Finsterworld (2013)

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Finsterworld (2013) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Finsterworld, D 2013 • 94 Min • Regie: Frauke Finsterwalder • Mit: Christoph Bach, Margit Carstensen, Corinna Harfouch, Ronald Zehrfeld, Johannes Krisch, Sandra Hüller, Jakub Gierszal • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 17.10.2013 • Deutsche Website

Willkommen in „Finsterworld“! Ist dies der Name einer Gruselattraktion auf einem hiesigen Freizeitpark? Nein, leider falsch geraten. Es ist der Name von Frauke Finsterwalders erster Regiearbeit bei einem Spielfilm in Zusammenarbeit mit ihrem Schriftsteller-Ehemann Christian Kracht. Die Adjektive „hiesig“ und „gruselig“ sind keineswegs einfach aus der Luft gegriffen, da der episodenartig erzählte Ensemblefilm einige ungeschönte Momente eines Lebens in Deutschland seziert. Allerdings weben sich die Versatzstücke der gesellschaftskritischen Satire nicht gänzlich zu einem funktionierenden Faustschlag gegen das versnobte Establishment, vordergründige Idylle, sozialen Voyeurismus, bizarre Fetische oder das beinah nervige Gutmenschentum zusammen.

Bei Episodenfilmen mit zahlreichen Handlungssträngen fällt es oftmals schwer, eine griffige Inhaltsangabe zu liefern. Um der Übersicht Willen werden die fünf Handlungsverläufe kurz vorgestellt.

Erstens wäre die Fahrt unter Leitung einer ambitionierten Lehrkraft (Christoph Bach) des Leistungskurses Geschichte einer privaten Eliteschmiede in ein KZ zu nennen. Zweitens wird der Zuschauer Zeuge der Beziehungsprobleme des Polizisten Tom (Ronald Zehrfeld) und seiner erfolglosen, Dokumentarfilm-drehenden Freundin Franziska (Sandra Hüller). Drittens bietet der Film Einsicht in das Techtelmechtel eines Podologen, Claude (Michael Maertens), mit einer Bewohnerin eines Altenheimes, Frau Sandberg (Margit Carstensen).Viertens sieht man einen im Wald lebenden Einsiedler (Johannes Krisch) bei der Aufzucht eines Raben zu. Fünftens begleitet der Zuschauer die Autofahrt eines dekadenten Elternpaares (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz), dessen Sohn Maximilian (Jakub Gierszal) sich auf dem KZ-Ausflug befindet und dessen Oma wiederum die Bewohnerin im Altenheim ist. Bei einer Pinkelpause läuft ihnen der von der KZ-Fahrt getürmte Schüler Dominik (Leonard Schleicher) über den Weg und wird des Spannens bezichtigt.

Finsterworld (2013) Filmbild 2Diese Handlungsstränge sind ein ganz schöner Klotz und es dauert ein wenig bis „Finsterworld“ in Fahrt kommt und der Zuschauer begreifen kann, was das eigentlich alles soll. In vielen Teilen zerstückelt Frauke Finsterwalder deutsche Stereotypien, als da z.B. Corinna Harfouch und Bernhard Schütz ekliges Spießertum par excellence unter Zunahme von Overacting persiflieren. Die beiden schmieren sich scharfzüngig ihre vor Deutschlandabscheu-triefenden Verbalattacken unter die Nase. Die Fahrt über die Autobahn durch beschauliches Ländchen wird insofern zur perfekten Karikatur, da eine der Dialogzeilen sich um urbanes Unwohlsein dreht, zugleich die Reise in der geliehenen Hertz-Goldcard-Protzkarre eher einer Wochenendfahrt im urbanen Kokon gleichkommt und somit jedes Szenario, sei es Stadt- oder Landflucht, als touristische Expedition dastehen lässt. Auch eine Form von Voyeurismus. Nur dabei, statt mitten drin.

Weil es hier so hässlich ist. Und überfüllt mit unhöflichen, ruppigen Menschen. Die Innenstädte ausgebombt, die ehemaligen Bombenkrater zugeschmiert mit Beton…Stuttgart…oder Berlin.

