"Jessica Jones" Staffel 2: Unsere Kritik zu Folgen 1-5

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Jessica Jones Staffel 2 Kritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Marvel’s Jessica Jones, USA 2018 • Laufzeit: 13 Folgen à 48-60Min • Regie: Anna Foerster, Minkie Spiro, Mairzee Almas, Deborah Chow, Millicent Shelton u. a. • Mit: Krysten Ritter, Rachael Taylor, Janet McTeer, Eka Darville, Carrie-Anne Moss, Leah Gibson • Anbieter: Netflix • Veröffentlichungstermin: 8.03.2018

Diese Rezension basiert auf den ersten fünf Folgen der 2. "Jessica Jones"-Staffel!

Marvels kaputteste Netflix-Heldin ist endlich zurück und wenn die von Netflix nicht zur Vorabsichtung bereitgestellten letzten acht Folgen halten, was die ersten fünf versprechen, könnte die zweite Staffel ihres Alleingangs die beste Marvel/Netflix-Kollaboration seit, nun ja, der ersten "Jessica Jones"-Staffel werden.

Als "Marvel’s Jessica Jones" vor zweieinhalb Jahren vom Stapel lief, hatte sich die Serie an der hohen Messlatte zu messen, die die erste "Daredevil"-Staffel kurz zuvor aufgestellt hat. Trotz der deutlich geringeren Bekanntheit ihrer Comicvorlage hat "Jessica Jones" diese Prüfung mit Bravour bestanden. Ich würde sogar so weit gehen, die erste "Jessica Jones"-Staffel als das bislang beste Einzelwerk des gesamten Marvel Cinematic Universe zu bezeichnen. Nicht nur konnte die traumatisierte, aber taffe Protagonistin, hervorragend gespielt von Krysten Ritter, mit Matt Murdocks von katholischer Schuld zerrissenem Teufel aus Hell’s Kitchen gut mithalten, David Tennant erweckte mit Kilgrave einen der bis heute besten und widerwärtigsten Schurken des gesamten MCU zum Leben. Was Kilgrave im Vergleich zu Vincent D’Onofrios Fisk an Komplexität fehlte, machte er durch pure Hassenswertigkeit wieder wett. Als Jessica sein Genick im Finale der ersten Staffel brach, wollte ich applaudieren.

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 1Doch Kilgraves Tod hat auch eine Lücke hinterlassen, die zu füllen eine der größten Herausforderungen der zweiten Season werden dürfte. Die gesamte erste Staffel wurde vom Psychoduell zwischen Jessica und Kilgrave angetrieben. Während es vordergründig darum ging, einen hochgefährlichen, narzisstischen Kriminellen, mit der Macht, alle seinem Willen folgen zu lassen, aufzuhalten, widmete sich die erste Staffel auch der posttraumatischen Belastungsstörung bei Missbrauchsopfern – nicht gerade ein Thema, das man bei einer Superheldenserie erwarten würde. Denn nichts Anderes tat Kilgrave seinen Marionetten an, indem er sie ihres Willens beraubte. Für Jessica war der Kampf gegen ihn auch ihre Art der Traumaverarbeitung. Dieser rote Faden zog sich von der ersten bis zur letzten Folge durch und auch wenn Kilgrave nicht zu sehen war, war er durch seine Kraft stets omnipräsent. Am besten wurde dies durch eine der letzten Szenen der ersten Folge veranschaulicht, in der die durch Kilgrave manipulierte Hope nach der vermeintlichen Rettung durch Jessica ihre Eltern erschießt. Auf diese Weise hat die Serie die hohen Einsätze und die Gefahr für die Protagonistin und alle anderen Charakteren etabliert, noch bevor Kilgrave selbst sichtbar in Aktion trat.

