Tenet Effekte

© 2020 Warner Bros. Pictures

Quelle: ICG Magazine

Seit Mittwoch läuft Tenet in den deutschen Kinos und wird trotz der aktuell angespannten Corona-Situation und der Restriktionen in den Kinos, die mit ihr einhergehen, mit Sicherheit mehr Menschen in die Kinos locken als jeder andere Film in Deutschland seit dem Start von Die Känguru-Chroniken im März, vielleicht sogar seit Bad Boys for Life im Januar, dem aktuell noch das besucherstärkste Startwochenende des Jahres in Deutschland gehört.

Ich bin auch sicher, dass nicht alle das Kino zufrieden verlassen werden. Tenet ist Nolans sperrigster Film seit Memento und bedarf eigentlich mindestens zwei Sichtungen, um ein halbwegs vollständiges Bild zu bekommen, was darin passiert. Er ist überfrachtet mit Ideen, neuartigen Konzepten und Wendungen, und während Teile von Nolans eingeschworener Fangemeinde davon begeistert sein werden, werden viele Zuschauer vermutlich einfach überfordert und frustriert sein.

Was aber wirklich niemand abstreiten kann, ist die audiovisuelle Wucht, die Nolan und sein Team in Tenet auf die Leinwand gezaubert haben. Für den Streifen hat der Regisseur ein Budget von mehr als $200 Mio bekommen, was eigentlich unerhört ist für einen Film, der keinerlei Franchise-, Buch- oder Comicvorlage hat, sondern komplett originell ist. Und zum Glück sieht man jeden Cent davon auch auf der Leinwand, ohne dass die Action jemals übertrieben wirkt. Denn Nolan ist ein Mann fester Prinzipien und dazu gehört, möglichst viel ohne Einsatz von CGI umzusetzen. Alle von Nolans Filmen enthielten beträchtlich weniger sogennante VFX-Shots (Visual Effects Shots), also Shots, in denen visuelle bzw. Computereffekte zum Einsatz kamen. Sein VFX-reichster Film bislang war Interstellar, und er spielte größtenteils im Weltall. Dennoch enthielt Interstellar "nur" 700 VFX-Shots, weniger als Hacksaw Ridge, letzten drei Bond-Filme oder Disneys Cinderella. The Dark Knight hatte 650 Shots mit Computereffekten, Batman Begins rund 620, Inception etwa 500, und The Dark Knight Rises lediglich 450. Gerade bei den letzten beiden ist es einfach erstaunlich, wenn man bedenkt, was man auf der Leinwand zu sehen bekommen hat.

Doch mit Tenet ging Nolan noch einen Schritt weiter. Laut Cutterin Jennifer Lame enthält der Film weniger als 300 VFX-Shots, was nach den Maßstäben heutiger Blockbuster phänomenal ist. Lame sagte dazu; (aus dem Englischen)

Visuell ist der Film gigantisch, aber wir haben vermutlich weniger VFX-Shots im Film als die meisten romantischen Komödien.

Zum Vergleich: ein Film wie Avengers: Endgame besteht aus rund 2700 Shots insgesamt, davon sind 2500 VFX-Shots. Alle neuen Marvel- und Star-Wars-Filme enthalten mehr als 2000 VFX-Shots. Tenet enthält weniger VFX-Shots als der 40 Jahre alte erste Star-Wars-Film. Mit anderen Worten: Fast alles, was Ihr auf der Leinwand seht, wurde so auch "in-camera" gedreht. Dazu gehört auch das Prunkstück des Films, eine echte Boeing 747, die Nolan in einer Schlüsselszene in ein Gebäude crashen lässt. es war laut Nolans eigener Aussage tatsächlich billiger, eine echte 747 zu kaufen, als die entsprechende Szene mit Modellen oder per CGI zu erschaffen.

Nolan erklärte, dass Computereffekte in dem Film nur der letzte Ausweg sein sollten:

Der Visual Effects Supervisor Andrew Jackson war für unser Sicherheitsnetz verantwortlich. Wir wollten alles direkt auf Kamera drehen, aber wenn es nicht gemacht werden konnte, welche Wahl gibt es in der Post-Production? Ich würde sagen, dass Andrew seinen eigenen Job fast überflüssig gemacht hat, weil er uns geholfen hat, so viele Dinge praktisch zu erreichen. Es gab trotzdem sehr komplizierte visuelle Effekte für das Team von Double Negative, aber wir haben enorm von Andrews Expertise und seinem Hintergrund von am-Set-Effekten profitiert.

Zusammen mit der Tatsache, dass nahezu der gesamte Film mit IMAX-Kameras und auf 70mm eingefangen wurde, macht ihn zu einem absoluten Muss auf der großen Leinwand. Idealerweise natürlich entweder in einem IMAX-Kino oder einem Lichtspielhaus mit 70mm-Projektion. Von beiden gibt es in Deutschland leider nicht viele (fünf IMAX-Kinos, fünf Kinos mit 70mm-Projektion insgesamt).

Doch so oder so könnten andere Filmemacher von Nolans Herangehensweise auf jeden Fall eine Scheibe abschneiden, denn so gut wie die Computereffekte heutzutage auch sind, wenn etwas auf der Leinwand real ist, dann sieht es der Zuschauer auch, weshalb auch die irrwitzigen Stunts von Tom Cruise in den Mission: Impossible-Filmen immer eine Augenweide sind.