Die Goldene Palme, der Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes, ist eine der prestigeträchtigsten Auszeichnungen, die ein Filmemacher in seiner Karriere erhalten kann. Zahlreichen gefeierten Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Wong Kar-Wai, Ingmar Bergman oder Pedro Almodóvar blieb der Preis trotz mehrerer Anläufe verwehrt. Vor diesem Jahr haben in der 78-jährigen Geschichte des Festivals nur neun Regisseure die Goldene Palme zweimal gewonnen, ein dritter Sieg ist noch niemandem gelungen.
Diesem erlesenen Kreis der Doppelsieger, zu dem u. a. Francis Ford Coppola, Ruben Östlund, Michael Haneke, Ken Loach und die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne zählen, schließt sich dieses Jahr ein zehnter Filmemacher an. Die diesjährige Cannes-Jury unter der Leitung des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook vergab die Goldene Palme an Cristian Mungius Drama Fjord. Mungiu gewann seine erste Goldene Palme vor 19 Jahren für das beklemmende Abtreibungsdrama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage. Damit ist er der Regisseur mit dem längsten Abstand zwischen seinen beiden Goldenen Palmen. Mungiu gilt als meistgefeierter Filmemacher Rumäniens und ist ein häufiger Gast in Cannes. Neben seiner ersten Goldenen Palme gewann er 2012 den Drehbuchpreis für Jenseits der Hügel und 2016 den Regiepreis für Bacalaureat. Fjord ist der erste Film seit Mike Leighs Lügen und Geheimnisse vor 30 Jahren, der neben der Goldenen Palme auch den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen hat.
Der Auszeichnung für Fjord setzte die präzedenzlose Siegesserie für den US-amerikanischen Filmverleih NEON, der seit 2019 zielsicher die Vertriebsrechte an jedem späteren Gewinner der Goldenen Palme erwarb. Letztes Jahr wurden vier von NEONs Filmen, die in Cannes ihre Weltpremieren feierten, später in der Kategorie "Bester internationaler Film" bei den Oscars nominiert, zwei davon (Sentimental Value und The Secret Agent) zusätzlich auch als "Bester Film". Mit den Cannes-Siegern Parasite und Anora gewann NEON auch den "Bester Film"-Oscar. Alamode erwarb die deutschen Vertriebsrechte an Fjord, ein Starttermin steht aber hierzulande noch nicht fest.
Mungius erster Goldene-Palme-Gewinnerfilm wurde seinerzeit von der Academy nicht nominiert, was für einen Aufschrei und eine Reform im Nominierungsprozess sorgte. Fjord ist definitiv ein starker Kandidat für Mungius erste Nominierung für den Auslands-Oscar. Gemäß den neuen Academy-Regularien ist der Film durch seinen Sieg in Cannes automatisch für eine Oscarnominierung als "Bester internationaler Film" qualifiziert und muss nicht erst von einem Produktionsland eingereicht werden.
Fjord ist Mungius erster Film, der außerhalb Rumäniens entstanden ist, und handelt von einem tiefgläubigen norwegisch-rumänischen Ehepaar, das mit seinen Kindern aus Rumänien in ein kleines norwegisches Dorf zieht, wo die Familie aufgrund ihrer Religiosität Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als eines der Kinder der Familie mit blauen Flecken in der Schule auftaucht, werden die strengen Eltern verdächtigt, ihre Kinder zu misshandeln.
Die Hauptrollen in Fjord spielen Marvel-Star Sebastian Stan, der erstmals seine rumänische Herkunft in einem Film ausspielen durfte, und Cannes-Darling Renate Reinsve, die 2021 für Der schlimmste Mensch der Welt mit dem Preis als beste Darstellerin in Cannes ausgezeichnet wurde und letztes Jahr auch die Hauptrolle in Sentimental Value spielte, der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury prämiert wurde. Reinsve und Stan spielten zuvor bereits in A Different Man Seite an Seite.
Auch der neueste Film der deutschen Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller, die 2023 in den beiden großen Cannes-Siegern Anatomie eines Falls und The Zone of Interest die Hauptrollen spielte und kürzlich für Rose mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, wurde prämiert. Pawel Pawlikowskis Vaterland, in dem Hüller als Erika Mann die Ehefrau des deutschen Schriftstellers Thomas Mann verkörpert, gewann den Regiepreis. Es ist Pawlikowskis zweiter Regiepreis in Folge in Cannes nach Cold War – Der Breitengrad der Liebe. Den Preis musste er diesmal mit Javier Calvo und Javier Ambrossi teilen, deren Drama La bola negra mit 20 Minuten Standing Ovations beinahe Cannes' Beifall-Rekord von Pans Labyrinth (22 Minuten) brach. Der Neue Visionen Filmverleih wird Vaterland am 3. September in die deutschen Kinos bringen. La bola negra hat noch keinen Verleih in Deutschland, das wird sich jedoch sicher bald ändern.
Der Große Preis der Jury dieses Jahr an Minotaur des russischen Filmemachers Andrey Zvyagintsev. Seine letzten beiden Filme, Leviathan und Loveless, gewannen jeweils den Drehbuch- bzw. den Jury-Preis in Cannes. Beide wurden auch in der "Bester internationaler Film"-Kategorie für einen Oscar nominiert. Inzwischen lebt der Putin-kritische Regisseur im Exil in Frankreich und Minotaur ist trotz seines russischen Settings eine Co-Produktion von Lettland, Deutschland und Frankreich, sodass nur eins dieser Länder ihn für den Auslands-Oscar einreichen könnte.
Nach In die Sonne schauen letztes Jahr ging der Preis der Jury dieses Jahr wieder nach Deutschland: Valeska Grisebach gewann die dritthöchste Auszeichnung des Festivals für Das geträumte Abenteuer.
Die Darstellerpreise teilten sich jeweils Virginie Efira und Tao Okamoto für Ryusuke Hamaguchi All of Sudden sowie Emmanuel Macchia und Valentin Campagne für Lukas Dhonts Coward. Sowohl Hamaguchi als auch Dhont haben mit ihren Filmen in der Vergangenheit schon Preise in Cannes gewonnen.
Die komplette Liste der Gewinner:innen der 79. Filmfestspiele von Cannes könnt Ihr unten nachlesen. Viele dieser Filme werden sicherlich im nächsten Oscar-Rennen wieder auftauchen.
Goldene Palme
Fjord (Regie: Cristian Mungiu)
Großer Preis der Jury
Minotaur (Regie: Andrey Zvyagintsev)
Preis der Jury
Das geträumte Abenteuer (Regie: Valeska Grisebach)
Beste Regie
Javier Calvo und Javier Ambrossi (La bola negra) UND Pawel Pawlikowski (Vaterland)
Bester Darsteller
Emmanuel Macchia und Valentin Campagne (Coward)
Beste Darstellerin
Virginie Efira und Tao Okamoto (All of Sudden)
Bestes Drehbuch
Emmanuel Marre (A Man of His Time)
Un Certain Regard
Bester Film
Everytime (Regie: Sandra Wollner)
Preis der Jury
Elephants in tte Fog (Regie: Abinash Bikram Shah)
Spezialpreis der Jury
Iron Boy (Louis Clichy)
Bester Darsteller
Bradley Fiomona Dembeasset (Congo Boy)
Beste Darstellerin
Daniela Marín Navarro, Marina de Tavira und Mariangel Villegas (Forever Your Maternal Animal)
Goldene Kamera für besten Debütfilm
Ben’Imana (Regie: Marie Clémentine Dusabejambo)
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Quelle: Festival de Cannes













