Fantasy Filmfest Tagebuch 2017 – Tag 1

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Fantasy Filmfest 2017 Tagebuch Tag 1
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN

Mit etwas Verspätung beginne ich mit meiner alljährlichen Berichterstattung vom Fantasy Filmfest 2017 in Köln. Es ist bereits die 31. Ausgabe des größten deutschen Genre-Filmfestivals (immer leicht für mich zu merken, denn das Festival und ich sind aus dem selben Jahrgang) und laut Veranstalter Stefan Rainer hat das FFF dieses Jahr die beste Filmauswahl in der Geschichte des Festivals. Leerer Hype oder wahre Worte? Natürlich sind solche Behauptungen immer subjektiv und ich habe auch nicht die vorherigen 30 Jahre des FFF ausführlich studiert, doch ein Blick auf die diesjährigen Filme verrät, dass es dieses Jahr einige wirklich hochkarätige, in Vorfeld schon mit viel Hype beladene Filme ins Programm geschafft haben. Allen voran ist natürlich der Eröffnungsfilm Es zu nennen, der vermutlich "größte" Streifen, der es je ins Programm des Fantasy Filmfests geschafft hat, zumindest was die Begeisterung im Vorfeld betrifft. Innerhalb von nur 15 Minuten nach Vorverkaufsbeginn war die Vorstellung in Köln restlos ausverkauft, sodass das Residenz-Kino einen zweiten Saal bereitstellte, für den die Tickets ebenfalls wie heiße Semmeln weggingen. Nicht umsonst bricht die Stephen-King-Verfilmung in den USA aktuell alle Rekorde für Horrorfilme.

Doch auch weitere Highlights hat das Festival über seine 11 Tage zu bieten. Der franko-belgische Kannibalen-Schocker Raw, der bei seiner Premiere in Cannes letztes Jahr angeblich für Ohnmachtsanfälle im Publikum sorgte, wird von vielen Zuschauern heiß erwartet. Der Australier Greg McLean, der mit den beiden Wolf-Creek-Filmen und dem Workplace-Horrorthriller The Belko Experiment FFF-Besucher begeisterte, ist zurück mit dem Abenteuerfilm Jungle mit Daniel Radcliffe ein Jahr nach dem FFF-Doppeleinsatz des Harry-Potter-Stars  in Swiss Army Man und Imperium. Frontier(s)-Regisseur Xavier Gens probiert sich mit The Crucifixion am beliebten Genre des Exorzismus-Horrors. 47 Meters Down, der bereits in den USA ein Überraschungshit an den Kinokassen war, bringt die tödlichen Haie ins Kino zurück. Takashi Miike ist nicht nur mit dem 100. Film seiner Karriere, dem ultrablutigen Blade of the Immortal, auf dem Festival vertreten, sondern bekommt auch eine Double-Feature-Retrospektive mit Audition und Lesson of the Evil. Darüber hinaus erwarten die Zuschauer Beiträge aus Finnland, Israel, Island, Italien, Polen, Dänemark und diesmal sogar zwei deutschsprachige Filme.

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Der verhältnismäßig späte Beginn des einst sommerlichen Festivals im September ist darin begründet, dass das Fantasy Filmfest dieses Jahr zeitgleich mit dem Toronto International Film Festival (TIFF) losgeht. Auf diese Weise konnten Filme ins Programm aufgenommen werden, die beim TIFF ihre Weltpremiere feiern. Das TIFF hat gegenüber dem FFF häufig Vorrang, sodass die hiesigen Zuschauer nicht selten bis zu den nächsten Nights warten mussten, um die neuen Genre-Knaller zu sehen, die in Toronto bereits gelaufen sind. Durch die parallele Austragung der Festivals konnte das TIFF das Privileg der Weltpremiere behalten und die entsprechenden Filme durften dennoch beim Fantasy Filmferst direkt gezeigt werden, nur eben einige Tage später. Das ist natürlich eine echt gute Sache, führt jedoch gerade in Köln zur unglücklichen Verkettung, dass sich  die letzten Tage des Fantasy Filmfests dieses Jahr mit dem Beginn des Cologne Film Festivals (ehemals Cologne Conference) überschneiden, von dem ich ebenfalls im Anschluss berichten werde. Das werden lange zwei Wochen in den Kölner Kinos sein.

