"Better Call Saul" S01E02 "Mijo" Kritik

0
Better Call Saul Mijo Kritik

Der Artikel enthält einige “Better Call Saul”-SPOILER zur besprochenen Folge!

Die erste Folge von "Better Call Saul" konnte nicht durchgehend die hohe Spannung aufrechterhalten, an die die "Breaking Bad"-Fans gewohnt sind, doch sie endete auf jeden Fall mit einem Knall und einer Überraschung, die viele Fans der Vorgängerserie voller Vorfreude auf die zweite Folge zurückließ. Jimmy McGill (prä-Saul), unser unglückseliger Anwalt, der versucht hat, neue Kunden an Land zu ziehen mit Hilfe von zwei Tunichtgut-Zwillingen, hatte in den letzten Sekunden der Pilotfolge einen Pistolenlauf im Gesicht. Am anderen Ende der Knarre: Tuco Salamanca, der psychopathische Drogendealer, durch den Walter und Jesse in "Breaking Bad" anfangs versucht haben, ihre Erzeugnisse abzusetzen. Für keinen der Beteiligten ist es damals besonders gut geendet, am wenigsten für Tuco, der von Hank zur Strecke gebracht wird.

ANZEIGE

Doch all das liegt für den methsüchtigen Psychopathen noch in ferner Zukunft und da wir uns hier im Prequel-Land befinden, kann "Better Call Saul" alle möglichen verstorbenen Charaktere zurückbringen. Bühne frei für Tuco. Es stellt sich heraus, dass einer der Skateboarder-Zwillinge, die Jimmy für seine Sache gewinnen konnte, sich vor das falsche Auto geworfen hat. Anstatt anzuhalten und sich um das Wohlergehen des Angefahrenen zu kümmern, begeht das Betrugsopfer Fahrerflucht, doch die beiden Zwillinge sind schnell hinterher, in der Hoffnung sie um etwas Schmerzensgeld zu erpressen und Jimmy gänzlich außen vor zu lassen. Das alles erfahren wir bereits in der ersten Folge. Der Beginn der zweiten spult ein wenig zurück und zeigt, was sich in Tucos Haus vor Jimmys Ankunft abgespielt hat. Wie man schon vermuten konnte, haben die Dumpfbacken Lars und Cal einen Fehler begangen, als sie versucht haben, die arme abuelita von Tuco, die ihren Enkelsohn liebevoll mijo nennt und von der ganzen Fahrerflucht-Situation offensichtlich überfordert ist, einzuschüchtern. Als sie die alte Frau auch noch als eine crazy old biznatch (ja, man merkt auch am Jargon, dass die Serie vor mehr als zehn Jahren spielt!) bezeichnen, bringen sie Tucos Fass zum Überlaufen. Bedenkt, es ist der gleiche Mann, der einen seiner Handlanger in "Breaking Bad" totgeprügelt hat, nur weil er ihn unterbrochen hat.

Ruhig schickt er seine Oma auf ihr Zimmer und verdrischt die beiden Möchtegern-Betrüger. Bevor er ihnen jedoch endgültig den Garaus machen kann, trifft Jimmy ein, der zwar beim Aushecken der ganzen Sache auch nicht unbedingt gutes Urteilsvermögen bewiesen hat, jedoch im Gegensatz zu den Zwillingen die gefährliche Situation schnell richtig einschätzt. Zum Glück ist Saul nicht auf den Mund gefallen (was Tuco auch knapp anmerkt) und schafft es fast, durch Berufung auf ein furchtbares Missverständnis den Gangster davon zu überzeugen, ihn und die in seinem Keller gefesselten Zwillinge freizulassen. Da diese jedoch nicht die hellsten Kerzen im Leuchter sind, verraten sie prompt Jimmys betrügerischen Plan und schieben die komplette Schuld auf ihn. Tuco is not amused ("Are you trying to punk my abuelita").

Better Call Saul Mijo Kritik Bild 1

In der nächsten Szene landen Jimmy, Cal und Lars gefesselt in der Wüste und Tuco, begleitet von seinen Handlangern No Doze und Gonzo (Jesus  Payan und Cesar Garcia spielen wieder ihre Rollen aus "Breaking Bad"!) und Nacho Varga (Michael Mando) einer Figur, die wir noch nicht gesehen haben, entscheidet über das Schicksal der drei. Die Szene spielt sich ab wie ein klassisches Stück aus "Breaking Bad" und das meine ich im besten Sinne. Bewaffnete Männer bedrohen wehrlose gefesselte Protagonisten in der Wüste und es ist lediglich Jimmys Überzeugungskraft, die sie da herausbringen kann. Tuco ist davon überzeugt, dass Jimmy für jemanden arbeitet, der sein Geschäft ausspioniert. Nachdem Jimmys Versuche scheitern, ihn davon zu überzeugen, dass er nur ein Anwalt se, und seine Finger im Drahtschneider landen, wechselt er den Kurs und gibt sich als FBI-Agent Jeffrey Steel aus, der die Opration Kingbreaker leitet (ein Name, der Tuco voller Stolz erfüllt). Auch dieser Schachzug bringt ihn jedoch nicht weiter, denn als FBI-Agent unter Drogendealern hat er keine hohe Lebenserwartung. Zu seinem Glück ist Nacho deutlich besonnener als Tuco und lässt sich davon überzeugen, dass Jimmy wirklich nur ein armseliger Anwalt sei. Da Anwälte zu töten schlecht für das Geschäft sei, wird Jimmy freigelassen, doch Cal und Lars müssen dafür bezahlen, dass sie Tucos geliebte Oma beleidigt haben. Hier beginnt der beste Teil dieser Szene.

