American Sniper, USA 2015 • 132 Min • Regie: Clint Eastwood • Mit: Bradley Cooper, Sienna Miller, Luke Grimes, Navid Negahban • FSK: ab 16 Jahren • Kinostart: 26.02.2015 • Deutsche Website
„American Sniper“ ruft zwiespältige Gefühlsregungen hervor. Vielleicht reichen sie in ihrer Bandbreite von patriotischen Vaterlandsgefühlen über fragliche Heldenverehrung, oder unwohle Abscheu bis hin zu respektvoller Bewunderung – um ein paar ausgewählte zu nennen. In Clint Eastwoods neuestem Werk können viele Zuschauer einen unterschiedlichen Zugang wählen. An sich ist das auf den ersten Blick eine gute Sache, weiß man aber nicht genau, mit welcher Absicht das Biopic um den berüchtigten Navy SEAL-Scharfschützen Chris „The Legend“ Kyle (160 bestätigte Abschüsse in seinen Irak-Einsätzen) gedreht wurde. Eastwood selbst bewegt sich politisch in seinen Aussagen meist in der Mitte irgendwo zwischen Demokraten und Republikanern, mit Tendenz zu den Republikanern. Dafür, dass Eastwood anscheinend gegen Übersee-Einsätze ist, trifft sein Kriegs-Drama den Nagel nicht so eindeutig auf den Kopf wie seine vergangenen Reden. Letztendlich gibt der Regisseur dann sowohl einseitige, platte Ansichten in seinem Film zum Besten als auch erschütternd aufrüttelnde Momente wenn „The Legend“ den Abzug drückt. Die Gräben zwischen Glauben, Patriotismus und Familienleben werden jedenfalls für Chris Kyle mit jedem Einsatz größer. Eastwood liefert also keinen reinen Kriegsfilm, sondern lässt den Zuschauer auch an den zivilen Begleitumständen teilhaben.
In Texas wächst der zukünftige Navy SEAL Chris Kyle (Bradley Cooper) auf und lernt als Schuljunge von seinem Vater den Umgang mit Gewehren und die Einteilung der Menschen in die Gruppen „Schafe, Wölfe und Hirtenhunde“. Als mäßig guter Rodeo-Cowboy versucht Chris den texanischen Traum eines jeden Jungen zu leben. Nach Anschlägen auf US-Botschaften in Tansania und Kenia im Jahr 1998, meldet sich Kyle bei den Nay SEALS, um Scharfschütze zu werden. Nach den Anschlägen vom 11. September wird er in den Irak geschickt und lässt seine Frau Taya Renae (Sienna Miller) daheim zurück. Insgesamt absolviert er vier Einsätze im Irak, macht sich als Scharfschütze einen Namen („The Legend“) und fährt beinah seine Ehe und Familienplanung vor die Wand, weil er die größere Verpflichtung gegenüber seinen Kameraden sieht.
Bradley Cooper ist zum dritten Mal in Folge für den Oscar nominiert (zuvor „Silver Linings“ und „American Hustle“). Für die Rolle des Chris Kyle trainierte er sich ordentliche Power an, um einen markanten, texanischen Navy SEAL glaubhaft zu verkaufen. Seine Darbietung ist an den geeigneten Stellen verbissen, kämpferisch, traurig, apathisch, glücklich und zögerlich. Schließlich erfährt er auf seiner spaßigen Hochzeitsfeier, dass der erste Einsatz ansteht und er seine schwangere Frau (schlagfertig und verletzlich Sienna Miller) allein lassen wird, um dann später als tapsiger Kriegsheimkehrer mit einem posttraumatischen Stresssysndrom auf Heimaturlaub nicht wirklich Fuß fassen zu können. Lösung? Es geht zurück in den nächsten und wieder nächsten Einsatz. Solange bis der Getriebene ein Einsehen hat und bereit ist wirklich nach Hause zu kommen und sich psychologischer Hilfe annimmt. Davor hat er für Kameraden und seinen eigenen Bruder jedoch keinerlei Verständnis bei desillusionierten und gegenläufigen Geschwafel zu einem für sie sinnlosen Krieg. Schließlich geht er soweit, dass er den Tod eines Kameraden auf die „Zweifel an der Sache“ schiebt. Verblendung lässt grüßen.
