Maniac, F/USA 2012 • 89 Min • Regie: Franck Khalfoun • Drehbuch: Alexandre Aja, Grégory Levasseur, C.A. Rosenberg • Mit: Elijah Wood, Nora Arnezeder, America Olivo, Liane Balaban, Genevieve Alexandra • Kamera: Maxime Alexandre • Musik: Rob FSK: ab 18 Jahren • Verleih: Ascot Elite Filmverleih Kinostart: 27.12.2012 • Website

Durch die Augen eines bestialischen Serienkillers erleben wir „Maniac“, die gleichnamige Neuauflage des berüchtigten Exploitationschockers von William Lustig aus dem Jahre 1980. Wie schon das Original ist der von Franck Khalfoun („P2“) inszenierte und von dem Genre-Erfolgsduo Alexandre Aja/Grégory Levasseur (u.a. das „The Hills have Eyes“-Remake) verfasste und mitproduzierte Blick in einen menschlichen Abgrund alles andere als angenehme Kost. Genauer gesagt schafft es dieser Film sogar, die beklemmende Intensität der Vorlage zu übertreffen: Während in Lustigs Version die Zuschauer den Psychopathen Frank Zito, damals verkörpert von Joe Spinell, zwar auch in intimen Momenten erlebt, aber ansonsten eher einen äußerst blutrünstigen Slasher verfolgt haben, dringen die Verantwortlichen hier nun tiefer in das Innere ihrer traumatisierten Titelfigur (Elijah Wood ist als solche nur selten direkt zu sehen) vor. „Maniac“ eine Charakterstudie zu nennen, wäre wohl übertrieben – dennoch wird man durch die Wahl der Perspektive zweifellos stärker an den gequälten Frank gebunden. Er ist ein Monster, ohne Frage. Aber hinter all seinen grausigen Taten steckt mehr als der schlichte Wille zum Töten: Der Versuch, eine Leere zu füllen, Liebe zu erfahren, Leben zu konservieren.

Anstelle von New York City dient nun Downtown Los Angeles als Schauplatz der Handlung. Als schüchterner Schaufensterpuppenrestaurateur lebt der junge Mörder unauffällig in einem verfallenen Umfeld – nur ein wahrer Engel tritt in der vermeintlichen Stadt der Engel in sein Leben. Die französische Fotografin Anna (Nora Arnezeder) teilt seine Faszination für die mit Mühe wieder hergestellen Objekte, die echten Menschen äußerlich auf unheimliche Weise ähneln. Doch Frank schafft es nicht, seinen Mordzwang zu kontrollieren. Er tötet und skalpiert seine stets weiblichen Opfer. Haare sind der einzige Teil des Körpers, der für die Ewigkeit bleibt – sie komplettieren seine imaginären Geschöpfe, die sein Apartment zieren. Anna könnte seinen Weg aus der Isolation und dem Elend bedeuten, wäre da nicht in ihm dieses dürstende Etwas, das ihn zur nächtlichen Beutejagd in die finsteren Straßenschluchten treibt und ihn nicht loslassen will …

Khalfouns Arbeit ist ein raues und stilistisch ansprechendes Werk, erzählt in einer interessanten Form. Ähnlich wie zuletzt Gaspar Noés innovatives Opus magnum „Enter The Void“ (2009) verknüpft „Maniac“ geschickt Handlungen seines Charakters mit dessen Erinnerungen oder morbiden Visionen. Es geht hier nicht allein um das Experiment mit der subjektiven Kamera, sondern generell darum die Wahrnehmung Franks, welche ihm oftmals böse Streiche spielt, zu visualisieren. Wichtiger als Hauptdarsteller Wood oder seine Filmpartnerin Arnezeder ist hier deshalb vielleicht das Teamwork zwischen Kameramann Maxime Alexandre und Cutter Baxter, die zusammen mit dem pulsierenden Synthesizer-Soundtrack einen elektrisierenden, urbanen Albtraum erschaffen haben. Das L.A. in „Maniac“ hat nichts mit dem schimmernden Urlaubsziel aus Prospekten gemeinsam, sondern gleicht einer trostlosen Hölle aus Isolation und entfremdender Oberflächlichkeit. Und ist die Einsamkeit nicht generell einer der größten Schrecken unserer modernen Zivilisation? Die Angst, nicht an die Herde anschließen zu können und sozial zu verkümmern?

Es ist ein innerer Kampf, dem wir in „Maniac“ beiwohnen. Die Spannung ergibt sich nicht aus der Frage, wann und wo Frank das nächste Mal zuschlagen wird (das ist uns bekannt), sondern aus dessen Fluchtmöglichkeiten aus dem eigenen, seelischen Labyrinth. Der schmächtige Elijah Wood überzeugt nach seiner Darstellung des Kannibalen Kevin in Robert Rodriguez‘ Comicadaption „Sin City“ (2005) ein weiteres Mal als ungewohnt unheilvoller Charakter, allerdings nun in einer ungleich packenden Rolle. Im Gegensatz zu seinem äußerlich geprägten Vorgänger Spinell zeugen Woods fast kindliche Gesichtszüge direkt von keiner Gewaltbereitschaft. Die Gefahr kommt getarnt und auch der eigenwillige Retrolook der Kleidung lässt auf den ersten Blick womöglich nur einen introvertierten, sensiblen Künstler erwarten. Das zarte Band zwischen dem Killer und der attraktiven Anna ergibt sich aus dem Bild, das die beiden in dem jeweils anderen sehen. Beide dringen nicht in die Tiefe des Gegenübers ein, die Zuneigung basiert auf der Fassade. Unter all den für ein Mainstreampublikum kaum erträglichen Mordszenen und dezenten Genrezitaten ist „Maniac“ letztlich auch eine pechschwarze wie tragische Liebesgeschichte. Ohne Happy End, selbstverständlich.

Die Entscheidung, ob man sich wirklich einen solchen Schocker, in dem ein sadistischer Wahnsinniger Frauen auf brutalste Art tötet, anschauen sollte, kann am Ende kein Filmkritiker für die Zuschauer treffen – das hängt davon ab, wo die persönliche Grenze bei der Gewaltdarstellung liegt und wie man psychisch auf ein derart düsteres und pessimistisches Werk reagiert, das sein Publikum zu Voyeuren macht. „Maniac“ ist in der heutigen Kinolandschaft sicherlich ein außergewöhnlich verstörender und kompromissloser Brocken mit Sogwirkung. Wer sich also beim Kinodate mit der Freundin eigentlich nur angenehm gruseln wollte, sollte unbedingt Karten für eine andere Vorstellung lösen – so viel als ausdrückliche Warnung vor diesem eiskalten wie faszinierenden Leinwandtrip!


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