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American Sniper – Der Scharfschütze (2015)

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American Sniper (2015) Beitragsbild

American Sniper, USA 2015 • 132 Min • Regie: Clint Eastwood  • Mit: Bradley Cooper, Sienna Miller, Luke Grimes, Navid Negahban  • FSK: ab 16 Jahren • Kinostart: 26.02.2015 • Deutsche Website

„American Sniper“ ruft zwiespältige Gefühlsregungen hervor. Vielleicht reichen sie in ihrer Bandbreite von patriotischen Vaterlandsgefühlen über fragliche Heldenverehrung, oder unwohle Abscheu bis hin zu respektvoller Bewunderung – um ein paar ausgewählte zu nennen. In Clint Eastwoods neuestem Werk können viele Zuschauer einen unterschiedlichen Zugang wählen. An sich ist das auf den ersten Blick eine gute Sache, weiß man aber nicht genau, mit welcher Absicht das Biopic um den berüchtigten Navy SEAL-Scharfschützen Chris „The Legend“ Kyle (160 bestätigte Abschüsse in seinen Irak-Einsätzen) gedreht wurde. Eastwood selbst bewegt sich politisch in seinen Aussagen meist in der Mitte irgendwo zwischen Demokraten und Republikanern, mit Tendenz zu den Republikanern. Dafür, dass Eastwood anscheinend gegen Übersee-Einsätze ist, trifft sein Kriegs-Drama den Nagel nicht so eindeutig auf den Kopf wie seine vergangenen Reden. Letztendlich gibt der Regisseur dann sowohl einseitige, platte Ansichten in seinem Film zum Besten als auch erschütternd aufrüttelnde Momente wenn „The Legend“ den Abzug drückt. Die Gräben zwischen Glauben, Patriotismus und Familienleben werden jedenfalls für Chris Kyle mit jedem Einsatz größer. Eastwood liefert also keinen reinen Kriegsfilm, sondern lässt den Zuschauer auch an den zivilen Begleitumständen teilhaben.

American Sniper (2015) Filmbild 1In Texas wächst der zukünftige Navy SEAL Chris Kyle (Bradley Cooper) auf und lernt als Schuljunge von seinem Vater den Umgang mit Gewehren und die Einteilung der Menschen in die Gruppen „Schafe, Wölfe und Hirtenhunde“. Als mäßig guter Rodeo-Cowboy versucht Chris den texanischen Traum eines jeden Jungen zu leben. Nach Anschlägen auf US-Botschaften in Tansania und Kenia im Jahr 1998, meldet sich Kyle bei den Nay SEALS, um Scharfschütze zu werden. Nach den Anschlägen vom 11. September wird er in den Irak geschickt und lässt seine Frau Taya Renae (Sienna Miller) daheim zurück. Insgesamt absolviert er vier Einsätze im Irak, macht sich als Scharfschütze einen Namen („The Legend“) und fährt beinah seine Ehe und Familienplanung vor die Wand, weil er die größere Verpflichtung gegenüber seinen Kameraden sieht.

American Sniper (2015) Filmbild 2Bradley Cooper ist zum dritten Mal in Folge für den Oscar nominiert (zuvor „Silver Linings“ und „American Hustle“). Für die Rolle des Chris Kyle trainierte er sich ordentliche Power an, um einen markanten, texanischen Navy SEAL glaubhaft zu verkaufen. Seine Darbietung ist an den geeigneten Stellen verbissen, kämpferisch, traurig, apathisch, glücklich und zögerlich. Schließlich erfährt er auf seiner spaßigen Hochzeitsfeier, dass der erste Einsatz ansteht und er seine schwangere Frau (schlagfertig und verletzlich Sienna Miller) allein lassen wird, um dann später als tapsiger Kriegsheimkehrer mit einem posttraumatischen Stresssysndrom auf Heimaturlaub nicht wirklich Fuß fassen zu können. Lösung? Es geht zurück in den nächsten und wieder nächsten Einsatz. Solange bis der Getriebene ein Einsehen hat und bereit ist wirklich nach Hause zu kommen und sich psychologischer Hilfe annimmt. Davor hat er für Kameraden und seinen eigenen Bruder jedoch keinerlei Verständnis bei desillusionierten und gegenläufigen Geschwafel zu einem für sie sinnlosen Krieg. Schließlich geht er soweit, dass er den Tod eines Kameraden auf die „Zweifel an der Sache“ schiebt. Verblendung lässt grüßen.

American Sniper (2015) Filmbild 3Was war Chris Kyle für ein Mensch? Google geizt nicht mit Berichten von seinen mehr als nebulösen Statements über die getöteten Iraker, welche er als „Wilde“ bezeichnete. Zudem soll er viel Spaß an seinem Job gehabt haben und besorgte sich die Bestätigung für sein richtiges Handeln von seinen Kameraden. Diese feierten den scheinbar abgeklärten Sniper, wenn er von den Dächern über sie wachte. Wo in dem ausgezeichneten „The Hurt Locker“ noch der kriegerische Adrenalin-Kick für den Protagonisten zählte, ist es für Kyle eine Sache der Ehre und leicht verklärter Vaterlandsliebe. Zugegeben, in manchen Situationen des Films schießt Kyle ganz locker, ohne viel Aufhebens die Feinde ab; ob von hinten in den Rücken spielt keine Rolle. Dann sind gerade die ruhigen, panoramaartigen Szenen, wo Kyle lange durch das Zielfernrohr blickt und ein Kind in das Visier nimmt, umso mehr als Gegenstück zu den anderen beinah beiläufigen Kills zu sehen. Hier weht dann doch mit Wohlwollen ein Hauch kritischer Wind über die Schauplätze des mörderischen Gewühles im Sand des Nahen Ostens. Ansonsten werden die Iraker eher monodimensional als Schlächter und hinterhältige Blender vorgeführt, die von einem vielleicht vom Irrglauben, das Richtige zu tun, geleiteten patriotischen Killermaschine getötet werden. Chris Kyle, nach seiner aktiven Zeit beim Militär als Ansprechpartner und Betreuer für Veteranen zuständig, wurde dann ausgerechnet von einem psychisch labilen heimgekehrten Kamerad auf den Schießstand erschossen.

American Sniper (2015) Filmbild 4Letzten Endes überwiegt das Gefühl, eine kleine Recruitment-Show für die ARMY zu sehen. Eine Ladung Patriotismus zu viel und eine Ladung kritische Einsicht zu wenig sorgen für Missstimmung bei manchen Szenen. Vor den Abspann sind originale Aufnahmen von der Leichenwagenfahrt mit Chris Kyles Sarg zur Ruhestätte montiert. Gezeigt werden tränenreiche, solidarische Trauerbekundungen entlang der texanischen Straßen und Kyle wird zur Heldenikone stilisiert. Will man in „American Sniper“ den nüchternen Blick der Filmkunst auf den Bewusstseinszustand von manchen Soldaten, oder eine rechtfertigende amerikanische Rambo-Show, oder einen Trog voller Reizthemen für anti-amerikanische liberale europäische Phrasendrescher sehen? Mit Sicherheit lohnt die Diskussion über einen sehenswerten Film, welchem die klare Haltung zu seinem Thema fehlt.

 Trailer

 

Let’s be Cops – Die Party Bullen (2014)

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Let's be Cops - Die Party Bullen (2014) Filmkritik

Let’s Be Cops, USA 2014 • 105 Min • Regie: Luke Greenfield • Drehbuch: Luke Greenfield, Nicholas Thomas • Mit: Jake Johnson, Damon Wayans Jr., Rob Riggle, Nina Dobrev, James D’Arcy, Andy Garcia • Kamera: Daryn Okada • Musik: Christophe Beck, Jake Monaco • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 08.01.2015 • Deutsche Website

Handlung

Ryan (Jake Johnson) und Justin (Damon Wayans Jr.) sind totale Loser. Versucht einer der beiden die ganze Zeit vergeblich seine Videospielidee an den Markt zu bringen, wirbt der andere nur in Fernsehspots damit, dass er an Geschlechtskrankheiten leidet. Als beide zu einem Klassentreffen gerufen werden, von dem sie glauben, es sei eine Kostümparty, verkleiden sie sich kurzerhand als Polizisten und merken bald, dass sie von allen Leuten für echte Cops gehalten werden. Dabei genießen die beiden ihre neuen Identitäten erst ein Mal in vollen Zügen, bis sie dem Gangster Mossi (James D’Arcy) in die Quere kommen, der die beiden so gar nicht witzig findet. Doch nun ist es viel zu spät sich noch aus der Affäre zu ziehen und die beiden Freunde müssen beweisen, dass sie nicht nur die Uniform eines Polizisten tragen, sondern auch den dazugehörigen Mut besitzen.

Kritik

Lets Be Cops - Bild 1Schon beim Titel weiß man, was einem bevorsteht: Let’s be Cops – Die Party Bullen will, dass die Zuschauer den Kopf abschalten und eine Welle von Witzen über sich ergehen lassen, die an Flachheit kaum zu überbieten sind und in anderem Zusammenhang sicherlich für jede Menge Fremdscham sorgen würden. Das funktioniert anfangs sogar wirklich gut. So landet die Buddy-Komödie schon zu Beginn einige simple und doch sehr effektive Gags, welche den ganzen Kinosaal zum Lachen bringen und dem Humor des Streifens von Anfang an in eine Richtung lenken. Dieser flache Humor ist nicht schlecht, solange man gewillt ist, sich auf ihn einzulassen, nein sogar zeitweise sehr unterhaltsam, jedoch erreicht er auch an einigen Stellen nicht den gewünschten Effekt, wenn uns zum Teil Gags aufgetischt werden, die wir aus jeder zweiten halbwegs guten Komödie schon kennen. Hier driftet der Film leider an vielen Stellen zu sehr in den üblichen Klamauk ab und macht kaum Versuche, bemerkenswert hervorzustechen.

Das schafft auch nicht die Story, die so lieblos geschrieben scheint, dass man in manchen Momenten gerne selbst das Drehbuch in der Hand gehabt hätte. Anstatt gar nicht so starken Fokus auf den langweiligen Plot zu setzen, machen es sich die Autoren komplizierter als es ist und liefern uns eine der langweiligsten und vorhersehbarsten Klischee-Geschichten des Jahres, die gekürt wird von Antagonisten, die jeden Satz aus einem anderen Gangsterfilm geklaut zu haben scheinen. Die beiden Protagonisten, die auch in der Sitcom "New Girl" Seite an Seite spielen, sind zwar einigermaßen sympathisch und bauen eine gute Chemie zueinander auf, doch haben leider auch sie viel zu viele typisch nervige Momente, und vor allem Damon Wayans Jr. geht einem an ein paar Stellen mal ziemlich auf den Geist.

