Grave, FR/BE/IT 2016 • 99 Min • Regie & Drehbuch: Julia Ducournau • Mit: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Naït Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss, Marion Vernoux, Jean-Louis Sbille • Kamera: Ruben Impens • Musik: Jim Williams • FSK: n.n.b. • Verleih: n.n.b. • Kinostart: n.n.b. • Website

Raw 10Ein Studentenleben kann die Hölle sein: Weg aus dem behüteten Elternhaus, rein in eine schäbige Bruchbude. Neues Umfeld. Harte Prüfungen. Und das alles auf einmal. In Julia Ducournaus kontroversem Spielfilmdebüt „Raw“ steht dieser Abschnitt metaphorisch für den Beginn von Veränderungen verschiedenster Art – auch körperlicher. Die junge Französin entwirft in ihrer Coming-of-Age-Geschichte ein groteskes Szenario, das wie eine im Fiebertraum verzerrte Realität anmutet. Selbst wenn das Werk Body-Horror-Elemente aufweist und das Tabuthema „Kannibalismus“ anschneidet, sollte man jedoch nicht den Fehler begehen, dieses als plumpes Genre-Kino abzutun. „Raw“ ist zu gleichen Teilen Drama, rabenschwarze Komödie und monströser Schocker, ohne auf diesem erzählerischen Drahtseil je die Balance zu verlieren – hoch über dem Einheitsbrei austauschbarer Produktionen schreitet die Regisseurin/Drehbuchautorin mit ihrer individuellen Vision sicher und mutig voran.

Raw 8Es ist ein Neustart für Justine (Garance Marillier), die nach einem herausragendem Schulabschluss in die Fußstapfen ihrer Eltern (Joana Preiss und Laurent Lucas) und ihrer älteren Schwester Alexia (Ella Rumpf) treten und an der Uni Veterinärmedizin studieren soll. Wie der Rest ihrer Familie ist auch sie überzeugte Vegetarierin – bis sie zusammen mit den anderen Erstsemestlern von den älteren Kommilitonen aus dem Bett gezerrt und zu einer Reihe bizarrer Aufnahmerituale genötigt wird. Unter anderem soll jeder eine rohe Hasenleber verzehren, wozu die schüchterne Justine zunächst nicht in der Lage ist, aber letztlich von der schroffen Alexia überredet wird. Offensichtlich hat ihre Schwester unlängst mit der strikt fleischfreien Vergangenheit gebrochen und sich in Abwesenheit der Erzeuger zum Karnivoren entwickelt. So soll es schließlich auch dem brillanten Wunderkind ergehen, denn nach einem quälenden Hautausschlag, der als mögliche allergische Reaktion auf das neue Nahrungsmittel gedeutet wird, giert auch Justine auf mysteriöse Weise nach frischem Fleisch. Zuerst wird in der Kantine ein Hamburger gemopst, dann der Kühlschrank ihres schwulen Mitbewohners Adrien (Rabah Naït Oufella) geplündert und letztlich landet nach einem kleinen Unfall gar ein menschlicher Überrest in ihrem Schlund. Für Alexia ist der Zeitpunkt gekommen, das noch unbeholfene Familienmitglied an der Hand zu nehmen und in ein finsteres Geheimnis einzuweihen …

Raw 11Nach Aufführungen auf diversen Festivals hat „Raw“ vor allem als der Film Furore gemacht, der aufgrund expliziter Ekelszenen diverse Zuschauer ohnmächtig vom Sessel kippen ließ. Gleich vorweg: Wer sich an ausgedehntem Splatter erfreuen möchte und etwas in Richtung des berüchtigten Kultwerkes „Cannibal Holocaust“ (1980) erwartet, wird hier entgegen der reißerischen Berichte nicht fündig werden. Möglicherweise haben die Opfer dieser reichlich wilden, aber sicher nicht ultrablutrünstigen, Arbeit bislang gedacht, dass in Frankreich lediglich Programmkino-Heiterkeiten à la „Willkommen bei den Sch’tis“ produziert würden und frühere Hardcore-Ware der Marke „Inside“ (2007) oder „Martyrs“ (2008) schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Nicht die Schuld der aufregenden Newcomerin Ducournau, die übrigens keines dieser Lager bedient, sondern einen ganz eigenen Weg einschlägt. Als ihre größte Inspirationsquelle dienten dabei zweifellos die Frühwerke David Cronenbergs („Rabid“), wobei der Body-Horror-Aspekt in „Raw“ weitaus subtiler als bei dem kanadischen Genre-Urvater ausfällt. Während bei Cronenberg Körper oft auf erschreckendste Weise vollständig mutieren, sind die Veränderungen hier eher auf der Mikroebene zu finden: Etwa Hormone, die zu Lust führen oder Hautreaktionen hervorrufen, und Gene, die Träger mit spezifischen Eigenschaften ausstatten.

Raw 9Die Regisseurin ist besessen von dem, was äußere und innere Einflüsse mit dem Individuum anstellen. Nicht umsonst stellt sie den Studiumsantritt Justines wie eine Art von Geburt dar. Zu Beginn wirkt die junge Frau schutzlos, wie von den Eltern in einer Kristallkugel gefangen. Dieses imaginäre Gefäß zerbricht direkt in der ersten auswärtigen Nacht, in der sie gezwungen wird, buchstäblich auf allen vieren krabbelnd die unbekannte Umgebung wahrzunehmen. An der Uni wird sie schließlich mit allem konfrontiert, was einen heranwachsenden Menschen verändern und prägen kann: Neue soziale Kontakte, sexuelle Reize, geistige Herausforderungen, exzessive Partys, unterschiedliche Umgangsformen und auch Dinge, die zuvor undenkbar waren und nun wie die verbotene Frucht im Garten Eden lockend rufen. Aufmerksam beobachtet der Film die von der Newcomerin Garance Marillier sympathisch dargestellte Protagonistin und zeigt einen schleichenden Wandel in ihrem Verhalten auf. Im krassen Gegensatz steht die von Ella Rumpf („Tiger Girl“) verkörperte Alexia, die ihr mit ihren Erlebnissen ein Stück voraus ist und im Verlauf eine brutale Rivalität mit Justine entwickelt. Am Ende steht trotz determinierender Faktoren der freie Wille, mit dem man sein eigenes Handeln gestaltet.

Raw 7Der als knüppelharte Grenzerfahrung unzureichend beschriebene „Raw“ hat trotz einiger abstoßender Knabbereien und anderer Perversionen mehr als Kannibalenterror zu bieten. Unter der albtraumhaften Atmosphäre und dem prägnanten Score des Briten Jim Williams („Kill List“), der hier manchmal fast wie Dario Argentos Hausband Goblin losrockt, steckt eine Geschichte, die so sensibel, böse, komisch, tragisch, süß und irre wie das Erwachsenwerden selbst ist. Neben Robert Eggers („The Witch“) und aktuell Jordan Peele („Get Out“) legt nun mit Julia Ducournau eine weitere Senkrechtstarterin ein Debüt im Horrorfach vor, das sich abseits von Torture-Porn- oder Haunted-House-Trends einem tieferen Thema widmet und die Genre-Elemente versiert als Stilmittel einsetzt. „Raw“ trifft einen ähnlichen Ton wie Tomas Alfredsons gefeierter „So finster die Nacht“ (2008) und macht mit Menschenfressern das, was jenem Film mit Vampiren gelungen ist.

Vital, hungrig und erfrischend feminin – wer von diesem phänomenalen Erstling zuletzt gebissen wird, hat verloren!


Trailer