Snow White and the Huntsman (2012)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Snow White and the Huntsman, USA 2012127 MinMit: Kristen Stewart, Charlize Theron, Chris Hemsworth, Sam Claflin, Sam Spruell, Ian McShane, Bob Hoskins, Nick FrostRegie: Rupert SandersFSK: Ab 12 JahrenKinostart: 31.05.2012Deutsche Website

Handlung

Nach dem frühen Tod seiner Ehefrau, verfällt der trauernde König der mysteriösen Schönheit Ravenna (Charlize Theron) und ehelicht sie. Diese stellt sich aber als kaltherzige dunkle Zauberin heraus, die den König in der Hochzeitsnacht tötet und zusammen mit ihrem treu ergebenen Bruder Finn (Sam Spruell) die Herrschaft an sich reißt. Dabei wird Snow White (Kristen Stewart), das einzige Kind des Königs, in einem Turm eingesperrt. Viele Jahre gehen ins Land und Ravennas grausame Herrschaft stürzt das Land in die Dunkelheit. Doch die scheinbar ewig schöne Königin zeigt Verfallserscheinungen. Um diesen entgegenzuwirken saugt sie buchstäblich die Jugend aus jungen Frauen heraus, doch auch das hilft nur temporär. Ihr  magischer Spiegel verrät ihr schließlich, dass Snow White die Lösung ihrer Probleme sein könnte. Verspeist sie ihr Herz, so wird sie nie altern. Bevor sie Snow White aber töten kann, entkommt diese mit knapper Not aus dem Schloss und flieht in den verzauberten Dunklen Wald. Huntsman (Chris Hemsworth), ein verwitweter Trinker und Draufgänger wird angeheuert, um ihre Fährte aufzunehmen und zurückzubringen. Prompt findet er Snow White, bringt es aber nicht übers Herz, sie den Schergen der Königin zu übergeben. Stattdessen flieht er mit ihr. Die beiden verbünden sich mit einer Bande kampflustiger Zwerge und einer Handvoll Rebellen und planen den Kampf gegen Ravenna. Der reinherzigen Snow White ist es bestimmt, die Herrschaft des Bösen zu beenden. Doch ist sie dafür bereit?

Kritik

Nur knapp zwei Monate nach Spieglein, Spieglein (Filmkritik) kommt ein neuer Schneewittchen-Film in die deutschen Kinos. Trotz des gleichen Märchens, das beiden Filmen zugrunde liegt, könnten die beiden Filmversionen kaum verschiedener sein. Tarsem Singhs Variante war ein klassisches modernes Märchen und mit seiner üppigen Ausstattung ein Fest für die Sinne. Aufgepeppt durch selbstreferenziellen Humor und viel Augenzwinkern, war es letztlich doch ein Film für Familien. Der Regienovize Rupert Sanders hatte bei Snow White and the Huntsman eine andere Vision vor seinen Augen. Sein Film sollte lupenreines episches Fantasykino werden, das es mit Der Herr der Ringe oder Die Chroniken von Narnia aufnehmen könnte. Das versprach zumindest das Marketing zu dem Film. Schon nach einigen Minuten des Films erübrigt sich ein Vergleich zu Spieglein, Spieglein. War dieser Film eine harmlose und leichtfüßige Angelegenheit, so fließt bei Snow White and the Huntsman schon in den ersten Minuten Blut, als der König von Ravenna hinterlistig vergiftet und daraufhin noch erdolcht wird.  Außer der absolut basalen Grundlagen der Geschichte gibt es deswegen kaum Vergleichspunkte zwischen den beiden Filmen.

Dabei weist Snow White and the Huntsman auch eine Großzahl an Makel auf, wenn auch diese andere sind als in Spieglein, Spieglein. Das größte Problem des Films liegt wohl im Mangel an eigener Vision von Sanders und dem Drehbuchautor Evan Daugherty (auch für ihn ist es sein erster Kinofilm). Beide verwenden sehr viele Versatzstücke aus anderen Fantasyfilmen und historischen Schlachtgemälden der letzten Jahre, ohne dem Film jedoch einen eigenen Stempel aufzudrücken. So bedient sich Sanders einer gut bekannten durchweg grauen Farbpalette bei dem Film, um die Düsternis des Geschehens zum Ausdruck zu bringen. Große epische Schlachten, die der Trailer andeutet, bleiben aus. Auch die große Konfrontation am Ende zwischen Snow Whites und Ravennas Armeen fällt doch relativ wenig episch aus. Sicher ist der Film visuell immer noch sehr sehenswert. Insbesondere die verschiedenen Verwandlungen von Ravenna sind sehr gut gelungen. Die Makeup Abteilung verdient großes Lob für die Darstellung ihres langsamen körperlichen Verfalls während des Films. An Spezialeffekten ist ebenfalls nichts auszusetzen. Und doch beschleicht einen das Gefühl, das alles schon einmal irgendwo genauso gesehen zu haben. Ebenfalls ist es schade, dass der Film sich so bitterernst nimmt. Sogar die Herr der Ringe Filme haben Momente von Heiterkeit in sich und balancieren diese sehr gut mit der Ernsthaftigkeit der Reihe. In Snow White and the Huntsman ist aber kein Platz für Humor, nicht einmal, wenn sich dieser in diversen Situationen mit den Zwergen anbietet.