Also schnallt Euch an, denn in den nächsten Tagen findet Ihr bei uns Kurzkritiken zu mehr als 35 Filmen vom Fantasy Filmfest 2017. Es bleibt beim gleichen Format der Tagebücher, wie in den letzten Jahren, wobei ausgewählte Filme später noch für längere Rezensionen ausgekoppelt werden. Ich bin bereits bestens ausgerüstet mit Energy-Drinks gegen Schlafmangel, Lesestoff für die tägliche Pendelei zwischen Bonn und Köln und einer riesigen Vorfreude auf mein 14. Fantasy Filmfest!

Tag 1

Es (2017)

Es Fantasy Filmfest 2017 Tag 1 KritikSeit 2005 habe ich keinen einzigen Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests verpasst und das sollte sich auch dieses Jahr nicht ändern, obwohl ich Andy Muschiettis Es bereits zweimal zuvor gesehen habe. Es spricht aber natürlich auch für den Film, dass ich ihn bereitwillig zum dritten Mal innerhalb von nur drei Wochen gesehen habe. In einem ausverkauften Saal und mit einem Publikum von Gleichgesinnten, die den Film sehnlichst erwartet haben, ist das Erlebnis alleine schon Grund genug. Der Film selbst hielt auch der dritten Sichtung stand, ohne sich sonderlich abzunutzen. Die Stärken waren wieder einmal sehr deutlich, aber auch der Mangel an wirklich gruseligen Momenten. Zwar behält der Film weiterhin seine unheimliche Geisterbahn-Atmosphäre, doch die wenigen Szenen, die ich beim ersten Mal noch aufrichtig furchteinflössend fand, haben ihre Wirkung mittlerweile verloren.

Das ist jedoch nicht weiter schlimm, denn wie schon beim ersten Viewing, funktioniert Es immer noch am besten als einfühlsamer Coming-Of-Age-Film mit einer fantastisch aufeinander eingespielten Besetzung aus sehr talentierten Jungdarstellern, allen voran die Entdeckung Sophia Lillis als Beverly, die hoffentlich noch eine lange Karriere vor sich hat. Die Verfilmung von Stephen Kings Roman über eine Gruppe Kinder, die in ihrer Kleinstadt Derry von einem böswilligen Wesen terrorisiert werden, das häufig die Form eines Clowns (Bill Skarsgård) oder der Urängste seiner Opfer annimmt, verlagert die Handlung ins Jahr 1989 (anstelle des Fünfziger-Settings des Romans). Anstatt zu sehr auf der Achtziger-Nostalgieschiene zu fahren, wirkt die Geschichte über die Freundschaft und das Erwachsenwerden zeitlos. Skarsgård macht seine Sache als böser Clown unheimlich gut, hinterlässt aber keinen so bleibenden Eindruck wie einst Tim Curry in der Rolle, was hauptsächlich an seiner begrenzten Screentime liegt. Dieser Film gehört vor allem den Kindern und das ist auch gut so. Wer es ausführlicher wissen möchte, findet meine Langkritik zum Film hier. Es ist nicht der beste Fantasy-Filmfest-Eröffnungsfilm, den ich in meiner Zeit beim Festival gesehen habe (diesen Titel würde ich an den letztjährigen Swiss Army Man vergeben), doch er spielt auf jeden Fall in der oberen Liga mit und ist die perfekte Wahl, um Festivalbesucher auf die darauffolgenden zehn Tage einzustimmen. 4/5