Lets Be Cops - Bild 2Somit ist der Film für die Zielgruppe, die er anspricht – Liebhaber von flachen und kurzweiligen Komödien – sicherlich gut geeignet, inszeniert sich selbst aber viel zu uninteressant, und weist im Gegensatz zu thematisch ähnlichen Filmen wie Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis oder Die etwas anderen Cops viel zu wenig wirkliche Komik auf. Stattdessen setzt er auf schnell ermüdende Kalauer, die es nicht schaffen, den Streifen durchgehend auf einem guten Unterhaltungslevel zu halten und ihn zu einem empfehlenswerten Film zu machen.

Fazit

Let’s be Cops – Die Party Bullen ist zwar an einigen Stellen unterhaltsam und eignet sich ganz sicher gut für einen langweiligen Abend, an dem man zufälligerweise mit ein paar Kumpanen auf der Couch sitzt und nichts Besseres zu tun hat, verkauft sich aber an keiner Stelle als wirklich sehenswerte Komödie.

Trailer

"Better Call Saul" S01E03 "Nacho" Kritik

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Better Call Saul Nacho Kritik

Der Artikel enthält einige “Better Call Saul”-SPOILER zur besprochenen Folge!

Es gibt eine große Sache, die "Breaking Bad"-Fans besonders im späteren Verlauf der Sendung gespalten hat, auch wenn sie sich darin einig waren, dass es eine großartige Serie ist. Während die einen ununterbrochen mit Walter White mitgefiebert haben und gehofft haben, dass er mit allem durchkommt, sahen andere (mich eingeschlossen) irgendwann ein, dass Walter schlicht und ergreifend ein Arschloch ist. Obwohl sich schon früh Anzeichen für seine dunkle Seite häuften, wurde spätestens mit der Vergiftung von Brock deutlich, dass er rücksichtslos unschuldige Opfer in Kauf nehmen würde, um seine Ziele zu erreichen. Später kam die Einsicht, dass Walter gar nicht zur dunklen Seite verführt wurde, als er in der ersten Staffel seinen Weg zum Drogenbaron eingeschlagen hat – diese Seite schlummerte schon immer in ihm und in der finalen Folge erreichte die Einsicht auch Walter selbst: "Ich habe es für mich getan. Ich habe es gemocht". Am Ende fieberten dann alle Seiten trotzdem mit Walter mit, weil Onkel Jack und seine Neonazi-Truppe dann doch noch eine Spur böser war, aber es bestanden für mich keine Zweifel, dass Walter ein egoistischer, manipulativer, machtgeiler Narzisst war.

Warum erzähle ich das alles, was über die letzten Jahre schon in tausenden Analysen auseinandergenommen und diskutiert wurde? Weil die dritte Folge von "Better Call Saul" besser denn je einen gewaltigen Unterschied zwischen Walter und Saul/Jimmy herausstellt. Jimmy ist ein verkorkster Typ mit einer zwielichtigen Vergangenheit und ebenso zwielichtigen Arbeitsmethoden, aber er hat ein Herz und er hat ein Gewissen. Die letzte Folge endete damit, dass Nacho (Michael Mando) Jimmy in seinem Büro ein unmoralisches Angebot gemacht hat. Er soll herausfinden, wo die Kettlemans, die Jimmy in der ersten Folge noch für sich als Klienten gewinnen wollte, das unterschlagene Geld bunkern. Nacho würde sich dann des Geldes bemächtigen und Jimmy bekommt einen satten Anteil von der Beute. Der sichtlich nervöse und innerlich scheinbar hin- und hergerrissene Jimmy lehnt das Angebot dankend ab, versichert Nacho aber hoch und heilig, dass er niemandem etwas von seinen Plänen verraten wird und beruft sich dabei auf die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht. Was aber noch überzeugender ist, ist Nachos ergänzender Kommentar: "You rat, you die". Nacho mag zwar besonnener sein als sein Kumpan Tuco, aber er ist sicherlich auch niemand, den Jimmy hintergehen wollen würde.

Die große Frage, die sich viele Fans am Ende der letzten Folge gestellt haben, war natürlich, ob Jimmys Pfad zu Saul Goodman, dem Anwalt und Berater für Kriminelle, damit beginnen würde, dass er auf Nachos Angebot doch einsteigt. Rastlos und nervös sehen wir ihn nachts im Nagelstudio, dessen Hinterzimmer als sein Büro und Schlafzimmer herhalten müssen. Er schaut sich Nachos Telefonnummer an und greift zum Hörer – doch er ruft nicht den Gangster an, sondern Kim (Rhea Seehorn), eine Anwältin von Hamlin, Hamlin & McGill, Chucks alter Kanzlei, die die Kettlemans vertritt. Schnell wird klar, dass die beiden eine intime Vorgeschichte verbindet, doch damit sie am Apparat bleibt, verspricht Jimmy eine jugendfreie Konversation, "maximal FSK12". Ausweichend versucht er sie davor zu warnen, dass die Kettlemans sich in Gefahr befinden könnten, als Kim jedoch konkreter nachfragt, schiebt Jimmy alles auf den Alkohol und hängt auf. Doch sein Gewissen lässt ihn nicht in Ruhe. Er macht einen auf McGyver, bastelt sich mithilfe eines Papprohrs etwas, um eine Stimme zu verstellen (es klappt nicht gut) und fährt zu einer abgelegenen Telefonzelle, um die Familie selbst zu warnen. Dabei murmelt er, er sei kein Held, doch in diesem Moment ist er bereits heldenhafter und selbstloser als fast alles, was Walter White über lange Strecken in "Breaking Bad" an den Tag gelegt hat.

Better Call Saul Nacho Kritik 1

Jimmy hat keinen besonderen Grund, sich um das Wohlergehen der Kettlemans zu kümmern. Er kennt sie nicht und sie haben sich gegen seine Dienste als Anwalt entschieden und für Hamlin. Dennoch bringt er es nicht übers Herz zu wissen, dass sie Opfer eines Raubüberfalls werden könnten, und sie nicht zu warnen. Und genau das tut er.

Doch offensichtlich erreicht die Warnung sie zu spät. Am nächsten Tag ist das Haus der Kettlemans verwüstet, von der Familie keine Spur und Nacho sitzt im Gewahrsam der Polizei, weil sein Auto außerhalb des Hauses der Familie gesehen wurde. Nacho behauptet jedoch, nichts vom Verschwinden der Familie zu wissen. Jetzt wird’s aber eng für unseren Rechtsanwalt, denn er wusste als einziger von Nachos Plan und jener fühlt sich nun hintergangen und stellt Jimmy ein Ultimatum: bis zum Ende des Tages ist er ein freier Mann oder er wird Tucos ursprüngliche Absicht Jimmy gegenüber doch noch zu Ende führen. Doch wie kann Jimmy den Fall lösen, ohne die Ermittler auf die Verbindung zwischen Nacho und ihm zu enthüllen?

Er lässt sich an den Tatort führend und sowohl ihm als auch dem Zuschauer dämmert es, dass etwas an der Sache faul sei. So stellt er die Hypothese auf, die Kettlemans haben sich selbst "entführt", um sich so sicher mit dem Geld abzusetzen. Doch natürlich hat er keine Beweise dafür und kann den Polizisten wohl kaum sagen, dass er den Warnanruf am Vorabend getätigt hat. Was tun? Jimmy gesteht alles Kim (naja, bis auf die Vorgeschichte mit Tuco und den Zwillingen), doch auch sie ist keine große Hilfe. Unerwartete Unterstützung bekommt er ausgerechnet von Pförtner Mike, aber nicht bevor er sich mit ihm mächtig angelegt hat und am eigenen Leib zu spüren bekam, dass es sich bei ihm nicht einfach um einen alten Knacker handelt. Super finde ich, dass Mike nicht überpräsent in der Serie ist, sodass man sich auf jede seiner Szenen mit Jimmy freuen und sie besonders wertschätzen kann, während der Fokus weiterhin einig und alleine auf unserer Hauptfigur bleibt. Hoffentlich markiert diese Folge den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den beiden – hey, nicht nur Jimmy kann alte Filme zitieren (übrigens, in diesem Sinne mein Lieblingsmoment der Folge: "Here’s Johnny!!")

Das Positivste, das ich zu der Folge sagen kann, ist, dass sie sich noch mehr von "Breaking Bad"-Referenzen gelöst hat, als die beiden vor ihr. Von der Epik und fast Shakespeare’schen Tragik jener Serie ist "Better Call Saul" noch weit entfernt, doch die Showrunner zeigen abermals, das sie immer gut für eine Überraschung sind und die Serie sich vielleicht doch nicht so entwickelt, wie man am Ende der vergangenen Folge angenommen hat. Nacho gehört zwar der Titel der Episode, doch von der ersten Szene an, in dem wir im Flashback den geistig noch stabilen Chuck sehen, wie er den frisch verhafteten Jimmy besucht, der ihn anfleht, ihn vor dem Knast zu bewahren über Jimmys Gewissensbisse, als er Angst um die Kettlemans hat bis hin zur Entschlossenheit, die er an den Tag legt, um die Richtigkeit seiner Theorie zu beweisen, zeichnet die Folge das Bild eines verzweifelten (Anti)Helden, der eigentlich gar keiner sein will. Obwohl der Realitätsgehalt am Ende der Folge ein wenig fragwürdig ist und die Auflösung durchaus vorhersehbar, wird es wohl kaum einen Zuschauer geben, der bei der letzten Einstellung nicht sofort weiterschauen will – doch leider müssen wir uns noch eine Woche gedulden.

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 7

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Berlinale 2015 Teil 7

Liebe Filmfutter-Fans und Berlinale-Begeisterte,

willkommen zum abschließenden Teil unserer zusammenfassenden Übersichtsreihe zu den Filmen aus verschiedenen Sektionen der 65. Berlinale. Wieder standen drei Filme auf dem Programm: eine kunstvolle Semi-Doku aus Frankreich, ein starbesetztes Drama mit James Franco und die Wiederaufführung von einem der größten Zeichentrickklassiker von Disney. Leider vermochte nur letzterer unsere Autorin vollends zu überzeugen, obwohl die ersten beiden durchaus interessante Ansätze hatten.

Le Dos Rouge (Portrait of the Artist) | Forum

Der dem Griechischen entstammende Begriff „Monster“ bedeutet Zeichen oder Vorzeichen. Das Monströse, als welches häufig die an Missbildungen oder seltenen Krankheiten leidenden Individuen wahrgenommen wurden, trat auf, um auf ein bedeutsames Ereignis hinzuweisen oder zu warnen. Furchteinflößend ist ursprünglich nicht das Monstrum, sondern das, was sein Auftauchen ankündigt. In diesem Sinne ist der Hauptcharakter von Antoine Barrauds Schein-Dokumentation ein Monster, wie er es zugleich in Museen auf Kunstdarstellungen sucht.