Der zivilisationsflüchtige Einsiedler wird vehement aus seiner romantischen und heilen Natur herausgeschleudert, da seine Bleibe und sein neuer Freund, der Rabe, Vandalen zum Opfer fallen. Kurz entschlossen und voller Hass auf die zivilisierte Welt, gräbt er sein Gewehr aus und sinnt auf Vergeltung an der Zivilisation. Man ist eben nicht mehr sicher vor U-Bahn-Schlägern, Intensivtätern oder generell sich entladender blinder Wut gepaart mit Perspektivlosigkeit. Heimelige Idylle werden blindlings zerstört.

Finsterworld (2013) Filmbild 4Die KZ-Fahrt verläuft nicht – wie man es klassischerweise vermutet – ruhig und in „gebührender“ deutscher Demut, sondern verkommt wird vielmehr zur One-Man-Show des engagierten Pädagogen Nickel.Von seinen desinteressierten Schülern hängen gelassen, sich den Mund als Alleinunterhalter fusselig redend und Maximilians „historischem Relativismus“ die Stirn bietend, hat er nur Richtiges im Sinn und lässt sich mit Hilfe seines besonnenen Positivismus nicht aus der Fassung bringen. Vielleicht meint er es einfach nur zu gut. Darüber hinaus wird bei den Szenen im KZ ein klassisches Märchenmotiv, nämlich der Hexe im Ofen, satirisch und böse aufs Korn genommen. Der hinterhältige und blasiert auftretende Schüler Maximilian nutzt die Gelegenheit des Ausflugs dafür, ständig die aufklärenden Versuche seines Lehrers zu torpedieren. Vorzeigelehrer Nickel weist Maximilian jedoch rhetorisch gekonnt in die Schranken. Der Fiesling vergnügt sich ebenfalls mit Mobbing des Außenseiterpaares Natalie und Dominik (Carla Juri und Leonard Schleicher) und plant eine perfide Racheaktion an Lehrer Nickel. Es ist mittlerweile traurige Gewissheit, dass sogar enthusiastische Pädagogen in Klassenräumen das Gefühl haben, vergebens gegen ungerechte Chancenverteilung, Perspektivlosigkeit, Egoismus und Desinteresse der Spaßgesellschaft anzureden. Die ausbleibenden Schülerreaktionen auf Nickels Frage, was der KZ-Besuch für Gefühle wecke, formen ein formloses und stummes Geständnis der „Juckt mich nicht“-Generation. Die Wertung solcher Szenen überlassen Finsterwalder und Kracht dem Zuschauer. Niemand sollte sich schließlich anmaßen, jemanden so etwas wie eine vermeintliche „Erbschuld“ auf die Schultern zu legen.

Beziehungsarbeit geht nicht immer leicht von der Hand. Die Beziehung von Tom und Franziska leidet mittlerweile unter Missverständnissen, Kommunikationsproblemen und fehlender geistiger sowie körperlicher Befriedigung. Man redet aneinander vorbei, hört nicht zu, interessiert sich nur für sich selbst und gibt dem anderen die Schuld daran – ein wahrer Klassiker. Franziskas klägliche und verbissene Versuche in einem offensichtlich langweiligen Hartz-IV-Empfänger pure menschliche Substanz oder Schönheit offen zu legen bzw. gar erst zu finden, schlagen in Unzufriedenheit mit der Beziehung zu Tom um. Dieser entdeckt neue und zugleich bizarre Wege, menschliche – oder in dem Fall – tierische Streicheleinheiten zu bekommen, indem er sich als Furry in seine Eisbär-Schutzhülle wirft und sich an gleichgesinnten Furry-Mitgliedern reibt. Diese Art von Begegnungen und zärtlich-flüchtiger Zuneigung sind scheinbar in der normalen Realität nicht mehr möglich.