Ein solcher Handlungsmotor scheint in der zweiten Staffel zunächst zu fehlen. Während viele Fortsetzungen, ob im Kino oder Fernsehen, auf das Motto "schneller, größer, heftiger" setzen, wählt "Jessica Jones" in Staffel 2 den entgegengesetzten Ansatz. Dadurch erscheint die erste Folge anfangs noch etwas orientierungslos, doch ein klein wenig Geduld wird schnell belohnt. Zu Beginn von Staffel 2 treffen wir auf eine Jessica, deren Leben nur unwesentlich besser erscheint als in der ersten. Der Tod ihres Peinigers hat sie zwar endgültig von seiner Einflussnahme auf ihr Leben erlöst, doch auch wenn Bruce Willis im aktuellen Death-Wish-Remake widersprechen würde, hat er ihr keinen Seelenfrieden gebracht. Sie trinkt immer noch viel zu viel, ist meistens mies gelaunt (aber ganz ehrlich, anders wollen wir Jessica ja auch nicht sehen) und das Detektivgeschäft läuft eher schlecht als recht. Ein aufdringlicher Konkurrent (Terry Chen) möchte ihre Detektei aufkaufen und tut sich mit der Ablehnung seines Angebots schwer. Zudem muss sich Jessica noch mit ihrer neu gewonnenen Bekanntheit als superstarke Verbrechensbekämpferin herumschlagen – nicht zuletzt dank ihrer besten Freundin und Radiomoderatorin Trish Walker (Rachael Taylor). Während viele sie dafür bejubeln, dass sie Kilgrave kurzen Prozess gemacht hat, stehen ihr andere sehr skeptisch gegenüber. War es nicht letztlich Selbstjustiz und macht sie das zu einer echten Mörderin? Niemanden quält diese Frage jedoch so sehr, wie Jessica selbst. Haben die ihr ungefragt verliehenen Kräfte sie zu einem Monster gemacht?

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 2Wer eine nach den Ereignissen der ersten Staffel weniger kaputte, heldenhaftere und von sich überzeugte Jessica erwartet, wird dadurch vielleicht enttäuscht sein, doch ich muss an dieser Stelle die einfühlsame Charakterarbeit der Autoren hervorheben. Manche Probleme lösen sich nicht in der Luft auf, wenn man deren Ursache (gewaltsam) aus der Welt schafft. Dass Jessica leider auch nicht auf das beste Arsenal an Bewältigungsmethoden zurückgreift – vom flüssigen Allheilmittel aus Whiskey-Flaschen bis zu unbefriedigenden Quickies auf schäbigen Bar-Toiletten – bleibt auch im Einklang mit der Figur.

Während Jessica also immer noch von sich und der ganzen Welt recht abgefuckt ist, läuft es für Trish umso besser. Sie ist mit dem gutaussehenden, gefeierten Journalistin Griffin Sinclair (Hal Oszan) liiert und ihre Reihe über Menschen mit besonderen Fähigkeiten hat ihr neue Hörer eingebracht. Doch die Beziehung zu Griffin, der sich in Kriegsgebieten einen Namen gemacht hat, führt ihr auch vor, wie wenig sie selbst journalistisch erreicht hat. Wenn ihr Chef ihr vorschlägt, zu Lifestyle-Themen in ihrer Sendung zurückzukehren und dabei zugleich vom Griffins Arbeit schwärmt, ist es ein unsubtiler, jedoch treffsicherer Verweis an die unterschiedliche Wahrnehmung von Männern und Frauen im Journalismus (und zig anderen Arbeitsfeldern). Doch Trish will davon nichts wissen, denn sie arbeitet schon längst an einer neuen, potenziell aufsehenerregenden Story. Wenn wir sie in der Staffelpremiere erstmals wiedertreffen, ist sie bei einem Kindergeburtstag zurück in die Rolle von Patsy geschlüpft, der Figur, die sich als Kind und Jugendliche zum Star gemacht haben und deren Image sie seitdem loswerden wollte. Die Selbsterniedrigung hat jedoch einen Zweck. Als Gegenleistung bekommt sie unter Verschluss gehaltene Krankenhausunterlagen von Jessica. Diese sind Teil ihrer Recherche zur mysteriösen Firma IGH, die nicht nur Jessica ihre Kräfte verlieh, sondern auch Trishs Ex Simpson (Wil Traval) durch experimentelle Medikamente zu einem blutrünstigen Killer werden ließ.