Berlinale 2015 Teil 7 Le Dos RougeDer etablierte Regisseur Bertrand (Filmemacher Bertrand Bonello, der zuletzt 2014 Saint Laurent auf der Berlinale vorstellte) durchstreift mal allein, mal begleitet von ähnlich exzentrischen Schauspielerinnen und Gefährtinnen (Jeanne Balibar, Sigrid Bouaziz) weltberühmte Galerien und Sammlungen. Deren Schätze fesseln nicht nur die Kamera mehr als die spröden Protagonisten, die Bertrand auf seiner Suche beraten. Für seinen nächsten Film mit dem Thema „Monstrosität“ sucht er ein repräsentatives Abbild eines Monsters. Über zwei Stunden wandern die Figuren interpretierend durch den Louvre, das Musée Gustave Moreau und zu eigentümlichen Treffen, wo bewundernde Journalisten, Zufallsbekanntschaften und sogar Charlotte Rampling Gäste sind. Der Plot mäandert durch die heiligen Hallen der Kunst, während Barrauds Geschichte ihr Ziel aus den Augen verliert. Nicht besser ergeht es Bertrand, der vergeblich nach dem idealen Werk sucht, während auf seinem Rücken ein seltsamer Ausschlag zu wuchern beginnt. Ein befreundeter Arzt im Ruhestand (Barbet Schroeder), bei dem Bertrand vorstellig wird, verweigert die Behandlung, da Bertrand wolle, dass er „seinen Rücken betrachte wie ein Kunstwerk.“ Der Vorwurf, der in einen kuriosen Trotzakt mündet, rührt an den Kern des Geschehens. Bertrand ist das Monster, seine Suche eine Selbstsuche. Doch wie viele mythologische und historische Gestalten vor ihm, vermag er das Omen, das sich rot auf seinem Rücken abzeichnet, nicht zu deuten. Für Außenstehende ist die psychosomatische Parabel weit offenkundiger.

Der egozentrische Protagonist will für sich die intensive Beschäftigung und Verehrung, die seine vorzugsweise weibliche Gesellschaft grandiosen Gemälden und Skulpturen entgegenbringt. Er liebt die Kunst, aber er ist ein eifersüchtiger Liebhaber. Durch einen Film die Aufmerksamkeit seines Umfelds auf ein ausgewähltes Werk zu lenken, hieße gleichzeitig, sie von seiner Kreativität weg zu lenken. Solange aber kein Objekt als Zentrum seines Filmprojekts festgelegt ist, richtet sich der Fokus auf ihn. Indem er einen unbeachteten Kunstgegenstand in seinem Projekt neu präsentiert, kann sich Bertrand als dessen Mitschöpfer fühlen. Seine Eifersucht gilt neben den detailliert analysierten Kunstwerken, den Künstlern, an die er nicht heranreicht. Differenzierende Brüche finden sich in dem zweischneidigen Porträt kaum, dafür viel von Barrauds Bewunderung für den erfolgreichen Kollegen Bonello. Der wiederum spreizt sein Ego, bis anfängliches Interesse zu Überdruss wird. Selbstreferenz ist nunmal nicht Selbstreflektion und Kunst lässt sich nicht einfach erschaffen, indem man Kunstwerke abbildet.

2,5/5 Sterne

 

I Am Michael | Panorama

„Ich habe einfach das Gefühl, etwas hat mich gepackt, geschüttelt und aufgeweckt.“, sagt der Titelcharakter (James Franco), der sich vom Herausgeber eines LGBT-Magazins, der seine Homosexualität selbstbewusst lebt, zum fundamentalistischen Mormonen wandelt. Wer kann schon widerstehen, wenn ein Pfarrer einen zur Kirche lockt? „Guck’s dir einfach mal an und schau, was das Mormonentum dir anbietet.“ Aber gepackt, geschüttelt und aufgeweckt werden muss man um ein Haar nach Justin Kellys unscharfem Porträt des realen Pastors Michael Glatze. Die lückenhafte Charakterskizze scheint eher an Franco interessiert, als an seinem Hauptcharakter. Dessen ideologische und sexuelle Neudefinition schilderte Journalist Benoit Denizet-Lewis in einem Artikel der New York Times, auf dem die Handlung basiert.

Berlinale 2015 Teil 7 I Am MichaelDer erste Langfilm von Drehbuchautor und Regisseur Kelly leidet ebenso an der formelhaften Inszenierung wie der plakativen Charakterisierung. Hinter den Figuren stehen zugkräftige Namen, auf die sich Kelly scheinbar zu sehr verlässt. Emma Roberts (als Michael Glatze' spätere Gattin Rebekah), Daryl Hannah, TV-Serien-Beau Charlie Carver (Michaels vorübergehender Liebespartner Tyler), Zachary Quinto (erst Michaels Langzeitpartner, dann Ex-Lover Bennet) und James Franco, immer wieder James Franco. Der tummelt sich mit Vorliebe in Berlinale-Filmen, doch man muss kein Akkordgucker sein, um seiner oberflächlichen Dauerpräsenz in I Am Michael überdrüssig zu werden. Eine derart zentralisierte Rolle erfordert eine starke Darstellung, die Franco in diesem Fall nicht liefert. Die konfessionellen Konflikte Michaels und die psychologischen (Ab)Gründe, die seine Selbstverleugnung auslösen, werden nie plausibel. Die filmischen Metaphern für seine innere Verlorenheit wechseln zwischen penetrant und albern. Michael malt gedankenverloren eine Spirale auf eine Notiz und sogar mit Ahornsirup auf seine Pancakes. Klare Anzeichen für eine seelische Krise! „Die einzige Sünde ist Liebe zu leugnen.“, predigt Michael einmal, „Hört auf zu hassen, beginnt zu lieben!“ Im Bezug auf das unzureichende Biopic fällt das schwer. Besonders wenn man weiß: das war nur der erste von drei James-Franco-Filmen.

2/5 Sterne

 

Schneewittchen und die sieben Zwerge | Retrospektive

Berlinale 2015 Teil 7 Schneewittchen und die sieben Zwerge„Disney’s Folly“ wurde das Projekt genannt, in das Walt Disney kolossale anderthalb Millionen Dollar und die Arbeitskraft des gesamten Studios investierte. Die Vorabpresse schwankte zwischen Häme und Ratlosigkeit. Wer sollte sich Schneewittchen und die sieben Zwerge ansehen? Es wurden Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt. Der Erfolg des ersten Animationsspielfilms scheint auf den ersten Blick überraschend. Nach einem Prolog beginnt die Handlung statt mit der Hauptfigur mit deren Widersacherin. Die Stimmung wechselt sprunghaft zwischen Romantik, Schrecken und Komik. Charaktere erscheinen aus dem Nichts, in das sie unerklärlich wieder versinken. Der tragische Handlungshöhepunkt wird unversehens zum Happy End. Es sind Charakteristika des Märchens, dem Schneewittchen und der einst mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Cinderella enger verbunden sind als die späteren Disney-Zeichentrickklassiker, die mehr den Konzepten des klassischen Hollywood-Kinos folgen. Wie zahlreiche Grimms Märchen ist die Kitsch und düstere Poesie vereinende Erzählung ein Horrorwerk für Kinder und Erwachsene. In den auf Illustrationen Gustaf Tengrens basierenden Bildern lauern neben possierlichen Tierchen und Zwergen im tiefen dunklen Wald Hexen, Bestien und Mördern. Ihnen allen begegnet Schneewittchen, doch sie sind nur makaberer Schabernack gleich den tanzenden Skeletten aus den „Silly Symphonies“. Verstörend bleibt der Zeichentrickklassiker durch die übermächtige Schurkin. Königin und Schneewittchen sind zwei Facetten des gleichen Charakters und verkörpern die Extreme von Güte und Bosheit. Nicht Schneewittchen fürchtet die Königin, sondern die Königin Schneewittchen. Der Blick in den Spiegel zeigt ihr die verhasste Konkurrentin als unerreichbares jüngeres Ich, das sie mit diabolischer List zerstören will:

Queen: Yes. One bite, and all your dreams will come true.

Snow White: Really?

Queen: Yes, girlie. Now, make a wish, and take a bite.

Das Versprechungen, mit der die Hexengestalt Schneewittchen zum Biss in den Apfel verlockt, ist das aller Disney-Spielfilme: Träume gehen in Erfüllung, Wünsche werden wahr. Die späteren Disney-Prinzessinnen glauben ebenfalls daran und zur Belohnung erfüllen sich ihre Träume tatsächlich, genauso wie Schneewittchens Traum von Prince Charming. Er reitet zum Schluss mit ihr ins Schloss der Königin, wo Schneewittchen deren Platz einnimmt und „Happily ever after“ lebt. Solange sie die Schönste im Land ist.

5/5 Sterne

 

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Hier geht es zu den bisherigen Berichten:

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 5

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 6

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 6

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Berlinale 2015 Teil 6

Liebe Filmfutter-Fans und neugierige Cineasten,

willkommen zum sechsten und vorletzten Teil unserer siebenteiligen zusammenfassenden Berlinale-Übersichtsberichte. Diesmal im Fokus: eine US-amerikanisch-chilenische Produktion mit Brautalarm-Star Kirsten Wiig, eine deutsch-italienische Arbeit, die bestenfalls durch unfreiwilligen Humor überzeugt und ein argentinisches Drama mit Potenzial, das jedoch nie eingelöst wird. Ausführlicher berichtet dazu unsere Autorin:

Nasty Baby | Panorama

Der verquere Kamerablick auf Affektiertheit und Affekte der New Yorker Boheme ist exakt, was sein Titel verspricht: das hässliche Kind des Geistes von Sebastián Silva, der sich in seiner verkrampften Komödie die Hauptrolle auf den Leib schrieb. Dieser Umstand macht die hämische Story doppelbödiger, als dem Regisseur und Drehbuchautor offenbar bewusst ist. Silvas Leinwand-Ich, der cholerische Künstler Freddy, arbeitet an einer Video-Installation, in der er und Bekannte Babyverhalten nachstellen. Das Resultat ist richtig ätzend – da wäre der erste Bezug zum Filmtitel – und wirkt von Anfang an ähnlich verkalkuliert, wie die gesamte Handlung.

