True Detective – Kritik zur 1. Staffel

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True Detective Season 2 Darsteller

Manchmal möchte man sich ohrfeigen, weil man so ein dummer Drecksack ist. Weil man sich nicht wiederfindet in den ewig gleichen Moralvorstellungen der Dümmeren; lieben sollst du, feiern und arbeiten, abnicken und frohlocken. Wer genauer hinsieht, erblickt die totale Herrschaft der gesellschaftlich veralteten Konvention des Lebens. Wer auszubrechen versucht, gilt als Störenfried, als Bestätigung des Andersseins, das viele Menschen über Jahrzehnte selbstliebend und für ihre Moral wohltuend definierten. Diesen Stereotypen des Lebens werden die Charaktere aus True Detective nicht gerecht – selbst die Serie als Gesamtes hebt sich über jede formale Alleinstellung der gar nicht so neuen Merkmale der Qualitätsserien, denn so etwas hat es noch nie gegeben. True Detective schrammt knapp vorbei an der Art von Lobhudelei, bei der ich das Gesehene am liebsten mit nacktem Oberkörper und wildem Geschrei zelebrieren möchte.

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Würde jeder inneren Befriedigung ein Klatschen folgen, so hätte ich nach allen acht Folgen von True Detective zwei gebrochene Hände. Mit so viel Geschwurbel, so viel Stil und so viel Philosophie erzählte man noch nie. Gleichwohl mag man meinen, ach, das ist doch nur eine Krimiserie von HBO, die dem klassischen „Wer-hat-es-denn-nun-getan“-Muster folgt; herunter gebrochen auf eine formale Inhaltsangabe mag das stimmen, aber diese morbide Perfektion erreicht True Detective eben erst durch seine beiden Ermittler und deren Ansichten einer Welt, die frei eines Sinns in die Dunkelheit driftet, deswegen aber so ungehemmt fasziniert. Rust (Matthew McConaughey) und Marty (Woody Harrelson) heißen sie, die beiden Zerstörer ihrer Welten, die beiden wahren Detektive, die Antihelden einer neuen Generation. Wenn Fernsehen das Deprimierende derart kratzig wie betäubend einfängt wie True Detective, darf es dann gerne noch düsterer werden, solange, bis die Zuschauer beginnen sich zu ritzen ob der tiefenschwarzen Abgründe.

So obliegt es also Rust und Marty in den 90ern diesen einen Fall zu lösen: Ein junges Mädchen festgebunden an einem Baum, tot, mit einem Geweih auf dem Kopf, umgeben von mysteriösen Stockwerken und mit einem merkwürdigen Zeichen auf dem Rücken liegt sie so da in der schwülen Sonne, umrahmt von Blättern und Ästen, die Leben darstellen sollten, aber inmitten dieser grau-braunen Felder doch eher nach Tod schreien. Ritualmörder, Psycho oder dann doch Hinterwäldler, die am ehesten noch infrage kämen in diesem schauerlichen Bundestaat Louisiana – wer es denn nun getan hat, diese Frage stellt sich schon bald nicht mehr, längst hält Regisseur Fukunaga den Zuschauer gefangen in seiner unmittelbar wirkenden Alptraumwelt mitten in Amerika.

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Am Ende sehen die Zuschauer drei Zeitebenen, umrahmt von dem ewig währenden, in jedem Bild eingefangenen Pessimismus dieses elenden Louisiana. 2012 werden Marty und Rust dann von Polizisten vernommen, offenbar, um bei einem aktuellen Fall beizustehen, aber schon 1995 und 2002 geschieht genug, dass man weiß: Die einzigen, die Beistand so dringend brauchen, sind Marty und Rust. Ausgerechnet diese beiden Monumente an die Herrlichkeit des Scheißeseins sollen brillante Ermittler sein, sollen Menschen helfen und Morde aufklären; am Ende dieser ersten Staffel lernt man als Zuschauer dann allerdings auf einprägsame Art, wie dieses „True Detective“ gemeint ist und wie sehr mit dieser Bezeichnung, nein, wie viel mit dieser Berufung, dieser Bestimmung einher geht.

