Wie ich bereits in meiner ausführlichen Analyse zu den Nominierungen für die 98. Academy Awards erwähnt habe, gehörten internationale (also außerhalb des anglophonen Sprachraums produzierte) Filme zu den größten Gewinnern der diesjährigen Oscarnominierungen. Das ist ein Trend, der sich bereits seit einigen Jahren abgezeichnet hat und unmittelbar mit der Ausweitung der Academy-Mitgliedschaft auf viele internationale Filmschaffende zusammenhängt. Filme aus Brasilien, Spanien, Japan und dem Iran (aber eingereicht von Frankreich) erhielten Oscarnominierungen außerhalb der "Bester internationaler Film"-Kategorie.
Ein skandinavisches Land mit nur 5,6 Millionen Einwohnern triumphierte ganz besonders. Norwegen holte mit dem Familiendrama Sentimental Value neun Oscarnominierungen, genauso viele wie der deutsche Antikriegsfilm Im Westen nichts Neues vor drei Jahren. Nur Emilia Pérez, Roma und Tiger & Dragon waren als nicht-englischsprachige Filme für noch mehr Oscars nominiert. Unter den Nominierungen des Films sind vier für seine Darsteller – ein neuer Rekord für einen nicht-englischsprachigen Film.
Doch Sentimental Value war nicht der einzige norwegische Film auf der Nominierungsliste. Das satirische Body-Horror-Märchen The Ugly Stepsister erhielt eine (hochverdiente!) Nominierung für sein Make-up und seine Frisuren und setzte sich dabei gegen Hollywood-Konkurrenten wie One Battle After Another, Wicked: Teil 2 und Nürnberg, die ebenfalls in der Vorauswahl in der Kategorie waren.
So überraschend eine Nominierung für einen Independent-Horrorfilm auf Norwegisch auf den ersten Blick erscheinen mag, so gibt es tatsächlich einige Präzedenzfälle. Mit Ein Mann namens Ove, Border und Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand wurden in den letzten zehn Jahren tatsächlich drei weitere skandinavische Filme in derselben Kategorie nominiert. Offensichtlich wissen skandinavische Maskenbildner und Filmfriseure, wie man die Oscarwähler:innen beeindruckt.
Ich hoffe, dass die Nominierung dem Film mehr Aufmerksamkeit einbringen wird, denn er hat sie definitiv verdient. The Ugly Stepsister erzählt die altbekannte Geschichte vom Aschenputtel aus der Sicht der "hässlichen" Stiefschwester, die von ihrer Mutter zu schmerzhaften Schönheitsbehandlungen gezwungen wird, um das Herz des (eitlen und oberflächlichen) Prinzen zu erobern und die Familie aus einer finanziellen Notlage zu retten. Emilie Blichfeldts Regiedebüt ist denkbar weit entfernt von Disneys Cinderella und ist eine bitterböse und stellenweise wirklich unangenehme Abrechnung mit Schönheitsidealen einer patriarchalen Welt – nicht unähnlich dem oscarnominierten Kinohit The Substance.
Letztes Jahr wurde The Ugly Stepsister u.a. bei den Fantasy Filmfest Nights gezeigt, in deren Programm er dank seiner wohldosierten Body-Horror-Einlagen perfekt passte. Wer ihn dort oder während seiner darauffolgenden, viel zu kurzen Kinoauswertung verpasste, kann The Ugly Stepsister ab morgen, dem 6. Februar bei Paramount+ im Stream nachholen. Ich kann den Film herzlichst empfehlen, doch ein starker Magen ist bei der einen oder anderen Szene definitiv von Vorteil.
Hier ist der deutsche Trailer zum Film:
Quelle: Paramount+ Deutschland