Berlinale 2015 Teil 6  Nasty BabyMit seiner besten Freundin Polly (Kirsten Wiig) arbeitet Freddy an einem anderen Projekt, für das beide die Hilfe von Freddys Partner Mo (Tunde Adebimpe) benötigen. Konkret: Mos Samen. Wer das Kind eigentlich warum unbedingt will, bleibt unklar. Umso deutlicher macht der Plot, dass ein Kind aus einer unkonventionellen Familienkonstellation etwas Widerwärtiges sei – der nächste Bezug zum Titel. Da sieht man, wohin das führt, wenn das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Schema aufgebrochen wird! Kiffende schwule Möchtegern-Künstler und Single-Frauen beanspruchen für sich, was Gott ihnen aus gutem Grund vorenthält! In einer bezeichnenden Szene wird Polly vorwurfsvoll von einer werdenden Mutter gefragt, warum sie denn glaube, dass es bei ihr mit dem Nachwuchs bisher nicht geklappt habe. Die implizierte Antwort liegt auf der Hand: jemand da oben hat was dagegen! Damit keine Zweifel an der moralischen Verwerflichkeit des Protagonisten-Trios bleibt, geraten sie in eine Fehde mit dem geistig verwirrten Nachbarn The Bishop (Reg E. Cathey). Der terrorisiert mit Attacken und Pöbeleien die Nachbarschaft, für die Silva nur Verachtung übrig hat. Dabei sind der altersschwache homosexuelle Anwohner Richard (Mark Margolis) und Freddys junge Assistentin Wendy (Alia Shawkat) bis auf kleine Exzentrizitäten völlig normal. Was tatsächlich nasty erscheint, ist der reaktionäre moralische Maßstab, an dem die Figuren gemessen werden. Dass gleichgeschlechtliche Paare oder Singles einen Kinderwunsch hegen, ist für Silva augenscheinlich der blanke Horror. In solchen schlägt die holprige Komödie um. Das letzte Drittel wirkt wie der Anfang eines Teenie-Slashers a la Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Das Endprodukt ist ein zeitgenössisches Pendant zu Sensationsstreifen wie Reefer Madness und Boys Beware!, nur nicht lustig. Dazu ist das Weltbild dahinter einfach zu hässlich.

0/5 Sterne

 

Sibylle | Perspektive Deutsches Kino

Vorneweg: Das Presseheft sieht klasse aus. Bei den Pressevorführungen der Perspektive Deutsches Kino kommt das „Arthouse!“ schreiende Design besonders gut. Viele Filme haben hier nicht mal ein richtiges Presseheft, sondern nur ein paar ausgedruckte Seiten, zusammengehalten von einer Tacker-Klammer. Solche Filme haben bei Kritikern natürlich sofort verspielt! Wenn hingegen ein Taschen-Verlag-würdiges Booklet wartet, mit ganzseitigen Farbbildern, Interviews, hochtrabenden Vergleichen…dann kann man nur ein Meisterwerk vor sich haben!

Manche mögen denken, dass die Sorgfalt, mit der das Presseheft gestaltet wurde, besser in das Drehbuch gesteckt worden wäre. Aber zu denen gehört Michael Krummenacher nicht. Verständlich, denn von ihm stammen Skript und Inszenierung der wirren Krimi-Chose. Hat man sich einmal damit abgefunden, dass die fähigen Darsteller und betont künstlerische Vorabpräsentation nunmal keinen soliden Film garantieren, ist Sibylle stellenweise durchaus amüsant. Unfreiwillig zwar, aber David Lynch wird vermutlich auch nur unfreiwillig 87 Minuten lang von Krummenacher nachgeahmt. Blutrote, mitternachtsblaue und schattenschwarze Farbfilter verfremden die Bilder, bis das Gefühl entsteht, einen alten 3-D-Film ohne 3-D-Brille zu sehen. Dazu gibt es skurrile Anzugträger, die hinter sich plötzlich öffnenden Türen abwarten und beobachten. Ein manipulativer Hotel-Concierge erinnert an den Barkeeper des Overlook-Hotels in The Shining. Bedrohliche Soundeffekte, verzerrte Aufnahmen, die psychische Instabilität vermitteln sollen, Dialoge, in denen Alltagssätze eine beängstigende Zweideutigkeit annehmen, Protagonisten, die plötzlich andere sind, obwohl äußerlich die gleichen, Doppelgängerinnen…

Berlinale 2015 Teil 6 SibylleEiner davon begegnet die Titelfigur (Anne Ratte-Polle) im Familienurlaub beim spazieren gehen. Die meisten würden in solch einer Situation vermutlich nicht einfach nur hallo sagen, aber Sibylle ist anders als alle. Außer natürlich ihre Doppelgängerin, die buchstäblich hops geht: von einer Klippe. Sibylle ist tief verstört, aber nicht so tief, dass sie ihrem Mann Jan (Thomas Loibl), als der mit den Worten „Ich mach dann mal los.“ außer Haus geht, etwas mitteilen würde. Später gefragt, warum sie nichts gesagt habe, kommentiert Sibylle schnippisch: „Du musstest ja los machen!“ Tja, solche nervenzerfetzenden Storys verpassen Ehemänner, die ihre Frauen nicht täglich fragen, wie der Morgenspaziergang war. Reumütig gibt Jan fortan tolle Ratschläge, als es mit der bis dato erfolgreichen Familienmutter beruflich und privat steil bergab (Metapher!) geht: „Versuch mal zu schlafen, Liebes.“ Das können tödlich gelangweilte Kinozuschauer, aber nicht Sibylle. Da ist ein seltsames Klopfen im Gemäuer, der Boiler grummelt gruselig und der Typ von gegenüber schielt immer ins Fenster. Sogar die aufdringlichen Nachbarn sehen durch das Bullauge des Türspions so fies aus, als wären sie Gerichtsvollzieher oder eben aufdringliche Nachbarn. Übel nehmen kann man Krummenachers Abschlussfilm die augenfällige Imitation nicht. Die abstrusen Dialoge und lächerlichen Aktionen der Figuren wecken zumindest ein Grinsen. Solange der Film nur keinen Doppelgänger hat…

0/5 Sterne

 

El Incendio | Panorama

Wer ist an der Streiterei Schuld? Sie oder er? Er bringt das Theater aufs Tapet, aber sie hat die Grundlage für das ganze Drama gelegt. Um solche gewichtigen Probleme schlagen sich die zwei Hauptfiguren von Juan Schnitmans und Agustina Liendos Beziehungsdrama. Die Fragestellung lässt sich ebenso auf die beiden Macher übertragen: Er hat Regie geführt, sie das Drehbuch verfasst. Wer ist Schuld an der richtungslosen Handlung, die wie eine erschöpfende fruchtlose Paartherapie aussieht? Der spanische Titel bedeutet „der Brand“, aber auf der Leinwand flackert nicht einmal ein Funken Inspiration. Die Figuren zanken ununterbrochen, was weder tiefsinnig, noch lustig ist und schon gar nicht spannend.

Berlinale 2015 Teil 6 El IncendioDabei besitzt die Ausgangssituation durchaus das Potential dazu. Schauplatz ist das von Gewalt und Korruption zerrissenen Buenos Aires, wo die ruppige Kamera von Soledad Rodriguez stets dicht an den Protagonisten bleibt. Ein Paar in der Mitte des Lebens vor einer tiefgreifenden Entscheidung. 100.000 Dollar. Ein Deal, den der Geschäftspartner in letzter Minute abbläst. Keine gute Idee, denn Marcelo (Juan Barberini) hat eine Waffe und ein Aggressionsproblem. Seine Partnerin Lucía (Pilar Gamboa) hat auch Probleme. Klingt spannend, ist es aber nicht, denn die Probleme sind von der Du-liebst-mich-nicht-mehr-Sorte. Genauer ist es die Du-liebst-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-Sorte. Noch genauer gesagt die Du-liebts-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-denn-wir-kaufen-ein-Haus-Sorte. Der erwähnte Deal ist der Hauskauf, den Lucia notgedrungen um einen Tag verschiebt, was Marcelo total frustriert. Marcelos uralte Knarre gammelt in einem Schuhkarton vor sich hin, Lucía findet sie und sieht einen willkommenen Anlass für eine Grundsatzdiskussion. Und wo führt ein Pärchen die am Besten? Vor der versammelten Clique. Nur so hat ein Kleinkrieg die idealen Voraussetzungen, zum Grabenkampf zu werden. Dummerweise sind die Freunde viel zu versöhnlich. Daher müssen Lucia und Marcelo allein weiter zanken, knapp zwei Stunden lang. Dann gibt es eine enervierend lange Sexszene und es geht weiter mit hohlgeistigen Beziehungskrach. Auch eine Art Happy End. Die zwei haben einander verdient. Aber kaum einer verdient diesen dumpfen Film.

1/5 Sterne

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Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 5

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 5

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Berlinale 2015 Teil 5

Im fünften Teil unserer zusammenfassenden Berichtsreihe von der Berlinale 2015 geht es um besonders ungewöhnliche Beiträge: die Kurzfilme der Berlinale, die Feinschmecker-Sektion "Kulinarisches Kino" und eine einstündige deutsche Doku, in der man die Protagonistinnen nie zu Gesicht bekommt.

Berlinale Shorts

Berlinale 2015 Teil 5 Lo sum choe sumAls die Redaktion im Fazit zur Berlinale 2014 (jetzt aber wirklich den Link anklicken, sonst fehlt der Kontext) wissen wollte, was meiner Meinung nach zukünftig besser gemacht werden sollte, dachte ich: „Na klar, als ob die Berlinale Wunschkonzert wäre und Kosslick der Weihnachts- bzw. Wunschkonzert-Mann!“ Aber ich wurde auf wunderbare Weise eines Besseren belehrt, denn dieses Jahr gab es sie: Pressevorführungen für die Berlinale Shorts! Ein Höhepunkt der wechselhaften Kurzfilme ist Dechen Roders Lo sum choe sum, nicht nur auf filmschöpferischer Ebene, sondern aufgrund seiner scharfen Gesellschaftskritik. Die 20-minütige biografische Episode einer jungen bhutanischen Frau zeigt mit sarkastischer Prägnanz die bittere Lebensrealität unterprivilegierter weiblicher Mitglieder eines patriarchalischen Systems. Fast beleidigend tumb wirkt demgegenüber die inhaltliche und visuelle Hässlichkeit von Ulu Brauns Architektura. Danach glänzen selbst mittelprächtige Ideen wie Jennifer Reeders sympathische Riot-Grrrl-Hommage Blood beneath the Skin. Deren größte Schwäche ist, dass sie gefühlt 20 Jahre zu spät kommt. Gleiches gilt in der nächsten Hommage von Raphael Wregas Bhanuteja, diesmal Amateurfilmern wie denen in seinem Lembusura gewidmet, für die Pointe. Womöglich verbirgt sich darin eine Lektion für alle, die noch im letzten Licht der Schlussblende aus dem Saal stürzen: den Abspann abwarten! Aber das muss man hier ohnehin, stehen doch noch Yoriko Mizushiris verspielte Animations-Phantasie mako und Joel Pizzinis schwarz-weiße Gedankenreise Feuermeer/MAR DE FOGO (man sieht, die Experimentierfreude erstreckt sich auf die Schreibweise der Titel) auf dem Programm. Selbiges ist so wild gemischt, dass kaum Überlegen nötig ist, welchen der fünf Kurzfilmblöcke im Programm man guckt. Einfach aussuchen, was zur günstigsten Zeit läuft und überraschen lassen. Unter den mal nur wenige Minuten, mal mehr als halbstündigen Werken ist garantiert für jeden etwas dabei – ob zum Zurücklehnen und Genießen oder Bemängeln. Letztes will ich im Fazit unbedingt wieder tun. Wer weiß, was es bringt?