Was war Chris Kyle für ein Mensch? Google geizt nicht mit Berichten von seinen mehr als nebulösen Statements über die getöteten Iraker, welche er als „Wilde“ bezeichnete. Zudem soll er viel Spaß an seinem Job gehabt haben und besorgte sich die Bestätigung für sein richtiges Handeln von seinen Kameraden. Diese feierten den scheinbar abgeklärten Sniper, wenn er von den Dächern über sie wachte. Wo in dem ausgezeichneten „The Hurt Locker“ noch der kriegerische Adrenalin-Kick für den Protagonisten zählte, ist es für Kyle eine Sache der Ehre und leicht verklärter Vaterlandsliebe. Zugegeben, in manchen Situationen des Films schießt Kyle ganz locker, ohne viel Aufhebens die Feinde ab; ob von hinten in den Rücken spielt keine Rolle. Dann sind gerade die ruhigen, panoramaartigen Szenen, wo Kyle lange durch das Zielfernrohr blickt und ein Kind in das Visier nimmt, umso mehr als Gegenstück zu den anderen beinah beiläufigen Kills zu sehen. Hier weht dann doch mit Wohlwollen ein Hauch kritischer Wind über die Schauplätze des mörderischen Gewühles im Sand des Nahen Ostens. Ansonsten werden die Iraker eher monodimensional als Schlächter und hinterhältige Blender vorgeführt, die von einem vielleicht vom Irrglauben, das Richtige zu tun, geleiteten patriotischen Killermaschine getötet werden. Chris Kyle, nach seiner aktiven Zeit beim Militär als Ansprechpartner und Betreuer für Veteranen zuständig, wurde dann ausgerechnet von einem psychisch labilen heimgekehrten Kamerad auf den Schießstand erschossen.
Letzten Endes überwiegt das Gefühl, eine kleine Recruitment-Show für die ARMY zu sehen. Eine Ladung Patriotismus zu viel und eine Ladung kritische Einsicht zu wenig sorgen für Missstimmung bei manchen Szenen. Vor den Abspann sind originale Aufnahmen von der Leichenwagenfahrt mit Chris Kyles Sarg zur Ruhestätte montiert. Gezeigt werden tränenreiche, solidarische Trauerbekundungen entlang der texanischen Straßen und Kyle wird zur Heldenikone stilisiert. Will man in „American Sniper“ den nüchternen Blick der Filmkunst auf den Bewusstseinszustand von manchen Soldaten, oder eine rechtfertigende amerikanische Rambo-Show, oder einen Trog voller Reizthemen für anti-amerikanische liberale europäische Phrasendrescher sehen? Mit Sicherheit lohnt die Diskussion über einen sehenswerten Film, welchem die klare Haltung zu seinem Thema fehlt.
Trailer

Schon beim Titel weiß man, was einem bevorsteht: Let’s be Cops – Die Party Bullen will, dass die Zuschauer den Kopf abschalten und eine Welle von Witzen über sich ergehen lassen, die an Flachheit kaum zu überbieten sind und in anderem Zusammenhang sicherlich für jede Menge Fremdscham sorgen würden. Das funktioniert anfangs sogar wirklich gut. So landet die Buddy-Komödie schon zu Beginn einige simple und doch sehr effektive Gags, welche den ganzen Kinosaal zum Lachen bringen und dem Humor des Streifens von Anfang an in eine Richtung lenken. Dieser flache Humor ist nicht schlecht, solange man gewillt ist, sich auf ihn einzulassen, nein sogar zeitweise sehr unterhaltsam, jedoch erreicht er auch an einigen Stellen nicht den gewünschten Effekt, wenn uns zum Teil Gags aufgetischt werden, die wir aus jeder zweiten halbwegs guten Komödie schon kennen. Hier driftet der Film leider an vielen Stellen zu sehr in den üblichen Klamauk ab und macht kaum Versuche, bemerkenswert hervorzustechen.
Somit ist der Film für die Zielgruppe, die er anspricht – Liebhaber von flachen und kurzweiligen Komödien – sicherlich gut geeignet, inszeniert sich selbst aber viel zu uninteressant, und weist im Gegensatz zu thematisch ähnlichen Filmen wie Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis oder Die etwas anderen Cops viel zu wenig wirkliche Komik auf. Stattdessen setzt er auf schnell ermüdende Kalauer, die es nicht schaffen, den Streifen durchgehend auf einem guten Unterhaltungslevel zu halten und ihn zu einem empfehlenswerten Film zu machen.


