Whistle (2025) Kritik

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Whistle, CAN/IRL 2025 • 100 Min • Regie: Corin Hardy • Drehbuch: Owen Egerton • Mit: Dafne Keen, Sophie Nélisse, Sky Yang, Jhaleil Swaby, Ali Skovbye, Percy Hynes White, Nick Frost • Kamera: Björn Charpentier • Musik: Doomphonic • FSK: n.n.b. • Verleih: Leonine • Kinostart: 07.05.2026 • Deutsche Website

In Corin Hardys „Whistle“ sieht sich eine High-School-Clique der tödlichen Macht eines antiken Blasinstruments ausgesetzt. Das Werk steht damit in einer langen Reihe von Horrorfilmen über verfluchte Objekte. So haben zuvor u.a. Puzzleboxen („Hellraiser“), Videobänder („Ringu“) oder, in dem australischen Überraschungshit „Talk to Me“, eine einbalsamierte Hand Angst und Schrecken verbreitet.

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Der Basketballstar der Schule muss in der Eröffnungsszene zuerst dran glauben, als ihm ein bis zur Unkenntlichkeit verbranntes Phantom unter die Dusche folgt und ihn vor den Augen seiner Mannschaft in Flammen aufgehen lässt. Was es mit dessen ungeklärtem Tod auf sich hat, erfahren wir erst, nachdem die neue Schülerin Chrys (Dafne Keen) seinen Spind übernimmt und darin ein Gefäß mit einer aztekischen Todespfeife auffindet. Chrys' Ankunft verläuft turbulent, weshalb sie direkt an ihrem ersten Nachmittag zusammen mit ihrem geheimen Schwarm Ellie (Sophie Nélisse), ihrem Cousin Rel (Sky Yang), dem aufbrausenden Dean (Jhaleil Swaby) und dessen Freundin Grace (Ali Skovbye) nachsitzen darf. Unter der Aufsicht des Schuldirektors Mr. Craven (Nick Frost) recherchieren die Teenager zu dem mysteriösen Gegenstand und kommen zu der Erkenntnis, dass sich mit diesem die Toten heraufbeschwören lassen. Noch an diesem Tag wird Mr. Craven das nächste Opfer der Pfeife werden und natürlich kann auch die ungleiche Fünfertruppe nicht die Finger davon lassen. Wie sich schnell herausstellt, soll nicht nur die Person, die hineinbläst, auf grausige Weise sterben, sondern auch alle, die den Schrei der Todespfeife vernommen haben …

Hardy, der mit seinem Debüt „The Hallow“ Aufsehen in der Horror-Community erregt und mit seinem darauffolgenden Conjuverse-Beitrag „The Nun“ einen beachtlichen Kassenhit verantwortet hat, arbeitet bei „Whistle“ nach einem Drehbuch von Owen Egerton („Mercy Black“), das sich leider als Schwachpunkt des insgesamt sehr soliden Teen-Schockers entpuppt. Im Grunde ist der Stoff ein exakter Mix aus der „Final Destination“-Reihe und Parker Finns „Smile“-Filmen, dem noch die Todespfeife als besonderes Gimmick zugesetzt wurde. Originalität wird hier definitiv nicht groß geschrieben. So ist das Geheimnis um das titelgebende Objekt rasch gelüftet, nachdem eine eingeweihte Person ausfindig gemacht wurde. Es bleibt dann wieder das Dilemma, wie die Charaktere ihrem individuellen Schicksal entkommen können ohne selbst zu Übeltätern zu werden.

„Whistle“ ist ein Film, der unter einem weniger ambitionierten Regisseur schnell zum Streaming-Rohrkrepierer hätte verkommen können. Zum Glück gewinnt Hardy der ziemlich generischen Vorlage einige involvierende Seiten ab und versteht es, die Story audiovisuell sehr ansprechend aufzupolieren. Slow-Motion-Aufnahmen, ein grungiger 90er-Look, dynamische Montagen und ein angemessen dröhnender Industrial-Score von Doomphonic heben „Whistle“ angenehm von Hochglanz-Brei wie etwa dem leblosen „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“-Requel ab. Die Handlung ist in Pellington angesiedelt, einer US-Kleinstadt umgeben von grauen Industrieriesen. Die Protagonisten stehen kurz vor ihrem High-School-Abschluss, doch ihr tristes Umfeld vermittelt kein Gefühl einer hoffnungsvollen Zukunft. Die Todespfeife kann in diesem Kontext als mahnendes Instrument angesehen werden, das diese Figuren an der Grenze zum Erwachsenwerden mit einer unangenehmen aber unabwendbaren Wahrheit auf besonders morbide Art konfrontiert: Wir alle werden irgendwann – auf die eine oder andere Weise, früher oder später – sterben. Die Zeit, die bleibt, ist kostbar und sollte genutzt werden. Memento mori.

Bei den Charakteren – oder besser noch: dem Cast, der diese verkörpert – kann „Whistle“ am meisten Punkte sammeln. Zwar greift der Film auf Stereotype wie die neue Außenseiterin mit der dunklen Vergangenheit, den heimlich verliebten Nerd, den tyrannischen Sportler oder die sensible Streberin zurück, lässt der Clique aber ausreichend zwischenmenschlichen Freiraum. Auch wenn der (zugegeben nicht sehr gruselige) Horror weiterhin im Mittelpunkt steht, funktioniert die Geschichte vor allem weil das zarte Anbandeln zwischen Chrys und Ellie sowie der Herzschmerz von Rel bezüglich Grace authentisch wirken und einem das Schicksal dieser Teens nicht egal ist. So gibt es etwa eine kleine aber unerwartet gefühlvolle Szene, in der der unpopuläre Rel auf Grace zugeht und ihm die unerreichbar geglaubte Schönheit ihre Zuneigung mit einem sanften Wangenkuss ausdrückt. Als leider etwas zu unterkochten Bonus gibt es einen skurrilen Antagonisten in Form eines drogendealenden Jugendpastors (Percy Hynes White).

Mit popkulturellen Referenzen geizt Hardy in „Whistle“ nicht (u.a. spielt der Brite augenzwinkernd auf sein gescheitertes „The Crow“-Projekt an), bettet die inzwischen obligatorischen Needle Drops aber glücklicherweise in seine Geschichte ein. Für manche Genrefreunde dauert es vielleicht etwas zu lange, bis der übernatürliche Terror an Fahrt aufnimmt. Der Regisseur zieht seine Register allerdings dann, wenn er das Halloween-Setting der Handlung aufgreift und im Labyrinth eines grellen Festivals den Zuschauer-Puls in die Höhe treibt. Wem auch die sehr individuellen Todesszenen zuerst zu unspektakulär gewesen sind, kommt mit zwei extrem drastischen Goreexzessen in der zweiten Hälfte noch voll auf seine Kosten.

Auch wenn das Finale letztlich ein wenig kraftlos und vorhersehbar ausfällt, ist „Whistle“ durchaus deftige und kurzweilige Horrorkost für alle, die nach Johannes Roberts' unterhaltsamem „Primate“ noch einen eskapatischen Nachschlag brauchen – die beiden Filme würden zweifellos ein wunderbares Double Feature zu Halloween bilden.


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