1-5/Sterne

 

Freiräume | Perspektive Deutsches Kino

„Die Möbel haben dann alleine in dem Zimmer gestanden.“, kommentiert eine der vier Ehefrauen und Mütter, deren abrupt veränderte Lebenswelten Filippa Bauer ausleuchtet: im praktischen Sinne mit Kamera und Stativ. In ihrer einstündigen Doku, die zugleich ihr Abschlussfilm ist, erkundet die Regisseurin die Langzeiteffekte familiärer Umbrüche. Die Veränderungen sind auf den ersten Blick banaler Natur und oft lange absehbar: der Mann ist weg, weil der Tod dazwischen kam oder das Leben, die Kinder sind aus dem Haus – das auf einmal verändert scheint: leise, reglos und leer.

Berlinale 2015 Teil 5 Freiräume„Die Stille ist nicht witzig.“, sagt Rosalie, die nach dem Auszug ihres erwachsenen Sohnes dessen Zimmer sie unverändert bereithält, damit er sich nicht ausgeschlossen fühle, falls er mal vorbeikommt – falls. Sie spricht von Struktur, die man leicht verlieren könne, dem Alleinsein im Gegensatz zu Einsamkeit und dem Traum von einer Arbeit auf einem Ärzteschiff „auf dem Amazonas“. Aus all dem spricht die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht unverrückbar ist und wo sie sich wieder um andere kümmern kann. „Aber da müsste man erst mal schauen.“, sagt sie und der Tonfall macht klar, dass sie wohl nie schauen wird. Der Zuschauer wiederum sieht keine der Sprecherinnen, sondern das, was sie Tag für Tag sehen: leere Zimmer. Bauer erstellt intime Porträts, in denen die Porträtierten unsichtbar bleiben. Aus dem Off erzählen die Protagonistinnen aus ihren Biografien und dem neuen Alltag, dessen Relikte das Kameraauge sachlich registriert. Der Rahmen bestimmt das Bild – doch wie zutreffend kann dieses sein? Die Filmemacherin präsentiert keine zugeschnittenen Antworten, sondern überlässt es bewusst dem Zuschauer, die systematisch gesetzten Leerstellen auf der Leinwand zu füllen. Auf diese Weise stellt sich auf kinematischer Ebene die gleiche Aufgabe, die sich in der Realität den Sprecherinnen stellte.

Sylvia, Marianna und Marliese, die in anderen Orten in anderen Familienverhältnissen leben, sahen die neuen räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten teils erwartungsvoll entgegen. Bei Marliese war die Ungeduld so groß, dass es zu Konflikten mit der erwachsenen Tochter führte. Wenn man sich freut, dass die Kinder endlich raus sind, ist man dann eine schlechte Mutter? Genießen konnte Marliese die titelgebenden Freiräume in Wohnung und Alltag vorerst nicht. In dem zum persönlichen Kreativ-Raum umgestalteten Kinderzimmer wollte die Kreativität nicht einziehen. An solchen emotionalen Knackpunkten halten die Erzählerinnen fast schuldbewusst inne und versichern, dass sie wunderbar zurechtkämen. Wäre dem nicht so, müssten sie sich womöglich fragen, ob sie zu viel für andere gelebt haben und zu wenig für sich selbst. Doch solch ein desillusioniertes Fazit widerspräche dem traditionellen Ideal der seligen Hausfrau, Gattin und erfüllten Mutter, dem die Figuren scheinbar unbewusst entsprechen wollen. Zuerst habe sie gedacht, ihr fällt die Decke auf den Kopf, sagt eine, aber dann habe sie versucht, es auszuhalten. Schon in diesem „aushalten“ klingt mehr Verlorenheit durch, als der positiv konnotierte Titel ahnen lässt.

2/5 Sterne

 

Berlinale Kulinarisches Kino

Was als Experiment begann, ist längst eine etablierte Sektion, die mittlerweile ihr 10. Jubiläum feiert. Zeit für ein kleines Resümee über die Sparte, die auf anderen internationalen Festivals Nachahmer gefunden hat. Womöglich sind einige davon weniger elitär als das Vorbild, das eine reichlich exklusive Veranstaltung ist. Die Tickets kosten 85 Euro. Dafür gibt es zum Film ein mehrgängiges Dinner, kredenzt von bekannten Spitzenköchen. Wer dabei ist, kriegt drei Wünsche auf einmal erfüllt: er ist bei einem Filmfestival, in speist in einem In-Restaurant und wird von einer festen Größe der Gourmet-Küche mit einem eigens zusammengestellten Menü bedacht. Klingt besser als Kinderüberraschung.

Berlinale 2015 Teil 5 Sergio Herman FUCKING PERFECTTrotz der horrenden Preise sind die Tickets begehrt, dieses Jahr vermutlich noch mehr als sonst. Damit niemandem entgeht warum, lautet das Motto in zu Kosslicks Sprachkreationen passendem Denglisch: „10 Jahre Film & Food“. Das benennt ehrlich den Kern der Veranstaltung: erst hungrig gucken, dann reinhauen. Der Fokus liegt klar auf letztem. Ich mutmaße, dass mehr Besucher den Abend danach auswählen, was auf dem Menü steht (und welcher klangvolle Name darüber), als nach der Kinovorführung. Wohlweislich legt die Filmauswahl darauf Wert, dass niemandem der Appetit vergehe. Es dominieren Filme über legendäre Weine wie Luis López Linares' Jerez & El misterio del Palo Cortado oder besondere Restaurants wie Francesco Ranieri Martinottis Il segreto di Otello. Mehr Filme als je zuvor huldigen Sterne-Köchen wie Cooking Up a Tribute von Luis González, Willemiek Kluijfhouts Sergio Herman, FUCKING PERFECT, David Gelbs Chef’s Table „Massimo Bottura“ und Buscando a Gastón (Finding Gastón) von Patricia Pérez. Falls jemand überlegt, woher eigentlich die Zutaten für die Schlemmer-Orgien kommen, liefern Filme über ökologisch vorbildliche Landwirte wie Phie Ambos in Good Things Await (OT: Så meget godt i vente) das reine Gewissen. Vergessen sind Zustände wie auf der Berlinale 2010, als das Gratis-Wasser für die Presse statt in Glasflaschen in Imbissbuden-Style-Bechern kam und das Festival in einer Plastikflut ertrank. Oder als vorm Dinner Food, Inc. lief, für alle, die beim Anblick zerschredderter Küken denken: „Yummy, hoffentlich gibt’s gleich Chicken McNuggets!“

Berlinale 2015 Teil 5 Little ForestWie eine Oase, auch cineastischer Art, wirkt in dieser elitären Welt Junichi Moris Little Forest. Die feinfühlige Verfilmung von Daisuke Igarashis gleichnamigem Manga zeigt das naturverbundene Leben einer jungen Frau in malerischen Episoden, jede gewidmet einer Jahreszeit. Von den insgesamt vier Folgen der Minireihe werden die kontrastreichen Bilder von Sommer und Winter einander gegenübergestellt. Obwohl künstlerische Werke wie Moris und hintergründige Reportagen nicht völlig aus dem Programm verbannt wurden, sind sie gegenwärtig leider die Ausnahme. Das Ganze sieht verdächtig danach aus, als ob die Gourmet-Elite sich selbst feiert oder mit idyllischen Bildern suggeriert, der Kampf der Bio-Bewegung sei längst gewonnen. So kann man am nächsten Tag bedenkenlos das Tiefkühl-Hähnchen von Wiesenhof kaufen. Irgendwo müssen die Ausgaben fürs Ticket schließlich wieder eingespart werden. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und da aller guten Dinge drei sind, davor noch ein Film.

Wertungen:

Buscando a Gastón (Finding Gastón): 2/5 Sterne
Sergio Herman, FUCKING PERFECT: 1/5 Sterne
Cooking up a Tribute: 1,5/5 Sterne
Jerez & El misterio del Palo Cortado: 3/5 Sterne
Il segreto di Otello: 1/5 Sterne
Little Forest: 4/5 Sterne

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Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

"Better Call Saul" S01E02 "Mijo" Kritik

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Better Call Saul Mijo Kritik

Der Artikel enthält einige “Better Call Saul”-SPOILER zur besprochenen Folge!

Die erste Folge von "Better Call Saul" konnte nicht durchgehend die hohe Spannung aufrechterhalten, an die die "Breaking Bad"-Fans gewohnt sind, doch sie endete auf jeden Fall mit einem Knall und einer Überraschung, die viele Fans der Vorgängerserie voller Vorfreude auf die zweite Folge zurückließ. Jimmy McGill (prä-Saul), unser unglückseliger Anwalt, der versucht hat, neue Kunden an Land zu ziehen mit Hilfe von zwei Tunichtgut-Zwillingen, hatte in den letzten Sekunden der Pilotfolge einen Pistolenlauf im Gesicht. Am anderen Ende der Knarre: Tuco Salamanca, der psychopathische Drogendealer, durch den Walter und Jesse in "Breaking Bad" anfangs versucht haben, ihre Erzeugnisse abzusetzen. Für keinen der Beteiligten ist es damals besonders gut geendet, am wenigsten für Tuco, der von Hank zur Strecke gebracht wird.

Doch all das liegt für den methsüchtigen Psychopathen noch in ferner Zukunft und da wir uns hier im Prequel-Land befinden, kann "Better Call Saul" alle möglichen verstorbenen Charaktere zurückbringen. Bühne frei für Tuco. Es stellt sich heraus, dass einer der Skateboarder-Zwillinge, die Jimmy für seine Sache gewinnen konnte, sich vor das falsche Auto geworfen hat. Anstatt anzuhalten und sich um das Wohlergehen des Angefahrenen zu kümmern, begeht das Betrugsopfer Fahrerflucht, doch die beiden Zwillinge sind schnell hinterher, in der Hoffnung sie um etwas Schmerzensgeld zu erpressen und Jimmy gänzlich außen vor zu lassen. Das alles erfahren wir bereits in der ersten Folge. Der Beginn der zweiten spult ein wenig zurück und zeigt, was sich in Tucos Haus vor Jimmys Ankunft abgespielt hat. Wie man schon vermuten konnte, haben die Dumpfbacken Lars und Cal einen Fehler begangen, als sie versucht haben, die arme abuelita von Tuco, die ihren Enkelsohn liebevoll mijo nennt und von der ganzen Fahrerflucht-Situation offensichtlich überfordert ist, einzuschüchtern. Als sie die alte Frau auch noch als eine crazy old biznatch (ja, man merkt auch am Jargon, dass die Serie vor mehr als zehn Jahren spielt!) bezeichnen, bringen sie Tucos Fass zum Überlaufen. Bedenkt, es ist der gleiche Mann, der einen seiner Handlanger in "Breaking Bad" totgeprügelt hat, nur weil er ihn unterbrochen hat.

