Disney New Mutants

Anya Taylor-Joy und Charlie Heaton in New Mutants © 2018 20th Century Fox/Walt Disney Pictures

Quelle: Variety

Letzte Woche mussten Disney-Chef Bob Iger und ein CFO Christine McCarthy den Investoren schlechte Nachrichten überbringen: Die Umsatzziele im dritten Quartal wurden nicht erreicht, die Aktie des Mega-Konzerns ist gesunken. Der Sündenbock war schnell gefunden und sein Name lautete 20th Century Fox. Iger nannte explizit das schwache Abschneiden der Filme des Studios seit dem Kauf durch Disney als Hauptgrund für etwa $170 Mio an Verlusten. So habe 20th Century Fox nicht nur schlechter abgeschnitten als zuvor, sondern auch erheblich schlechter als Disney es sich erhofft hat.

An dieser Stelle muss ich jedoch einwerfen, dass man sich doch darüber wundern kann, was Disney genau erwartet hat. Seit der Fusion wurden vier von Fox produzierte Filme durch Disney veröffentlicht: Stuber – Fünf Sterne Undercover, X-Men: Dark Phoenix, Enzo und die wundersame Welt der Menschen und Breakthrough. Das christliche Drama Breakthrough schnitt solide an den Kinokassen ab, die anderen drei Filme floppten. Hat Disney ernsthaft erwartet, dass einer dieser Filme zu einem Kassenschlager werden würde? Es fällt einem schwer das zu glauben. Der Bärenanteil der Verluste ging laut Iger auf X-Men: Dark Phoenix zurück, die $200-Mio-Produktion, die weltweit kaum $250 Mio eingespielt hat. Wer sich nun wundert, wieso es Disney betrifft, wenn der Film doch noch vor dem Fox-Kauf finanziert wurde, sollte bedenken, dass Disney 20th Century Fox mitsamt allen Schulden, Ausgaben und finanziellen Verpflichtungen erworben hat.

Die Konsequenz, über die wir bereits ebenfalls berichtet haben, war drastisch. Disney beendete die Entwicklung zahlreicher Fox-Projekte. Zu den bekannteren Titel gehören dabei Chronicle 2, Assassin’s Creed 2 und Stirb langsam 6. Wie ein neuer Bericht von Variety ausführt, wurde auch die Comicadaption Lumberjanes gecancelt. Auch die Partnerschaft mit dem neuen britischen Animationsstudio Locksmith wurde beendet. Diese wurde zwischen Locksmith und Fox 2017 abgeschlossen, mit dem Ziel, alle 12-18 Monate hochwertige CG-Animationsfilme in die Kinos zu bringen. Der erste dieser Filme, Ron’s Gone Wrong, ist bereits fertiggestellt und wird im November 2020 von Disney veröffentlicht. Die Rechte an drei weiteren Projekten wurden jedoch an Locksmith zurückgegeben. Disney ist nicht interessiert. Risiko (lies: Originalität) soll möglichst niedrig gehalten werden. Es wird geschätzt, dass etwa $50 Mio in die Entwicklungen von Fox-Filmprojekten geflossen sind, die nun gestrichen wurden.

Doch kommen wir auch mal zu der eigentlichen Überschrift dieses Artikels. Während Disney natürlich alle aussichtslosen Fox-Filme, die in Entwicklung waren, abgesagt hat, gibt es immer noch eine Reihe fertiger oder bald fertiger Fox-Filme, um die sich das Studio kümmern muss, und die weitere potenzielle Verluste mit sich bringen können. Einer davon ist – Ihr habt es erraten – New Mutants. Die bereits 2017 abgedrehte und mehrfach nach hinten verschobene Marvel-Verfilmung mit Maisie Williams und Anya Taylor-Joy soll nach aktuellem Plan am 2.04.2020 in unsere Kinos kommen. Variety berichtet, dass die Verantwortlichen bei Disney von dem Film wenig begeistert sind und nur geringes kommerzielles Potenzial in dieser horrormäßig angehauchten Comicverfilmung aus der Welt der X-Men sehen.