Dieser Mythos rund um diese Serie ist ein berechtigter – die euphorische Liebesbekundungen ebenso. Durch Serien wie The Wire, Six Feet Under, Twin Peaks oder Sopranos ist das sogenannte Qualitätsfernsehen längst ein alter Hut, durch die mediale Steigerung für den Austausch der Zuschauer nimmt man diesen Begriff „Qualitätsfernsehen“ aber erst jetzt viel zu oft in den Mund, posaunt ihn heraus im Angesicht von Breaking Bad, Dexter, Game of Thrones oder The Walking Dead. Sie alle mögen toll sein und manchmal sogar herausragend, ja wirklich, aber True Detective ist das Monstrum, das diesem Begriff die Definition stiehlt, weil sie zu plump, zu abschätzig wäre für HBOs neues Meisterwerk. Verdammt, True Detective ist das beste, was man bislang als Serie sehen durfte.

true detective bild 3Das liegt an so vielen kleinen und großen Dingen. Das große Ding hier, das ist die Komplexität, nicht allein wegen dem Mord an der Frau. Tatsächlich steckt weniger dahinter, als man anfangs vielleicht noch dachte, nach immer neuen Details lechzt man dennoch wie ein durstiger Köter in der Wüste. Man bekommt sie, die Spuren, die von hier nach da führen, von den greisen Feldern zu den maroden Sümpfen, von unten nach oben in der Gesellschaft. Neu oder irgendwie innovativ ist das aber sicher nicht, zumindest nicht das bloße Aufdröseln des Kriminalfalls. In True Detective stecken die vielen Teile des Ungelösten in dem Gesagten der beiden Ermittler. Der anfangs schlaksig wirkende Rust watschelt die Menschheit ab in bitterbösen Monologen über unsere klägliche Programmierung, die ermüdende Bedeutung der Wertevorstellungen und die lebensverneinende Wirkung auf seine Mitmenschen.

Die Zeit rennt, während Rust immer mehr seiner Ansichten hinaus schleudert mit einer Unmenschlichkeit, die man selten zuvor in so einer Konsequenz sah. Wenn er fordert, die Menschheit solle Hand in Hand in den Untergang gehen, wenn er so darüber redet, dass wir alle ein riesengroßer Fehler seien und hier nicht hingehören, dass das Leben wie ein Traum mit einem Monster endet, dann gerinnt Sympathie für diesen Vollzeit-Pessimisten zu einer unerklärlichen Abfolge von abnicken und kopfschütteln. In seiner für ihn sträflichen Existenz schimmert auch immer der dunkle, aber nicht zu übersehende Wunsch nach einer finalen Erfüllung seiner Träume; wer die Welt sieht wie er, verstrickt sich zunehmend in immer krudere Hasstiraden gegen all das, was er mit seinen Erlebnissen nicht in Einklang bringen kann, verliert dabei doch Stück für Stück sein inneres Verlangen von Sehnsucht nach Friede, weil er nicht weiß, was den Schmerz in ihn auslöst – seine auf Tod aufbauende Philosophie oder die Tatsache, dass der Tod ihn seit ehedem begleitete und ihn zu diesen Gefühlen leitete? Ein gefallener Engel, verwandt mit dem Teufel, unverkennbar, aber brillant in seinem Tun und manchmal gerecht zu denen, die es verdienen.

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Dass diese geradezu undurchdringlichen Gedankenwege den durchschnittlichen CSI-Zuschauer schinden, ist egal und in erster Linie auch nicht wichtig. Schafft es aber tatsächlich ein Matthew McConaughey, diesem Elend aus Selbstbetrug und nihilistischem Kampf mit sich und der Welt ein tatsächlich menschliches Gesicht zu schenken, diesem Rust seine nicht zu leugnende Eleganz in all seinen Wortgefechten, Bewegungen und Schlägen zu verleihen, so bleibt am Ende der ersten Staffel ein Schauspieler, der eindringlicher, unverbesserlicher, ach fuck, ich sag’s jetzt, der besser nicht spielen kann. Olymp, öffne dich!, ein neuer Gott betritt dein Reich, er muss reich belohnt werden, denn genau so überhöht und fernab des Weltlichen erschafft er hier die vielleicht komplexeste Figur in einer derartigen Serie.