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 3Es gibt auch ein Wiedersehen mit der skrupellosen Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss), deren Beziehung zu Jessica nach ihren selbstsüchtigen Handlungen in der ersten Staffel erkaltet ist. Erneut macht sich Jeri zu Beginn durch weitere Manipulationen nicht gerade sympathisch, doch dann nimmt ihre Geschichte eine weitere Wende, nachdem eine tragische Nachricht sie in eine Existenzkrise stürzt.

Falls sich das alles etwas zerfahren anhört, dann liegt es daran, dass die erste Folge genau so wirkt. Sie ist immer noch sicherem Gespür für Neo-Noir-Atmosphäre (samt souveränem Voiceover von Jessica) inszeniert und vor allem von Ritter und Taylor sehr gut gespielt, doch es fehlt eine klare Bedrohung (lies: Kilgrave) und man hat die Befürchtung, sich abermals auf eine zähflüssige Marvel/Netflix-Serie einstellen zu müssen. Das scheint ja inzwischen ein Markenzeichen der Zusammenarbeit zwischen dem Comic-Riesen und dem Streaming-Anbieter zu sein.

Doch die folgenden vier Folgen beweisen zum Glück das Gegenteil und das Tempo steigert sich von Episode zu Episode allmählich, wenn die einzelnen Handlungsstränge zusammenlaufen. Jessica wird bewusst, dass ihr Trauma noch tiefer sitzt als die Erlebnisse mit Kilgrave und so erklärt sie sich nach anfänglichem Widerwillen bereit, Trish bei ihren Nachforschungen zu unterstützen, was sie jedoch alle in große Gefahr bringt. Allein in den ersten fünf Folgen legt die Staffel mehrere falsche Fährten aus und vollbringt erfolgreich überraschende Wendungen für diverse Figuren. Ein vertrautes Gesicht aus der Vergangenheit kehrt zurück und es gibt dank eines Gastauftritts auch einen kleinen, netten Reminder, dass "Jessica Jones" immer noch im gleichen Universum existiert wie die anderen Marvel/Netflix-Serien. Jeri Hogarths Geschichte scheint noch am längsten vor sich hinzudümpeln, doch auch sie bekommt gegen Ende der ersten fünf Folgen die Kurve und schließt an den Hauptplot an.

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 4Es dauert nicht lange, bis wir den neuen Antagonisten kennenlernen (dessen Identität aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten wird). Dieser ist zwar nicht so charismatisch und zugleich ekelerregend wie Kilgrave, strahlt aber dafür enorme Bedrohlichkeit aus und verspricht, ein würdiger Gegenspieler für Jessica zu werden. Trotz der absoluten Skrupellosigkeit des neuen Big Bad, wird auch eine mögliche Komplexität und Verletzlichkeit angedeutet, doch in diese werden hoffentlich die verbleibenden acht Folgen tiefer eintauchen.

Obwohl es in den ersten fünf Folgen Mord und Totschlag gibt und Jessica immer noch große Probleme hat, bietet die Serie auch einen Hoffnungsschimmer. Die zunächst antagonistisch angelegte Beziehung zwischen Jessica und ihrem neuen Hausmeister Oscar (J.R. Ramirez) wird zu einer möglichen Romanze zwischen den beiden. Den Kern der Geschichte bildet jedoch die innige Freundschaft zwischen Jessica und Trish. Auch wenn alles andere in ihrem Leben schiefläuft, bietet sie Jessica den nötigen Rückhalt, während Trish weiß, dass wenn es wirklich darauf ankommt, sie sich immer auf ihre Freundin verlassen kann. Es ist eine sehr glaubwürdige, einfühlsame Beziehung, die nach den Ereignissen der ersten Staffel noch weiter erstarkt ist.

