Fantasy Filmfest 2012 Tagebuch – Tag 7

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TAG 7

 

God Bless America

Frank (Joel Murray) ist ein richtiger Trauerkloß und Misanthrop. Doch dafür hat er auch seine Gründe. Gerade wegen einer Nichtigkeit entlassen, von seiner Ehefrau schon lange geschieden und von seiner Tochter gehasst, erfährt er nun, dass er an einem tödlichen Hirntumor leidet. Als ob es nicht schlimm genug wäre, muss er sich auch mit nervigen Nachbarn herumschlagen und die generelle Verdummung der Gesellschaft im Fernsehen, aber auch überall um sich herum erdulden. Genug ist genug. Frank greift zur Waffe und geht gegen alles vor, was ihm so richtig auf den Senkel geht. Dabei steht ihm Roxy (Tara Lynne Barr), eine gelangweilte 16-jährige, zur Seite, die ebenfalls die Gesellschaft vom nervigen Abschaum befreien will.

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Bobcat Goldthwait ist scheinbar sehr wütend auf die heutige Gesellschaft. Er ist so wütend, dass er sich nicht die Mühe macht, seine Wut in irgendeiner subtilen Form zu verpacken. Stattdessen lässt er seinen Protagonisten all seinen Unmut in einem langen (teilweise durchaus treffenden) Monolog auslassen. Doch bei all der Kritik an dem heutigen Drang zum Sensationalismus, den furchtbaren Reality Shows und dem fehlenden Respekt bei den Menschen, präsentiert sich Goldthwaits dritte Regiearbeit oft als genau das, was er selbst anzuprangern versucht. Alle Themen von God Bless America wurden schon in Falling Down und dem letztjährigen FFF-Hit Super abgehandelt. Was bleibt, ist nur ein weiterer Versuch durch teilweise drastische Bilder und angeblich weise Ansichten, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Hier wird ebenso auf Sensationslust und auf möglichst plakative Szenen gesetzt, wie einige der Shows, die God Bless America so gerne kritisiert. So wird auch über die Juno-Autorin Diablo Cody hergezogen, dabei könnte Roxy genauso gut ihre Kreation sein.

God Bless America ist ein Film, der zweifelsohne nur ein Ziel hat – Provokation. Das erreicht er auch, doch unter die Oberfläche geht er selten. Murray und Barr sind ein stimmiges, wahrlich seltsames Paar, aber der Film macht nicht genug aus ihren Charakteren. Sie sind bloß Ventile für Goldthwaits Ärger. Ärgerlich ist auch das Wort, mit dem God Bless America am treffendsten beschrieben werden kann. 2/5

 

 

The Awakening

Klassische gut gemachte Geistergeschichten sind heutzutage rar. Die meisten modernen Horrrofilme setzen mehr auf schnelle Schocks und visuelle Tricks und beschäftigen sich weniger damit, eine richtige Atmosphäre aufzubauen. Dabei weiß man schon kange, dass die Spannung und die Schreckensmomente am besten dann funktionieren und nachhallen, wenn man an den Charakteren interessiert ist und das Setting vorher gut aufgebaut wurde.

Zu Glück bildet The Awakening eine Ausnahme zum modernen Trend. Darin geht es um Florence (Rebecca Hall), eine Expertin für das Aufdecken von angeblich übernatürlichen Phänomenen in England, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als sie zu einem Jungeninternat gerufen wird, um das Auftauchen eines Geists zu erklären, fängt sie aber an, an ihren Überzeugungen zu zweifeln.

Zugegeben, die Geschichte klingt alles andere als originell. Was dem Film aber an innovativen Ideen fehlt, macht er mit einer unglaublich guten Inszenierung wett. In matte Farben getaucht, ist der Film unglaublich schön anzuschauen. Ferner lässt er sich viel Zeit mit der Vorstellung der Charaktere und mit dem langsamen Spannungsaufbau. Die Schockmomente sind selten aber gut dosiert und kommen an den richtigen Stellen. Rebecca Hall ist großartig in der Hauptrolle, die von ihr mehr als nur große Augen und lautes Geschrei abverlangt (eine obligatorische Badewannen-Szene ist dennoch drin). Dies ist eine selten komplexe Rolle für eine Horrorfilm-Heldin und Hall füllt sie mit vielen Facetten aus. Am Ende erwartet den Zuschauer dann noch die eine oder andere Überraschung, die aber in den Kontext des Films sehr gut passen und sich nicht aufgezwungen anfühlen. 4/5

 

Compliance

Manchmal liefert das Leben ja doch die besten Geschichten. Oder auch die schockierendsten. In Compliance geht es um die unglaubliche aber wahre Begebenheit, die unter der Bezeichnung "Strip Search Prank Call Scam" in die Verbrechensgeschichte eingegangen ist.

Becky ist eine sorglose Kassiererin in einem Fast Food-Laden. Eines Tages erhält die Managerin des Ladens einen Anruf von einem angeblichen Polizisten, der Becky des Diebstahls an einer Kundin bezichtigt. Sandra, die Managerin, wird angehalten, Becky in Gewahrsam zu nehmen und an ihr eine Ganzkörperuntersuchung durchzuführen. Für Becky beginnt eine stundenlange Tortur…

Würde man die wahre Geschichte nicht kennen, so könnte man die Handlungen der Charaktere und deren schiere Naivität und Dummheit als schlicht unrealistisch bezeichnen. In Wahrheit ereigneten sich die Dinge aber noch heftiger als auf der Leinwand. In Compliance macht der Erstlingsregisseur Craig Zobel den Zuschauer zum unfreiwilligen Zeugen und Voyeur der Geschehnisse. Dabei verzichtet Zobel trotz des ernsten und tragischen Themas nicht auf eine gewisse Prise Humor. Man lacht und fühlt sich direkt danach fast schuldig, weil man gelacht hat. Die Darsteller spielen allesamt natürlich und die Inszenierung ist solide. Man wünscht sich nur, Zobel hätte die Identität des Anrufers nicht enthüllt, sondern es bei einer körperlosen Stimme belassen und so nur den Blickpunkt der betroffenen Hauptcharaktere eingenommen. Dadurch wäre das Ganze vielleicht noch nachvollziehbarer und verstörender. 4/5

 

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

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