Flatliners (2017) Kritik

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Flatliners (2017) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Flatliners, USA/CA 2017 • 110 Min • Regie: Niels Arden Oplev • Mit: Ellen Page, Nina Dobrev, Diego Luna, Kiersey Clemons, James Norton • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 30.11.2017 • Deutsche Website

Handlung

Die strebsame Medizinstudentin Courtney (Ellen Page) ist besessen davon, herauszufinden, was die Menschen nach dem Tod erwartet. Um dieser Frage nachzugehen, baut sie in leerstehenden Notfallräumen unter dem Universitätskrankenhaus ein gefährliches Experiment auf. Zu diesem Zweck rekrutiert sie zwei zunächst widerwillige Kommilitonen, den privilegierten Player Jamie (James Norton) und die am Studium verzweifelnde Sophia (Kiersey Clemons). Sie sollen Courtneys Herz per Defibrillator anhalten und ihre Hirnaktivität mittels eines CT-Scanners während des todesähnlichen Zustands aufzeichnen. Nach einer Minute sollen dann die lebensrettenden Maßnahmen eingeleitet und Courtney aus dem Totenreich zurückgeholt werden. Schon beim ersten Versuch geht die Wiederbelebung schief und Courtney wird vom herbeigerufenen Medizin-Genie Ray (Diego Luna) in letzter Sekunde gerettet. Die ambitionierte Studentin Marlo (Nina Dobrev) folgt ihm und kommt dem Experiment auch auf die Schliche. Als Courtney dann nach ihrem Nulllinien-Ausflug plötzlich über unbändige Energie verfügt und sich an alles erinnern kann, was sie je gelernt oder gelesen hat, unterziehen sich die anfangs von der Vorstellung entsetzten Sophia, James und Marlo ebenfalls dem Experiment. Lediglich der besonnene Ray verzichtet. Für die übrigen Versuchskaninchen ist das sogenannte "Flatlining" zunächst ebenfalls eine bereichernde Erfahrung, einhergehend mit Euphorie, erhöhtem Selbstbewusstsein und gesteigertem sexuellen Appetit. Doch alles hat seinen Pries und schon bald wird das Quartett von unheimlichen, intensiven Visionen heimgesucht, die untrennbar mit ihrer Vergangenheit verknüpft sind.

Kritik

Das Leben nach dem Tod. Es ist das größte Mysterium der Menschheitsgeschichte und die Basis für unzählige, religiös motivierte Konflikte, die Millionen von Opfern forderten und die Welt nachhaltig veränderten. Also ist es natürlich nur logisch, dass ausgerechnet fünf blutjunge, arrogante Medizinstunden die Antworten auf die Fragen herausfinden, die die Menschen seit jeher beschäftigen. Indem sie sich gegenseitig quasi umbringen und sich dann mit ihrem medizinischen Fachwissen wieder zurückholen. Das war die Prämisse von Joel Schumachers Flatliners von 1990, der mit Kiefer Sutherland, Julia Roberts und Kevin Bacon einige der heißesten Jungstars der damaligen Zeit vereinte. Durchwachsenen Kritiken zum Trotz machte die Mischung aus attraktiven Rising Stars und einer aufregenden, wenn auch nicht ganz durchdachten Idee den Film zum Hit.

Flatliners (2017) Filmbild 127 Jahre später dachte sich Sony, dass Flatliners für ein Remake reif sei. Inszeniert vom dänischen Regisseur Niels Arden Oplev und geschrieben vom Source-Code-Autor Ben Ripley, wartet der neue Flatliners mit der gleichen weitgehend logikfreien, aber dennoch spannenden Grundidee auf. Das grobe Konstrukt des Films bleibt gleich, die Charaktere, deren persönliche Traumata und der Verlauf der Ereignisse nach dem Flatlining wurden jedoch verändert, damit die Kenner des Originals nicht jede Wendung bereits kommen sehen.

Auch visuell schafft es das Remake, sich vom Originalfilm abzugrenzen. Oplev, der bereits der schwedischen Version von Verblendung, dem Colin-Farrell-Thriller Dead Man Down und der Pilotfolge von "Mr. Robot" seinen unterkühlten, polierten Stil mit gelegentlichen markanten Ausbrüchen injizierte, bringt diesen auch bei Flatliners gut zur Geltung. So sieht der Film also zumindest ziemlich gut aus, wodurch er jedoch nur bedingt seine Ambitions- und Inhaltslosigkeit überspielen kann.