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 5Auch in ihren langsameren Momenten am Anfang der neuen Staffel funktioniert "Jessica Jones" dank der perfekt besetzten Krysten Ritter. Schon in der problematischen "Marvel’s The Defenders", deren Ereignisse hier übrigens keinerlei Erwähnung finden und offenbar auch keine Konsequenzen haben (vielleicht ist das nach der lauwarmen Rezeption der Miniserie auch besser so), stahl Ritter allen die Show. Launisch und trinkfest, zynisch und dennoch mit einem großen Herz, an sich zweifelnd und zugleich stark – Ritter durchläuft auch hier wieder eine große Bandbreite an Gefühlen. Wenn sie endlich zur Einsicht gelangt, dass nicht sie das wahre Monster ist, sondern höchstens die Menschen, die an ihr herumexperimentierten, und sie dann mit den Taten ihres neuen gewissenlosen Gegners konfrontiert wird, ist diese Feststellung eine der ergreifendsten Szenen der ersten fünf Folgen – und gänzlich Krysten Ritters Schauspiel zu verdanken. Doch während man es von Ritter auch gar nicht mehr anders erwartet, überrascht Rachael Taylor in der neuen Staffel umso mehr. Die Serie begnügt sich nicht damit, aus Trish lediglich einen Sidekick für die Heldin zu machen. Auch sie erwartet eine sehr interessante, düstere Wendung, die sicherlich noch bis zum Ende der Season Konsequenzen nach sich ziehen wird. Das ermöglicht der Schauspielerin, ganz neue Facetten aufzuziehen.

Jessica Jones Staffel 2 Kritik Bild 6Carrie-Anne Moss schlägt erfolgreich den Spagat zwischen einer kaltblütigen Bitch und einer bemitleidenswerten Figur, wobei die gesehenen Folgen es noch offen lassen, wie sich der Charakter weiterentwickeln wird. Einen guten Eindruck macht in ihren wenigen Szenen auch Neuzugang Janet McTeer, wobei gerade für sie der Rest der Staffel das größte Potenzial bereithält.

Neben weiterer Traumaverarbeitung, Schuld und Verantwortung, ist Emanzipation ein übergeordnetes Thema in der zweiten Staffel. Es ist kein Zufall, dass alle neuen dreizehn Folgen von Frauen inszeniert wurden und die Staffel am internationalen Frauentag veröffentlicht wird. Jessica, Trish und Jeri wehren sich vehement dagegen, in die Schranken gewiesen zu werden. Zu den einschlägigen Themen gehört nicht nur der Vergleich von Trishs Karriere mit dem ihres Freundes, sondern auch Trishs Besuch bei einem Filmregisseur, mit dem sie einst als Jugendliche zusammengearbeitet hat. Die Begegnung könnte kaum besser zum aktuellen #meetoo-Klima passen. Bemerkenswert ist daran, dass die Staffel bereits im Kasten war, bevor die Vorwürfe gegenüber Harvey Weinstein die gesamte Bewegung losgetreten haben. Nichts davon wirkt aufgesetzt, sondern fügt sich in den natürlichen Handlungsverlauf ein.

Nach einem schwierigen Auftakt findet "Jessica Jones" in der zweiten Staffel schnell zu ihrem Groove zurück. Natürlich kann in den verbleibenden acht Folgen noch sehr viel passieren. Gerade bei "The Defenders" und "Luke Cage" wendeten sich die zweiten Staffelhälften eindeutig zum Schlechteren. Doch bislang überzeugt Jessicas Jones’ zweiter Alleingang mit toller Figurenentwicklung, großartigen Schauspielerinnen und einem sorgfältig angelegten, sich langsam entfaltenden, spannenden Mysterium, das am Ende von Folge 5 noch einige Fragen aufwirft, deren Antworten ich kaum abwarten kann.