Als Disney 2012 Lucasfilm für 4,05 Milliarden US-Dollar aufkaufte, galt es als eines der größten Schnäppchen der Hollywood-Geschichte. Mit Star Wars und Indiana Jones gingen zwei der ikonischsten Franchises aller Zeiten in den Besitz von Disney über. Innerhalb kürzester Zeit rentierte sich die Investition. Allein die drei von Disney produzierten neuen Episoden der Skywalker-Saga spielten zusammengerechnet mehr als fünf Milliarden US-Dollar ein, ganz zu schweigen von immensen Merchandise-Einnahmen, die Star Wars immer noch jährlich generiert. Schätzungen zufolge erwirtschaftete Disney bis heute mehr als zwölf Milliarden US-Dollar mit Star-Wars-Filmen, -Serien und -Produkten, rund das Dreifache der ursprünglichen Investition.
Diese Zahlen verraten jedoch nicht das ganze Bild, denn nach anfänglichen Erfolgen steckt Star Wars derzeit in einer Krise und die Schuld daran tragen Disney bzw. Lucasfilm selbst. Die neuen Kinofilme generierten zwar große Umsätze, polarisierten jedoch die Fangemeinde. Disney versuchte die Marvel-Erfolgsformel zu wiederholen und jedes Jahr einen neuen Star-Wars-Film herauszubringen. Zwischen 2015 und 2019 wurden fünf neue Star-Wars-Realfilme veröffentlicht, nur einer weniger als in den 37 (!) Jahren zuvor. Es waren keine großen Events mehr, sondern "Fließbandware".
Nach dem Flop von Solo: A Star Wars Story und dem deutlichen Rückgang der Einnahmen für das große Trilogie-Finale Der Aufstieg Skywalkers zog Disney die Notbremse und fokussierte sich stattdessen auf das TV-Universum von Star Wars bei Disney+. Dort begeisterte die allererste Star-Wars-Realserie "The Mandalorian" zunächst viele Fans, die von den Filmen enttäuscht waren. Es war die Rückkehr zum "alten Star Wars", wie die Fans es liebten, und bescherte Disney mit Baby Yoda alias Grogu einen der größten Merchandise-Verkaufsschlager der letzten Jahre. Berauscht vom Erfolg baute Lucasfilm die Serienwelt von Star Wars weiter aus, während das Franchise im Kino brach lag. Neben zwei weiteren "The Mandalorian"-Staffeln wurden bis heute sechs weitere, mal mehr, mal weniger erfolgreiche Star-Wars-Realserien produziert.
Hingegen schien Lucasfilm ein wenig ratlos, was die Zukunft von Star Wars im Kino angeht. Im April 2023 wurden auf der Star Wars Celebration in London gleich drei neue Star-Wars-Filmprojekte angekündigt: Dawn of the Jedi Order von James Mangold, der 25.000 Jahre vor der Haupthandlung der Skywalker-Saga spielen sollte, New Jedi Order mit Daisy Ridley in ihrer Rolle als Rey, die eine neue Generation von Jedi-Rittern ausbildet, und ein Film des inzwischen zum Lucasfilm-Präsidenten beförderten Dave Filoni, der alle "Star Wars"-Serien von Disney+ zusammenführen sollte.
Drei Jahre später wurde keiner dieser Filme verwirklicht und es ist unklar, ob einer von ihnen überhaupt produziert werden wird. Stattdessen gingen Disney und Lucasfilm den Weg des geringsten Widerstands (und der größten Einfallslosigkeit) und produzierten einen "The Mandalorian"-Kinofilm statt der ursprünglich angekündigten vierten Staffel. Um darauf hinzuweisen, dass der eigentliche Publikumsmagnet auch dabei ist, wurde der Film The Mandalorian and Grogu genannt und später in Star Wars: The Mandalorian and Grogu umbenannt, damit auch bei denjenigen, die keine Serien schauen oder Disney+ abonnieren, jegliche Zweifel darüber auszuräumen, worum es sich eigentlich handelt.
Auf dem Papier muss sich The Mandalorian and Grogu als sichere Bank gelesen haben, denn schließlich ist es der erste Star-Wars-Film seit sieben Jahren und die direkte Fortsetzung einer beliebten Serie mit einem der derzeit angesagtesten Schauspieler (Pedro Pascal) in der Hauptrolle, der in dem Film tatsächlich über weite Strecken seinen Helm nicht trägt. Allerdings überschätzte Lucasfilm das Interesse der Kinogänger:innen, etwas im Kino zu sehen, was wie bislang nur bei Disney+ geschaut hatten und von dem sie wissen, dass es nur wenige Monate später bei Disney+ erscheinen wird. Dass "The Mandalorian" von Anfang an auf Filmniveau produziert wurde und The Mandalorian and Grogu sich letztlich wie eine Serienfolge in Spielfilmlänge anfühlte, raubte dem Film den Eventcharakter. An den Kinokassen erzielte er mit 346 Millionen US-Dollar weniger als jeder andere Star-Wars-Realfilm zuvor.
Während der Telefonkonferenz zu den Finanzergebnissen des dritten Quartals räumte Disney-CEO Josh D’Amaro ein, dass der Film die Erwartungen an den Kinokassen nicht erfüllte, betonte aber, dass er dennoch Merchandise-Verkäufe ankurbelte und sich über andere Wege refinanzieren würde. Einer dieser Wege wird wohl auch die anstehende Auswertung auf Disney+ sein, wo er von Anfang an hingehörte. Am 2. September, also 103 Tage nach seinem US-Kinostart, wird The Mandalorian and Grogu auf Disney+ veröffentlicht und fügt sich nahtlos an die drei Staffeln der Serie an, die man aber auch nicht zwingend vorher gesehen haben muss, um den Film zu verstehen oder Spaß daran zu haben.
Quelle: Disney+














