Sinister, USA 2012 • 110 Min • Regie: Scott Derrickson • Drehbuch: Scott Derrickson & C. Robert Cargill • Mit: Ethan Hawke, Juliet Rylance, James Ransone, Fred Dalton Thompson, Vincent D’Onofrio • Kamera: Chris Norr • Musik: Christopher Young FSK: ab 16 Jahren • Verleih: Central Film/Wild Bunch Germany Kinostart: 22.11.2012 Website

 

Manche Menschen werden vom Morbiden scheinbar angezogen wie Motten vom Licht. Horrorschriftsteller wie Stephen King zum Beispiel. Oder wie Ellison Oswalt, der Protagonist in Scott Derricksons neuem Schocker „Sinister“. Oswalt (Ethan Hawke) verdient seinen Lebensunterhalt damit, Bücher über reale Verbrechen zu verfassen. Für die Recherchen reist er quer durch die USA – seine geplagte Kleinfamilie stets im Schlepptau. Den Erfolg seines Megasellers „Kentucky Blood“ hat er allerdings nie wiederholen können, weshalb sein nächstes Werk ein Hit werden und ihn zurück an die Spitze bringen muss. Die Materialsuche führt ihn nun in eine Kleinstadt in Pennsylvania, wo eine Familie von einem Unbekannten bestialisch hingerichtet worden ist. Nur die junge Tochter der Ermordeten ist bislang spurlos verschwunden. Der Schreiber verheimlicht seiner Frau Tracy (Juliet Rylance) die Wahrheit über ihr neues Domizil – es handelt sich dabei nämlich um den direkten Schauplatz der grausigen Tat. Mysteriöse Vorfälle ereignen sich schließlich im Haus und Oswalt entdeckt auf dem Dachboden eine Kiste, in welcher sich ein Super 8-Projektor mit diversen Filmen befindet. Die harmlosen Titel der Rollen täuschen: „Pool Party“ etwa dokumentiert nicht einen idyllischen Nachmittag, sondern zeigt die groteske Tötung einer weiteren Familie. Und so geht es weiter. Bei genauerer Betrachtung der Snuff-Filme macht der Autor dann eine unheimliche Entdeckung: Ein geisterhaftes Phantom, das sich im Hintergrund aller Aufnahmen zeigt …

„Sinister“, ein weiteres Output der erfolgreichen Genreschmiede Blumhouse Productions („Paranormal Activity“), besticht zunächst durch seine effektive, spukhafte Atmosphäre. Ein unangenehmes Gefühl der Klaustrophobie und Paranoia breitet sich aus, wenn der Vater hoffnungslos in seiner abgründigen Arbeit versinkt und das Grauen offenbar aus den Wänden und Bildschirmen auf ihn und seine Familie übergreift. Es sind nicht Blutfontänen oder teure Spezialeffekte, mit denen Regisseur Scott Derrickson („Der Exorzismus von Emily Rose“) seine Schaudermär ausfüttert, sondern ein Spiel mit Ängsten, die uns selbst innewohnen. Der Angst vor der Dunkelheit. Der Angst vor dem Unfassbaren. Der Angst um die eigene Familie. Der Angst vor dem Versagen. Und der Angst davor, von persönlichen Dämonen verschlungen zu werden. Getragen wird die Geschichte fast gänzlich von Ethan Hawke, der in seiner Rolle als nahezu besessener Ellison Oswalt dieses Mal auch seine dunkle Seite zeigen darf. Der Schreiber entpuppt sich nur auf den ersten Blick als perfektes Familienoberhaupt, denn unter der Oberfläche lauert ein unstillbarer Hunger auf das Verbotene, das ihm erneuten Ruhm bescheren soll.

Während der Film seine Zuschauer anfangs mit der Faszination seiner Hauptfigur förmlich ansteckt und so mitten in den immer seltsamer erscheinenden Fall hineinzieht, bricht er leider im weiteren Verlauf an diversen Stellen mit der dichten Spannung, wenn sich schließlich allzu offensichtliche Schreckmomente dazugesellen. Das fühlt sich dann manchmal wie ein bemühter Versuch an, einen originalen J-Horror im Stil von „The Ring“ oder „The Grudge“ made in USA zu starten. Diese Assoziation drängt sich erneut mit der arg in die Länge gezogenen, leider nicht so besonders überraschenden Auflösung des Mysteriums auf. Einen eher subtilen Grusel in der Tradition eines Roman Polanski oder William Friedkin sollte man hier keineswegs erwarten und auch der von James Wan inszenierte Kassenhit „Insidious“ spielt noch in einer spürbar höheren Genreklasse. Das Hauptproblem von „Sinister“ ist wohl einfach, dass er sich trotz seiner tighten Umsetzung und seines engagierten Stars zu sehr bei modernen Sehgewohnheiten anbiedert und so den Sprung zur Eigenständigkeit am Ende knapp verpasst. Allerdings ist das nun kein großes Drama und das Werk bleibt trotz seiner unbestreitbaren Schwächen – im Gegensatz zu beispielsweise Ole Bornedals reichlich biederem Standard-Hokuspokus „Possession“ – für Horrorfans absolut sehenswert. Dafür sorgt schon der permanente Sinn einer Bedrohung, der sich letztlich fast zu einem ganz eigenen Monstrum steigert.

Regisseur Derrickson verschont uns hier zum Glück mit inflationären Trends wie der wackeligen Handkamera (abgesehen von den Super 8-Aufnahmen, freilich) oder 3D, die Gewalt wird angenehmerweise nicht platt vor den Zuschaueraugen ausgewalzt, sondern findet ihren Ausdruck weitgehend im puren Entsetzen des Protagonisten und einige der Schocks erwischen glatt noch manch eingefleischten Genrekenner eiskalt (Stichwort: Rasenmäher). Eine Tür für ein mögliches Sequel (oder vielleicht gar ein Franchise?) lassen die Verantwortlichen zum Schluss außerdem weise offen. Wer gerade jetzt einen aktuellen wie potenten Leinwandschrecken sucht, liegt mit „Sinister“ wohl nicht unbedingt daneben.


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