Der etablierte Regisseur Bertrand (Filmemacher Bertrand Bonello, der zuletzt 2014 Saint Laurent auf der Berlinale vorstellte) durchstreift mal allein, mal begleitet von ähnlich exzentrischen Schauspielerinnen und Gefährtinnen (Jeanne Balibar, Sigrid Bouaziz) weltberühmte Galerien und Sammlungen. Deren Schätze fesseln nicht nur die Kamera mehr als die spröden Protagonisten, die Bertrand auf seiner Suche beraten. Für seinen nächsten Film mit dem Thema „Monstrosität“ sucht er ein repräsentatives Abbild eines Monsters. Über zwei Stunden wandern die Figuren interpretierend durch den Louvre, das Musée Gustave Moreau und zu eigentümlichen Treffen, wo bewundernde Journalisten, Zufallsbekanntschaften und sogar Charlotte Rampling Gäste sind. Der Plot mäandert durch die heiligen Hallen der Kunst, während Barrauds Geschichte ihr Ziel aus den Augen verliert. Nicht besser ergeht es Bertrand, der vergeblich nach dem idealen Werk sucht, während auf seinem Rücken ein seltsamer Ausschlag zu wuchern beginnt. Ein befreundeter Arzt im Ruhestand (Barbet Schroeder), bei dem Bertrand vorstellig wird, verweigert die Behandlung, da Bertrand wolle, dass er „seinen Rücken betrachte wie ein Kunstwerk.“ Der Vorwurf, der in einen kuriosen Trotzakt mündet, rührt an den Kern des Geschehens. Bertrand ist das Monster, seine Suche eine Selbstsuche. Doch wie viele mythologische und historische Gestalten vor ihm, vermag er das Omen, das sich rot auf seinem Rücken abzeichnet, nicht zu deuten. Für Außenstehende ist die psychosomatische Parabel weit offenkundiger.
Der erste Langfilm von Drehbuchautor und Regisseur Kelly leidet ebenso an der formelhaften Inszenierung wie der plakativen Charakterisierung. Hinter den Figuren stehen zugkräftige Namen, auf die sich Kelly scheinbar zu sehr verlässt. Emma Roberts (als Michael Glatze' spätere Gattin Rebekah), Daryl Hannah, TV-Serien-Beau Charlie Carver (Michaels vorübergehender Liebespartner Tyler), Zachary Quinto (erst Michaels Langzeitpartner, dann Ex-Lover Bennet) und James Franco, immer wieder James Franco. Der tummelt sich mit Vorliebe in Berlinale-Filmen, doch man muss kein Akkordgucker sein, um seiner oberflächlichen Dauerpräsenz in I Am Michael überdrüssig zu werden. Eine derart zentralisierte Rolle erfordert eine starke Darstellung, die Franco in diesem Fall nicht liefert. Die konfessionellen Konflikte Michaels und die psychologischen (Ab)Gründe, die seine Selbstverleugnung auslösen, werden nie plausibel. Die filmischen Metaphern für seine innere Verlorenheit wechseln zwischen penetrant und albern. Michael malt gedankenverloren eine Spirale auf eine Notiz und sogar mit Ahornsirup auf seine Pancakes. Klare Anzeichen für eine seelische Krise! „Die einzige Sünde ist Liebe zu leugnen.“, predigt Michael einmal, „Hört auf zu hassen, beginnt zu lieben!“ Im Bezug auf das unzureichende Biopic fällt das schwer. Besonders wenn man weiß: das war nur der erste von drei James-Franco-Filmen.
„Disney’s Folly“ wurde das Projekt genannt, in das Walt Disney kolossale anderthalb Millionen Dollar und die Arbeitskraft des gesamten Studios investierte. Die Vorabpresse schwankte zwischen Häme und Ratlosigkeit. Wer sollte sich Schneewittchen und die sieben Zwerge ansehen? Es wurden Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt. Der Erfolg des ersten Animationsspielfilms scheint auf den ersten Blick überraschend. Nach einem Prolog beginnt die Handlung statt mit der Hauptfigur mit deren Widersacherin. Die Stimmung wechselt sprunghaft zwischen Romantik, Schrecken und Komik. Charaktere erscheinen aus dem Nichts, in das sie unerklärlich wieder versinken. Der tragische Handlungshöhepunkt wird unversehens zum Happy End. Es sind Charakteristika des Märchens, dem Schneewittchen und der einst mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Cinderella enger verbunden sind als die späteren Disney-Zeichentrickklassiker, die mehr den Konzepten des klassischen Hollywood-Kinos folgen. Wie zahlreiche Grimms Märchen ist die Kitsch und düstere Poesie vereinende Erzählung ein Horrorwerk für Kinder und Erwachsene. In den auf Illustrationen Gustaf Tengrens basierenden Bildern lauern neben possierlichen Tierchen und Zwergen im tiefen dunklen Wald Hexen, Bestien und Mördern. Ihnen allen begegnet Schneewittchen, doch sie sind nur makaberer Schabernack gleich den tanzenden Skeletten aus den „Silly Symphonies“. Verstörend bleibt der Zeichentrickklassiker durch die übermächtige Schurkin. Königin und Schneewittchen sind zwei Facetten des gleichen Charakters und verkörpern die Extreme von Güte und Bosheit. Nicht Schneewittchen fürchtet die Königin, sondern die Königin Schneewittchen. Der Blick in den Spiegel zeigt ihr die verhasste Konkurrentin als unerreichbares jüngeres Ich, das sie mit diabolischer List zerstören will:
