Vinnie Jones Brett Ratner

Vinnie Jones in X-Men – Der letzte Widerstand (2006) © 20th Century Studios

Quelle: Brett Ratner Instagram

Brett Ratner hat während seiner Regiekarriere einige wirklich unterhaltsame, handwerklich ordentliche Filme inszeniert, darunter Rush Hour, Roter Drache, After the Sunset und sein Debüt Money Talks. Doch er ist kein Filmemacher, dem ich eine eigene Vision unterstellen würde, sondern vielmehr ein Routinier, der für Studios kurz einspringen und idealerweise nicht allzu anspruchsvolle Projekte kompetent umsetzen konnte. In genau dieser Funktion benötige 20th Century Fox ihn vor 15 Jahren, als das Studio Matthew Vaughn als Regisseur von X-Men – Der letzte Widerstand zwei Wochen vor Drehbeginn aus familiären Gründen verloren hat. Um den anvisierten Kinostart einzuhalten, musste Ratner in kürzerster Zeit den bis dahin größten Film seiner Karriere stemmen. Dass trotz solcher ungünstigen Voraussetzungen ein guter Film entstehen kann, zeigte zuletzt Ron Howard mit Solo: A Star Wars Story. Leider war Der letzte Widerstand ein merklicher qualitativer Abstieg gegenüber den beiden Vorgängern von Bryan Singer.

Da der Film dennoch ein großer Kassenerfolg war, hatte er keine negativen Auswirkungen auf Ratners Karriere. Der Regisseur gründete 2012 eine eigene Produktionsfirma namens RatPac Entertainment, mit der er in Zusammenarbeit mit Warner Bros. Blockbuster wie Gravity, Wonder Woman und Dunkirk mitproduziert hat. Nachdem 2017 sechs Frauen, darunter die Schauspielerinnen Olivia Munn und Natasha Henstridge, Vorwürfe sexuellen Missbrauchs und Belästigung gegenüber Ratner vorgebracht haben (Ratner hat natürlich abgestritten), beendete Warner den Vertrag mit Ratners Firma und kaufte seine Anteile an den Produktionen des Studios für rund $300 Mio selbst auf.

Seitdem ist es verständlicherweise deutlich ruhiger um Ratner in Hollywood geworden, doch die kürzlich erfolgten, sehr deutlich formulierten Vorwürfe des Juggernaut-Darstellers Vinnie Jones, laut dem Ratner seine ursprünglich von Matthew Vaughn deutlich interessanter konzipierte Rolle verwässert und reduziert haben soll, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Über Instagram konterte er verhältnismäßig diplomatisch und ließ sich dabei auch einen Seitenhieb auf die aktuelle Entwicklung der Filmindustrie nicht nehmen: (aus dem Englischen)

An alle, die Vinnie Jones' Vorwürfe interessieren, ich hätte die Rolle von Juggernaut in X-Men – Der letzte Widerstand "aufgelöst und beraubt": das ist inkorrekt. Alles, was ich sagen kann, ist: zu viele böse Mutanten und zu wenig Zeit! Seien wir ehrlich, Mystique ist hübscher. Spaß beiseite: Ich habe das Drehbuch inszeniert, das ich bekommen habe, und war nicht in der Lage, die Rolle des Juggernaut gemäß Vinnies Wünschen zu vergrößern, weil ich extrem begrenzte Zeit hatte, um den Film fertigzustellen. Ich empfinde größten Respekt und Bewunderung für Vinnie Jones und sein Talent, und ich dachte, dass er einen erinnerungswürdigen Charakter erschaffen hat. Hoffentlich bekommen wir eines Tages einen Juggernaut-Solo-Film mit Vinnie Jones. Wir können uns ihn dann ohne Maske in einem Pub in unserer Nähe bei Disney+ anschauen, weil es möglicherweise keine Kinos mehr in Zukunft geben wird.

Mein erster Gedanke: Ist es wirklich klug, als jemand, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde, darüber zu scherzen, dass Mystique hübscher sei?

Davon abgesehen, vermute ich, dass die Wahrheit irgendwo zwischen Jones' und Ratners Versionen liegt. Sicherlich hatte er als Ersatzregisseur auch sehr strenge Vorgaben, von denen er nicht abweichen konnte. Und die beiden Drehbuchautoren Zak Penn und Simon Kinberg sollten definitiv nicht ganz ohne Schuld davonkommen. Sie werden als einzige offizielle Autoren des Films geführt, obwohl Matthew Vaughn mehrfach erklärt hat, dass er vor seinem Abgang am Skript gearbeitet hat. Ich schätze, dass seine Version einfach verworfen wurde, und das kann, muss aber nicht zwingend Ratners Entscheidung gewesen sein.

Sowohl Bryan Singer (inzwischen übrigens auch persona non grata, ähnlich wie Ratner) als auch Vaughn kritisierten den Film nach seiner Veröffentlichung, wobei Vaughn sogar explizit Ratners Regie als einen Schwachpunkt benannte, und begründete, dass sein Film 40 Minuten länger und deutlich emotionaler geworden wäre. Obwohl er Storyboards für den gesamten Film entworfen und am Drehbuch geschrieben hat, sei viel davon nicht zum Einsatz gekommen. Immerhin bekam Vaughn fünf Jahre später mit X-Men: Erste Entscheidung endlich seine Gelegenheit, einen Beitrag zum X-Men-Franchise zu leisten, und hat dabei einen der besten Filme der Reihe erschaffen.

Was Ratner und Jones angeht, so schlage ich vor, dass sie es bei einem Käfigkampf untereinander klären. Jones darf dazu auch gerne seinen Juggernaut-Helm wieder anziehen.