The Master (2012)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

The Master, USA 2012 • 137 Min • Regie & Drehbuch: Paul Thomas Anderson • Mit: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern, Christopher Evan Welch • Kamera: Mihai Malaimare Jr. • Musik: Jonny Greenwood • FSK: ab 12 Jahren • Verleih: Senator Film • Kinostart: 21.02.2013 • Website

 

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TheMasterx10Sieht man sich die Werke von Paul Thomas Anderson an, so fällt auf, dass ein Thema in diesen besonders häufig aufgegriffen wird: Das der Genialität. In „Boogie Nights“ (1997) ist es der Pornodarsteller Dirk Diggler, der mit seinem beachtlichen Penis im wahrsten Sinne Herausragendes vollbringt. Im Nachfolger „Magnolia“ (1999) wird das Wunderkind Stanley Spector eingeführt, das scheinbar alles Wissen der Welt wie ein Schwamm in sich aufsaugen kann, aber zugleich von seinem Vater für eine Quizshow als sicherer Goldesel missbraucht wird. Andersons Komödie „Punch-Drunk Love“ (2002) zeigt den Unternehmer Barry Egan, der sich gutgeschriebene Flugmeilen auf eigentümliche Weise, durch den Einkauf großer Puddingmengen, sichert. In „There Will Be Blood“ (2007) schließlich ist es der selbsternannte „Ölmann“ Daniel Plainview, welcher sich als Ikone in seinem Geschäft behauptet und von der Triebfeder gesteuert wird, Erfolg einzig für sich allein zu beanspruchen. „The Master“, die aktuelle Arbeit des Regisseurs, beginnt mit dem Kriegsheimkehrer Freddie Quell (Joaquin Phoenix), der – vorsichtig ausgedrückt – ein Problem mit seinem Alkoholkonsum hat. Freddie besitzt ebenfalls eine besondere Fähigkeit, nämlich die, sich an nahezu jedem Ort aus verschiedenen Produkten einen hochprozentigen Drink zusammenzumixen. Der permanente Vollrausch soll den Veteran später in eine unangenehme Situation bringen, die ihn letztlich als blinden Passagier auf die Yacht des charismatischen Intellektuellen Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) führt. Dodd lässt den Herumtreiber nach dessen Entdeckung jedoch nicht von Bord schmeißen, sondern lädt ihn zu einer Feierlichkeit und einem Gespräch ein. Als Schriftsteller, Philosoph und Arzt stellt er sich seinem Gast vor, doch vor allem ist Dodd der Gründer einer neuen Bewegung mit dem Namen The Cause

TheMasterx8„The Master“ schildert die Mentor/Schüler-Beziehung, die sich später zwischen Freddie und Dodd entwickeln soll. Es ist eine Abhängigkeit, denn tatsächlich sieht nicht nur der Alkoholiker eine Alternative in den Worten seines Gegenübers, auch Dodd – der Master – wird durch das Leben des elenden Mannes inspiriert. Angesiedelt ist die Geschichte nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einer Zeit der neuen Möglichkeiten. Einer Zeit, in der auch der US-Schriftsteller L. Ron Hubbard den Grundstein zur umstrittenen Scientology-Lehre legte und diese gar zu einer Religion erhob. Lancaster Dodd ist allerdings nicht L. Ron Hubbard und „The Master“ kein Film, der die Scientology-Gemeinde in den Mittelpunkt stellt – die Parallelen zwischen dieser und der fiktiven The Cause sind jedoch unverkennbar. Der Vorgang, den Hubbard als Auditing bezeichnet hat, findet hier sein Pendant in Form des Processing. Während einer solchen Sitzung wird der Prüfling unter vorgegebenen Bedingungen sich wiederholenden Fragen unterzogen. Ziel dabei ist die Aufdeckung vergangener Traumata. „The Master“ erklärt dieses Verfahren nicht bis ins kleinste Detail, aber es wird sehr deutlich, weshalb Freddie ein perfekter Kandidat für dieses zu sein scheint: Ohne Perspektiven und offensichtlich auf der Flucht vor etwas aus seinem früheren Leben, wird er zum treuen Gefolgsmann seines Meisters. Da ist jemand, der ihm auf Augenhöhe begegnet, ihm zuhört und zugleich einen Weg aus seiner persönlichen Misere aufzeigt. Eine Kerze in der Nacht, einen Strohhalm zum Festklammern.