Ruhig schickt er seine Oma auf ihr Zimmer und verdrischt die beiden Möchtegern-Betrüger. Bevor er ihnen jedoch endgültig den Garaus machen kann, trifft Jimmy ein, der zwar beim Aushecken der ganzen Sache auch nicht unbedingt gutes Urteilsvermögen bewiesen hat, jedoch im Gegensatz zu den Zwillingen die gefährliche Situation schnell richtig einschätzt. Zum Glück ist Saul nicht auf den Mund gefallen (was Tuco auch knapp anmerkt) und schafft es fast, durch Berufung auf ein furchtbares Missverständnis den Gangster davon zu überzeugen, ihn und die in seinem Keller gefesselten Zwillinge freizulassen. Da diese jedoch nicht die hellsten Kerzen im Leuchter sind, verraten sie prompt Jimmys betrügerischen Plan und schieben die komplette Schuld auf ihn. Tuco is not amused ("Are you trying to punk my abuelita").

Better Call Saul Mijo Kritik Bild 1

In der nächsten Szene landen Jimmy, Cal und Lars gefesselt in der Wüste und Tuco, begleitet von seinen Handlangern No Doze und Gonzo (Jesus  Payan und Cesar Garcia spielen wieder ihre Rollen aus "Breaking Bad"!) und Nacho Varga (Michael Mando) einer Figur, die wir noch nicht gesehen haben, entscheidet über das Schicksal der drei. Die Szene spielt sich ab wie ein klassisches Stück aus "Breaking Bad" und das meine ich im besten Sinne. Bewaffnete Männer bedrohen wehrlose gefesselte Protagonisten in der Wüste und es ist lediglich Jimmys Überzeugungskraft, die sie da herausbringen kann. Tuco ist davon überzeugt, dass Jimmy für jemanden arbeitet, der sein Geschäft ausspioniert. Nachdem Jimmys Versuche scheitern, ihn davon zu überzeugen, dass er nur ein Anwalt se, und seine Finger im Drahtschneider landen, wechselt er den Kurs und gibt sich als FBI-Agent Jeffrey Steel aus, der die Opration Kingbreaker leitet (ein Name, der Tuco voller Stolz erfüllt). Auch dieser Schachzug bringt ihn jedoch nicht weiter, denn als FBI-Agent unter Drogendealern hat er keine hohe Lebenserwartung. Zu seinem Glück ist Nacho deutlich besonnener als Tuco und lässt sich davon überzeugen, dass Jimmy wirklich nur ein armseliger Anwalt sei. Da Anwälte zu töten schlecht für das Geschäft sei, wird Jimmy freigelassen, doch Cal und Lars müssen dafür bezahlen, dass sie Tucos geliebte Oma beleidigt haben. Hier beginnt der beste Teil dieser Szene.

Wie die besten Momente von "Breaking Bad" kombiniert "Better Call Saul" in der Wüstenszene stetig steigende Spannung mit makabrem Humor. Als Zuschauer lacht man nervös und sitzt angespannt am Sesselrand, während Jimmy mit allen Mitteln versucht, das Todesurteil der beiden Trottel, die ihn eigentlich hintergangen haben, abzuwenden. Denn Jimmy ist vielleicht schmierig und unehrlich, doch er ist kein übler Kerl. Eine Parallele zu Walter White sieht man auch hier: beide beziehen ihre Macht aus Worten und Manipulation. Der Unterschied ist jedoch, dass Walter meist an die Profitgedanken seiner Gegner appelliert hat, während Jimmy einen anderen Nerv zu treffen versucht – Tucos Ehrgefühl, seinen verqueren Sinn für Gerechtigkeit und Mitleid für die Mutter der Jungs, für die Jimmy aus dem Stegreif eine komplette Hintergrundsgeschichte (Putzfrau mit Krücke!) spinnt. Nach und nach handelt er ihn in der Bestrafung der beiden runter (kolumbianische Krawatte? Augen ausstechen? Arme und Beine brechen?). Der Austausch zwischen dem verzweifelt feilschenden Jimmy und dem durchgeknallten aber von seiner Rechtschaffenheit überzeugten Tuco ist das Highlight der Folge, an das man sich mit Sicherheit auch später als eins der besten Momente der Serie erinnern wird.

Jimmy handelt für die beiden anstelle eines "Todesurteils" eine "sechsmonatige Bewährung" aus, was mit ein paar gebrochenen Gliedmaßen einhergeht. Während Walter in "Breaking Bad" die Gewalt, in die er ziemlich schnell hineingezogen wurde, gut verkraften konnte (ein früher Hinweis auf seinen eigenen dunklen Pfad), bleibt Jimmy von seinem Erlebnis traumatisiert, betrinkt sich auf einem aussichtslosen Date und verbringt die Nacht auf der Couch eines Bruders.

Es ist eine spannende erste Hälfte der Folge, die jedoch dann ein wenig an Fokus verliert, wenn auch nie an Unterhaltungswert. Froh mit dem Leben davongekommen zu sein, und durch Krankenhausrechnungen für die Brüder hoch verschuldet, schiebt Saul seinen Dienst als Pflichtverteidiger Tag für Tag, was wir in einer Montage als Hommage zu Bob Fosses All That Jazz präsentiert bekommen. Der Alltagstrott, komplettiert mit täglichen Kabbeleien mit Mike an der Pförtnerschranke (Stickers!), die für den bislang lustigsten Moment der Serie sorgten (siehe Video unten), ist toll inszeniert, doch letztlich auch ein wenig ziellos. Die Brillante bei "Breaking Bad" war, dass es ein sehr simples und zugleich effektives Konzept war: Chemielehrer wird krebskrank und kocht Crystal Meth, um so viel Geld zu verdienen. In einem Satz ließ sich die komplette Prämisse der Serie zusammenfassen, die Neugier der potenziellen Zuschauer wecken und man musste nur abwarten, wie es sich abspielt. Nach Jimmys traumatischer Wüstenerfahrung kann man immer noch nicht sagen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Nicht dass ich nur eine Sekunde lang gelangweilt war, erst recht nicht bei Michele MacLarens toller Inszenierung der Folge (vermutlich die beste Regisseurin, neben Rian Johnson, die an "Breaking Bad" gearbeitet hat). Doch es fehlt zuweilen ein wirklicher Spannungsbogen.

https://youtu.be/LQ331j-sJCU

Doch auch hier sehe ich positiv der Zukunft entgegen denn ein Besucher in Jimmys schäbigem "Büro" (das Hinterzimmer eines Nagelstudios und zugleich auch Jimmys Schlafstelle) legt die Weichen für seine Entwicklung von Jimmy zu Saul, dem Berater von Kriminellen. Man kann gespannt sein, wie das weitergeht. Positiv ist jedenfalls anzumerken, dass abgesehen von Tuco und seinen Kumpanen, die Serie die Anzahl der "Breaking Bad"-Referenzen angenehm heruntergeschraubt hat, während man aber trotzdem die ganze Zeit das wohlige Gefühl hat, sich im gleichen Universum zu befinden. So geht es hoffentlich auch weiter!

Ein Gedanke am Rande. Als Walter und Jesse Saul in "Breaking Bad" entführen und ihn in der Wüste bedrohen, denkt Saul, dass sie Männer sind, die ein gewisser Lalo geschickt hat und ruft verängstigt heraus: "Es war nicht ich. Es war Ignacio". Ignacio ist der richtige Vorname von Nacho. Hat uns "Better Call Saul" da wieder eine kleine Referenz serviert, die später noch eine größere Bedeutung haben wird und werden wir diesen Lalo noch kennenlernen?

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

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Berlinale 2015 Teil 4

Der vierte Teil unserer zusammenfassenden Berlinale-2015-Übersichtsreihe widmet sich einer Semi-Doku über die West-Berliner Musikszene der Achtziger und einem schonungsloses, brillantes schwedisches Drama. Zudem geht unsere Autorin auf das Thema "Serien auf der Berlinale" ein.

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 | Panorama Dokumente

„Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt!“, wiederholt Musiker und Plattenproduzent Mark Reeder den abgenutzten Spruch. Genau darauf setzt die mit zahllosen Archivaufnahmen und -schnipseln, Nachinszenierungen und Zeitdokumenten unterfütterte Hommage an die West-Berliner Musikszene der Jahre 1979 bis 1989. Die über-hippe Berliner Boheme, die der halbdokumentarische Retro-Trip als Hauptpublikum anvisiert, ist zu jung, um den Sound des Underground der letzten Teilungsjahre bewusst miterlebt zu haben. Wer heute steil auf die 60 zugeht, hat womöglich tatsächlich nur noch ein verblasstes Bild – und wenn nicht, warum den Eindruck, dass man zum genau richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war und all die richtigen Leute kannte, korrigieren?

Berlinale 2015 Teil 4 B MovieWas den cineastischen Club erst richtig geil (eines von Reeders Lieblingsworten und laut ihm eines der wichtigsten der West-Berliner 80er) macht, ist natürlich die Gästeliste: Nick Cave, Blixa Bargeld, Farin Urlaub, Bela B., Die Toten Hosen, David Bowie – und weil die wenigen Namen zu mickrig klingen, kommen noch ein paar nicht so geile oder total obskure hinzu: Westbam, Nena, Einstürzende Neubauten, Gudrun Gut, Christiane F. und der andere David (Hasselhoff). Der hat doch immerhin beim Mauerfall "Looking for Freedom" gesungen und dabei eine geile Lederjacke mit blinkenden Lämpchen getragen! Sowieso war die Mauer bekanntlich nur gefallen, weil Dr. Motte und rund hundert Raver die erste Love Parade abhielten. Überhaupt gab’s damals in den gegenwärtig begehrtesten und teuersten Ecken Berlins nicht nur Banker und Büro-Lofts, sondern richtige Wohnungen (keine Airbnb-Mietbuden!) und alle zu Spottpreisen. Aber Geld brauchte man sowieso kaum, die DDR-Diktatur war allen schnurzpiepe, die Sonne schien jeden Tag und die Rente war so sicher wie der Regen, der auf die Erde fällt. So wirkt es bei Reeder. Außerdem brodelte alles vor Kreativität. Irgendwas brodelte auch in Klaus Maeck, der das Drehbuch geschrieben und mit Jörg A. Hoppe und Heiko Lange inszeniert hat. Die drei waren nämlich auch geil und mittendrin, sagt Sprecher und Hauptprotagonist Reeder: „We were there. I was there. And it was pretty fucking geil.“ Das hat am Ende selbst der letzte mitgekriegt. Die repetitive Egozentrik unterminiert für manche den Unterhaltungsfaktor der bunten Bilder, aber vielleicht ist es gerade diese hemmungslose Selbstbegeisterung, mit dem sich ein Hipster-Publikum identifiziert – was die Mockumentary zum heißen Kandidaten für den Panorama-Publikumspreis macht. Es war nicht alles schlecht. Aber ob es wirklich so geil war?

