Le Passé – Das Vergangene (2013)

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Le Passé – Das Vergangene, Frankreich 2013 • 130 Minuten • Regie: Asghar Farhadi • Mit: Bérénice Bejo, Ali Mosaffa, Tahar Ramin, Pauline Burlet, Elyes Aguis, Jeanne Jestin • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 30.01.2014 • Deutsche Website

„Le Passé – Das Vergangene“ – die Vergangenheit und ihre bis in die Gegenwart hereinreichende Dämonen spielen in dem ersten außerhalb von seiner iranischen Heimat gedrehten Film für den Regisseur Asghar Farhadi (Oscar für "Nader und Simin – Eine Trennung") eine zentrale Rolle. Die Altlasten, frische Wunden, verheilte Wunden und verdrängten Verschmähungen sind es, die von den Protagonisten immer wieder Besitz ergreifen und sie in ihren zwischenmenschlichen Bemühungen stolpern lassen; wie ein angespanntes Springseil, welches sich unausweichlich, unaufhörlich den Weg in Richtung der Standbeine der Akteure bahnt. Dem Schauspielerensemble gelingt es, entlang der taktvollen Regie, einen beängstigenden Sturm echter Gefühlsausbrüche, oft unterschwellig, punktuell und zurücknehmend und dann etwas seltener jedoch umso mehr geradeaus, drastisch mit Wut, zu entfesseln.

Le Passé – Das Vergangene (2013) Filmbild 1Der Iraner Ahmad (Ali Mosaffa) fliegt nach Paris, um sich nun endlich offiziell von seiner Frau Marie (Bérénice Bejo – „The Artist“) vor Ort scheiden zu lassen. Die Apothekerin lebt in dem einst gemeinsamen Haus mit ihrer Teenager-Tochter Lucie (Pauline Burlet – „La Vie en Rose“) und der jüngeren Léa (Jeanne Jestin) – beide aus erster Ehe – und dem Sohn Fouad (Elyes Aguis) des derzeitigen, ebenfalls dort wohnenden, Lebensgefährten Samir (Tahar Rahim – "Ein Prophet") zusammen. Entgegen Ahmads Wunsch in einem Hotel untergebracht zu werden, teilt er sich ein Hochbett mit Fouad. In dem Haus herrschen unangenehme Spannungen und es rumort irgendwie Missmut in den Bäuchen aller Beteiligten. Maries Tochter ist mit den wechselnden Partnern der Mutter nicht glücklich und Marie baut auf den meist ruhigen Ahmad, herauszufinden warum, da er immer einen guten Draht zu Lucie hatte. Fouad erblüht derweil in einer schweren Trotzphase und fühlt sich vernachlässigt. Die kleine Leá geht total unter in dem Gewusel und zieht sich zurück. Der neue Lebensgefährte hat einen Reinigungsservice zu führen und besucht beflissen seine Frau, die nach einem Selbstmordversuch dahinsiechend im Koma liegt. Daneben nimmt Samir den Eindringling Ahmad als Revierstörer wahr, da Ahmad zwischendurch mit Marie diese flüchtigen Momente längst vergessener Vertrautheit teilt. Als Topping kommen schließlich brisante „Kleinigkeiten“ an das Tageslicht, wodurch die Beziehungskonstellationen bis zum Zerreißen auf die Belastungsprobe  gestellt werden.

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Le Passé – Das Vergangene (2013) Filmbild 6Einen ganz schönen Brocken hochexplosiven Gefühlsmaterials hat Asghar Farhadi hier angemixt. Dass dies keinesfalls konstruiert daherkommt, oder tränenreichen Kitschmomenten geopfert wird, bewies er schon mit seinem Film von Welt „Nader und Simin – Eine Trennung“. Peitschenhiebe der Vergangenheit kommen akzentuiert, aber drastisch herein. Immer wirkt es echt und nicht steril herbeigezaubert. Dies liegt vor allem an der Nachvollziehbarkeit der handelnden Figuren. Asghar Farhadi legt das Stethoskop immer an den zitternden Puls der Beziehungen an und weist dabei eine enorme Treffergenauigkeit auf. Bis in die letzte Nuance treibt er sich und seine Darsteller bis zum immer standfesten, emotionalen Hochseilakt und schafft somit dramaturgische Perfektion – ohne überzogene oder ausladende Passagen. Großartig!

