ParaNorman (2012)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

ParaNorman, USA 2012 • 93 Min • Regie: Chris Butler & Sam Fell • Drehbuch: Chris Butler • Stimmen: Kodi Smit-McPhee, Anna Kendrick, Christopher Mintz-Plasse, Tucker Albrizzi, Casey Affleck, Leslie Mann, Jeff Garlin, Jodelle Ferland, John Goodman • Kamera: Laurent Machuel • Musik: Jon Brion FSK: ab 12 Jahren • Verleih: Universal Pictures Kinostart: 23.08.2012

 

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„Ich sehe tote Menschen“, dieses Geständnis machte der junge Haley Joel Osment seiner Mutter Toni Collette in M. Night Shyamalans rührendem Mysterydrama „The Sixth Sense“. Doch das Kind stand mit seiner übersinnlichen Begabung nicht allein da: Schon vor ihm hat Stanley Kubrick einem Protagonisten das „Shining“ verliehen, das die Schrecken der Vergangenheit vor dem geistigen Auge zurückkehren ließ, und auch in Peter Jacksons Grusical „The Frighteners“ wusste ein gewiefter Michael J. Fox, wie er die ungewöhnliche Fähigkeit in blankes Kapital umwandeln konnte. Norman, der Held aus Chris Butlers und Sam Fells Stop-Motion-Abenteuer „ParaNorman“, kann nun, wie seine erwähnten Vorgänger, ebenfalls mit den Verstorbenen kommunizieren. Es stört ihn nicht, stellen diese Geister immerhin die einzigen treuen Freunde für den unverstandenen Außenseiter dar. Natürlich kaufen ihm seine Eltern den Spuk nicht ab, während ihn seine Klassenkameraden für einen waschechten Freak halten – man kann es ihnen kaum verübeln. Der Junge lebt in der Kleinstadt Blithe Hollow, einem Ort, der vor rund 300 Jahren von einer bösen Hexe verflucht worden sein soll. Die Einwohner machen ein gutes Geschäft aus dem Märchen; an jeder Ecke gibt es Geschäfte, die Souveniers zu dem faulen Zauber verkaufen. Aber was, wenn das vermeintliche Märchen in Wahrheit gar keines ist? Was, wenn sich der Horror abermals seinen Weg in die verschlafene Gemeinde bahnt? Wie Norman bald von seinem inzwischen toten Onkel Mr. Prenderghast erfahren muss, ist es nämlich nun ausgerechnet an ihm, das kommende Unheil abzuhalten. Nur wie? Die letzten Worte der Erscheinung bleiben für Norman ein Rätsel. Er soll am Grab der Hexe etwas aus einem Buch vorlesen. Doch irgendwie funktioniert das Vorhaben nicht wie geplant: Urplötzlich finden sich Norman, seine Schwester Courtney, der pummelige Neil, dessen Bruder Mitch und der Schulrabauke Alvin auf der Flucht vor einer Horde Zombies wieder, die einem Friedhof in den Wäldern entstiegen sind. Was können die Kinder tun, um das Grauen rückgängig zu machen?

