Black Coal, Thin Ice (2014)

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Black Coal Thin Ice (2014) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Bai Ri Yan Huo, CN/HK 2014 • 79 Min • Regie:  Yi’nan Diao • Mit: Fan Liao, Gwei Lun-Mei, Xuebing Wang • FSK: n. n. b. • Kinostart: n. n. b.

Black Coal Thin Ice (2014) Filmbild 3„Glaubst du irgendwer gewinnt je im Leben?“, fragt der heruntergekommene Ex-Detective Zhang. Diao Yi’nans makaberer Noir verdient es jedenfalls allein schon für seine zwielichtigen Bilder. Er vereint zwei durchgängige Topoi des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs. Das eine sind subtile Zitate der Schwarzen Serie wie in Two Men in Town, To Mikro Psari und No Man’s Land. Das andere ist die Winterkälte aus Grand Budapest Hotel, Aloft, Kraftidioten, Praia do Futuro und Die Schöne und das Biest. Ausgerechnet Christophe Gans‘ Fantasy-Märchen erinnert im Titel an die psychopathologische Romanze im Zentrum von Diaos Plot. Die Schöne ist die Wäschereiarbeiterin Wu Zhizhen (Gwei Lun-Mei), deren Ehemann Liang Zhijun im titelgebenden Brennstoff gefunden wird: nicht im Ganzen, sonder häppchenweise. Liang ist etwas zerstreut, und zwar buchstäblich über die nordchinesische Provinz. Hier ragt ein Arm aus einem Zeitungspäckchen, da liegt eine Hand auf dem Fließband und irgendwann schwimmt ein Auge in einem Schnellimbiss in der Nudelsuppe. Ein klarer Kandidat für das Kulinarische Kino.

Black Coal Thin Ice (2014) Filmbild 2Die deprimierende Stimmung der bitterbösen Hardboiled-Story von Besessenheit und Begierde untergräbt der rabenschwarze Humor des Regisseurs und Autoren. Ebenso ingeniös erhellen die visuellen Nachtstücke von Kameramann Dong Jinsong die Tristesse der Fabrikstadt. Tag und Nacht schuften die Arbeiter am Fließband, auf dem sie schließlich selbst mausetot landen. Kein Grund vom Dienstplan abzuweichen. Das Pensum muss geschafft werden und jeder seinen Beitrag dazu leisten. Die staatliche Maschinerie verleibt sich ihre Bürger ein und sorgt indirekt dafür, dass sie ebenso handeln, wenn sie unwissentlich den Kollegen nach Feierabend im Nachtlokal verzehren. Die bissige Systemkritik macht aus Beiläufigkeiten hinterhältig delikate Indizien. So etwa steht Zhizhen in einem Imbiss auf und geht, kaum dass der Kellner das dampfende Essen vor ihr abstellt. Was da wohl in den Bao-Klößchen war…? Die scheue Femme Fatale hat noch die meisten Skrupel unter den kuriosen bis krankhaften Figuren, die einander in dem verwickelten Geflecht aus Zudringlichkeit und Abhängigkeit wieder begegnen: um einen Paartanz aufs Parkett zu legen oder mit einem Schlittschuh abgestochen zu werden. Wer weiß?

Black Coal Thin Ice (2014) Filmbild 1Jedenfalls nicht Detective Zhang (Fan Liao), der zu Filmbeginn 1999 in der Mordserie ermittelt und als einziger eine aberwitzige Schießerei überlebt. Fünf Jahre später, als erneut ein Killer nach gleichem Muster Körperteile in der Landschaft verteilt, jobbt Zhang inzwischen als Wachmann und ist ansonsten Alkoholiker. Außerdem ist er das Biest – weder das erste noch das einzige, das Zhizhen umschleicht. Der Täter, der im Schatten taktiert, und der abgerissene Ex-Ermittler, der seine Nachforschungen auf eigene Faust wieder aufnimmt, haben viele Gemeinsamkeiten. Zu viele, als dass in dem enigmatischen Kuriositätenkabinett jemals ein Gefühl der Sicherheit aufkäme. Cop und Killer leitet eine morbide Obsession mit der verschlossenen Wäschereiarbeiterin. Zhang folgt Zhizhen an den Arbeitsplatz, durch Unterführungen, in denen ein anderer heimlicher Verfolger lauern mag, und zugefrorene Straßen. Diao genießt es, Protagonisten und Publikum an immer bizarrere Orte zu führen, die Neon-Licht und blinkende Leuchtschrift in phantasmagorische Karnevalsbeleuchtung tauchen. So kulminiert der Plot in einer Riesenradgondel, wo man fast erwartet, dass die Figuren anfingen, von Kuckucksuhren zu sprechen.

Scheint der hintersinnige Thriller, dessen Titel auf die selbstzerstörerischen Triebe der Charaktere anspielt, in eine Richtung zu steuern, sei es Hommage, Krimi oder Farce, landet er in der nächsten Szene an ganz woanders, wo absurderweise eine luxuriöse Badewanne steht, ein Rummelplatz oder ein Pferd auf dem Flur.

Fazit

Das beklagenswerteste Opfer der Moritat ist die Handlung: sie endet wie die Mordopfer zerhackt in schillernde Einzelszenen, die zusammengesetzt einen hochinteressanten Fall abgeben – aber kein lebendiges Ganzes.

Trailer (OV)

https://youtu.be/2Eh6teetxJ8

Filmausschnitt (OmeU)

https://youtu.be/pPeAzXzFWzo