Verluste der deutschen Kinowirtschaft 2020 werden auf mindestens 225 Millionen Euro geschätzt

Quelle: Filmecho

Der UFA-Palast Stuttgart, der Filmpalast Eisenhüttenstadt, das Berliner UCI Colloseum. Diese Kinos haben eine traurige Gemeinsamkeit. Sie haben die Corona-Krise nicht überstanden und sind jetzt dauerhaft geschlossen. Sicherlich war Corona nicht der einzige Grund. Die Lichtspielhäuser waren finanziell bereits angeschlagen, doch die mehrmonatige Schließung hat ihnen den Todesstoß verpasst. Am 4. November wird auch im Primus Kinocenter Echweiler der letzte Vorhang fallen – ein weiteres Opfer der Corona-Krise.

An keinem Bereich der Entertainment-Industrie ist die Corona-Pandemie spurlos vorbeigezogen. Kinos sind dabei besonders schwer betroffen. Es gab einige löbliche Aktionen, um den Kinos während der Schließungen zu helfen, wie die Hilfdeinemkino-Kampagne, bei der man sich online Werbespots anschauen und ausgewählte Kinos an den dadurch generierten Einnahmen beteiligen konnte. Einige Kinos versuchten es während der Schließungen mit dem Popcorn-Verkauf, andere boten Filmen im digitalen Stream an, und viele appellierten an die treuen Fans, sich Gutscheine zu kaufen.

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Jede Hilfe ist besser als keine Hilfe und jeder Cent war in der Zeit wertvoll, doch retten kann man die Betriebe dauerhaft so nicht, und nach der Wiedereröffnung sahen sich die Kinos mit neuen Problem konfrontiert: strenge Kapazitätsbeschränkungen, vor allem aber dem Ausbleiben großer massentauglicher Filme. Denn Hollywood räumte nach und nach erst den Sommer und dann den gesamten Herbst leer. Christopher Nolans Tenet war eine willkommene Ausnahmeerscheinung, eine lange ersehnte Adrenalinspritze für die Kinos, und natürlich gibt es auch Hits im kleineren Rahmen wie After Truth oder aktuell den neuen Jim Knopf, doch es reicht nicht aus, um die Kinos langfristig über Wasser zu halten.

Wie enorm die Verluste der Kinobetreiberinnen und -betreiber dieses Jahr ausfallen könnten, verrät eine neue von der Filmförderungsanstalt FFA in Auftrag gegebene und von den Wirtschaftsprüfern von PricewaterhouseCoopers durchgeführte Studie. Diese geht von einem durchschnittlichen Gesamtumsatz von 1,5 Milliarden Euro für die Kinos in einem normalen Jahr (durch Tickets, Getränke und Snacks), dem gegenüber rund 1,425 Milliarden an Kosten (Personalkosten, Pacht, Werbemaßnahmen, Filmmiete) gegenüberstehen. Daraus ergibt sich ein Profit von rund 75 Millionen Euro (vor Steuern) für die deutschen Kinos. Das alleine zeigt schon wie gering und daher vulnerabel die Gewinnmarge in einem regulären Jahr ist.

Doch wir haben natürlich kein normales Jahr und für die Studie hat PricewaterhouseCoopers zwei Szenarien entworfen. In einem Szenario würden die internationalen Blockbuster nicht verschoben werden. Dann würde der Filmbesuch im Dezember bei rund 80% des Durchschnittsaufkommens liegen. In dem Szenario würden die Kosten auf 1,025 Milliarden Euro sinken und die Einnahmen auf 800 Millionen. Das würde einen geschätzten Verlust von 225 Millionen Euro bedeuten.

Doch wir befinden ist vielmehr in Szenario 2, bei dem die attraktiven Blockbuster immer weiter nach hinten verschoben werden. Laut diesem Szenario würden im Dezember nur 50% des regulären Besucheraufkommens erreicht werden. Bei geschätzten Kosten von 975 Millionen und Einnahmen von 650 Millionen, würde es einen Gesamtverlust von 325 Millionen Euro für die deutschen KinobetreiberInnen bedeuten.

Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass wegen der Abstandsregeln nur 20% der Sitzkapazitäten genutzt werden können. Das war zwischenzeitlich in einigen Bundesländern natürlich anders, doch tatsächlich waren die verringerten Kapazitäten nicht das befürchtete große Problem, denn aus Mangel an attraktiven Filmen wurden sogar an den Wochenenden die verfügbaren Plätze häufig nicht annähernd gefüllt.

So wie die aktuelle Entwicklung ist und mit der Befürchtung, dass auch die wenigen verbleibenden größeren Dezember-Filme auch noch abrücken könnten, halte ich leider sogar das zweite Szenario für optimistisch.

An dieser Stelle also mein dringender Appell an alle Liebhaber des Filmgenusses im Kino: der beste Weg, den Kinos zu helfen, besteht darin, dort hinzugehen. Ja, es ist schade, dass weder der neue James Bond noch Dune noch die üblichen Marvel-Blockbuster dieses Jahr starten werden. Doch es gibt andere Filme, die man im Kino sehen kann. Gute Filme, vielfältige Filme. Man muss nur Ausschau danach halten, und bereit sein, über den Tellerrand zu schauen. Viele Kinos zeigen Klassiker-Reihen, bei denen man die Gelegenheit hat, Filme nachzuholen, die man vorher noch nie auf der großen Leinwand gesehen hat. Aber auch unter neuen Filmen gibt es aktuell sehr sehenswerte Produktionen, wie Niemals selten manchmal immer, Milla Meets Moses, On the Rocks, Vergiftete Wahrheit oder die sympathische deutsche Komödie Faking Bullshit. Gebt ihnen eine Chance. Denn ohne ausreichende Umsätze gibt es vielleicht in einigen Monaten die Kinos gar nicht mehr, in denen ihr die aufgeschobenen großen Blockbuster sehen könnt.

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