Wie schon der fantasievolle „Coraline“ zuvor, entstammt auch „ParaNorman“ den LAIKA-Studios, die sich bereits einen guten Namen in den Animationsmedien machen konnten und unter anderem an Tim Burtons „Corpse Bride“ kreativ beteiligt gewesen sind. Anders als bei Henry Selicks brillantem Schauderstück für Groß und Klein konnte das Filmteam hier erstmalig auf die Dienste des sogenannten 3D-Farbdruckers zugreifen, der bei der Kreation der Ersatz-Gesichter der Puppen einen Meilenstein darstellt. Tatsächlich besteht so die Möglichkeit, das mimische Spiel der Figuren immens zu verfeinern, so dass sogar während einer nur halbminütigen Szene eine Palette von beachtlichen 250 Gesichtern zum Einsatz gekommen ist. Von der technischen Seite kann man hier nur staunen. Doch wie verhält es sich nun überhaupt mit der Geschichte an sich? Gelingt es den Verantwortlichen neben der atemberaubenden Verschmelzung von Handwerk und Computertricks auch, die Zuschauer wie bei „Coraline“ mit auf eine packende Reise in ein buntes Paralleluniversum zu nehmen? Leider muss an dieser Stelle bereits angemerkt werden, dass „ParaNorman“ trotz seiner inszenatorischen Qualität zumindest inhaltlich wenig Neues zu bieten hat. Während jüngere Zuschauer, die ihre ersten Schritte im Gruselbereich noch vor sich haben, womöglich einerseits mit der recht „erwachsenen“ Erzählweise der Story (die Handlungssprünge im Verlauf, zum Beispiel) überfordert sein könnten und andererseits die immer wieder eingestreuten Filmzitate (neben John Carpenters „Halloween“ wird noch Bezug auf die „Freitag der 13.“-Reihe und eine Vielzahl alter Klassiker genommen) kaum verstehen werden, dürfte das ältere Publikum den wenig innovativen Plot mehr als dünnes Gerüst für die Ansammlung an Actionsequenzen, Gags und mildem Horror erkennen. Das ist nun kein großes Drama, denn Spaß macht das Werk über weite Strecken dennoch. Lediglich eine unnötig ausgedehnte, laute Fluchtszene in einem Auto fühlt sich eindeutig wie ein Füller an, um die Laufzeit über der 90-Minuten-Marke zu halten. Im Kern präsentieren uns die Regisseure das Abenteuer eines Jungen, der von der Welt um ihn herum nicht verstanden wird. Und das Thema Missverständnis zieht sich auch weiter durch die Geschichte: Wie wir am Ende erfahren, ist ein solches gar Schuld an dem ganzen Debakel, das über die Stadt hereingebrochen ist. Bildlich wird das amüsant in der Gestalt der Untoten dargestellt, die sich ja zu gern zu der Situation äußern würden, aber physisch am Sprechvorgang gehindert werden. Das geht eben schlecht, wenn der Kiefer grausig runterhängt.

Hollywood-Stars und Newcomer wie Kodi Smit-McPhee, Anna Kendrick, Casey Affleck, Christopher Mintz-Plasse und John Goodman haben sich versammelt, um den Figuren auch stimmlich den passenden Ausdruck zu verleihen. Ob ihnen dies auch wirklich gelungen ist, kann ich leider nicht beurteilen, da das besuchte Pressescreening bereits mit der soliden deutschen Synchronisation stattfand. Was „ParaNorman“ ein wenig fehlt, sind jedoch nicht etwa namhafte Mimen am Mikro, sondern eine etwas markantere Charaktergestaltung der Helden selbst. Im Gegensatz zur geradezu Burton’esken Coraline macht Norman einen zu beliebigen Eindruck (abgesehen von seiner besonderen Begabung, selbstverständlich), um den Zuschauern echtes Interesse zu entlocken. Auch seine Mitstreiter wirken wie am (Genre-)Reißbrett entworfen – da hätte etwas mehr Tiefe abseits der Konventionen nicht geschadet. Ohne jetzt ständig auf dem Vergleich herumpochen zu wollen: Der Studio-Vorgänger war einfach aus einem ganz anderen Holz geschnitzt – gute Figuren, eine Explosion aberwitziger Ideen und eine griffige Story aus einem Guss.

Kinder werden bestimmt ihre Freude an der turbulenten, dreidimensionalen Action haben, während die volljährigen Begleiter wohl in erster Linie die nett eingebauten Zitate, wie beispielsweise den kleinen „Schocker“ zu Beginn, zu schätzen wissen – beide Gruppen werden sich von der technischen Umsetzung fasziniert zeigen. „ParaNorman“ funktioniert durchaus als kurzweiliger Best-Of-Horror-Beitrag für die ganze Familie. Doch hätte es nicht geschadet, den großen Aufwand nicht nur in die Trickserei zu stecken, sondern einen Teil dessen für die Gestaltung einer individuelleren Geschichte zu lassen. Das hätte den Film auf eine ganz andere Stufe heben können …



Trailer