Mit seiner besten Freundin Polly (Kirsten Wiig) arbeitet Freddy an einem anderen Projekt, für das beide die Hilfe von Freddys Partner Mo (Tunde Adebimpe) benötigen. Konkret: Mos Samen. Wer das Kind eigentlich warum unbedingt will, bleibt unklar. Umso deutlicher macht der Plot, dass ein Kind aus einer unkonventionellen Familienkonstellation etwas Widerwärtiges sei – der nächste Bezug zum Titel. Da sieht man, wohin das führt, wenn das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Schema aufgebrochen wird! Kiffende schwule Möchtegern-Künstler und Single-Frauen beanspruchen für sich, was Gott ihnen aus gutem Grund vorenthält! In einer bezeichnenden Szene wird Polly vorwurfsvoll von einer werdenden Mutter gefragt, warum sie denn glaube, dass es bei ihr mit dem Nachwuchs bisher nicht geklappt habe. Die implizierte Antwort liegt auf der Hand: jemand da oben hat was dagegen! Damit keine Zweifel an der moralischen Verwerflichkeit des Protagonisten-Trios bleibt, geraten sie in eine Fehde mit dem geistig verwirrten Nachbarn The Bishop (Reg E. Cathey). Der terrorisiert mit Attacken und Pöbeleien die Nachbarschaft, für die Silva nur Verachtung übrig hat. Dabei sind der altersschwache homosexuelle Anwohner Richard (Mark Margolis) und Freddys junge Assistentin Wendy (Alia Shawkat) bis auf kleine Exzentrizitäten völlig normal. Was tatsächlich nasty erscheint, ist der reaktionäre moralische Maßstab, an dem die Figuren gemessen werden. Dass gleichgeschlechtliche Paare oder Singles einen Kinderwunsch hegen, ist für Silva augenscheinlich der blanke Horror. In solchen schlägt die holprige Komödie um. Das letzte Drittel wirkt wie der Anfang eines Teenie-Slashers a la Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Das Endprodukt ist ein zeitgenössisches Pendant zu Sensationsstreifen wie Reefer Madness und Boys Beware!, nur nicht lustig. Dazu ist das Weltbild dahinter einfach zu hässlich.
Einer davon begegnet die Titelfigur (Anne Ratte-Polle) im Familienurlaub beim spazieren gehen. Die meisten würden in solch einer Situation vermutlich nicht einfach nur hallo sagen, aber Sibylle ist anders als alle. Außer natürlich ihre Doppelgängerin, die buchstäblich hops geht: von einer Klippe. Sibylle ist tief verstört, aber nicht so tief, dass sie ihrem Mann Jan (Thomas Loibl), als der mit den Worten „Ich mach dann mal los.“ außer Haus geht, etwas mitteilen würde. Später gefragt, warum sie nichts gesagt habe, kommentiert Sibylle schnippisch: „Du musstest ja los machen!“ Tja, solche nervenzerfetzenden Storys verpassen Ehemänner, die ihre Frauen nicht täglich fragen, wie der Morgenspaziergang war. Reumütig gibt Jan fortan tolle Ratschläge, als es mit der bis dato erfolgreichen Familienmutter beruflich und privat steil bergab (Metapher!) geht: „Versuch mal zu schlafen, Liebes.“ Das können tödlich gelangweilte Kinozuschauer, aber nicht Sibylle. Da ist ein seltsames Klopfen im Gemäuer, der Boiler grummelt gruselig und der Typ von gegenüber schielt immer ins Fenster. Sogar die aufdringlichen Nachbarn sehen durch das Bullauge des Türspions so fies aus, als wären sie Gerichtsvollzieher oder eben aufdringliche Nachbarn. Übel nehmen kann man Krummenachers Abschlussfilm die augenfällige Imitation nicht. Die abstrusen Dialoge und lächerlichen Aktionen der Figuren wecken zumindest ein Grinsen. Solange der Film nur keinen Doppelgänger hat…
Dabei besitzt die Ausgangssituation durchaus das Potential dazu. Schauplatz ist das von Gewalt und Korruption zerrissenen Buenos Aires, wo die ruppige Kamera von Soledad Rodriguez stets dicht an den Protagonisten bleibt. Ein Paar in der Mitte des Lebens vor einer tiefgreifenden Entscheidung. 100.000 Dollar. Ein Deal, den der Geschäftspartner in letzter Minute abbläst. Keine gute Idee, denn Marcelo (Juan Barberini) hat eine Waffe und ein Aggressionsproblem. Seine Partnerin Lucía (Pilar Gamboa) hat auch Probleme. Klingt spannend, ist es aber nicht, denn die Probleme sind von der Du-liebst-mich-nicht-mehr-Sorte. Genauer ist es die Du-liebst-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-Sorte. Noch genauer gesagt die Du-liebts-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-denn-wir-kaufen-ein-Haus-Sorte. Der erwähnte Deal ist der Hauskauf, den Lucia notgedrungen um einen Tag verschiebt, was Marcelo total frustriert. Marcelos uralte Knarre gammelt in einem Schuhkarton vor sich hin, Lucía findet sie und sieht einen willkommenen Anlass für eine Grundsatzdiskussion. Und wo führt ein Pärchen die am Besten? Vor der versammelten Clique. Nur so hat ein Kleinkrieg die idealen Voraussetzungen, zum Grabenkampf zu werden. Dummerweise sind die Freunde viel zu versöhnlich. Daher müssen Lucia und Marcelo allein weiter zanken, knapp zwei Stunden lang. Dann gibt es eine enervierend lange Sexszene und es geht weiter mit hohlgeistigen Beziehungskrach. Auch eine Art Happy End. Die zwei haben einander verdient. Aber kaum einer verdient diesen dumpfen Film.
