„Narcos“ ist eine französische Netflix-Produktion, in der hauptsächlich Spanisch gesprochen wird, und sich US-amerikanische Agenten in Kolumbien mit dem Drogenboss Pablo Escobar anlegen. So viel zu den Nationalitäten, die Einfluss auf das neue Steckenpferd der Streamingplattform wirken. Hierdurch haben sich die Serienmacher Carlo Bernard, Chris Brancato, Doug Miro und Paul Eckstein das Wiedergeben einer wahren Geschichte rund um die kolumbianische Kartelllandschaft und deren Auswirkungen, die sich weit über die Grenzen des Landes erstreckten, zur Aufgabe gemacht. In einem Erzählstil, der immer wieder Abstecher Richtung Dokumentation macht, wird uns in der ersten Staffel nicht nur der Aufstieg und Fall des Pablo Escobar, sondern auch die kolumbianische Innen- und Außenpolitik schmackhaft gemacht wie nie zuvor.

Narcos Staffel 1Der Aufhänger für die sachliche Darstellung der Handlung ist einfach: Der amerikanische DEA-Agent Steve Murphy (Boyd Holbrook) erzählt uns in einer Prospektive von seinen Bemühungen Escobar zu schnappen und wir bekommen einige wichtige Szenen aus den letzten Folgen der Staffel zu sehen. Daraufhin baut sich die Story von ihrem Beginn an chronologisch weiter auf, während uns Murphy wie in einem Vortrag durchs Geschehen leitet. Häufig werden überdies Ausschnitte aus tatsächlichen Reportagen und Berichten mit eingebettet, um dem Zuschauer zu signalisieren, dass all das Realität ist. Zwangsweise fragt man sich mitunter, warum die Serie nicht gleich als Doku angelegt wurde.

Wäre das passiert, das Publikum würde sicher kleiner ausfallen, doch man hätte auf viele Schemen verzichten können, die ablenkend ins Auge fallen und der Serie hin und wieder ihren authentischen Fluss nehmen. Während der aufmerksame Zuschauer der Handlung durchaus folgen kann, werden ausgiebig weitere Hinweise verstreut oder gar tituliert, nur um zu garantieren, dass das Publikum hinterherkommt. Prinzipiell natürlich ein wohlgemeintes, ja auch notwendiges Modell, doch bedauerlicherweise häufig zu plump in den Raum geworfen.

Narcos Staffel 1Davon abgesehen funktioniert Narcos gut bis sehr gut. In der Pilotfolge werden die Welten von Steve Murphy und Pablo Emilio Escobar Gaviria (Wagner Moura) schnell vorgestellt und ohne Zögern auf Kollisionskurs geschickt. Wird uns Escobar eingangs noch als sympathischer Familienmensch präsentiert, der gegen die Armut seines Landes kämpft, entartet dieses Bild von Folge zu Folge zunehmend, je mehr finstere Seiten seiner Gestalt offenbart werden. Über ein gewisses Level an Gewalt sieht man gewollt hinweg, indem man von Zeit zu Zeit Escobar in sehr persönlichen Szenen zeigt, die seinen inneren Zwiespalt enthüllen sollen. Die Nähe zu ihrem Antagonisten tut der Serie gut, dem Hauptcharakter eher weniger.

Denn während Escobar durch seinen Terror an Sympathie verliert, wird sich nicht darum bemüht, Murphy auf der anderen Seite als Ausgleich zu etablieren. Sein Kollege Javier Peña (Pedro Pascal) schafft es die Gunst des Zuschauers zu gewinnen, während Murphy über weite Strecken ohne Ausdruck bleibt. Das Problem ist, dass erwartungsgemäß trotzdem versucht wird, den Erzähler als Identifikationsfigur der Serie zu festigen. Umso mehr Spaß bereitet es dagegen Escobar bei seinen schmutzigen Geschäften zu beobachten, auch dabei, wie er seine frisch aus dem Koksgeschäft gezogene Nase in die Politik seines Landes stecken will und seiner Familie zur gleichen Zeit ein guter Vater sein muss.

Narcos Staffel 1Dabei ist es anfangs leicht befremdlich, wie statisch sich die Gesichtszüge von Schauspieler Wagner Moura durch die Staffel tragen, doch umso intensiver sind seine aggressiven Momente, die ab der zweiten Hälfte der Staffel wie ein lange Zeit angehäufter Stausee durch den Damm seiner abgeklärten Fassade preschen. Und wenn er daraufhin zum gefühlt zehnten Mal der kolumbianischen Polizei den Krieg erklärt und die Anschläge und Feuergefechte endlich in den Vordergrund rücken entfacht „Narcos“ ein loderndes Feuer, während der Zuschauer sich selbst mal wieder bildschirmsüchtig nach Netflix neuester Droge ertappt. Die überaus spannende Inszenierung, die größenwahnsinnige Handlung und die innere Zerrissenheit zwischen Sicherheit und Gerechtigkeit, die in allen Charakteren tobt, sind es, die der Serie ihren besonderen Touch geben.

Fazit

Netflix neue Produktion legt sich selbst einige Stolpersteine in den Weg, punktet jedoch an vielen Stellen gerade durch ihre spannenden Momente und den direkten Bezug zu sensationellen realen Begebenheiten. Dank des Einsatzes der verschiedener Charaktere in differierenden Handlungssträngen, gewinnt „Narcos“ an dramatischen Ebenen, verliert aber auch mehrmals seinen dokumentarischen Erzählschwung. Ein paar unterhaltsame und äußerst fesselnde Binge-Watching-Abende bietet die erste Staffel auf jeden Fall.

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