The Mermaid

The Mermaid Fantasy Filmfest 2017 Tag 1 KritikBevor Wolf Warrior 2 ihn dieses Jahr ablöste, war Stephen Chows Öko-Märchen The Mermaid der erfolgreichste Film aller Zeiten in China, und im Gegensatz zum Propaganda-Actionfilm ist The Mermaid keine hurrapatriotische Glorifizierung des Reichs der Mitte, sondern enthält vielmehr mal mehr mal weniger subtile Sticheleien gegen die Oberflächlichkeit und Ignoranz der Neureichen des Landes und die Zerstörung der Umwelt. Alles beginnt, als der Industrielle Liu Xuan (Deng Chao) zum horrenden Preis das Naturschutzgebiet Green Gulf erwirbt. Um die Delfine aus dem Golf zu verjagen, um dann die Erlaubnis zu bekommen, die idyllische Gegend zu bebauen, setzt er Sonar-Technologie ein. Was Xuan jedoch nicht weiß, ist, dass Delfine nicht die einzigen Bewohner des Golfs sind. Auch zahlreiche Meerjungfrauen leben dort schon lange, verborgen vor den Augen der Menschen. Das Sonar ist für sie tödlich, sodass sie sich auf engem Raum in einem alten Schiffwrack verstecken müssen. Schnell erstellt Octopus (Show Luo) – halb Mensch, halb Oktopus (Überraschung!) – einen todsicheren Plan: die bildhübsche Meerjungfrau Arielle Shan (Jelly Lin) soll an Land gehen, Xuan verführen und töten. Zu doof, dass Xuan keinerlei Interesse an ihr zeigt und sie für eine Prostituierte hält. Ihr Glück wendet sich jedoch, als Xuan auf ihre Avancen angeht, lediglich um seine sexy Geschäftspartnerin Ruolan (Zhang Yuqi), die ihm vorgeworfen hat, oberflächlich zu sein, eifersüchtig zu machen. Doch bevor er sich versieht, entdeckt Xuan durch Shan neue, schöne Seiten des Lebens und auch Shan fällt es nicht mehr leicht, ihren Auftrag durchzuführen. Weder Octopus noch Ruolan passt allerdings die neue Entwicklung.

Hiesige Filmfans kennen The-Mermaid-Regisseur und Multitalent Stephen Chow vermutlich am besten durch seine Martial-Arts-Gangsterkomödie Kung Fu Hustle und wer diesen Film kennt, kann erahnen, was einen bei The Mermaid erwartet. Chows Stärken sind nicht Subtilität oder clevere Dialoge, sondern visuelle Gags. Mal ausgelassen und unverschämt albern, mal herrlich absurd, hat The Mermaid viele Momente, die das Zwerchfell der Zuschauer anstrengen. Die Szene, in der Shan versucht, einen Anschlag auf Xuan zu verüben, ist eine schnelle, sich steigernde Aneinanderreihung von perfekt inszenierten, urkomischen Fehlschlägen und eine der lustigsten Sequenzen, die ich dieses Jahr gesehen habe. Sein Talent für durchchoreografierten Humor bewies Chow bereits mit Shaolin Kickers und Kung Fu Hustle und er funktioniert hier auch ohne Chow selbst vor der Kamera, der diesmal strikt hinter der Kamera geblieben ist.

The Mermaid ist jedoch nicht nur ein Naturschutz-Plädoyer und eine durchgeknallte Fantasy-Komödie, sondern auch eine süße Romanze. Die Chemie zwischen Deng Chao und Jenny Lin überwindet die dünn geschriebenen Charaktere. Gerade die junge Newcomerin Lin, die aus über 100.000 Bewerberinnen für die Rolle von Shan ausgewählt wurde und zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nur 18 Jahre alt war, ist ein absoluter Volltreffer. Wenn sie sich unbeholfen auf ihren Schwanzflossen auf Land bewegt (und skatet!), strahlt die Unschuld und Naivität einer Person aus, die eine neue Welt für sich entdeckt. Mit ihrer kindlichen Begeisterung angesichts einfacher Dinge wie Brathähnchen verzaubert sie nicht nur Xuan, sondern auch die zynischsten Zuschauer, sodass das (überraschend gewalttätige) Finale auch eine starke emotionale Komponente gewinnt. Da sieht man auch gerne über die fragwürdigen Greenscreen-Effekte auf Neunziger-Niveau und den Vorschlaghammer-Charakter der Message hinweg. Deren Einfachheit macht auch irgendwie den liebenswerten Charme des Films aus.

Wenn man sich auf diesen wilden Genremix einlässt, ist The Mermaid ein Riesenspaß, so unschuldig und manchmal naiv wie seine Titelheldin. Voller unbändiger Energie und Elan inszenierte Stephen Chow seinen besten Film seit Kung Fu Hustle. 4/5

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In der nächsten Ausgabe meines Fantasy-Filmfest-Tagebuchs 2017 geht es gleich mit zwei potenziellen Genre-Highlights des Jahres weiter, die mit Sicherheit für volle Säle sorgen werden: dem französischen Kannibalismus-Schocker Raw und dem auf Festivals gefeierten und angeblich sehr gruseligen The Autopsy of Jane Doe mit Brian Cox und Emile Hirsch. Darüber hinaus gibt es Horror aus dem Ersten Weltkrieg in Trench 11 und den ersten finnischen Superhelden in Rendel. Schaut rein!