Chicago Filmkritikerpreise 2014

Quelle: CFCA

Etwa 60 Mitglieder des Filmkritikerverbands von Chicago haben kürzlich über ihre Favoriten von 2014 abgestimmt und lagen damit in einer Linie mit den Vorgängern in New York, Los Angeles, Boston und San Francisco. Richard Linklaters Boyhood räumte drei Auszeichnungen in den Kategorien ab, in denen er auch bei den Oscars als klarer Favorit gelten wird: “Bester Film”, “Beste Regie” und “Beste Nebendarstellerin” für Patricia Arquette. Dabei hat der Film bei den Nominierungen mit “nur” sieben Nennungen gar nicht so hervorragend abgeschnitten. Wie bei zahlreichen anderen Filmkritikerpreisen lagen Birdman (9 Noms) und Grand Budapest Hotel (8 Noms) da vor ihm, doch Boyhood punktete letztlich dort, wo es wirklich zählt.

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Doch keine Sorge, auch Birdman und Grand Budapest Hotel gingen nicht leer aus. Während Birdman sich mit zwei Auszeichnungen zufrieden geben musste, davon eine geteilt mit Wes Andersons Film (“Beste Kamera”), gewann Grand Budapest Hotel in drei Kategorien.

Sehr erstaunlich finde ich übrigens das schwache Abschneiden von Selma, dem Film über Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung. Gerade die Chicago Film Critics Association ist eigentlich dafür bekannt, Filme mit Rassismus- und Gleichberechtigungsthematik besonders zu bevorzugen. So haben in Vergangenheit Filme wie L.A. Crash, 12 Years a Slave, Mississippi Burning und Spike Lees Streifen Do the Right Thing und Malcolm X hier als “Bester Film” gewonnen. Selma musste sich hingegen nur mit einer einzigen Nominierung für David Oyelowo als “Bester Hauptdarsteller” begnügen. Das überrascht umso mehr, denn Selma hat bislang sehr gute Rezensionen erhalten und gilt nach Boyhood und Birdman als einer der stärksten Oscarkandidaten.

Hier ist die komplette Liste der diesjährigen Nominierungen und Gewinner (in grün):

Bester Film

Birdman
Boyhood
Grand Budapest Hotel
Under the Skin
Whiplash

Beste Regie

Wes Anderson (Grand Budapest Hotel)
David Fincher (Gone Girl)
Alejandro González Iñárritu (Birdman)
Richard Linklater (Boyhood)
Christopher Nolan (Interstellar)

Bester Hauptdarsteller

Benedict Cumberbatch ( The Imitation Game)
Jake Gyllenhaal (Nightcrawler)
Michael Keaton (Birdman)
David Oyelowo (Selma)
Eddie Redmayne (Die Entdeckung der Unendlichkeit)

Beste Hauptdarstellerin

Marion Cotillard (Zwei Tage, eine Nacht)
Scarlett Johannson (Under the Skin)
Julianne Moore (Still Alice)
Rosamund Pike (Gone Girl)
Reese Witherspoon (Wild – Der große Trip)

Bester Nebendarsteller

Josh Brolin (Inherent Vice – Natürliche Mängel)
Ethan Hawke (Boyhood)
Edward Norton (Birdman)
Mark Ruffalo (Foxcatcher)
J.K. Simmons (Whiplash)

Beste Nebendarstellerin

Patricia Arquette (Boyhood)
Jessica Chastain (A Most Violent Year)
Laura Dern (Wild – Der große Trip)
Agata Kulesza (Ida)
Emma Stone (Birdman)

Bestes Originaldrehbuch

Birdman, Alejandro González Iñárritu, Nicolas Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo
Boyhood, Richard Linklater
Am Sonntag bist du tot, John Michael McDonagh
Grand Budapest Hotel, Wes Anderson
Whiplash, Damien Chazelle

Bestes adaptiertes Drehbuch

Gone Girl, Gillian Flynn
The Imitation Game, Graham Moore
Inherent Vice – Natürliche Mängel, Paul Thomas Anderson
Under the Skin, Walter Campbell
Wild – Der große Trip, Nick Hornby

Bester fremdsprachiger Film

Höhere Gewalt
Ida
Mommy
The Raid 2
Zwei Tage, eine Nacht

Bester Dokumentarfilm

CitizenFour
Jodorowsky’s Dune
Last Days in Vietnam
Life Itself
The Overnighters

Bester Animationsfilm

Baymax – Riesiges Robowabohu
Die Boxtrolls
Drachenzähmen leicht gemacht 2
The LEGO Movie
Die Legende der Prinzessin Kaguya

Beste Kamera

Birdman (Gleichstand)
Grand Budapest Hotel (Gleichstand)
Ida
Inherent Vice – Natürliche Mängel
Interstellar

Beste Filmmusik

Birdman
Grand Budapest Hotel
The Imitation Game
Interstellar
Under the Skin

Bestes Szenenbild

Grand Budapest Hotel
Interstellar
Into The Woods
Only Lovers Left Alive
Snowpiercer

Bester Schnitt

Birdman
Boyhood
Gone Girl
Grand Budapest Hotel
Whiplash

Vielversprechendste(r) SchauspielerIn

Ellar Coltrane (Boyhood)
Gugu Mbatha-Raw (Dido Elizabeth Belle/Beyond the Lights)
Jack O’Connell (Mauern der Gewalt/Unbroken)
Tony Revolori (Grand Budapest Hotel)
Jenny Slate (Obvious Child)
Agata Trzebuchowska (Ida)

Vielversprechendste(r) FilmemacherIn

Damien Chazelle (Whiplash)
Dan Gilroy (Nightcrawler)
Jennifer Kent (The Babadook)
Jeremy Saulnier (Blue Ruin)
Justin Simien (Dear White People)

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Ich habe kaum ein Jahr erlebt, in dem die Gewinner von Verleihung zu Verleihung so ähnlich aussahen. Keaton, Moore, Simmons und Arquette gehörendie Darstellerpreise, Boyhood “Film” und “Regie” und Birdman und Grand Budapest Hotel teilen sich die technischen Auszeichnungen. Über die ganz wenigen Überraschungen ist man dann besonders froh, wie beispielsweise der Sieg von Under the Skin in der “Beste Filmmusik”-Kategorie oder Gone Girl für sein Drehbuch. Da die Gewinner aber dennoch im Großen und Ganzen sehr redundant wirken, lohnt sich abermals noch mehr ein Blick auf die Nominees, wo sich doch die eine oder andere Überraschung eingeschlichen hat. Dazu gehören vier Nominierungen für Under the Skin (der Film hat so gut wie keine Chancen auf eine Oscarnominierung, was erstaunlich ist bei der Menge an Nennungen, die er von Kritikern bekommt). Mich freut auch die Drehbuchnominierung für Am Sonntag bist du tot. Nur zu schade, dass Brendan Gleesons tolle Performance selten berücksichtigt wird.

Weiterhin im Oscar-Rennen bleibt Marion Cotillard, die nach Auszeichnungen der New Yorker und Bostoner Kritiker, sich hier unter die Nominees schmuggeln konnte. Für Der Geschmack von Rost und Knochen blieb der einstigen Oscargewinnerin ihre wohlverdiente Nominierung verwehrt. Ob sie dieses Jahr mehr Glück haben wird? Oder wird sie auf der Oscarliste doch durch Jennifer Aniston oder Amy Adams ersetzt werden? Die anderen vier Plätze in der Kategorie sind so gut wie sicher belegt mit Felicity Jones, Julianne Moore, Rosamund Pike und Reese Witherspoon.