"Blair Witch" (Xbox One/PS4) – Horrorspiel im Test

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Blair Witch Xbox Game
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN

Blair Witch Project aus dem Jahr 1999 war nicht der erste Film des Found Footage-Subgenres, schon fast 30 Jahre vorher hat beispielsweise Rainer Erler mit „Die Delegation“ dem Zuschauer die Story in Form einer authentisch anmutenden Reportage präsentiert. Den größeren Erfolg und das Prädikat "Mutter aller Found Footage-Filme" konnte aber die als Dokumentarfilm getarnte Hexenjagd der Amerikaner Daniel Myrick und Eduardo Sánchez für sich verbuchen. Für ein Taschengeld von 60.000 US-Dollar produziert, wurden dank einer Glanzleistung des viralen Marketings satte 250 Millionen US-Dollar eingespielt. Den beiden Fortsetzungen, Blair Witch 2 (2000) und schlicht Blair Witch (2016), war ein solch monumentaler wirtschaftlicher Erfolg in den Kinos nicht mehr gelungen. Kann Lionsgate Games mit der spielerischen Aufarbeitung des Themas "Psychotrip im Wald" für PC, PS4 und Xbox One mehr überzeugen?

Blair Witch Xbox 4Der Fluch von Black Hills

Die Handlung spielt im Jahr 1996, zwei Jahre nach den Ereignissen des Originalfilms, in dem drei Camper spurlos in dem riesigen Waldgebiet Black Hills in der Nähe der Stadt Burkittsville, Montana verschwunden sind. Diesmal wird der neunjährige Peter Shannon vermisst und der örtliche Sheriff hat einen Suchtrupp organisiert. Der Spieler übernimmt dabei die Rolle des Ex-Polizisten Ellis Lynch, der seine Hilfe anbietet, aber erst eintrifft, als alle anderen bereits weit in den Wald vorgedrungen sind. Und eigentlich ist seine Beteiligung auch gar nicht wirklich erwünscht. Ellis scheint sich einige Fehltritte geleistet zu haben und der Sheriff zweifelt offen an seinem geistigen Gesundheitszustand. Tatsächlich handelt es sich bei Ellis keineswegs um einen typischen, makellosen Videospielhelden, sondern um einen komplett kaputten Charakter. Die Schicksalsschläge der Vergangenheit kommen in albtraumhaften Rückblenden und aggressiven Telefongesprächen mit seiner Ex-Frau Jess Stück für Stück im Verlauf des Spiels ans Tageslicht und sorgen für ein paar überraschende Storywendungen.

Blair Witch Xbox 1Der beste Freund des Menschen

Das Spielprinzip wirkt auf den ersten Blick streng linear: Der Spieler steuert den Protagonisten aus der Egoperspektive durch den dichten Wald. Zur Verfügung stehen ein Telefon, das allerdings nur an bestimmten Stellen Empfang hat, eine Taschenlampe, ein Walkie-Talkie und ein Rücksack, in dem sich Fundstücke und ein paar nützliche Gegenstände verstauen lassen. Waffen sucht man in "Blair Witch" vergeblich, einzig durch Schleichen können gefährliche Passagen gemeistert werden und Anleuchten mit der Lampe lässt die schattenhaften Bedrohungen verschwinden. Das Prinzip hat in "Alan Wake" ja auch schon funktioniert.

Ein wichtiger Helfer findet sich in dem Schäferhund Bullet, der Ellis nicht von der Seite weicht. Über ein Menü könnt ihr dem Hund Befehle erteilen, ihn nach Spuren suchen lassen und euch so den Weg durch das Dickicht bahnen. Verlaufen könnt ihr euch zwar nicht, aber ein Weiterkommen ist nur möglich, wenn Bullet den Weg frei macht. Dazu gilt es von Zeit zu Zeit auch teils knifflige Puzzles zu lösen. So findet Ellis eine Videokamera und immer wieder im Wand verstreute Bänder. Die Aufnahmen könnt ihr vor- und zurückspulen und müsst dabei exakt eine bestimmte Stelle treffen, um beispielsweise kurz eine Tür auf den Bildern zu entdecken, die dann wie von Zauberhand auch in der "realen" Welt auftaucht. Ebenso nützlich ist die Nachtsicht-Funktion der Kamera: eure Taschenlampe ist nicht stark genug, die Dunkelheit zu erleuchten, mit einem Wärmebild gelingt dann aber doch die Orientierung.

Blair Witch Xbox 2Alles nur in deinem Kopf?

Ein verlassenes Zelt, die Mütze des Jungen im Unterholz, seltsame Holzskulpturen und eine gruselige Hütte im Wald: Je weiter Ellis vordringt, desto mehr Zeichen, dass hier nicht einfach nur ein kleiner Junge übermütig geworden ist und seinen Weg zurück nicht gefunden hat. "Blair Witch" vermittelt eine dauerhaftes Gefühl der Angespanntheit, war da nicht ein Schatten? Kam das unidentifizierbare Geräusch eben nicht direkt von hinten? Auch wenn keine Monster auftauchen oder künstliche Schockmomente den Adrenalinpegel hochtreiben, nagt die bedrohliche Atmosphäre beträchtlich an den Nerven. Schon bald wisst ihr nicht, ob wirklich ein Wesen hinter euch her ist oder ihr den Horror nur im Kopf habt. Da hilft auch nicht das freundliche Wedeln mit dem Schwanz von Bullet, wenn ihr ihm ein Leckerli gebt (was ihr unbedingt machen solltet, Futter findet ihr in eurem Rucksack), die Panik wird mit jedem Schritt größer.

Über das Finale wird natürlich nichts verraten, aber ihr könnt euch schon mal auf einen fiesen Psycho-Parkour gefasst machen. Und wenn euch das Ende nicht gefällt, spielt einfach noch einen Durchgang, "Blair Witch" hat einige Alternativen für den Ausgang der Story zu bieten, den ihr durch eure Handlungen maßgeblich beeinflusst.

Blair Witch Xbox 3Fazit

Mit Psychospielchen kennen sich die Entwickler von Bloober Team bestens aus: Bereits die Games "Layers of Fear" und "Observer" des polnischen Softwarestudios haben die Spieler in die Abgründe der menschlichen Seele geführt und "Blair Witch" macht in Hinsicht auf die stimmige, Dauergänsehaut-erzeugene Atmosphäre keine Ausnahme. Die recht kurze Spielzeit – mehr als fünf Stunden sollte die gruselige Waldwanderung nicht andauern – wird dabei von dem hohen Wiederspielwert ausgeglichen, wirken sich doch zahlreiche individuelle Entscheidungen auf das Ende der Geschichte aus. Technische Mängel, die das Spiel auf dem PC im letzten Jahr geplagt haben, sind in den frisch erschienenden Konsolenversionen für Xbox One und PS4 übrigens ausgemerzt. Also verdunkelt den Raum, nutzt am besten einen Kopfhörer um das geniale Sounddesign richtig zu genießen und macht euch auf ein intensives Erlebnis gefasst.

Gameplay-Trailer