Le Passé – Das Vergangene (2013) Filmbild 2Dieses sensible Geflecht aus zertrampelten Gefühlen, unausgesprochenen Anschuldigungen, harschen Selbstvorwürfen und schierer Not der Verzweiflung, ist das Herzstück dieses Erzählkinos. Schon die Metapher zu Beginn des Films, als Ahmad und Marie am Flughafen ziemlich behäbig versuchen durch eine dicke Glasscheibe zu kommunizieren, ist richtungsweisend für den weiteren Verlauf des Films. Seine Ankunft bringt einen Stein zum Rollen und zieht sukzessive einen Erdrutsch an im- und explodierenden, aufgeblähten Gefühlsblasen mit sich. Ein zu füllendes Vakuum bleibt als Ergebnis über. Paris dient in diesem Film nicht als Schauplatz der unbändigen Lust, neckischen Frotzelns, der einen wirklichen Liebe oder überschäumenden Leidenschaft. Es ist vielmehr ein nebensächlicher Kontrapunkt, da die Beziehungen ebenso wie das renovierungsbedürftige Haus einen Sanierungsbedarf aufweisen. Es gibt also gar keine Ablenkung von dem Geschehen zwischen den Figuren und ein Vergleich zu einer Theaterbühne liegt nahe. Wenn die Menschen entspannter miteinander reden könnten, wäre dies ein Triumph für die ganze Menschheit. So ist es nicht. So ist es vor allem in dem Film „Le Passé – Das Vergangene“ nicht. Echte, aufrichtige Kommunikation wird nicht nonchalant an den Tag gelegt, sondern versteckt sich hinter einem Bollwerk aus verschwiegenen Ängsten und einem losen Bretterwerk an heuchlerischen Halbwahrheiten und scheint nur in den Momenten, wo die Figuren mit dem Rücken zur Wand stehen, hervorzubrechen.

Le Passé – Das Vergangene (2013) Filmbild 4Da Asghar Farhadi nun ebenfalls auf europäischem Boden eine beschwingte Sohle der Inszenierung schwingt, ist ihm die Gunst der Fans des hiesigen Erzählkinos bestimmt doppelt vergönnt. Er verlässt sich auf iranisch-stämmige Schauspieler, was aber keinerlei sozial-kritische Intentionen transportiert. Das komplette Ensemble weiß zu glänzen und ist eine pure Freude für die Gemüter interessierter Kinogänger, denn Farhadi lässt seine Darsteller im Vorfeld proben, wie Theaterschauspieler. Die zwei Monate Vorbereitungen zahlten sich besonders für die Hauptdarstellerin aus: Bérénice Bejo wurde bei de Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Auch die Kamera überzeugt, ohne dass effekthascherisch Pariser Impressionen eingefangen werden, sondern vielmehr nah an der Geschichte dran bleibt und große Schwenks nahezu ausspart. Besonders die letzten Minuten des Films sind ganz großes Bildmaterial und fassen das Vergangene in all seiner Last und Schwere nochmal intensiv in einer einzigen Einstellung zusammen.

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Le Passé - Das Vergangene, Frankreich 2013 • 130 Minuten • Regie: Asghar Farhadi • Mit: Bérénice Bejo, Ali Mosaffa, Tahar Ramin, Pauline Burlet, Elyes Aguis, Jeanne Jestin • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 30.01.2014 • Deutsche Website „Le Passé – Das Vergangene“ – die...Le Passé - Das Vergangene (2013)