Leider ist nämlich die zweitgrößte Gemeinsamkeit zwischen dem Originalfilm und dem Remake, nach dem Grundriss der Geschichte, das Desinteresse beider Filme, näher auf die Implikationen dessen einzugehen, was die wagemutigen (lies: dummen) Studenten im Jenseits erleben. Als Courtney versucht, Jamie und Sophia davon zu überzeugen, ihr bei ihrem Experiment zu helfen, begründet sie es noch mit der Möglichkeit zur größten Entdeckung in der Menschheitsgeschichte. Doch sehr schnell sind alle Beteiligten viel mehr daran interessiert, ihre Noten durchs Flatlining aufzubessern und einen drogenähnlichen Rausch zu erleben, als zu verarbeiten, dass sie möglicherweise eine gigantische Entdeckung gemacht haben. Die Frage nach dem Leben nach dem Tod machte schon immer den größten Reiz bei Flatliners aus und ist leider der Aspekt, der für Macher offenbar nachrangig war. Gerade in diesem Punkt hätte die Neuverfilmung Verbesserungspotenzial gegenüber dem Vorgänger gehabt und anfangs macht er auch den Eindruck, als würde sie das Ganze deutlich wissenschaftlicher angehen.

Flatliners (2017) Filmbild 2Doch nach diesem vielversprechenden Auftakt verwirft Flatliners diesen Ansatz recht schnell und zeigt uns stattdessen erst, wie geil sich die Versuchskaninchen nach ihrem Experiment erst fühlen, bevor sich der Streifen in seiner zweiten Hälfte zum durchschnittlichen Geisterhorror wandelt, bei dem gruselige Gestalten im Halbdunkeln erscheinen, Schatten hinter dem Duschvorhang lauern und Charaktere eine dumme Entscheidung nach der anderen treffen. Zugegeben, Vernunft scheint bei diesen angeblich hochintelligenten angehenden Medizinern keine große Rolle zu spielen. Vielleicht war man als Zuschauer in den Neunzigern noch nachsichtiger, doch es fällt heutzutage wirklich schwer zu glauben, dass sogar die arrogantesten Medizinstudenten, die sich bereits für Götter in Weiß halten, sich freiwillig und ohne großartige Recherche, das Herz anhalten lassen würden. "Es ist keine Wissenschaft, sondern Pseudowissenschaft", wirft Nina Dobrev as Marlo berechtigt vor, bevor sie sich kurze Zeit später bereitwillig in den CT-Scan legt.

Flatliners (2017) Filmbild 3Wenn der Film dann seine moralischen, philosophischen und wissenschaftlichen Fragen hinter sich lässt und zu einer reinen Horror-Achterbahn wird (die zugegebenermaßen die visuellen Stärken in einigen Visionen gut zur Geltung bringt), hat er leider keine Charaktere, mit denen man als Zuschauer mitfiebern möchte. Die Figuren bleiben schemenhaft, bestenfalls definiert durch die Visionen ihrer Vergangenheit, die durch das Flatlining ausgelöst wurden. Deshalb hat Diego Luna als Ray, mit der Ausnahme eines einzigen Satzes über seine Vergangenheit bei der Feuerwehr, keinerlei definierende Charakteristika, weil ihn keine Visionen heimsuchen. James Norton ist als sorgloses Kind reicher Eltern und notorischer Aufreißer durchgehend unsympathisch, und wenn er und andere Charaktere versuchen, für ihre Verfehlungen Abbitte zu leisten, wirkt es nie so, als würden sie ihre Taten aufrichtig bereuen, sondern als würden sie lediglich versuchen, ihre eigene Haut zu retten. Wenn wir dann das fulminante Finale der Erlösung erreichen, ist mein Interesse auch an einer Nulllinie angelangt.

Es ist schade um das durchaus gegebene Potenzial, insbesondere angesichts des sehr kompetenten Regisseurs. Gänzlich überflüssig ist übrigens der Gastauftritt des Originalfilm-Stars Kiefer Sutherland als Dr.-House-Verschnitt mit kurioser Perücke.

Fazit

Niels Arden Oplev erschuf mit Flatliners ein optisch ansprechendes, aber letztlich seelenloses Remake, das es nach einem interessanten Auftakt vorzieht, den Zuschauern abgedroschende "Buh!"-Effekte um die Ohren zu jagen, anstatt sich der zwar logikfreien, aber dennoch spannenden Prämisse zu widmen. Wie schon sein Vorgänger, scheint der Film nicht besonders daran interessiert zu sein, sein Potenzial auszuschöpfen, und begnügt sich mit zahmer Horrorunterhaltung.

Trailer