Eine große Ähnlichkeit besitzt Snow White and the Huntsman überraschenderweise in einem Punkt mit den Narnia Filmen – eine gewisse Tendenz zur religiöser Symbolik und religiösen Themen. Das geht über die übliche Gut-gegen-Böse-Thematik hinaus. So betet Snow White in einer ihrer ersten Szenen Vaterunser herunter. Später wird noch ein großer weißer Hirsch als eine Art Gottsymbol präsentiert (Erinnerungen an Narnias Aslan werden wach). Schließlich gibt es noch eine gewisse Wendung im letzten Akt des Films, die hier nicht verraten werden soll, die aber den Tenor unterstreicht. Scheinbar soll der Film ein möglichst breites Publikum ansprechen – von den üblichen Fantasyfans über die christliche Gemeinde, die schon den ersten Narnia Film zum Riesenerfolg gemacht hat bis hin zu den Twilight Fans. Mit dem letzteren teilt Snow White nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern auch eine Art romantisches Dreieck zwischen Hemsworths Huntsman, Stewarts Snow White und Sam Claflins Jugendfreund William. Diese Liebesgeschichte (wenn man sie überhaupt so nennen darf) ist aber komplett unausgegoren und erscheint so unglaublich nebensächlich, dass die Filmemacher sie am Ende des Films scheinbar einfach vergessen haben.

Pluspunkte kann der Film mit seiner Besetzung sammeln. Stewart besitzt zwar meist nur einen Gesichtsausdruck, macht sich aber als die Heldin dennoch besser als die extrem blasse Lily Collins in Spieglein, Spieglein. Sobald man sich auf das (fragwürdige) Konzept einlässt, dass Stewarts Snow White besser aussieht als Therons böse Königin, liefert die erstgenannte eine doch recht überzeugende Performance ab. Wer allerdings den Trailern glaubt und eine mit Rüstung ausgestattete und in Schlachten kämpfende Snow White erwartet, wird enttäuscht sein. Diese Szenen finden lediglich in dem recht kurzen Finale des 127-Minuten langen Films statt. Charlize Theron ist ein wahres Highlight, doch im Gegensatz zu ihrem Gegenpart in Spieglein, Spieglein, gespielt von Julia Roberts, ist sie leider keine sehr zentrale Figur. In ihren Szenen überzeugt sie durch reine Bosheit aber auch etwas Menschlichkeit, wobei ihrer Figur geschickterweise etwas mehr Komplexität zugetraut wird, als man erwarten würde. So bekommt sie in Rückblenden eine Vorgeschichte, die ihr Handeln etwas erklärt und sie sogar zu einer Art extremer Feministin macht. Ihr Charakter ist eine deutliche Anspielung auf den Druck des Schönheitsideals auf Frauen in der Gesellschaft. Auch Spieglein, Spieglein hat dieses Thema aufgegriffen, doch Snow White and the Huntsman geht etwas weiter, indem der Film die Schönheit und Jugend als überlebenswichtig für eine Frau zeigt – zumindest für Ravenna. Leider bekommen wir von alldem nur Schnipsel zu sehen, denn die Handlung konzentriert sich stark auf die Titelcharaktere. Hemsworth als Huntsman spielt einen generischen Charakter. Trinkend und widerwillig zieht er in den Kampf, bis er dann doch den Genrekonventionen gemäß bekehrt wird und bereit ist, alles für den Sieg des Guten zu opfern. Wie schon in Thor, zeigt Hemsworth aber jede Menge Charisma und Talent für Actionszenen. Charisma kann sein romantischer „Gegenspieler“ leider nicht beweisen. Claflins Williams scheint im Plot des Films völlig überflüssig zu sein.

Weiterhin erwähnenswert ist Sam Spruell. Vom Marketing fast komplett vernachlässigt, spielt der widerwärtige Bruder von Ravenna als Hunstmans direkter Gegenspieler eine fast so große Rolle wie Therons Ravenna selbst. Den unangenehmen Charakter kann Spruell sehr gut zum Leben erwecken. Schließlich konnte man auch eine Riege an prominenten Schauspielern für die sieben Zwerge verpflichten. Während in Spieglein, Spieglein noch echte kleinwüchsige Schauspieler die Rollen übernahmen, wurden hier berühmte Mimen wie Ian McShane, Nick Frost, Eddie Marsan und Bob Hoskins (der als Anführer der Bande die schlechtesten Dialogzeilen des Films abbekommt) auf Zwerggröße runterdigitalisiert.

Trotz der Laufzeit von über zwei Stunden bewegt sich der Film sehr flott voran, was vor allem diversen Actionsequenzen zu verdanken ist. Langeweile kommt glücklicherweise nie auf und insbesondere die Szenen im Dunkeln Wald sind sehr fesselnd. Die Effektespezialisten durften sich hier so richtig austoben. Eine Szene, in der wir ein farbenfrohes Feenland sehen, scheint visuelle Anleihen aus den Studio Ghibli Filmen (Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland) zu haben und bleibt so im Kontrast zu den restlichen düsteren Szenen besonders im Gedächtnis. Kreationen wie moosbedeckte Schildkröten oder blumenähnliche Schmetterlinge sind wahrlich eine Augenweide.

Insgesamt kann man sich mit dem Film ganz gut die Zeit vertreiben und es sind viele Ansätze für einen großen Fantasyfilm vorhanden. Die erste Stunde erreicht in der Tat das tolle Niveau, das man wahrscheinlich angestrebt hat. Doch einige Wendungen, eine zu hohe Anzahl an Charakteren und schlechte Dialoge in der zweiten Hälfte (inklusive des erwähnten Liebesdreiecks) verhindern, dass der Film zu einem Genreklassiker wird.

Fazit

Snow White and the Huntsman liefert opulente Bilder eines großen Fantasyfilms und verfügt über eine starke Besetzung, leidet aber zugleich an deutlichen Schwächen des Erstlingsdrehbuchs und einem Mangel an Originalität. Wer jedoch Fantasy mag, wird sicherlich Spaß an dem Film haben.

Trailer

https://youtu.be/pYt_EVR14AU