Als die Redaktion im Fazit zur Berlinale 2014 (jetzt aber wirklich den Link anklicken, sonst fehlt der Kontext) wissen wollte, was meiner Meinung nach zukünftig besser gemacht werden sollte, dachte ich: „Na klar, als ob die Berlinale Wunschkonzert wäre und Kosslick der Weihnachts- bzw. Wunschkonzert-Mann!“ Aber ich wurde auf wunderbare Weise eines Besseren belehrt, denn dieses Jahr gab es sie: Pressevorführungen für die Berlinale Shorts! Ein Höhepunkt der wechselhaften Kurzfilme ist Dechen Roders Lo sum choe sum, nicht nur auf filmschöpferischer Ebene, sondern aufgrund seiner scharfen Gesellschaftskritik. Die 20-minütige biografische Episode einer jungen bhutanischen Frau zeigt mit sarkastischer Prägnanz die bittere Lebensrealität unterprivilegierter weiblicher Mitglieder eines patriarchalischen Systems. Fast beleidigend tumb wirkt demgegenüber die inhaltliche und visuelle Hässlichkeit von Ulu Brauns Architektura. Danach glänzen selbst mittelprächtige Ideen wie Jennifer Reeders sympathische Riot-Grrrl-Hommage Blood beneath the Skin. Deren größte Schwäche ist, dass sie gefühlt 20 Jahre zu spät kommt. Gleiches gilt in der nächsten Hommage von Raphael Wregas Bhanuteja, diesmal Amateurfilmern wie denen in seinem Lembusura gewidmet, für die Pointe. Womöglich verbirgt sich darin eine Lektion für alle, die noch im letzten Licht der Schlussblende aus dem Saal stürzen: den Abspann abwarten! Aber das muss man hier ohnehin, stehen doch noch Yoriko Mizushiris verspielte Animations-Phantasie mako und Joel Pizzinis schwarz-weiße Gedankenreise Feuermeer/MAR DE FOGO (man sieht, die Experimentierfreude erstreckt sich auf die Schreibweise der Titel) auf dem Programm. Selbiges ist so wild gemischt, dass kaum Überlegen nötig ist, welchen der fünf Kurzfilmblöcke im Programm man guckt. Einfach aussuchen, was zur günstigsten Zeit läuft und überraschen lassen. Unter den mal nur wenige Minuten, mal mehr als halbstündigen Werken ist garantiert für jeden etwas dabei – ob zum Zurücklehnen und Genießen oder Bemängeln. Letztes will ich im Fazit unbedingt wieder tun. Wer weiß, was es bringt?