Wie die besten Momente von "Breaking Bad" kombiniert "Better Call Saul" in der Wüstenszene stetig steigende Spannung mit makabrem Humor. Als Zuschauer lacht man nervös und sitzt angespannt am Sesselrand, während Jimmy mit allen Mitteln versucht, das Todesurteil der beiden Trottel, die ihn eigentlich hintergangen haben, abzuwenden. Denn Jimmy ist vielleicht schmierig und unehrlich, doch er ist kein übler Kerl. Eine Parallele zu Walter White sieht man auch hier: beide beziehen ihre Macht aus Worten und Manipulation. Der Unterschied ist jedoch, dass Walter meist an die Profitgedanken seiner Gegner appelliert hat, während Jimmy einen anderen Nerv zu treffen versucht – Tucos Ehrgefühl, seinen verqueren Sinn für Gerechtigkeit und Mitleid für die Mutter der Jungs, für die Jimmy aus dem Stegreif eine komplette Hintergrundsgeschichte (Putzfrau mit Krücke!) spinnt. Nach und nach handelt er ihn in der Bestrafung der beiden runter (kolumbianische Krawatte? Augen ausstechen? Arme und Beine brechen?). Der Austausch zwischen dem verzweifelt feilschenden Jimmy und dem durchgeknallten aber von seiner Rechtschaffenheit überzeugten Tuco ist das Highlight der Folge, an das man sich mit Sicherheit auch später als eins der besten Momente der Serie erinnern wird.

Jimmy handelt für die beiden anstelle eines "Todesurteils" eine "sechsmonatige Bewährung" aus, was mit ein paar gebrochenen Gliedmaßen einhergeht. Während Walter in "Breaking Bad" die Gewalt, in die er ziemlich schnell hineingezogen wurde, gut verkraften konnte (ein früher Hinweis auf seinen eigenen dunklen Pfad), bleibt Jimmy von seinem Erlebnis traumatisiert, betrinkt sich auf einem aussichtslosen Date und verbringt die Nacht auf der Couch eines Bruders.

Es ist eine spannende erste Hälfte der Folge, die jedoch dann ein wenig an Fokus verliert, wenn auch nie an Unterhaltungswert. Froh mit dem Leben davongekommen zu sein, und durch Krankenhausrechnungen für die Brüder hoch verschuldet, schiebt Saul seinen Dienst als Pflichtverteidiger Tag für Tag, was wir in einer Montage als Hommage zu Bob Fosses All That Jazz präsentiert bekommen. Der Alltagstrott, komplettiert mit täglichen Kabbeleien mit Mike an der Pförtnerschranke (Stickers!), die für den bislang lustigsten Moment der Serie sorgten (siehe Video unten), ist toll inszeniert, doch letztlich auch ein wenig ziellos. Die Brillante bei "Breaking Bad" war, dass es ein sehr simples und zugleich effektives Konzept war: Chemielehrer wird krebskrank und kocht Crystal Meth, um so viel Geld zu verdienen. In einem Satz ließ sich die komplette Prämisse der Serie zusammenfassen, die Neugier der potenziellen Zuschauer wecken und man musste nur abwarten, wie es sich abspielt. Nach Jimmys traumatischer Wüstenerfahrung kann man immer noch nicht sagen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Nicht dass ich nur eine Sekunde lang gelangweilt war, erst recht nicht bei Michele MacLarens toller Inszenierung der Folge (vermutlich die beste Regisseurin, neben Rian Johnson, die an "Breaking Bad" gearbeitet hat). Doch es fehlt zuweilen ein wirklicher Spannungsbogen.

Doch auch hier sehe ich positiv der Zukunft entgegen denn ein Besucher in Jimmys schäbigem "Büro" (das Hinterzimmer eines Nagelstudios und zugleich auch Jimmys Schlafstelle) legt die Weichen für seine Entwicklung von Jimmy zu Saul, dem Berater von Kriminellen. Man kann gespannt sein, wie das weitergeht. Positiv ist jedenfalls anzumerken, dass abgesehen von Tuco und seinen Kumpanen, die Serie die Anzahl der "Breaking Bad"-Referenzen angenehm heruntergeschraubt hat, während man aber trotzdem die ganze Zeit das wohlige Gefühl hat, sich im gleichen Universum zu befinden. So geht es hoffentlich auch weiter!

Ein Gedanke am Rande. Als Walter und Jesse Saul in "Breaking Bad" entführen und ihn in der Wüste bedrohen, denkt Saul, dass sie Männer sind, die ein gewisser Lalo geschickt hat und ruft verängstigt heraus: "Es war nicht ich. Es war Ignacio". Ignacio ist der richtige Vorname von Nacho. Hat uns "Better Call Saul" da wieder eine kleine Referenz serviert, die später noch eine größere Bedeutung haben wird und werden wir diesen Lalo noch kennenlernen?