist herausfinden muss. Vor allem sind da aber Peters auffällige Eltern Carol (Lizzy Caplan) und Mark (Antony Starr), die sich ihrem Sohn gegenüber seltsam distanziert verhalten und ihm eigentlich ganz normale Freuden verwehren.

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Bodin, der zuvor die französische Gruselserie „Marianne“ für Netflix inszeniert hat und deren Erfolg sein Ticket in die Traumfabrik verdankt, bietet in seinem Spielfilmdebüt inhaltlich ganz gewiss nichts bahnbrechend Neues. Das Drehbuch von Chris Thomas Devlin (Netflix' Legacy-Sequel „Texas Chainsaw Massacre“) verrührt Elemente aus Kings Romanen „Carrie“ und „Shining“ mit offensichtlichen Bausteinen aus Wes Cravens „Das Haus der Vergessenen“, Henry Selicks „Coraline“ und sogar William Friedkins „Der Exorzist“.

Die große Stärke von „Cobweb“ liegt jedoch darin, diese allzu bekannten Zutaten atmosphärisch dicht aufzubereiten. Hervorzuheben ist hier die unheilvolle Kameraarbeit von Philip Lozano, die auf Dunkelheit und überwiegend gedeckte Farben setzt. Als ebenfalls sehr effektiv erweist sich die wohlüberlegte Beleuchtung – etwa die spärlichen Strahlen, die durch Peters achteckiges Kinderzimmerfenster dringen und den Fokus exakt auf den Platz legen, an welchem das Kind nachts eine mysteriöse Stimme vernimmt.

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Diese Stimme ist es, die die Ereignisse in „Cobweb“ schließlich in Gang setzt. Zuvor bekommen wir durch die gedrückte Stimmung und das Verhalten schon ein gutes Gefühl dafür, dass mit Peters Erzeugern etwas nicht mit rechten Dingen zugehen muss und diese womöglich nicht bloß etwas vor ihm verbergen, sondern buchstäblich Leichen im Keller haben. Wie schon bei Mason Thames in Scott Derricksons Hit „The Black Phone“, bekommt auch Woody Normans (aktuell in „Die letzte Fahrt der Demeter“ zu sehen) Peter von einem scheinbar übernatürlichen Phänomen Tipps, wie er sich aus der bedrohlichen Situation retten kann.

Dass seine Eltern in Wahrheit böse seien, muss der Junge so erfahren. Und diese Information deckt sich mit dem, was wir durch seine Augen zuvor erlebt haben. Nach einem Vorfall in der Schule bekommt Peter etwa nicht gewöhnlichen Stubenarrest aufgebrummt, sondern wird im Keller, dessen Tür von dem Kühlschrank versperrt ist, an Ketten gelegt. Da täuscht dann auch das Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip von Carol und Mark mit anschließenden liebevollen Gesten nicht mehr über die insgesamte Beklemmung hinweg.

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Als menschlicher Schutzengel schreckt Cleopatra Colemans („Infinity Pool“) Miss Devine nicht davor zurück, sich trotz Verbot und Drohung der Eltern weiter um Peters Wohlergehen zu sorgen. Selbst wenn diese Figur etwas unterentwickelt bleibt, ist sie dennoch als externer Blick auf die Geschehnisse im quasi Spukhaus wichtig. Sie ist auch der einzige Anker, den der junge Protagonist in der Außenwelt hat und der ihn im Notfall aus den Händen des Grauens befreien könnte.

Auch wenn sich das Geheimnis in „Cobweb“ für Genre-Kenner als letztlich nicht allzu große Überraschung herausstellen sollte, können neben Woody Norman besonders Lizzy Caplan (zuletzt in der Serie „Eine verhängnisvolle Affäre“ auf Paramount+) und Antony Starr („The Boys“) als beunruhigendes und zunehmend beängstigendes Elternpaar überzeugen. Während man als Zuschauer beschäftigt ist, alle Hinweise für die Auflösung zu bedenken (etwa: Wie war das mit dem verschwundenen Kind in der Nachbarschaft?), liefern die beiden exzellent undurchsichtige Performances mit gelegentlich dämonischem Touch ab. Weshalb benehmen sie sich Peter gegenüber so und was haben sie mit ihm im Sinn? Obwohl einige die zugedeckten Karten längst durchschaut haben, gelingt es Caplan und Starr, das Unbehagen bis zum Ende aufrecht zu halten. Wenn die Kamera schließlich länger auf die Finsternis hinter einer geöffneten Tür hält, greift man auch als Horror-Veteran aufgrund der Intensität dieser Szene in die Kinosessellehne.

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Eine kleine Warnung vorab an Teile des Publikums: Was der Titel „Cobweb“ ja bereits andeutet, ist Programm und man bekommt so einige Achtbeiner in Großaufnahme vor Augen geführt. Dabei handelt es sich um gewöhnliche Hausspinnen und nicht die größeren Kaliber. Doch wer das Thema rund um Arachniden so gar nicht verträgt, sollte dann doch darauf gefasst sein, ab und zu die Hände vors Gesicht halten zu müssen. Ohne jetzt weiter in Spoilerterritorium zu gelangen, aber dieser Film ist im wahrsten Sinne creepy und belohnt nach seinem langsamen Aufbau mit einem reichlich wilden und dezent blutigen Finale.

Bodins Arbeit mag mit ihrer unterm Strich ziemlich generischen Story keine absolut dringende Empfehlung für Horrorfans darstellen. Doch in Anbetracht der versierten Umsetzung, dem Gespür für Atmosphäre und der guten Leistungen des Haupt-Casts, ist das sympathisch knackige Werk absolut keine schlechte Wahl für die anstehende Spooky Season. An den US-Kinokassen ist „Cobweb“ unverständlicherweise schlimm gefloppt. Vielleicht hätte man dort eine Geschichte, die so augenfällig auf die Halloween-Zeit abzielt, nicht im Sommer in die Lichtspielhäuser schicken sollen.

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„Cobweb“ ist ein perfekt geeigneter Gruselstoff für den 31. Oktober, nachdem man mit den jüngeren Geschwistern oder Kindern mit dem Süßes-oder-Saures-Gang durch die Nachbarschaft fertig ist. Vielleicht als Double Feature mit Alexandre Bustillos und Julien Maurys unterschätztem Vampir-Märchen „Livid“.


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