„Die Stille ist nicht witzig.“, sagt Rosalie, die nach dem Auszug ihres erwachsenen Sohnes dessen Zimmer sie unverändert bereithält, damit er sich nicht ausgeschlossen fühle, falls er mal vorbeikommt – falls. Sie spricht von Struktur, die man leicht verlieren könne, dem Alleinsein im Gegensatz zu Einsamkeit und dem Traum von einer Arbeit auf einem Ärzteschiff „auf dem Amazonas“. Aus all dem spricht die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht unverrückbar ist und wo sie sich wieder um andere kümmern kann. „Aber da müsste man erst mal schauen.“, sagt sie und der Tonfall macht klar, dass sie wohl nie schauen wird. Der Zuschauer wiederum sieht keine der Sprecherinnen, sondern das, was sie Tag für Tag sehen: leere Zimmer. Bauer erstellt intime Porträts, in denen die Porträtierten unsichtbar bleiben. Aus dem Off erzählen die Protagonistinnen aus ihren Biografien und dem neuen Alltag, dessen Relikte das Kameraauge sachlich registriert. Der Rahmen bestimmt das Bild – doch wie zutreffend kann dieses sein? Die Filmemacherin präsentiert keine zugeschnittenen Antworten, sondern überlässt es bewusst dem Zuschauer, die systematisch gesetzten Leerstellen auf der Leinwand zu füllen. Auf diese Weise stellt sich auf kinematischer Ebene die gleiche Aufgabe, die sich in der Realität den Sprecherinnen stellte.
Trotz der horrenden Preise sind die Tickets begehrt, dieses Jahr vermutlich noch mehr als sonst. Damit niemandem entgeht warum, lautet das Motto in zu Kosslicks Sprachkreationen passendem Denglisch: „10 Jahre Film & Food“. Das benennt ehrlich den Kern der Veranstaltung: erst hungrig gucken, dann reinhauen. Der Fokus liegt klar auf letztem. Ich mutmaße, dass mehr Besucher den Abend danach auswählen, was auf dem Menü steht (und welcher klangvolle Name darüber), als nach der Kinovorführung. Wohlweislich legt die Filmauswahl darauf Wert, dass niemandem der Appetit vergehe. Es dominieren Filme über legendäre Weine wie Luis López Linares' Jerez & El misterio del Palo Cortado oder besondere Restaurants wie Francesco Ranieri Martinottis Il segreto di Otello. Mehr Filme als je zuvor huldigen Sterne-Köchen wie Cooking Up a Tribute von Luis González, Willemiek Kluijfhouts Sergio Herman, FUCKING PERFECT, David Gelbs Chef’s Table „Massimo Bottura“ und Buscando a Gastón (Finding Gastón) von Patricia Pérez. Falls jemand überlegt, woher eigentlich die Zutaten für die Schlemmer-Orgien kommen, liefern Filme über ökologisch vorbildliche Landwirte wie Phie Ambos in Good Things Await (OT: Så meget godt i vente) das reine Gewissen. Vergessen sind Zustände wie auf der Berlinale 2010, als das Gratis-Wasser für die Presse statt in Glasflaschen in Imbissbuden-Style-Bechern kam und das Festival in einer Plastikflut ertrank. Oder als vorm Dinner Food, Inc. lief, für alle, die beim Anblick zerschredderter Küken denken: „Yummy, hoffentlich gibt’s gleich Chicken McNuggets!“
Wie eine Oase, auch cineastischer Art, wirkt in dieser elitären Welt Junichi Moris Little Forest. Die feinfühlige Verfilmung von Daisuke Igarashis gleichnamigem Manga zeigt das naturverbundene Leben einer jungen Frau in malerischen Episoden, jede gewidmet einer Jahreszeit. Von den insgesamt vier Folgen der Minireihe werden die kontrastreichen Bilder von Sommer und Winter einander gegenübergestellt. Obwohl künstlerische Werke wie Moris und hintergründige Reportagen nicht völlig aus dem Programm verbannt wurden, sind sie gegenwärtig leider die Ausnahme. Das Ganze sieht verdächtig danach aus, als ob die Gourmet-Elite sich selbst feiert oder mit idyllischen Bildern suggeriert, der Kampf der Bio-Bewegung sei längst gewonnen. So kann man am nächsten Tag bedenkenlos das Tiefkühl-Hähnchen von Wiesenhof kaufen. Irgendwo müssen die Ausgaben fürs Ticket schließlich wieder eingespart werden. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und da aller guten Dinge drei sind, davor noch ein Film.


