Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Academy Awards verliehen und vier Schauspielerinnen und Schauspieler werden am Ende des Abends mit einem Oscar nach Hause gehen. Der Oscar ist die größte Ehre, die einem Schauspieler oder einer Schauspielerin in Hollywood zuteilwerden kann und während manche gerne beteuern, dass ihnen Auszeichnungen egal sind, machen andere – wie auch der aktuelle Oscarfavorit Timothée Chalamet – keinen Hehl daraus, dass sie gerne einen Oscar gewinnen würden, während manche in der Vergangenheit ihre Enttäuschung darüber äußerten, verloren zu haben. Gerade für weniger bekannte Charakterdarsteller:innen oder aufstrebende junge Schauspieler:innen kann ein Oscar ein wahrer Türöffner in Hollywood werden. Besonders nicht-US-amerikanische Schauspieler wie Javier Bardem und Christoph Waltz starteten nach ihren Oscarsiegen richtig durch.
Doch nicht für alle Schauspieler ist der Oscar ein Segen. Hilary Swank gewann in den 2000ern innerhalb kurzer Zeit zwei Oscars als beste Hauptdarstellerin, trat nach Million Dollar Baby in Hollywood jedoch kaum in Erscheinung. Cuba Gooding Jr. erlebte zwar nach seinem Oscar für Jerry Maguire einen kurzzeitigen Karriereaufschwung, verschwand aber schnell in direkt fürs Heimkino produzierten Billigfilmen. Marcia Gay Harden, die überraschend einen Oscar für ihre Performance in Pollock gewann, bezeichnete den Oscar als "katastrophal auf beruflicher Ebene". Die Rollen, die ihr danach angeboten wurden, so Harden, seien paradoxerweise immer kleiner und die Gagen niedriger gewesen.
Eine weitere Schauspielerin, die der "Oscarfluch" ebenfalls traf, ist Melissa Leo. Leos Karriere begann in den achtziger Jahren, bevor sie in den Neunzigern ihre bis dahin bekannteste Rolle in der gefeierten Krimiserie "Homicide" übernahm. In den 2000ern war Leo eine gefragte Nebendarstellerin, die in bis zu neun Filmen pro Jahr zu sehen war, meist in kleinen Nebenrollen. Im Independent-Drama Frozen River erhielt sie 2008 die Gelegenheit, endlich im Mittelpunkt zu stehen – und erhielt für ihre bewegende Performance als alleinerziehende Mutter, die aus Geldnot zur Migrantenschmugglerin wird, eine Oscarnominierung. Die Rolle machte Hollywood auf die Schauspielerin aufmerksam und David O. Russell besetzte sie in der Rolle von Christian Bales und Mark Wahlbergs Mutter in The Fighter. Der Box-Film wurde für sieben Oscars nominiert, darunter drei für seinen Cast. Leo konkurrierte mit Co-Star Amy Adams um den Nebendarstellerin-Oscar und gewann ihn schließlich, zusammen mit Christian Bale als bester Nebendarsteller.
Doch Leos Oscarsieg führte nicht zu ihrer Besetzung in hochkarätigen, prestigeträchtigen Filmen. Es gab zwar Ausnahmen wie ihre denkwürdige Rolle in Denis Villeneuves Prisoners oder in Robert Zemeckis' Flight, doch häufig spielte sie die zweite oder dritte Geige in Action-Kloppern wie Olympus Has Fallen, The Equalizer oder Guns Up. Die meisten ihrer neueren Filme sind gar nicht erst im Kino erschienen, sondern landeten direkt im Stream bzw. auf DVD/Blu-ray.
In einer ausführlichen Frage-Antwort-Runde mit der britischen Zeitung The Guardian erklärte Leo nun unmissverständlich, dass der Oscar ihrer Karriere nicht half, sondern schadete und beschrieb ihre Erfahrung während der Verleihung: (aus dem Englischen)
Man verliert den Verstand. Ich hatte in dieser Saison viele renommierte Auszeichnungen für The Fighter gewonnen und saß in diesem riesigen Theater und dachte: "Nun, es ist auf jeden Fall möglich." Kirk Douglas kam auf die Bühne, um den Preis für die beste Nebendarstellerin zu überreichen, öffnete den Umschlag und rief meinen Namen. Ich war so begeistert, ihn zu treffen – das war alles, woran ich denken konnte. Ich wandte mich dem Saal zu, den man, wie in den meisten Theatern, überblicken kann, wenn man etwas über den eigenen Augenwinkel hinausschaut. Im Dolby Theatre muss man das Kinn heben, als wolle man den Mount Everest besteigen. Jeder einzelne Schauspieler, Regisseur und Produzent, den man erkennt, starrt einen an. Dann habe ich geflucht, und ich bereue es immer noch, dass ich geflucht habe. Ich fluche verdammt noch mal ständig, aber im Fernsehen darf man nicht fluchen. Gott sei Dank gibt es die 10-Sekunden-Verzögerung, die für verdammte Idioten wie mich eingeführt wurde. Allerdings war der Oscar weder für mich noch für meine Karriere gut. Ich habe nicht davon geträumt, ich habe ihn nie gewollt, und ich hatte eine viel bessere Karriere, bevor ich ihn gewonnen habe.
Leo ist eine hochtalentierte Schauspielerin und es ist wirklich bedauerlich, dass sie inzwischen zunehmend in Billigfilmen versauert, die sie unterfordern. Es bleibt zu hoffen, dass sie eine Gelegenheit zu einem späten Karriere-Revival bekommen wird.
Quelle: The Guardian