X-Men-Produzent Simon Kinberg erklärte im Mai, dass Nachdrehs zu New Mutants weiterhin eingeplant seien, um den Film richtig hinzukriegen. Variety schreibt jedoch, dass Disney sehr vorsichtig mit jeglichen weiteren Investitionen in fertiggestellte Fox-Projekte geworden ist. Filmemacher, die ihre Filme Nachdrehs unterziehen wollen, müssen fortan rigorose, präzise Storyboards einreichen um die zusätzlichen Kosten zu rechtfertigen, damit diese bewilligt werden. Das betrifft natürlich auch Josh Boones New Mutants. Wer weiß, vielleicht winkt uns eine weitere Startverschiebung. Vielleicht wird sich irgendwann Maisie Williams diesen Film mit ihren Kindern bei der Weltpremiere in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Disney anschauen.

Ein weiteres Problem, vor dem Disney laut Variety steht, ist die Unterbringung von Deadpool im Marvel Cinematic Universe. Dieses ist nämlich entschieden familienfreundlich und PG-13, während die Deadpool-Filme bislang sehr R-rated waren. Man sei sich noch unsicher, wie die Einbindung des Charakters ins MCU mit den brutalen, vulgären Solo-Abenteuern des Meta-Antihelden vereinbart werden kann. Immerhin bedeutet dieses Dilemma, dass Disney tatsächlich weiterhin vorhat, die Deadpool-Solo-Filme mit einem R-Rating zu belassen (wie Kevin Feige bereits nahegelegt hat). Was die Einbindung ins Marvel-Kinouniversum angeht: Ist das wirklich so schwer? Der Vorteil von Deadpool ist, dass er eben meta ist und man mit ihm deshalb eigentlich alles machen kann, was man will. So könnte er bei seinen Gastauftritten im MCU, falls Disney ihn unbedingt darin haben möchte, zensiert werden und dann eben die Tatsache kommentieren, dass er von Disney zensiert wurde. Seine Alleingänge sollten davon unberührt bleiben. So, ich habe Disneys großes Problem gerade gelöst, die Rechnung geht demnächst raus.

Die neusten Entwicklungen drängen auch die bei der Fusion als Vize-Vorsitzende von 20th Century Fox übernommene Emma Watts immer mehr ins Abseits. Bob Iger hat seine beiden Topleute Alan Horn und Alan Bergman, die Co-CEOs von Walt Disney Studios (einem der Unterbereiche des Gesamtkonzerns), damit beauftragt, die Filmentwicklung bei 20th Century Fox in Schuss zu bringen und an die Disney-Qualitäts- und Profitabilitätsstandards anzugleichen. Die Zukunft von Watts bei Fox wird dadurch ungewiss. Ihr Vertrag wurde bei der Übernahme auf zwei Jahre festgelegt. Ihre jetzigen Prioritäten sind James Camerons Avatar-Sequels und Steven Spielbergs Musical-Remake West Side Story, die von Fox Produziert werden und von denen sich Disney große Einnahmen verspricht.

Finster sieht es möglicherweise für die nicht-Disney-konformen Filme von Fox Searchlight. Im letzten Bericht wurde erwähnt, dass die auf Prestigefilme fokussierte Tochterfirma von Fox von Disney unberührt bleiben soll und weiter freie Hand bei ihren Projekten hat. Doch wird das auch so bleiben? Variety berichtet von einem Screening von Taika Waitits Nazi-Satire Jojo Rabbit, in der Waititi selbst Hitler als imaginären Freund eines kleinen Jungen im Nazi-Deutschland spielt. Das Screening wurde speziell für Disney-Manager abgehalten und während der Vorführung soll sich ein hochrangiger Disney-Manager hörbar über den satirischen Ton des Films beklagt haben und dass dieser auf typische Disney-Zuschauer befremdlich wirken und mit der Disney-Marke inkompatibel sein könnte. Dabei gilt der Film als einer der potenziell großen Oscarkandidaten dieses Jahr.

Glaubt Ihr, dass New Mutants jemals in die Kinos kommen wird?