Was den cineastischen Club erst richtig geil (eines von Reeders Lieblingsworten und laut ihm eines der wichtigsten der West-Berliner 80er) macht, ist natürlich die Gästeliste: Nick Cave, Blixa Bargeld, Farin Urlaub, Bela B., Die Toten Hosen, David Bowie – und weil die wenigen Namen zu mickrig klingen, kommen noch ein paar nicht so geile oder total obskure hinzu: Westbam, Nena, Einstürzende Neubauten, Gudrun Gut, Christiane F. und der andere David (Hasselhoff). Der hat doch immerhin beim Mauerfall "Looking for Freedom" gesungen und dabei eine geile Lederjacke mit blinkenden Lämpchen getragen! Sowieso war die Mauer bekanntlich nur gefallen, weil Dr. Motte und rund hundert Raver die erste Love Parade abhielten. Überhaupt gab’s damals in den gegenwärtig begehrtesten und teuersten Ecken Berlins nicht nur Banker und Büro-Lofts, sondern richtige Wohnungen (keine Airbnb-Mietbuden!) und alle zu Spottpreisen. Aber Geld brauchte man sowieso kaum, die DDR-Diktatur war allen schnurzpiepe, die Sonne schien jeden Tag und die Rente war so sicher wie der Regen, der auf die Erde fällt. So wirkt es bei Reeder. Außerdem brodelte alles vor Kreativität. Irgendwas brodelte auch in Klaus Maeck, der das Drehbuch geschrieben und mit Jörg A. Hoppe und Heiko Lange inszeniert hat. Die drei waren nämlich auch geil und mittendrin, sagt Sprecher und Hauptprotagonist Reeder: „We were there. I was there. And it was pretty fucking geil.“ Das hat am Ende selbst der letzte mitgekriegt. Die repetitive Egozentrik unterminiert für manche den Unterhaltungsfaktor der bunten Bilder, aber vielleicht ist es gerade diese hemmungslose Selbstbegeisterung, mit dem sich ein Hipster-Publikum identifiziert – was die Mockumentary zum heißen Kandidaten für den Panorama-Publikumspreis macht. Es war nicht alles schlecht. Aber ob es wirklich so geil war?
Die Regisseurin und Drehbuchautorin demaskiert in ihrem eindringlichen Jugenddrama klerikal getragenen Kollektivismus und alltäglichen Sexismus als das Monströse einer Gesellschaft, deren fragwürdige moralische Leitfiguren ihre Herde am Ende dafür loben, dass sie bewiesen habe „was Gemeinschaft erreichen kann“. Beschämender als die mit kühler Präzision aufgezeigte Mob-Mentalität ist deren Beiläufigkeit. Für ihre Klassenkameraden, Lehrer und den Pfarrer, selbst für ihre Mutter und kleine Schwester ist die 14-jährige Jennifer eine „verlogene Hure“, „Schlampe“, „was für ein Freak“. Geworden ist sie dazu an dem Tag, als sie ihren gleichaltrigen Mitschüler Alex der sexuellen Nötigung bezichtigt hat. Alex' Mutter Susanne (Eva Melander) und Jennifers ehemalige Freundinnen fragen, was sie eigentlich habe: will sie sich an Alex rächen? Sich wichtig machen? „Alles wird gut. Wir bringen das in Ordnung.“, versichert Susanne ihrem Sohn, der dumpf vor sich hin schweigt. Auch Jennifer spricht wenig, doch ihre Wortkargheit ist voraussehend. Sie kennt das Kollektiv, in dem sie aufgewachsen ist, scheint von vornherein zu wissen, dass ihr niemand beistehen wird. Die Handlung spielt nicht im Bible Belt der USA, sondern im liberalen Schweden. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen gehört ebenso selbstverständlich zu unserem Alltag wie die Stigmatisierung von Frauen (insbesondere auch durch andere Frauen), die ihre Sexualität selbst bestimmen wollen: sei es privat, beruflich oder indem sie aus der Opferrolle ausbrechen. Susannes „Free Alex“-Blog bringt diese Haltung auf den Punkt: „Huren sind zum Vergewaltigen da.“ Die Misogynie ist omnipräsent, wie die emotionale Brutalisierung. Die traute Kommune ist ordinär, hinterhältig und zutiefst verroht. Man quält und tötet Tiere zum Vergnügen, bei der Fabrikarbeit oder wie Alex Vater, um Druck abzulassen. Im Kontrast zur offen gelebten Aggression steht Jennifers stille Wut, die ein Ventil sucht – und findet. In einer frühen Szenen ließt Jennifers Klasse einen bezeichnenden Satz aus "Der Herr der Fliegen". Doch die tiefere Botschaft jeder Pflichtlektüre reicht immer nur so weit, wie der Intellekt der Leser.
Die Vorführung von Jane Campions Mini-TV-Serie "Top of the Lake" im vergangenen Jahr scheint in Retrospektive wie ein Testlauf für das neue Format, das acht Produktionen vertreten. Möglichkeiten zur Sichtung gab es nicht. Die Pressemitteilungen lassen wenig Hoffnung auf innovative und originelle Konzepte wie "Twilight Zone", "Twin Peaks", "Die Simpsons" oder "South Park". Lieber geht man auf Nummer sicher mit deutscher Krimi-Kost über Kommissare mit krimineller Vergangenheit ("Blochin") und DDR-Spione ("Deutschland 83"), dem schwedischen Thriller "Blå ögon" ("Blue Eyes") und dem "Breaking Bad"-Spin-Off "Better Call Saul". Nichts klingt vielversprechend, wenn auch nicht alles so übel. Vor allem wirkt de Auswahl sehr mainstreamig, wie der gesamte Serien-Boom Mainstream ist. Passt das zur Berlinale? Ja, leider. Die Entscheidung, ob das Festival sich an Kunst oder Kommerz orientiert, scheint längst gefallen. Ob es von da ein Zurück zum unangepassten, anspruchsvollen Film gibt, ist fraglich.