Reichlich trocken dagegen mutet die konservative Stocksteif-Denke an, die Marty diesem pechschwarzen Gedankengut entgegenbringt. Er entspricht so vielem, was Rust der Welt ankreidet, diese eingebildete Moral, mit der er sich über andere hebt und sein missratenes Dasein als Ehemann, dass dem Begriff Liebe abschätzig wird. Wenn die beiden als Ermittler-Duo warm werden, dann doch nur, weil der eine den anderen schrecklich abgefucked findet. Ihre Beziehung zueinander verläuft sich in Mitleidsbekundungen und Aufopferung in jeweils ganz eigenen Lebensweisen. Ein Sympathieträger findet sich hier nicht. Erlösung, nun ja, vermutlich auch nicht.

true detective bild 4Ausgerechnet Freidreher Woody Harrelson sorgt hier wie sein Kollege für die Leistung seines Lebens. Ist das denn möglich, fragt man sich, der hat doch so verrückten Kram gemacht wie Natural Born Killers oder Larry Flynt, zuletzt dann in unverkennbaren Nebenrollen in eher so mittelmäßigen Filmen (7 Psychos, Tribute von Panem) brilliert. Hier aber, das ist die finale Antwort, da duelliert er sich mit McConaughey in einem derart gegenteilig-intellektuellen Schlagabtausch – und ringt ihn mehr als einmal zu Boden in seiner kaum zu ertragenden Bosheit, wenn sein Lügenleben zerbricht und seine Augen mehr Schmerz verbreiten als ein guter, altmodischer Baseball-Schläger. Es ist also schon mehr als erstaunlich und gleichfalls so utopisch, dass Regisseur Fukunaga und Drehbuchautor Nic Pizzolatto diesen beiden Riesen dem Destruktiven so viel Glaubwürdigkeit und Schmerz schenken lassen.

Und so lotet True Detective aus, was der Zuschauer bereit ist, zu ertragen. Er sieht das Böse nicht, und wenn, dann nur in den beiden Polizisten, in kleinen Nuancen eben, doch das wahre Grauen bleibt solange verborgen, schimmert immer nur ein bisschen durch, während der Mörder mordet und die Ermittler ermitteln und ein Krieg wütet, der alle Beteiligten körperlich wie seelisch erdrückt.

Mit der fünften Folge ändert sich dann auch das Verhältnis zur Spannung. Schon am Ende der vierten Folge inszeniert Fukunaga eine brillante Hetzjagd, in der das Filmhandwerk perfektioniert scheint, doch die Definition von Gut und Böse dann noch einmal definiert werden muss. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich alles; zuvor in leisen Tönen den Grundtenor der Denkweisen von Rust und Marty vorstellend, reißt sich das Unnahbare los und gibt dem Bösen ein Gesicht. Und auch die Polizisten verwerfen ihre Prinzipien für ein Stück Gerechtigkeit. Drei Episoden folgen noch. Das Herz pocht pro Minute in Zahlen, die nicht mehr messbar sind.

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Über das weltliche Sein reden Marty und Rust genug. Wer genau hinhört und vor allem hinschaut, der wundert sich, wie überhöht und mystisch die letzten Stunden den eigentlich durchschaubaren Fall ins Hinterzimmer des Übernatürlichen schieben. Wer biegt und bricht, kann hier am Schluss alles erklären; wer seine Seele offen hält für Verschwörungen, wird frohlocken angesichts vieler kleiner Anspielungen. Sie alle zu finden, bedarf Zeit. Aber wie die ewig währende Suche nach dem Mörder die Leben von Rust und Marty verzehrten, so muss auch der Zuschauer sich einlassen auf diese perfide Perfektion.

Es mag anstrengend sein. True Detective raubt Kräfte, zertrümmert Konventionen, straft Erwartungen ab, erzählt mit simplem Handlungsaufbau mehr als jede andere Krimiserie. Aber dann, am Ende, wenn man alles sichtete und verstand und überdachte, wird man reich belohnt. Das ist wohl die Essenz von True Detective: Schließlich gewinnt das Licht, egal wie viel Dunkelheit herrscht. Man muss es nur erkennen.

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