Send Help (2026) Kritik

-

Send Help, USA 2026 • 113 Min • Regie: Sam Raimi • Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift • Mit: Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Xavier Samuel, Edyll Ismail, Dennis Haysbert • Kamera: Bill Pope • Musik: Danny Elfman • FSK: ab 16 Jahren • Verleih: 20th Century Studios • Kinostart: 29.01.2026 • Deutsche Website

„Send Help“ zeigt Regisseur Sam Raimi nach kindertauglicher Fantasykost wieder von seiner makabren Genre-Seite. Seine erste R-rated Arbeit seit seinem enorm unterschätzten Thriller „The Gift“ und sein erster Horrorfilm seit dem ausgezeichneten „Drag Me to Hell“ verlegt den Geschlechterkampf vom Büro auf eine verlassene Insel. Basierend auf einem Drehbuch von Mark Swift und Damian Shannon („Freddy vs. Jason“) präsentiert sich das von pechschwarzem Humor durchtränkte Werk als Mix aus Survival-Horror, Psychothriller und Satire im Stil eines blutrünstigen EC-Comics.

ANZEIGE

Rachel McAdams spielt die tollpatschige aber hochintelligente Angestellte Linda Liddle, die im Bereich „Strategie und Planung“ bereits wichtige Erfolge für ihr Unternehmen verantwortet hat. Ein Beförderungsposten ist ausgeschrieben, den Linda ganz klar für sich beansprucht. Leider hat jedoch nach dem Tod des Gründers dessen oberflächlicher Sohn Bradley (Dylan O’Brien) das Ruder übernommen und möchte seinem schmierigen College-Buddy Donovan (Xavier Samuel) die Stelle zuschieben. Die schwer gekränkte Linda, die sich in ihrer Freizeit für Überlebenstraining in der Wildnis interessiert, bekommt von ihrem Boss noch ein vergiftetes Angebot unterbreitet, um sich erneut zu beweisen. Während einer Dienstreise nach Thailand, bei welcher sich Bradley mit seiner rein männlichen Führungsriege offen über die übergangene Kollegin lustig macht, kommt es im Flugzeug zu einer fatalen Störung. Nur Linda und Bradley überleben den Absturz und stranden auf einer dicht bewaldeten Insel. Mit ihrem Survival-Know-How errichtet Linda ein Lager und versorgt den verletzten Bradley, der seine Rolle als kommandierender Alpha-Mann absolut nicht ablegen mag. Auf für ihn bittere Weise muss er schließlich erkennen, wer auf dieser Insel die sprichwörtlichen Hosen anhat …

Mit wunderbar pointierten Performances von Oscar-Nominee McAdams („Spotlight“), „Maze Runner“-Star O’Brien und auch Xavier Samuel („The Loved Ones“) steigert Raimi zu Beginn den brodelnden Konflikt zwischen der selbstbewussten aber arg nerdigen Laura und ihren privilegierten männlichen Gegenspielern. Bradley ist sein Erfolg in die Wiege gelegt worden und er akzeptiert an seiner Seite nur geschlechtsgleiche und vor allem gleichgesinnte Geschäftspartner. Bei Bewerbungsgesprächen können Frauen bei ihm nur mit einem attraktiven Äußeren sowie sexuellen Gefälligkeiten punkten. Selbstverständlich ist das in „Send Help“ bewusst überspitzt dargestellt, allerdings leider auch nicht weit weg von der Realität in der Freien Marktwirtschaft.

Der Film dreht seine Prämisse während der großen Unglücksszene schließlich mit einem bösen Grinsen um: Plötzlich bettelt Donovan seine ehemalige Konkurrentin um deren Platz an – freilich geht es hier nicht mehr um die Position in der Firma, sondern um ihren sicheren Sitzplatz im Flieger. Im Angesicht des Todes haben Hierarchien keine Bedeutung mehr und es herrscht der blanke Naturzustand.

Für Bradley dauert es jedoch nicht lange, bis er wieder in sein altes Muster zurückfällt und Laura im provisorischen Domizil von oben herab behandelt. Dabei ist er ein reines Kind der Zivilisation, wie seine Angestellte beim Anblick seiner völlig makellosen Hände anmerkt. Dieser „Jäger und Sammler“ hat diese Rolle nie im ursprünglichen Sinn ausfüllen müssen und ist zu einem Überleben in einem ungeschützten Umfeld überhaupt nicht fähig. Anders ausgedrückt: Dieser Mann ist nur auf einem wertlosen Papier ein Alpha. Im Gegensatz zur trainierten Laura.

Sam Raimi spielt im Verlauf geschickt mit dem Vertrauen zwischen seinen Hauptfiguren. Bradley scheint sich zunehmend an seine Abhängigkeit von Laura zu gewöhnen, dürfte aber bei der ersten Gelegenheit, von der Insel entkommen zu können, seiner Retterin in den Rücken fallen. Laura wiederum hat zwar ihren verachtenswerten Chef trotz ihres schwierigen Verhältnisses ausgiebig gepflegt, scheint aber an ihrer neuen Position und dem abgeschiedenen Ort zu sehr Gefallen gefunden zu haben. Bradleys grüne Hölle ist Lauras Paradies. Eine Portion „Misery“ steckt in dieser Geschichte.

Es ist definitiv erfrischend, mal wieder ein – bis auf einige unglückliche CGI-Effekte – intimes und charaktergetriebenes Leinwand-Abenteuer von „Tanz der Teufel“-Virtuoso Sam Raimi geboten zu bekommen, das seinen Thrill eben vor allem aus der Spannung zwischen den manipulativen Figuren zieht. Besonders jubeln dürften Zuschauerinnen, die sich vielleicht mal in einer ähnlichen geschäftlichen Situation wie Laura befunden haben und so zumindest im Kino eine Revanche miterleben dürfen.

Im Vergleich zu Raimis galligem „Drag Me to Hell“ bietet dieser exotische Psychokrieg jedoch den schwächeren Blick auf die brutale Geschäftswelt. Während im 2009er Schocker Alison Lohmans Charakter für den persönlichen Erfolg ein Stück ihrer Menschlichkeit opfern und als Konsequenz mit einem Fluch leben musste, wird in „Send Help“ nur das Geschlecht umgedreht. Der Zynismus und die Kälte sollen bleiben, wie die letzten Worte belegen.

Dennoch ist „Send Help“ eine durchgehend charmante und amüsante Abrechnung mit dem Patriarchat, die zum Ende in einen düsteren Modus schaltet und mit Ekel in Form diverser Körperflüssigkeiten nicht geizt. Die eine oder andere Plot-Überraschung ist auch drin.


Trailer

Letzte Kritiken

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

Send Help, USA 2026 • 113 Min • Regie: Sam Raimi • Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift • Mit: Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Xavier Samuel, Edyll Ismail, Dennis Haysbert • Kamera: Bill Pope • Musik: Danny Elfman • FSK: ab 16 Jahren • Verleih:...Send Help (2026) Kritik