„Domestiziert“ fühlt sich die junge Heldin im Heim ihrer wohlhabenden Eltern, deren Verständnis für ihren Freiheitsdrang nur so weit reicht, wie er mit der dekorativen Frauenrolle der viktorianischen Epoche vereinbar ist. Nein, Gertrude (Nicole Kidman) ist kein angel in the house, wie das damalige Ideal der fürsorgenden Gattin und Mutter konstruierte. „Dieses Weib!“, nennt sie einer der Offiziere Winston Churchills (stets zu erkennen an Zigarre und launigen Kommentaren: Christopher Fulford), als man die Gebiete des zerfallenen Osmanischen Reichs absteckt und aufteilt. Andere Staatsmänner haben noch feindseligere Bezeichnungen für die Forscherin und Autorin, von deren Beratung ihr historisches Unterfangen abhängt. Zwölf Jahre dauerte Gertrudes Weg zu solcher Geltung, auf die es die entschlossene Reisende nie abgesehen hatte. In dieser Zeit zog sie, begleitet von ihrem zuverlässigen Diener Fattuh (Jay Abdo) mit einer kleinen Karawane von Jordanien durch Mesopotamien, Syrien und Kleinasien bis nach Arabien. Die Männer, die in diesen Jahren ihren Weg kreuzten, vermochten nicht sie von diesem abzubringen.
Mit der ihm eigen subtilen Hand zeichnet Herzog ironische Analogien, die sich erst auf den zweiten Blick enthüllen. Auf dem Ball, dem die einleitende mütterliche Warnung vorangeht, tanzt Gertrude pflichtbewusst mit drei Kavalieren. Der erste prahlt mit seinen Jagdtrophäen, der zweite will gleich „Unzucht treiben“, der letzte ist zu kurzsichtig, um sie von anderen Damen zu unterscheiden. Die Tanzpartner antizipieren die potentiellen Lebenspartner, die sich später um die Protagonistin bemühen. Trotz deren gesellschaftlichen und politischen Status wirken die Anwärter neben der charakterstarken Heldin seicht, selbstverliebt oder moralisch feige. Herzogs unerwartete Darstellerwahl unterstützt diesen Eindruck. Robert Pattinson wirkt als Lawrence von Arabien wie ein großer Junge, James Franco (im zweiten von drei Franco-Filmen nach meiner Filmreihenfolge) wie ein sentimentaler Schönling, und zuletzt ist der verheiratete Richard Wylie (Damian Lewis) zu ängstlich, seine soziale Reputation der Liebe zu opfern. Ehrerbietung und Empathie findet Gertrude vielmehr bei den Einheimischen. Sie schätzen ihren Respekt vor der persischen Kultur, deren intensive Farben und Vielfalt in berückendem Kontrast zur grauen Tristesse Englands stehen, sie spüren ihre Sehnsucht nach der Wüste, der allein, wie sie schreibt, ihr Herz gehört.
Eine Gartenarrangement Cardogans beschreibt die Entdeckerin als „vollkommenen Albtraum aus Blumen und Düften“. Solch ambivalente Bemerkungen und dem gegenüber die Schönheit der gleißenden Dünenlandschaft und persischen Dichtkunst erinnern beständig daran, dass die konventionelle Gesellschaft für Gertrude immer ein Käfig bleiben wird. Bei all den amtlichen Würdigungen, derer sie im späteren Leben zuteil wird, hält sie es nie lange darin aus. Nach dem Verlust ihrer Jugendliebe notiert sie in ihrem Tagebuch, dessen narrative Stimme die Handlung untermalt, auf dem schwarz-weißen Schachbrett des Lebens habe der Tod den Sieg davon getragen. Dennoch ist sie auf diesem Brett die Dame und Königin, wie der Regisseur und die Charaktere sie nennen: die stärkste Figur und die einzige, die frei überall hinzuziehen kann. Gertrudes Resümee über dieses rastlose Leben umfasst zugleich die Schönheit und die dramaturgische Limitation der epischen Romanze. Die Dinge, die sie gesehen habe, ergäben ein großartiges Gemälde: „Eines, das nur ich zeichnen könnte.“ So bleibt auch Herzogs Bild letztlich unvollkommen.