TheMasterx5Interessant ist eine weitere Figur, die sich eher im Hintergrund aufhält, aber dafür stets präsent zu sein scheint: Dodds Ehefrau Peggy (Amy Adams), welche ihm beim Schreiben als eine Art Muse dient – oder ist ihr Mann möglicherweise gar das Instrument ihrer Gedanken? Die größte Gefahr, die von The Cause ausgeht, ist die der Manipulation. Eines ihrer Opfer ist der labile Freddie, der sich im Verlauf auch mit Gewalt gegen Kritiker der Gemeinschaft stark macht. Dieses brutale Auftreten wird von den Mitgliedern jedoch mit Argwohn betrachtet. Freddie zweifelt langsam die Wahrheit der Ausführungen seines Lehrmeisters an und es kommt zum Konflikt.

TheMasterx1Was Andersons Film seinem Publikum offen anbietet, sind erstklassige schauspielerische Leistungen vom Duo Phoenix/Hoffman, das sich im folgenden Jahr sicherlich auf eine Oscarnominierung einstellen darf, den hypnotisch-perkussiven Soundtrack von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood und phänomenale Bilder. Kameramann Mihai Malaimare Jr. („Jugend ohne Jugend“) hat das Werk überwiegend auf 65mm-Material eingefangen, welches bei seiner Premiere dann im spektakuären, aber inzwischen antiquierten 70mm-Format aufgeführt worden ist. Nun handelt es sich hier sicher nicht um ein großes Abenteuerepos, wie etwa David Leans „Lawrence von Arabien“ (1962), das den Zuschauern die unendliche Weite der Wüste veranschaulicht. In „The Master“ werden die Gesichter der Protagonisten zu Landschaften, in deren Tiefe man sich verlieren kann. Die Figuren sind der Schlüssel zu der enigmatischen Arbeit: So einfach, wie die Geschichte auf den ersten Blick sein mag, so viele Assoziationen gibt es darunter herzustellen. Manche mögen nun das Urteil „prätentiös“ anbringen, aber wie ist es hier überhaupt mit der Bedeutung? Wir erhalten nahezu keine Informationen über Lancaster Dodd und nur ein kleines Stück von Freddie Quells Vergangenheit. Beide Charaktere stehen für etwas – Freddie für das Ungezügelte und Animalische; Dodd für das Geistige und Kontrollierende. Ein Ungleichgewicht zwischen zwei gänzlich konträren Positionen. Beide strecken sich ihre Hände entgegen, aber sollen sie sich am Ende in der Mitte begegnen? Keiner der beiden kann als wirklich sympathische Persönlichkeit bezeichnet werden, eine Annäherung findet eher auf einer anderen Ebene statt: Vielleicht kann man sich mit der quälenden Unruhe in Freddies Inneren identifizieren, mit dessen Verlangen nach Frieden und einem Platz in der Welt. Die grausigen Schrecken des Krieges, die Menschen als hoffnungslose Wracks zurückgelassen haben, werden uns nie direkt vor Augen geführt, aber ein Produkt dieser Erlebnisse könnte Freddie sein. Die Suche nach Alternativen ist ein Thema, ebenso der freie Wille, der einen wieder zum Ausgangspunkt leiten kann. Eine erzwungene Befreiung ist womöglich nichts anderes, als ein weiteres Gefängnis, dem man entfliehen möchte. Was ist noch echt, was nur ein geistiges Konstrukt? Die Grenze zwischen der Wirklichkeit und einer reinen Vorstellung von dieser scheint in „The Master“ langsam zu verschwimmen.

TheMasterx4Vermutlich lässt Paul Thomas Anderson das Publikum hier hungriger als bei seinen Vorgängern zurück. Allerdings ist Befriedigung vielleicht nicht das, was er mit dem spürbar getriebenen „The Master“ letztlich erreichen wollte. Vielleicht ist die Suche bereits das Ziel, vielleicht muss man am Ende nicht jedes Teil einem festen Platz zuweisen können. Sicher ist, dass der Regisseur hier einen gewagten Befreiungsschlag von den hohen Erwartungen nach „There Will Be Blood“ vorgelegt hat. Dies ist ein polarisierender Brocken, den man eigentlich nur lieben oder ablehnen kann. Für mich zählt das Werk zu den bemerkenswertesten und faszinierendsten Produktionen des ausklingenden Kinojahres – es hat mich noch immer in seinem mysteriösen Bann und lässt mich nicht los. Wobei wir wieder beim Anfang wären: Genialität.


Trailer