Steven Spielbergs Die Verlegerin räumt bei der National Board of Review ab

© 2017 20th Century Fox

Quelle: National Board of Review

Die Oscar-Saison 2017/2018 wurde gestern mit der Bekanntgabe der Auszeichnungen der National Board of Review eingeläutet! In dem Zeitraum zwischen jetzt und der Oscarverleihung am 4. März werden von zahlreichen Kritiker- und Industrieorganisationen Auszeichnungen für unterschiedliche Leistungen der Filmemacher aus dem Jahr 2017 verliehen. Seit vielen Jahren hat es sich eingebürgert, dass die National Board of Review (NBR) den Anfang macht. Dabei handelt es sich um einen 1909 gegründeten Zusammenschluss von New Yorker Filmemachern, Filmwissenschaftler und Kritikern, der seit 1928 die besten Filme des zurückliegenden Jahres auszeichnet. Die NBR gilt als erster ernstzunehmender Prädiktor des weiteren Verlaufs der Oscar-Saison.

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Wie jedes Jahr, muss an dieser Stelle jedoch abermals betont werden, dass es keine Überschneidung zwischen den Mitgliedern der Academy, die für die Oscars abstimmen, und den Wählern der NBR gibt. Ihr Beitrag als Prädiktoren ist insofern relevant, als dass sie früh bestimmen, über welche Filme während des Oscar-Rennens viel geredet wird und welche Filme Oscar-Hype aufbauen werden. Wer hier gut loslegt, hat spätere bessere Aussichten auf wichtige Nominierungen.

Die Vorhersagekraft der NBR Awards ist vor allem gegeben, was Oscarnominierungen betrifft, weniger, was die eigentlichen Sieger angeht. In den letzten 20 Jahren wurde der "Bester Film"-Sieger der National Board of Review später auch in der Kategorie für einen Oscar nominiert (Quills, Gods and Monsters und A Most Violent Year waren die Ausnahmen). Lediglich drei dieser 17 Filme gewannen jedoch auch den "Bester Film"-Oscar (American Beauty, No Country for Old Men und Slumdog Millionär).

Wichtig ist auch, welche Filme es unter die Top 10 des Jahres der NBR schaffen. Auf dieser Liste findet sich meist die Mehrheit der späteren Oscar-Nominees als "Bester Film". Letztes Jahr verpassten lediglich zwei Filme die NBR-Top-10, die später bei den Oscars nominiert waren: Fences und Lion.

Dieses Jahr gehörte das Rampenlicht der National Board of Review Awards eindeutig einem Film: Steven Spielbergs Journalismusdrama Die Verlegerin (OT: The Post). Der Streifen (Trailer hier), der seit seiner Ankündigung allein schon wegen seiner mächten Starpower als Oscarkandidat gilt, gewann nicht nur den Preis als "Bester Film", sondern auch die Hauptdarstellerpreise für Meryl Streep und Tom Hanks. Es ist äußerst selten, dass ein Film bei der NBR alle diese drei Hauptpreise abräumt. Es war das vierte Mal, dass ein Steven-Spielberg-Film von der NBR ausgezeichnet wurde (zuletzt war es Schindlers Liste). Für Hanks und Streep war es erst jeweils die zweite NBR-Auszeichnungen. Sie gewannen zuvor jeweils für Forrest Gump und Sophies Entscheidung.

Der Regie-Preis ging jedoch nicht an Spielberg, sondern an Regiedebütantin Greta Gerwig für ihr gefeiertes Coming-of-Age-Drama Lady Bird. Es ist erst das zweite Mal in NBR-Geschichte, dass eine Frau für die Regie prämiert wurde (nach Kathryn Bigelow für Zero Dark Thirty). Lady Bird tauchte außerdem unter den Top 10 der besten Filme auf und staubte die "Nebendarstellerin"-Auszechnung für Laurie Metcalf ab.

Get Out punktete mit einem Ensemble-Preis zusätzlich zur Top-10-Nennung. Bemerkenswert ist auch, dass Logan – The Wolverine unter den Top-10-Filmen landete – als erste Comicverfilmung seit The Dark Knight und zweite überhaupt.