2,5/5 Sterne

 

The Flock (OT: Flocken) | Generations

Es gibt die Beute und es gibt die Jäger. Letzte treten in einer gespenstischen Szene aus dem Wald und erschließen ein neues Revier: das Grundstück der jungen Jennifer (Fatime Azemi), die für den Bruch ungeschriebener Gesetze sozial gerichtet wird. Die Täter tragen Tiermasken, doch nicht das Animalische bricht in Beata Gardelers The Flock hervor, sondern das spezifisch Menschliche: Perversion, Sadismus und Bigotterie, die das Tatsachen-Dramas zum sozialen Horrorfilm machen.

Berlinale 2015 Teil 4 The FlockDie Regisseurin und Drehbuchautorin demaskiert in ihrem eindringlichen Jugenddrama klerikal getragenen Kollektivismus und alltäglichen Sexismus als das Monströse einer Gesellschaft, deren fragwürdige moralische Leitfiguren ihre Herde am Ende dafür loben, dass sie bewiesen habe „was Gemeinschaft erreichen kann“. Beschämender als die mit kühler Präzision aufgezeigte Mob-Mentalität ist deren Beiläufigkeit. Für ihre Klassenkameraden, Lehrer und den Pfarrer, selbst für ihre Mutter und kleine Schwester ist die 14-jährige Jennifer eine „verlogene Hure“, „Schlampe“, „was für ein Freak“. Geworden ist sie dazu an dem Tag, als sie ihren gleichaltrigen Mitschüler Alex der sexuellen Nötigung bezichtigt hat. Alex' Mutter Susanne (Eva Melander) und Jennifers ehemalige Freundinnen fragen, was sie eigentlich habe: will sie sich an Alex rächen? Sich wichtig machen? „Alles wird gut. Wir bringen das in Ordnung.“, versichert Susanne ihrem Sohn, der dumpf vor sich hin schweigt. Auch Jennifer spricht wenig, doch ihre Wortkargheit ist voraussehend. Sie kennt das Kollektiv, in dem sie aufgewachsen ist, scheint von vornherein zu wissen, dass ihr niemand beistehen wird. Die Handlung spielt nicht im Bible Belt der USA, sondern im liberalen Schweden. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen gehört ebenso selbstverständlich zu unserem Alltag wie die Stigmatisierung von Frauen (insbesondere auch durch andere Frauen), die ihre Sexualität selbst bestimmen wollen: sei es privat, beruflich oder indem sie aus der Opferrolle ausbrechen. Susannes „Free Alex“-Blog bringt diese Haltung auf den Punkt: „Huren sind zum Vergewaltigen da.“ Die Misogynie ist omnipräsent, wie die emotionale Brutalisierung. Die traute Kommune ist ordinär, hinterhältig und zutiefst verroht. Man quält und tötet Tiere zum Vergnügen, bei der Fabrikarbeit oder wie Alex Vater, um Druck abzulassen. Im Kontrast zur offen gelebten Aggression steht Jennifers stille Wut, die ein Ventil sucht – und findet. In einer frühen Szenen ließt Jennifers Klasse einen bezeichnenden Satz aus "Der Herr der Fliegen". Doch die tiefere Botschaft jeder Pflichtlektüre reicht immer nur so weit, wie der Intellekt der Leser.

5/5 Sterne

 

Berlinale Special Series

Die Berlinale geht in Serie! Moment – die Berlinale ist eine Serie. Sie läuft seit 1951, länger als Dinner for One, hat regelmäßig wiederkehrende Charaktere, Running Gags („Will the press-WLAN be as lame as last year?“„As lame as every year.“) und ist sie vorbei, fragen sich alle, wie’s weitergeht. Am meisten bestimmt Berlinale-Leiter Dieter Kosslick. Wie wird die Berlinale hipper, lukrativer, berlinaliger? Indem sie dem Trend folgt und der tendiert klar weg vom Kino. Die Leute gucken nach wie vor, aber lieber daheim auf dem Sofa. Da kann man Currywurst mit Nacho-Sauce essen, jede Szene kommentieren ohne nerviges „Shhhh…!“ und auf Pause drücken, wenn man auf Toilette muss. Sowieso laufen die richtig guten Sachen heute im Fernsehen. Zahlreiche Serienformate ziehen in Sachen Darsteller, Regisseure, Budget und Produktionsaufwand mit dem Kino gleich oder überholen es. Überall schauen die Leute Serien, außer – auf der Berlinale! Damit ist jetzt Schluss.

Berlinale 2015 Teil 4 Better Call SaulDie Vorführung von Jane Campions Mini-TV-Serie "Top of the Lake" im vergangenen Jahr scheint in Retrospektive wie ein Testlauf für das neue Format, das acht Produktionen vertreten. Möglichkeiten zur Sichtung gab es nicht. Die Pressemitteilungen lassen wenig Hoffnung auf innovative und originelle Konzepte wie "Twilight Zone", "Twin Peaks", "Die Simpsons" oder "South Park". Lieber geht man auf Nummer sicher mit deutscher Krimi-Kost über Kommissare mit krimineller Vergangenheit ("Blochin") und DDR-Spione ("Deutschland 83"), dem schwedischen Thriller "Blå ögon" ("Blue Eyes") und dem "Breaking Bad"-Spin-Off "Better Call Saul". Nichts klingt vielversprechend, wenn auch nicht alles so übel. Vor allem wirkt de Auswahl sehr mainstreamig, wie der gesamte Serien-Boom Mainstream ist. Passt das zur Berlinale? Ja, leider. Die Entscheidung, ob das Festival sich an Kunst oder Kommerz orientiert, scheint längst gefallen. Ob es von da ein Zurück zum unangepassten, anspruchsvollen Film gibt, ist fraglich.

Ohne Wertung

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"Better Call Saul" S01E01 "Uno" Kritik

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Der Artikel enthält einige “Better Call Saul”-SPOILER zur besprochenen Folge!

Als am 29. September 2013 die letzte Folge von "Breaking Bad" ausgestrahlt wurde, hat sie es geschafft, was nicht vielen Serien gelingt, und den meisten Fans ein wirklich befriedigendes und endgültig abgeschlossenes Ende gegeben (unsere Kritik). Doch das Ende von "Breaking Bad" hat eine klaffende Lücke hinterlassen – bei Serienfans, die durch "Breaking Bad" zum Binge-Watching gebracht wurden und bei denen fortan alle Serien sich an deren himmelhohen Messlatte gemessen werden, aber auch beim US-Sender AMC, für den damit seine am meisten gefeierte Serie gerade in dem Moment zu Ende ging, als sie am absoluten Höhepunkt der Popularität angelangt ist.

Zum Glück für alle Beteiligten brütete der Serienschöpfer Vince Gilligan gemeinsam mit dem Co-Produzenten und Autor Peter Gould noch vor dem Ende der Serie eine Idee aus, wie das Universum fortbestehen kann, ohne jedoch das starke Ende der Serie in irgendeiner Art und Weise zu kompromittieren – ein Spin-Off über den heimlichen Star der Sendung, der auch die schwermütigsten und dunkelsten Momente der Serie durch seinen Humor auflockern konnte. Die Rede ist natürlich von Saul Goodman, dem schmierigen Rechtsverdreher, dem kein Gesetz heilig ist und der Walter und Jesse bei der Gründung ihres Meth-Imperiums begleitet hat. In gewisser Hinsicht hat der nur an der Kohle interessierte Saul damit die Weichen für all das gestellt, was Walter White alias Heisenberg ereicht hat – und damit auch für seinen eigenen Untergang. Das letzte Mal, als wir Saul sahen, fuhr er in mit einer neuen Identität in eine ungewisse Zukunft; seine Tage als Rechtsanwalt der Kriminellen waren gezählt. Resigniert sagte er noch zu Walt, dass wenn er Glück habe, er bestenfalls als Mitarbeiter einer Cinnabon-Filiale (eine Bäckerei-Imbisskette) in Omaha enden würde.

Better Call Saul Kritik Bild 1

Vorahnungen waren schon immer ein beliebtes Mittel von Vince Gilligan, denn genau dort landen wir im schwarz-weißen, dialogfreien Prolog der Pilotfolge von "Better Call Saul", der den Zuschauern einen Einblick in Sauls triste Zukunft nach dem Ende von "Breaking Bad" gewährt. Mit Schnauzer und Brille ist Bob Odenkirk als Saul (oder wie auch immer sein neuer Name lautet) kaum wiederzuerkennen. Er ist Lichtjahre entfernt von dem extravertierten, überschwänglichen, sich stets selbst vermarktenden Saul, den wir kennen und lieben gelernt haben. Dieser verschlossene Mann arbeitet tatsächlich in einer Filliale von Cinnabon in Omaha und von den ersten Augenblicken an, erinnert uns "Better Call Saul" an die Wurzeln der Serie. Es wird gekocht, man sieht glänzende Apparaturen. Doch es ist nicht Crystal Meth, sondern harmloses Gebäck. Trotz dieser so ruhigen und unaufregenden Umgebung ist Saul alles andere als ruhig. Paranoid suchen seine Augen sein Umfeld ab, in der Angst, dass ihn jemand holen wird – sei es die Polizei oder die Gangster aus seinem früheren Leben. Auch in seinem kargen Zuhause verschließt er die Jalousien und fühlt sich nie wirklich wohl – zumindest bis er eine Videokassette mit seinen alten, billigen Werbespots anmacht. Der Mann, der er mal war, ist Vergangenheit.

Die Anfangssequenz ist ein Geniestreich von Gilligan, der die Pilotfolge selbst inszeniert hat. Der Zuschauer wird dort abgeholt, wo er den Charakter verlassen hat und stellt die Möglichkeit in Aussicht, dass wir vielleicht noch mehr von Sauls Zukunft zu sehen bekommen werden, auch wenn diese zunächst nicht im Fokus der Serie stehen soll. Neben den offensichtlichen "Breaking Bad"-Anspielungen erinnerte mich der Prolog stark an Walters tristes Dasein in der eingeschneiten Hütte in "Granite State", der vorletzten Folge von "Breaking Bad" – zwei Männer, die sich an ihre Tage der Glorie nur noch mit Wehmut erinnern können.