Finsterworld (2013) Filmbild 3Obschon es sich bei der Fußpflege um eine reine Dienstleistung handelt, weiß man seit „Pulp Fiction“ das alles rund um Füße eine intime Kiste ist. Der Fußpfleger und seine Kundin empfinden dabei eine verschämte Freude und Zuneigung. Der skurrile Fußpfleger namens Claude teilt überdies mit seiner viel älteren Stammkundin Frau Sandberg Verachtung für deutsches Liedgut. „Dieses FIDERALLALA. Irgendwie ekelt es mich, es auszusprechen und dann kann ich aber nicht aufhören es zu sagen: Fiderallala.“ Es scheint sich in Form einer Liaison der beiden ein „Tabubruch“ anzubahnen, da es bei ihren Unterhaltungen und der Fußpflege bereits heftig knistert. Im Zeitalter von wahllosen Beziehungen zwischen berenteten Sportlern oder Politikern zu ihren Model-Liebschaften (exclusiv und explosiv jeden Abend im TV zu sehen), wird dem echauffierten Zuschauer der Spiegel vorgehalten, der solche als verpönt beargwöhnten Klatschnachrichten sonst mit einem Schulterzucken abnickt und zur Kenntnis nimmt. Ein kleiner Hinweis am Rande: Wer glaubt Quentin Tarantino lebt seinen Fußfetisch schon überreizt in seinen Filmen aus, der wird hier Zeuge einer neuen und noch viel bizarreren Form des Fußfetischismus.

„Finsterworld“ ist ein interessantes Filmerlebnis, dessen Kritiker (mich eingeschlossen) bestimmt gerne mal der Überanalyse zum Opfer fallen können. Die Dinge, die im Film nicht gesagt oder aufgeklärt werden, bieten Zündstoff für diskursive Erkenntnis. Warum lebt der Einsiedler alleine im Wald? Ist solch ein Mensch fertig mit der Welt, weil er in der zivilisierten Welt möglicherweise von der Politik entmündigt wird und weil diese falsche Prioritäten auf die Tagesordnung setzt? Nun, dieses Fass sollte jeder für sich selbst aufmachen oder zulassen. Trotz Sperrigkeit bringt der Film ein paar Themen, die nicht unter den Tisch fallen sollten.

Finsterworld (2013) Filmbild 1Die Dokumentarfilmerin Frauke Finsterwalder stellt mit „Finsterworld“ ein solides Spielfilmdebüt vor. Dabei kann sie sich auf gute schauspielerische Leistungen ihres Ensembles verlassen. Ihre Vergangenheit als Dokumentarfilmerin hat den markanten Effekt, durch eine Draufsicht von oben, die gezeigten Charaktere und Szenen in einer Art Biotop zu erleben. Darüber hinaus ist die Figurenzeichnung teilweise stereotypisch und überspitzt, wie es bei einer Satire üblich und hier und da bereits allseits bekannt ist. Bei derlei Episodenfilmen hapert es allerdings oft an der geschmeidigen Zusammenführung der Handlungsverläufe. Als hanebüchen ist es in diesem Fall keineswegs zu bezeichnen, dennoch als etwas holprig und konstruiert. Dieses vermeintliche Misslingen ist eventuell auch Absicht im Sinne einer „Finsterworld“, der sich meines Erachtens nach hinter Genrevorläufern wie beispielsweise „LA Crash“ – dieser mit weniger Satire aber dafür mit mehr Gesellschaftskritik – nicht verstecken muss, jedoch weniger stimmig als Gesamtpaket anzusehen ist. Partiell sucht sich „Finsterworld“ blöderweise Dauerbrenner als Angriffsfläche aus. Ein Auto bzw. eine Protzkarre ist dem wohlsituierten Deutschen eben liebstes Kind. Zugute halten kann man im Endeffekt dem Duo Finsterwalder und Kracht (Autor von „Faserland“), in ihrer finsteren Parallelwelt mit dystopischen Zügen, wenn man so will, konsequent zu bleiben und beim Armdrücken von Moral und Werteverfall oder Gut und Böse jeweils die düstere und finstere Seite obsiegen zu lassen.

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