Unten findet Ihr die komplette Liste der diesjährigen Gewinner und meine weiterführenden Gedanken:

Bester Film

Die Verlegerin

Top 10 Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Baby Driver
Call Me by Your Name
The Disaster Artist
Downsizing
Dunkirk
The Florida Project
Get Out
Lady Bird
Logan – The Wolverine
Der seidene Faden

Beste Regie

Greta Gerwig (Lady Bird)

Bester Hauptdarsteller

Tom Hanks (Die Verlegerin)

Beste Hauptdarstellerin

Meryl Streep (Die Verlegerin)

Bester Nebendarsteller

Willem Dafoe (The Florida Project)

Beste Nebendarstellerin

Laurie Metcalf (Lady Bird)

Bestes Ensemble

Get Out

Bestes Originaldrehbuch

Paul Thomas Anderson (Der seidene Faden)

Bestes adaptiertes Drehbuch

Scott Neustadter & Michael H. Weber (The Disaster Artist)

Bester Animationsfilm

Coco

Bester Dokumentarfilm

Jane

Bester fremdsprachiger Film

Foxtrot

Top 5 Dokumentarfilme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Abacus: Small Enough to Jail
Brimstone & Glory
Eric Clapton: Life in 12 Bars
Faces Places
Hell On Earth: The Fall of Syria and the Rise of ISIS

Top 5 fremdsprachige Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Eine fantastische Frau
Frantz
Loveless
Summer 1993
The Square

NBR Freedom of Expression Award

Let It Fall: Los Angeles 1982-1992
Der weite Weg der Hoffnung

Beste Durchbruchs-Performance

Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)

Bestes Regiedebüt

Jordan Peele (Get Out)

Spotlight Award

Wonder Woman: Patty Jenkins und Gal Gadot

Top 10 Independent-Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Beatriz at Dinner
Brigsby Bear
A Ghost Story
Lady Macbeth
Logan Lucky
Loving Vincent
Menashe
Norman
Patty Cake$
Wind River
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Die vermutlich größte Überraschung dieser Auszeichnungen ist die Abwesenheit der Tragikomödie Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, die den Publikumspreis beim Toronto International Film Festival gewann und ebenfalls als einer der stärksten Kandidaten im Rennen galt. Dass der Film es nicht einmal in die Top 10 der Independent-Filme schaffte, ist wirklich erstaunlich, schließt jedoch keineswegs aus, dass der Film dennoch bei den Oscars nominiert werden wird (siehe Whiplash, Lion, Fences oder Selma).

Die Auszeichnung für Pixars Coco ist die erste dieser Saison und zahllose weitere werden folgen. Den Animations-Oscar wird dem Film kein anderer streitig machen.

Was die Hauptkategorien angeht, so lohnt sich ein statistischer Vergleich über die Jahre. Tom Hanks hat tatsächlich gute Chancen, endlich seine erste Oscarnominierung seit Cast Away – Verschollen zu bekommen, nachdem er in den letzten Jahren für Captain Phillips, Bridge of Spies und Sully übergangen wurde. 15 der letzten 20 Gewinner des "Bester Hauptdarsteller"-Preises der NBR erhielten später eine Oscarnominierung, auch wenn nur vier von ihnen tatsächlich den Oscar gewannen. Bei den Hauptdarstellerinnen ist die Quote sogar noch besser: 16 der letzten 20 NBR-Gewinnerinnen wurden bei den Oscars als "Beste Hauptdarstellerin" nominiert, fünf gewannen. Amy Adams hatte letztes Jahr allerdings nicht so viel Glück. Die NBR zeichnete sie für Arrival aus, die Academy zeigte ihr die kalte Schulter. Für Streep wäre es die 21. (!!) Oscarnominierung.

Etwas schlechter sind die Statistiken bei den Nebendarstellern. 15 der letzten 20 "Bester Nebendarsteller"-Gewinner der NBR erhielten zwar auch eine Oscarnominierung, aber nur drei gewannen den Oscar (zuletzt Christopher Plummer für Beginners). Lediglich acht der letzten 20 "Beste Nebendarstellerin"-Gewinnerinnen wurden auch für einen Oscar nominiert und nur eine einzige (Penélope Cruz für Vicky Cristina Barcelona) hat ihn auch gewonnen.

Ähnlich schlecht ist die Quote bei den Regisseuren: acht der letzten 20 NBR-Sieger waren auch bei den Oscars dabei, drei von ihnen gewannen den Oscar. Allerdings sollte Greta Gerwig dieses Jahr eine sichere Nummer für eine Oscarnominierung sein angesichts der überwältigenden Rezeption ihres Films und des aktuellen gesellschaftlichen Klimas.

Zur Erinnerung: Manchester by the Sea war der große National-Board-of-Review-Gewinner letztes Jahr, mit Preisen für sein Drehbuch, seinen Hauptdarsteller Casey Affleck und den Film selbst. Die ersten beiden Auszeichnungen gewann er später auch bei den Oscars.

Hier findet Ihr alle NBR-Sieger von 2016, 2015, 2014, 2013 und 2012.

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