Nach dem Prolog geht die Handlung zurück in das Jahr 2001, wie uns die Zeitmarkierung einer Videoaufnahme im Gerichtssaal verrät. Wir treffen auf einen jüngeren Saul, der aber ebenso noch weit von Erfolg entfernt ist und eigentlich noch nie den Namen Saul gehört hat (dass es ein Pseudonym ist, wissen alle aufmerksamen "Breaking Bad"-Fans längst). Denn er heißt noch McGill, James "Jimmy" McGill, und arbeitet für einen kleinen Lohn als Strafverteidiger in Albuquerque, wo er kaum über die Runden kommt, weil er keine "echten" Klienten an Land ziehen kann. Sein aktueller Fall: drei Schüler, die einer Leiche den Kopf abgeschnitten und damit unzüchtige Dinge getrieben haben – den makabren Humor hat "Better Call Saul" also von seinem Vorgänger geerbt. Jimmy ist noch nicht so selbstsicher, wie sein "Breaking Bad"-Ich, doch nach einer nervösen Vorbereitungsphase feuert er auch hier wieder ein virtuoses Wortfeuerwerk ab, das mit einer Videoaufnahme auf eine trocken humorvolle Weise zunichte gemacht wird. Jimmy muss noch lernen, Saul zu sein.

Im Verlauf der Episode folgen dann zahlreiche "Breaking Bad"-Referenzen – vielleicht sogar zu viele – mal sehr offensichtlich, mal äußerst subtil. Ich werde nicht alle davon an dieser Stelle verraten, denn die Ostereier-Suche wird den Fans sicherlich viel Spaß machen. Ich nenne nur drei Stichworte: Auto, Mülleimer und Nagelstudio.

Mit Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) feiert auch eine allseits beliebte "Breaking Bad"-Figur ihre Rückkehr als Pförtner zum Parkplatz des Gerichtsgebäudes. Die Folge setzt ihn sehr sparsam ein, doch seine trockene und von Jimmys Ausführungen unbeeindruckte Art verrät, dass die beiden Charaktere noch viel "Spaß" miteinander haben werden.

Wie wir schnell erfahren, hat Jimmy neben dem mies laufenden Job auch noch ein anderes Problem am Hals – seinen Bruder Chuck (Michael McKean), Mitbegründer einer sehr erfolgreichen Anwaltskanzlei, der sich aber aufgrund einer wahrscheinlichen psychischen Störung (die mit großer Angst vor elektromagnetischen Wellen einhergeht) seit fast einem Jahr aus seinem Job in sein verwahrlostes Haus zurückgezogen hat. Seine Partner (Patrick Fabian wird als potenzieller aalglatter Widersacher von Jimmy in den kommenden Folgen vorgestellt) weigert sich, Jimmys Drängen nachzugeben und Chucks millionschweren Anteil auszuzahlen und leider ist Chuck dabei nicht sehr behilflich. Hier entsteht eine interessante Dynamik, denn offensichtlich hat es Chuck im gleichen Beruf wie Jimmy zu all dem gebracht, wovon Jimmy nur träumen kann, doch nun ist er derjenige, der auf Jimmys Unterstützung angewiesen ist (ob es ihm bewusst ist oder nicht).

Better Call Saul Kritik Bild 2

Was später passiert, setzt die Ereignisse in Gang, die möglicherweise die Handlung dieser Staffel bestimmen werden. Jimmy wendet sich an zwei junge, naive skateboardende Möchtegern-Betrüger, die früher versucht haben ihn abzuzocken und bietet ihnen an, vom Meister (also ihm) zu lernen und dabei fett abzukassieren – ein Plan, um so über einen Umweg an einen neuen Klienten zu kommen. Alles was einer von ihnen dafür tun muss, ist, sich vor ein bestimmtes fahrendes Auto zu werfen, während der andere es beobachtet und mitfilmt. Durch eine einfache Verwechselung kommt es dazu, dass die beiden Trottel am letzten Ort landen, den sie erwarten und wenn Jimmy ihnen folgt, gibt es ein sehr überraschendes Wiedersehen mit einer weiteren bekannten Figur.

Die Pilotfolge von "Better Call Saul" weist all die Markenzeichen von Gilligans sicherer Regie auf, die sich im Verlauf von "Breaking Bad" herausgebildet haben – das Spiel mit Licht und Schatten, mit Farben und ungewöhnliche Kameraeinstellungen. Auch Bob Odenkirk spielt Saul/Jimmy wieder mit viel Herzblut und gewinnt ihm eine neue, erbärmliche Seite ab, in die wir zuvor nur sehr flüchtige Einblicke bekommen haben. Vergleiche zwischen Walt und Jimmy zu Beginn ihrer jeweiligen Serien drängen sich schnell auf – beide sind mit ihren Leben nicht zufrieden, sehnen sich nach mehr, während die Welt ständig auf sie einprügelt – symbolisch oder wortwörtlich. Doch vielleicht liegt in all diesen Vergleichen und Referenzen noch ein kleines Problem. "Better Call Saul" stolpert zu Beginn noch gelegentlich unter der Last seines überpräsenten Vorgängers. Die besten Momente der Pilotfolge funktionieren vor allem deswegen so gut, weil wir die Hauptfigur bereits gut kennen. Gute Ansätze dies zu ändern sind bereits vorhanden, sei es denn der Kampf um Chucks Anteil der Firma oder das Cliffhanger-Ende der Folge (welches aber wiederum erst durch die "Breaking Bad"-Referenz so cool wirkt), doch die Serie hat noch einen langen Weg vor sich, um aus dem Schatten ihres großen Bruders herauszukommen. Ich lege mein vollstes Vertrauen in Gilligan und sein Team, dass es ihnen gelingen wird.

Königin der Wüste (2015)

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Queen of the Desert, USA/MA 2015 • 128 Min • Regie: Werer Herzog • Mit: Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson, Damian Lewis, Jenny Agutter FSK: freigegegebn ohne Altersbeschränkung • Kinostart: 3.09.2015

„Du wirst die jungen Männer nicht mit deiner Intelligenz verschrecken!“, mahnt die Mutter der Titelfigur. Gleichsam ist Werner Herzogs schwelgerisches Historienabenteuer Unterhaltungskino, wenn auch kunstvolles. Seine Titelfigur ist die britische Entdeckerin, Archäologin, Botschafterin und Autorin Gertrude Bell, deren Kenntnis der heimischen Stämmen ihr im frühen 20. Jahrhundert einen außergewöhnlichen politischen Einfluss verschaffte.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 1„Domestiziert“ fühlt sich die junge Heldin im Heim ihrer wohlhabenden Eltern, deren Verständnis für ihren Freiheitsdrang nur so weit reicht, wie er mit der dekorativen Frauenrolle der viktorianischen Epoche vereinbar ist. Nein, Gertrude (Nicole Kidman) ist kein angel in the house, wie das damalige Ideal der fürsorgenden Gattin und Mutter konstruierte. „Dieses Weib!“, nennt sie einer der Offiziere Winston Churchills (stets zu erkennen an Zigarre und launigen Kommentaren: Christopher Fulford), als man die Gebiete des zerfallenen Osmanischen Reichs absteckt und aufteilt. Andere Staatsmänner haben noch feindseligere Bezeichnungen für die Forscherin und Autorin, von deren Beratung ihr historisches Unterfangen abhängt. Zwölf Jahre dauerte Gertrudes Weg zu solcher Geltung, auf die es die entschlossene Reisende nie abgesehen hatte. In dieser Zeit zog sie, begleitet von ihrem zuverlässigen Diener Fattuh (Jay Abdo) mit einer kleinen Karawane von Jordanien durch Mesopotamien, Syrien und Kleinasien bis nach Arabien. Die Männer, die in diesen Jahren ihren Weg kreuzten, vermochten nicht sie von diesem abzubringen.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 2Mit der ihm eigen subtilen Hand zeichnet Herzog ironische Analogien, die sich erst auf den zweiten Blick enthüllen. Auf dem Ball, dem die einleitende mütterliche Warnung vorangeht, tanzt Gertrude pflichtbewusst mit drei Kavalieren. Der erste prahlt mit seinen Jagdtrophäen, der zweite will gleich „Unzucht treiben“, der letzte ist zu kurzsichtig, um sie von anderen Damen zu unterscheiden. Die Tanzpartner antizipieren die potentiellen Lebenspartner, die sich später um die Protagonistin bemühen. Trotz deren gesellschaftlichen und politischen Status wirken die Anwärter neben der charakterstarken Heldin seicht, selbstverliebt oder moralisch feige. Herzogs unerwartete Darstellerwahl unterstützt diesen Eindruck. Robert Pattinson wirkt als Lawrence von Arabien wie ein großer Junge, James Franco (im zweiten von drei Franco-Filmen nach meiner Filmreihenfolge) wie ein sentimentaler Schönling, und zuletzt ist der verheiratete Richard Wylie (Damian Lewis) zu ängstlich, seine soziale Reputation der Liebe zu opfern. Ehrerbietung und Empathie findet Gertrude vielmehr bei den Einheimischen. Sie schätzen ihren Respekt vor der persischen Kultur, deren intensive Farben und Vielfalt in berückendem Kontrast zur grauen Tristesse Englands stehen, sie spüren ihre Sehnsucht nach der Wüste, der allein, wie sie schreibt, ihr Herz gehört.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 3Eine Gartenarrangement Cardogans beschreibt die Entdeckerin als „vollkommenen Albtraum aus Blumen und Düften“. Solch ambivalente Bemerkungen und dem gegenüber die Schönheit der gleißenden Dünenlandschaft und persischen Dichtkunst erinnern beständig daran, dass die konventionelle Gesellschaft für Gertrude immer ein Käfig bleiben wird. Bei all den amtlichen Würdigungen, derer sie im späteren Leben zuteil wird, hält sie es nie lange darin aus. Nach dem Verlust ihrer Jugendliebe notiert sie in ihrem Tagebuch, dessen narrative Stimme die Handlung untermalt, auf dem schwarz-weißen Schachbrett des Lebens habe der Tod den Sieg davon getragen. Dennoch ist sie auf diesem Brett die Dame und Königin, wie der Regisseur und die Charaktere sie nennen: die stärkste Figur und die einzige, die frei überall hinzuziehen kann. Gertrudes Resümee über dieses rastlose Leben umfasst zugleich die Schönheit und die dramaturgische Limitation der epischen Romanze. Die Dinge, die sie gesehen habe, ergäben ein großartiges Gemälde: „Eines, das nur ich zeichnen könnte.“ So bleibt auch Herzogs Bild letztlich unvollkommen.

Trailer

Kritik zuvor erschienen auf legacy.de/mm-home

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